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Der Kater, der zum Inspektor ernannt wurde

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Der Kater, der zum Inspektor ernannt wurde

In einem kleinen Schweizer Hotel lebte ein roter Kater namens Herr Bruno.

Warum man ihn eigentlich Herr Bruno nannte, wusste längst niemand mehr so genau.

Vielleicht lag es daran, dass er es grundsätzlich nicht eilig hatte, die Menschen mit einem Anflug von Missbilligung betrachtete und jeden Raum so betrat, als gehöre ihm bereits die Hälfte des Gebäudes, während über die andere Hälfte noch verhandelt wurde.

Offiziell gehörte Bruno der Hotelbesitzerin, Frau Elsa.

Im Alltag waren die Besitzverhältnisse eher umgekehrt.

Frau Elsa war für seine Mahlzeiten zuständig, für die Heizung und dafür, dass ihm die Türen rechtzeitig geöffnet wurden.

Herr Bruno hielt sich an einen strengen Tagesablauf.

Jeden Morgen kontrollierte er die Küche.

Um zehn Uhr machte er seinen Rundgang durch die Gästezimmer.

Mittags inspizierte er den Sessel am Kamin.

Nach dem Essen hielt er eine Besprechung mit sich selbst ab.

Dabei schlief er.

Eines Tages traf im Hotel ein Schreiben aus der Hauptstadt ein.

Eine staatliche Hotelkontrolle wurde angekündigt.

In dem Schreiben stand:

DIE KONTROLLE ERFOLGT OHNE VORANKÜNDIGUNG.

Der Koch las den Satz zweimal.

«Aber jetzt haben sie uns doch vorgewarnt.»

«Eben», sagte Frau Elsa. «Das heisst, sie können jederzeit kommen.»

Im Hotel brach geschäftiges Treiben aus.

Die Zimmermädchen polierten die Treppen so gründlich, dass man beim Hinuntergehen besser etwas Vorsicht walten liess.

Der Koch bereitete sieben verschiedene Frühstücksvarianten vor. Darunter eine für Gäste, die weder Eier noch Milch, Mehl, Zucker oder Kaffee mochten und dem Frühstück an sich ebenfalls wenig abgewinnen konnten.

Der Portier lernte den Satz «Das machen wir hier immer so» in vier Sprachen.

Nur Herr Bruno liess sich durch nichts aus der Ruhe bringen.

Er sass auf dem Empfangstresen und beobachtete die Vorbereitungen mit dem Gesichtsausdruck eines Vorgesetzten, dessen Mitarbeiter aus einer einfachen Angelegenheit wieder einmal eine unnötig komplizierte Sache gemacht hatten.

Am nächsten Morgen erschien ein Mann in einem grauen Mantel am Hoteleingang.

Er trug eine schmale Aktentasche und hatte das Gesicht eines Menschen, dem sein Beruf nur selten Anlass zur Zufriedenheit gab.

«Staatliche Hotelkontrolle», stellte er sich vor.

Herr Bruno sprang vom Empfangstresen.

Er ging auf den Besucher zu, beschnupperte sorgfältig dessen Schuhe und wandte sich ab.

Frau Elsa wurde blass.

So verhielt sich Bruno nur gegenüber Menschen, denen er nicht traute.

Und gegenüber einer ganz bestimmten Sorte billigen Käses.

Der Inspektor schlug sein Notizbuch auf.

«Fangen wir an.»

Er war noch nicht weit in die Eingangshalle gekommen, als er stehen blieb.

«Warum steht dieser Teppich an der Ecke hoch?»

Frau Elsa holte Luft.

Bevor ihr eine Antwort einfiel, ging Herr Bruno zu dem Teppich, liess sich auf der aufstehenden Ecke nieder und drückte sie mit seinem Gewicht glatt.

Der Portier nickte.

«Behoben.»

Der Inspektor machte sich eine Notiz.

Anschliessend ging er in die Küche.

Er öffnete die Schränke, prüfte die Arbeitsflächen und stellte einige Fragen zur Lagerung der Lebensmittel.

Schliesslich wandte er sich an den Koch.

«Wie stellen Sie die Qualität Ihrer Zutaten sicher?»

In diesem Augenblick sprang Herr Bruno auf einen Tisch.

Dort stand ein Teller mit Fisch.

Bruno trat näher, schnupperte daran und drehte den Kopf weg.

Der Koch nahm den Teller und entsorgte den Fisch umgehend.

«Unsere interne Qualitätskontrolle ist ausserordentlich streng», erklärte Frau Elsa.

Der Inspektor sah sie an.

Dann Bruno.

Dann schrieb er etwas in sein Notizbuch.

Im oberen Stockwerk liess er sich ein Gästezimmer zeigen.

Das Bett war frisch bezogen.

Die Trinkgläser glänzten.

Die Vorhänge hingen ordentlich.

Auf den ersten Blick gab es nichts zu beanstanden.

Dann bückte sich der Inspektor und entdeckte unter dem Bett eine feine Staubschicht.

«Und wie kontrollieren Sie die schwer zugänglichen Stellen?»

Herr Bruno verschwand unter dem Bett.

Eine Weile war nur sein Schwanz zu sehen.

Dann kam eine alte Socke zum Vorschein.

Ihr folgte ein Knopf.

Schliesslich schob eine rote Pfote ein Stück Keks hervor, das schon seit geraumer Zeit dort gelegen haben musste.

Der Inspektor hob die Augenbrauen.

«Sie kontrollieren also auch unter den Möbeln?»

«Jeden Tag», sagte das Zimmermädchen.

Bruno sah sie an.

Sie räusperte sich.

«Ab heute. Jeden Tag.»

Der Inspektor schrieb weiter.

Bis zum Mittag hatte er die Sauberkeit der Zimmer, den Zustand der Einrichtung und verschiedene Fragen der Küchenhygiene geprüft.

Im Speisesaal wandte er sich erneut an Frau Elsa.

«Und wie gehen Sie mit Beschwerden Ihrer Gäste um?»

Wie auf ein Stichwort erschien ein Gast an der Rezeption.

«In meinem Zimmer ist es viel zu kalt.»

Herr Bruno erhob sich.

Er ging zur Treppe.

Die anderen folgten ihm.

Im Zimmer sprang er auf das Bett, legte sich mitten darauf und blieb ungefähr eine Minute liegen.

Dann stand er auf und ging wieder hinaus.

Der Gast sah ihm nach.

«Und was sollte das jetzt?»

Der Portier überlegte kurz.

«Die Zimmertemperatur wurde als angemessen beurteilt.»

«Aber mir ist immer noch kalt.»

Darauf wusste zunächst niemand etwas zu sagen.

Ein paar Minuten später kam Bruno aus der Küche zurück.

Er trug einen kleinen wollenen Topfhandschuh im Maul.

Den legte er dem Gast vor die Füsse.

Der Portier nickte anerkennend.

«Entschädigung.»

Der Inspektor betrachtete den Topfhandschuh.

Dann den Gast.

Dann Herrn Bruno.

Sein Stift bewegte sich nun merklich langsamer über das Papier.

Am späten Nachmittag hatte der Inspektor bereits mehrere Seiten seines Notizbuchs gefüllt.

Er sah müde aus.

Ausserdem wirkte er ein wenig ratlos, was bei einem Mann, der beruflich Mängel in Hotels aufspürte, nicht häufig vorkam.

«Eine Frage hätte ich noch», sagte er und schloss einen Schrank, den er bereits einmal kontrolliert hatte. «Wer ist in diesem Haus für die Einhaltung der Standards verantwortlich?»

Die Angestellten wechselten Blicke.

Dann sah einer nach dem anderen zum Kamin.

Dort sass Herr Bruno und putzte sich eine Pfote.

Der Inspektor folgte ihren Blicken.

«Er?»

«Herr Bruno», berichtigte Frau Elsa.

Der Inspektor dachte darüber nach.

«Hat Herr Bruno eine schriftliche Stellenbeschreibung?»

«Er hat sich geweigert, sie zu unterschreiben.»

«Weshalb?»

«Er war mit den Arbeitszeiten nicht einverstanden.»

Der Inspektor klappte sein Notizbuch zu.

Einen Augenblick lang schien er zu überlegen, wie in dieser Angelegenheit weiter vorzugehen sei.

Dann holte er einen Stuhl, stellte ihn vor den Kamin und setzte sich Herrn Bruno gegenüber.

Der Kater beendete die Pflege seiner Pfote.

Er blickte den Inspektor an.

Der Inspektor rückte seinen Mantel zurecht und räusperte sich.

«Herr Bruno, sind Sie der Ansicht, dass dieses Hotel den geltenden Anforderungen an einen Schweizer Hotelbetrieb entspricht?»

Bruno sah ihn an.

Einige Sekunden vergingen.

Der Inspektor rückte auf seinem Stuhl hin und her.

Bruno sah ihn weiter an.

Der Inspektor wechselte erneut die Sitzposition.

Schliesslich öffnete Herr Bruno das Maul.

Und gähnte.

Der Inspektor erbleichte.

«Was bedeutet das?»

«Vorläufige Zustimmung», sagte Frau Elsa.

«Vorläufige?»

«Seine uneingeschränkte Zustimmung bringt er durch Schnurren zum Ausdruck.»

Der Inspektor griff in seine Aktentasche und holte seinen Dienststempel hervor.

«Nun gut. Unter diesen Umständen bin ich bereit, diesem Hotel die höchste Bewertung zu erteilen.»

Genau in diesem Augenblick stand Herr Bruno auf.

Er ging zum Inspektor.

Sprang ihm auf den Schoss.

Drehte sich zweimal im Kreis.

Machte es sich bequem.

Und begann zu schnurren.

Das gesamte Personal atmete auf.

Der Inspektor blickte auf den roten Kater auf seinen Knien.

Dann nahm er seinen Bericht.

Und setzte den Stempel darunter.

Am nächsten Morgen traf ein weiteres amtliches Schreiben aus der Hauptstadt ein.

Frau Elsa öffnete es an der Rezeption und las laut vor.

AUFGRUND DES AUSSERORDENTLICH HOHEN NIVEAUS DER BETRIEBSINTERNEN QUALITÄTSKONTROLLE WIRD EMPFOHLEN, HERRN BRUNO ZUM NEBENAMTLICHEN HOTELINSPEKTOR ZU ERNENNEN.

So trat Herr Bruno in den Staatsdienst ein.

Er wohnte weiterhin in Frau Elsas Hotel.

Auch sein Tagesablauf blieb im Wesentlichen unverändert.

Der wichtigste Unterschied bestand darin, dass er nun gelegentlich auf Dienstreise ging.

Dafür mussten allerdings gewisse Voraussetzungen erfüllt sein.

Ein Dienstwagen hatte ihn abzuholen.

Eine geeignete Transportbox musste bereitstehen.

Und Frau Elsa musste persönlich bestätigen, dass im zu kontrollierenden Hotel genügend Fisch vorhanden war.

Waren diese Bedingungen erfüllt, stand Herr Bruno für den Einsatz zur Verfügung.

Seine dienstlichen Leistungen waren ausgezeichnet.

Er erschien unangemeldet.

Er beanspruchte ein eigenes Zimmer.

Schriftliche Berichte beachtete er grundsätzlich nicht.

Dafür entdeckte er zuverlässig, was sich hinter Schränken, unter Betten und in Winkeln befand, die das Personal schon seit Jahren nicht mehr als Teil des Zimmers betrachtete.

Seine Arbeitsweise war einfach.

Gefiel ihm das Essen nicht, verliess er die Küche.

Gefiel ihm ein Zimmer nicht, setzte er sich vor dessen Tür.

Und missfiel ihm das Personal, drehte er ihm den Rücken zu.

Diese letzte Beurteilung galt als besonders schwerwiegend.

Bald sprach sich herum, wie Herr Bruno seine Kontrollen durchführte.

Hoteldirektoren begannen, die Ankunft des Dienstwagens zu fürchten.

Köche überprüften ihre Lieferungen zweimal.

Zimmermädchen gewöhnten sich an, vor dem Bettenmachen auch darunter nachzusehen.

Und auf den Empfangstresen im ganzen Land erschienen kleine Schälchen mit Rahm.

Für alle Fälle.

Offiziell galten sie nicht als Bestechungsversuch.

Die staatlichen Ausgaben für Fisch und Rahm verdreifachten sich dennoch.

In den folgenden Jahren verbesserte sich die Qualität der Schweizer Hotels beträchtlich.

Herr Bruno nahm von diesen Entwicklungen keine besondere Notiz.

Er bevorzugte nach wie vor den Sessel am Kamin in Frau Elsas Hotel.

Er erwartete weiterhin, dass Türen unverzüglich geöffnet wurden.

Und nach dem Mittagessen hielt er noch immer seine Besprechungen mit sich selbst ab.

Schliesslich erreichte Herr Bruno nach vielen Jahren verdienstvoller Tätigkeit im Staatsdienst das Pensionsalter.

Die Behörden organisierten eine feierliche Verabschiedung.

Ein hoher Beamter reiste eigens aus der Hauptstadt an.

Die Angestellten des Hotels waren versammelt.

Frau Elsa erhielt einen Ehrenplatz, da sie während all der Jahre beinahe die gesamte amtliche Korrespondenz von Herrn Bruno erledigt hatte.

Der hohe Beamte hielt eine lange Rede.

Er sprach von beruflicher Integrität.

Von unbeirrbaren Qualitätsmassstäben.

Von der Bedeutung unabhängiger Urteilsfähigkeit im öffentlichen Dienst.

Herr Bruno verschlief den grössten Teil davon.

Als die Rede beendet war, verkündete der Beamte, dass Herr Bruno für seine ausserordentlichen Verdienste um das Schweizer Hotelwesen eine Medaille erhalten werde.

Es wurde applaudiert.

Frau Elsa nahm die Medaille entgegen und legte sie vor Bruno auf den Tisch.

Er öffnete die Augen.

Beschnupperte die Medaille.

Betrachtete sie einen Augenblick.

Dann streckte er eine Pfote aus und schob sie über die Tischkante.

Die Medaille fiel zu Boden.

Der hohe Beamte sah Frau Elsa besorgt an.

«Ist er unzufrieden?»

«Nein», sagte sie. «Er bringt nur etwas Ordnung hinein.»

Einige Zeit später wurde im Hotel eine kleine Gedenktafel angebracht.

Darauf standen drei Zeilen:

ER DIENTE EHRENHAFT.

ER SCHMEICHELTE NIEMANDEM.

BESTECHEN LIESS ER SICH NUR MIT RAHM.