Der Ziegenbock, der das Wetter vorhersagte
Der Ziegenbock, der das Wetter vorhersagte
Das Bergdorf Oberfeld hatte eine eigene Wetterstation.
Sie befand sich in zwei Zimmern des Gemeindehauses, verfügte über eine Antenne auf dem Dach, acht Messgeräte, drei Computer und einen Fachmann namens Dr. Walter Stolz.
Dr. Stolz beschäftigte sich seit zwanzig Jahren mit dem Wetter.
Er konnte den Luftdruck messen, die Luftfeuchtigkeit und die Windrichtung bestimmen und die Niederschlagswahrscheinlichkeit auf zwei Stellen nach dem Komma genau angeben.
Das Wetter selbst zeigte allerdings wenig Respekt vor seiner Ausbildung.
Wenn Dr. Stolz Sonnenschein vorhersagte, regnete es.
Wenn er vor starkem Wind warnte, rührte sich kein Lüftchen.
Einmal hatte er Schnee angekündigt, worauf die Dorfbewohner drei Tage lang bei sengender Sonne mit ihren Schlitten herumliefen.
Dr. Stolz bezeichnete das als aussergewöhnliche lokale Anomalie.
Die Dorfbewohner nannten es Hitze.
Am gegenüberliegenden Hang wohnte der Hirte Josef.
Zu ihm gehörte ein alter Ziegenbock namens Otto.
Otto hatte nie Meteorologie studiert. Er wusste nicht, was das Wort Atmosphäre bedeutete, und Messgeräten begegnete er mit einem gewissen Misstrauen.
Dafür kam er jeden Morgen aus dem Stall und suchte sich einen Platz zum Liegen.
Legte sich Otto an die Steinmauer, regnete es gewöhnlich noch vor dem Abend.
Kletterte er auf den grossen Felsblock, blieb der Tag meistens schön.
Verkroch er sich unter dem Wagen, war in der Regel mit einem Gewitter zu rechnen.
Und wenn Otto überhaupt nicht aus dem Stall kommen wollte, verzichteten auch die Dorfbewohner lieber auf grössere Unternehmungen.
Als Erste bemerkte Marta den Zusammenhang.
Eines Morgens traf sie Dr. Stolz auf dem Dorfplatz.
Er trug ein Messgerät unter dem Arm und betrachtete den Himmel, als warte er auf eine schriftliche Stellungnahme.
«Was gibt es heute für Wetter?», fragte Marta.
Dr. Stolz sah auf die Anzeige.
«Wechselnd bewölkt. Niederschlagswahrscheinlichkeit achtundzwanzig Prozent.»
Marta blickte zum Hang hinauf.
«Otto liegt unter dem Wagen.»
Dr. Stolz senkte das Gerät.
«Was hat denn der Ziegenbock damit zu tun?»
Eine Stunde später zog ein Gewitter über Oberfeld.
Am nächsten Morgen sagte Dr. Stolz Regen voraus.
Otto kletterte auf seinen Felsblock und legte sich in die Sonne.
Den ganzen Tag über zeigte sich keine einzige Wolke.
Nach einer Woche hörten die Dorfbewohner kaum noch auf die amtliche Wettervorhersage.
Stattdessen riefen sie morgens bei Josef an.
«Wo ist Otto?»
«An der Mauer.»
«Gut. Dann nehmen wir die Schirme mit.»
Eine Stunde später klingelte das Telefon erneut.
«Und jetzt?»
«Im Gebüsch.»
«Was bedeutet das?»
Josef schaute aus dem Fenster.
«Wissen wir noch nicht.»
«Wir haben heute eine Hochzeit.»
«Dann würde ich sie lieber nicht draussen feiern.»
Dr. Stolz war empört.
«Man kann doch wissenschaftliche Entscheidungen nicht einem Tier überlassen!»
«Das tun wir auch nicht», sagte Marta. «Wir schauen bloss, wo er liegt.»
«Das ist Aberglaube.»
«Mag sein», sagte Marta. «Aber man bleibt trocken dabei.»
Um den Ruf der Wetterstation wiederherzustellen, schlug Dr. Stolz einen öffentlichen Wettbewerb vor.
Auf dem Dorfplatz wurde ein langer Tisch aufgestellt.
Darauf lagen Barometer, Thermometer, Wetterkarten und Beobachtungsformulare. Daneben stand ein kleiner Computer, der sich bei feuchtem Wetter gelegentlich schlicht weigerte, anzuspringen.
Josef brachte Otto mit.
Otto betrachtete die Messgeräte.
Dann Dr. Stolz.
Dann einen Kohlkopf, den jemand unvorsichtigerweise neben dem Tisch abgelegt hatte.
Er entschied sich für den Kohl.
Der Gemeindepräsident trat vor.
«Während sieben Tagen werden Dr. Stolz und Otto unabhängig voneinander das Wetter vorhersagen. Wer häufiger richtigliegt, gewinnt.»
Dr. Stolz rückte sein Jackett zurecht.
Otto frass ein Kohlblatt.
Am ersten Tag sagte der Doktor Sonnenschein voraus.
Otto legte sich an die Steinmauer.
Am Nachmittag begann es zu regnen.
«Eins zu null für Otto», verkündete Marta.
Dr. Stolz erklärte, ein einzelner Tag sei statistisch ohne jede Aussagekraft.
Am zweiten Tag warnte er vor einem Gewitter.
Otto stieg auf den Felsblock.
Die Sonne schien von morgens bis abends.
«Zwei zu null», sagte Marta.
Dr. Stolz erklärte, zwei Tage ergäben noch lange keine verlässliche Stichprobe.
Am dritten Morgen schrieb er vorsichtig an die Tafel:
ÖRTLICH KURZE NIEDERSCHLÄGE MÖGLICH, DAZWISCHEN AUFHELLUNGEN.
Der Gemeindepräsident las die Vorhersage.
«Das ist nicht ganz fair.»
«Wieso nicht?»
«Mit dieser Vorhersage haben Sie bei jedem Wetter recht.»
Dr. Stolz hob das Kinn.
«Das nennt man fachliche Vorsicht.»
An diesem Tag legte sich Otto so hin, dass seine vordere Körperhälfte an der Steinmauer lag, während die hintere in der Sonne blieb.
Nach dem Mittag zog ein kurzer Regenschauer durch.
Wenig später klarte der Himmel wieder auf.
Marta machte einen weiteren Strich auf ihrer Liste.
«Drei zu eins für Otto.»
Dr. Stolz sah sie an.
«Weshalb bekommt er den Punkt?»
«Er war genauer.»
Von da an wurde Dr. Stolz zunehmend nervös.
Er schlief kaum noch.
Nachts studierte er Wetterkarten, verglich Luftströmungen, liess kleine Wetterballone steigen und telefonierte mit Kollegen in der Hauptstadt.
Otto schlief.
Dr. Stolz überprüfte langfristige Prognosemodelle.
Otto frass Kohl.
Dr. Stolz berechnete die Feuchtigkeitsverteilung über den Alpenpässen.
Otto scheuerte sich am Zaun.
Am sechsten Tag geschah etwas Ungewöhnliches.
Otto kam am Morgen aus dem Stall, sah zum Himmel hinauf, überquerte den Hof und machte sich auf den Weg ins Dorf.
Vor der Wetterstation blieb er stehen.
Dann legte er sich direkt vor die Eingangstür.
Die Dorfbewohner versammelten sich auf dem Platz.
«Was soll das bedeuten?», fragte jemand.
«Vielleicht Hagel», meinte der Milchmann.
«Oder Nebel», vermutete der Lehrer.
«Vor einer Tür?», fragte Marta.
Dr. Stolz kontrollierte sämtliche Messgeräte.
«Der Luftdruck ist stabil. Schwacher Wind. Keine Anzeichen für Niederschlag.»
Otto blieb vor der Tür liegen.
Gegen Mittag fuhr ein schwarzes Auto auf den Dorfplatz.
Drei Männer und eine Frau stiegen aus.
Sie trugen graue Mäntel und schmale Aktentaschen. Ihre Gesichter hatten jenen ernsten Ausdruck, den Menschen annehmen, wenn sie im Auftrag eines Ministeriums unterwegs sind.
Der Leiter der Gruppe deutete auf das Schild der Wetterstation.
«Wir sind die staatliche Prüfungskommission. Uns wurde gemeldet, dass diese Wetterstation in einem Prognosewettbewerb gegen einen Ziegenbock verliert.»
Marta sah zu Otto hinüber.
«Jetzt wissen wir wenigstens, was er vorausgesagt hat.»
«Das Wetter?», fragte der Beamte.
«Ärger für den Meteorologen.»
Dr. Stolz wurde blass.
Die Kommission verbrachte den Rest des Tages damit, Messgeräte zu überprüfen, Berichte zu lesen und festzustellen, ob Otto über einen ordnungsgemässen Arbeitsvertrag verfügte.
«Er arbeitet nicht bei uns», erklärte Dr. Stolz.
Der Leiter der Kommission machte sich eine Notiz.
«Das vereinfacht die Zuständigkeitsfrage.»
Der siebte Tag sollte die Entscheidung bringen.
Am Morgen öffnete Dr. Stolz die Fenster der Wetterstation.
Der Himmel war hellblau.
Kein Blatt bewegte sich.
Sämtliche Messwerte waren ausgezeichnet.
Dr. Stolz trat auf den Dorfplatz und verkündete mit fester Stimme:
«Heute wird ein wunderschöner Tag.»
Die Dorfbewohner schauten zum Hang hinauf.
Die Stalltür war geschlossen.
Von Otto war nichts zu sehen.
«Das gefällt mir nicht», sagte der Milchmann.
«Mir auch nicht», sagte Marta.
Josef stand vor dem Stall und kratzte sich am Kopf.
«Er kommt nicht raus.»
«Das ist doch absurd», sagte Dr. Stolz. «Sämtliche Werte sind einwandfrei.»
Die Dorfbewohner gingen vorsichtshalber nach Hause.
Einige schlossen die Fensterläden.
Der Wirt räumte die Stühle vor seinem Gasthaus weg.
Der Lehrer sagte den Schulausflug ab.
Zwei Stunden vergingen.
Die Sonne schien weiter.
Der Himmel blieb wolkenlos.
Es regnete nicht.
Es gewitterte nicht.
Nicht einmal eine kräftige Windböe kam auf.
Schliesslich ging Josef noch einmal zum Stall.
Er drückte gegen die Tür.
Dann hielt er inne.
«Ich glaube, ich weiss jetzt, warum Otto nicht herausgekommen ist.»
«Warum?», fragte Marta.
Josef schob den Riegel zurück.
«Ich habe vergessen, die Tür aufzumachen.»
Otto trat ins Freie.
Er betrachtete die versammelten Dorfbewohner.
Dann ging er geradewegs zu seinem Felsblock, kletterte hinauf und legte sich in die Sonne.
Dr. Stolz verschränkte die Arme.
«Also habe ich gewonnen.»
Der Gemeindepräsident schüttelte den Kopf.
«Nein.»
«Aber das Wetter ist genauso geworden, wie ich es vorhergesagt habe.»
«Otto hat heute überhaupt nichts vorhergesagt.»
«Eben.»
«Und Sie haben nicht überprüft, ob die Stalltür offen war.»
Der Gemeindepräsident betrachtete die Ergebnistabelle.
«Unentschieden.»
Dr. Stolz öffnete den Mund, um zu widersprechen.
Dann sah er zu Otto hinüber, der auf seinem Felsblock lag und den vollkommen wolkenlosen Tag genoss.
Nach einer längeren Beratung traf das Dorf eine vernünftige Entscheidung.
Dr. Stolz blieb Leiter der Wetterstation.
Otto wurde zum externen Berater ernannt.
Einen Schreibtisch bekam er nicht, weil er keinen brauchte.
Ein Gehalt erhielt er ebenfalls nicht. Kohl sei steuerlich wesentlich unkomplizierter, erklärte Josef.
Von da an begann jeder Arbeitstag auf der Wetterstation auf dieselbe Weise.
Dr. Stolz kontrollierte den Luftdruck, die Luftfeuchtigkeit und die Windrichtung. Er studierte die Wetterkarten.
Anschliessend trat er ans Fenster und schaute zum Hang hinauf.
Stimmten Ottos Aufenthaltsort und die Messwerte überein, veröffentlichte die Wetterstation ihre gewöhnliche Vorhersage.
Stimmten sie nicht überein, wurde auf dem Dorfplatz eine Tafel aufgestellt:
DIE WETTERLAGE WIRD NOCH BESPROCHEN.
Mit der Zeit wurden Dr. Stolz und Otto ein ausgezeichnetes Team.
Der Doktor konnte erklären, woher die Wolken kamen.
Otto wusste, wann man die Wäsche besser hereinholte.
Der Doktor erkannte jahreszeitliche Veränderungen.
Otto wusste, ob man auf dem Weg ins Gasthaus einen Regenschirm mitnehmen sollte.
Dr. Stolz lernte, seine Berechnungen gelegentlich durch einen Blick aus dem Fenster zu ergänzen.
Otto lernte nichts Neues.
Er hatte auch nie behauptet, dass das nötig sei.
Einige Zeit später wurde über dem Eingang der Wetterstation ein neues Schild angebracht.
Darauf stand:
METEOROLOGISCHER DIENST OBERFELD
WISSENSCHAFT.
ERFAHRUNG.
UND EIN SEHR AUFMERKSAMER ZIEGENBOCK.
Darunter, in kleineren Buchstaben:
BEI ERNSTHAFTEN MEINUNGSVERSCHIEDENHEITEN BLEIBEN SIE BITTE ZU HAUSE.