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Der Hahn, der das Dorf zu früh weckte

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Der Hahn, der das Dorf zu früh weckte

In einem kleinen Schweizer Bergdorf lebte ein Hahn namens Ferdinand.

Er gehörte der alten Marta und war ein ausgesprochen gewissenhafter Fachmann für den Tagesbeginn.

Ferdinand war ein prächtiger Hahn. Er hatte einen grossen roten Kamm, einen hoch geschwungenen Schwanz, eine breite Brust und eine Haltung, als stehe er kurz davor, eine wichtige Versammlung zu eröffnen.

Jeden Morgen erwachte er um Viertel vor sechs.

Er verliess den Stall, stieg auf dessen Dach und wartete.

Zuerst betrachtete er den Himmel über den Bergen, wo sich allmählich ein heller Streifen zeigte. Dann die Fenster der Häuser, hinter denen nach und nach die ersten Lichter angingen. Und schliesslich die Uhr am Gemeindehaus, deren Minutenzeiger sich langsam der Zwölf näherte.

Punkt sechs reckte Ferdinand den Hals, hob den Schnabel und verkündete:

«Kikeriki!»

Jedenfalls hörten die Dorfbewohner das.

Ferdinand selbst schien damit etwas wesentlich Förmlicheres bekanntzugeben:

Sehr geehrte Einwohnerinnen und Einwohner! Der neue Tag ist hiermit offiziell eröffnet!

Das Dorf vertraute Ferdinand mehr als seinen Uhren.

Heinrich, der Bäcker, begann nach dem ersten Krähen seinen Teig zu kneten.

Josef öffnete nach dem zweiten das Gatter für seine Schafe.

Und Wilhelm, der Bankier, stand gewöhnlich erst nach dem dritten auf, weil er die ersten beiden Rufe als vorläufige Mitteilungen betrachtete.

Ferdinand nahm seine Aufgabe sehr ernst.

An nebligen Morgen stand er besonders aufrecht auf dem Dach, als könne eine tadellose Haltung dem Dorf helfen, den neuen Tag zu finden.

Wenn Schnee gefallen war, schüttelte er sorgfältig den Schnee von den Füssen, bevor er seinen Platz einnahm.

Und bei Regen benahm er sich, als sei das schlechte Wetter ordnungsgemäss angemeldet und im morgendlichen Dienstplan berücksichtigt worden.

Ganz gleich, was draussen geschah: Der Tag begann pünktlich.

Bis eines Nachmittags ein fahrender Händler ins Dorf kam.

Er brachte zwanzig moderne Wecker mit.

Es waren ausgezeichnete Geräte. Sie hatten gut lesbare Anzeigen, verstellbare Lautstärke, verschiedene Melodien und fünf unterschiedliche Wecktöne.

«Genauer als jeder Hahn!», verkündete der Händler auf dem Dorfplatz.

Die Leute kamen neugierig näher.

Heinrich entschied sich für einen Wecker, der mit fröhlichem Glockengebimmel auf sich aufmerksam machte.

Samuel, der Dorflehrer, wählte ein Modell mit Vogelgezwitscher. Er fand, es könne pädagogisch nur von Vorteil sein, wenn der Tag mit einem kleinen Beitrag zur Naturkunde begann.

Wilhelm kaufte das teuerste Gerät.

Es begrüsste seinen Besitzer jeden Morgen mit den Worten:

«Zeit ist Geld.»

Wilhelm stellte es auf sieben Uhr.

«Dann habe ich mehr davon», erklärte er.

Marta betrachtete die Auslage, kaufte aber nichts.

«Ich habe schon Ferdinand.»

Der Händler lächelte.

«Natürlich hat die Tradition ihren Reiz. Aber den Fortschritt kann man nicht aufhalten.»

Ferdinand sass auf dem Rand des Dorfbrunnens.

Er beobachtete, wie die Leute ihre neuen Wecker nach Hause trugen.

Dann wandte er den Kopf und sah zu seinem Stall hinüber.

Das Dach war noch da.

Genau wie immer.

Trotzdem betrachtete er es ungewöhnlich lange.

Am nächsten Morgen brach im Dorf ein Lärm los, wie man ihn sonst höchstens vom Jahrmarkt kannte.

In einem Haus pfiff es.

Im nächsten ertönte ein Militärmarsch.

Heinrichs Glöckchen läuteten derart begeistert, dass er seinen Wecker kurzerhand unter einem Mehlsack verschwinden liess.

Aus einem anderen Schlafzimmer rauschte das Meer.

Das war besonders bemerkenswert, weil das nächste Meer sehr weit entfernt lag und vermutlich ebenfalls nichts dagegen gehabt hätte, um diese Uhrzeit noch in Ruhe gelassen zu werden.

Bei Samuel begannen elektronische Vögel zu zwitschern.

Auf seinem Fenstersims sassen drei richtige Vögel.

Sie hörten eine Weile zu.

Dann flogen sie davon.

In Wilhelms Schlafzimmer meldete sich eine feierliche Stimme:

«Zeit ist Geld.»

Wilhelm zog sich die Decke über den Kopf.

«Heute wird gespart.»

Um sechs Uhr stand Ferdinand auf dem Stalldach.

Über den Bergen wurde es hell. In den ersten Fenstern brannte Licht. Der Minutenzeiger der Gemeindehausuhr erreichte die Zwölf.

Alles war in bester Ordnung.

Ferdinand richtete sich auf.

«Kikeriki!»

Doch überall läuteten Glocken, spielten Märsche, sangen künstliche Vögel und schlugen künstliche Wellen an unsichtbare Strände.

Niemand schien ihn zu hören.

Ferdinand blieb noch eine Weile auf dem Dach stehen.

Er hatte alles richtig gemacht.

Nur hatte offenbar keiner darauf geachtet.

Vor dem Gasthaus sass der Händler beim Frühstück.

Er hörte das Durcheinander aus den Häusern und nickte zufrieden.

«Technik», sagte er. «Den Fortschritt kann man eben nicht aufhalten.»

Ferdinand sah ihn an.

Lange.

Ohne sich zu rühren.

Als Hahn konnte er seinen Widerspruch kaum anders zum Ausdruck bringen.

Er brachte ihn beinahe bis Mittag zum Ausdruck.

In dieser Nacht schlief Ferdinand schlecht.

Er sass auf seiner Stange, öffnete immer wieder ein Auge und blickte hinaus in die Dunkelheit.

Diese neuen Geräte konnten Lärm machen, ohne auf ihn zu warten.

Man konnte sie sogar so einstellen, dass sie schon vor sechs Uhr klingelten.

Und wenn alle bereits wach waren, bevor er den Tag eröffnete, wozu brauchte man dann noch seine Eröffnung?

Gegen Morgen schien sich bei Ferdinand ein Entschluss abzuzeichnen.

Vielleicht musste er einfach früher dran sein.

Viel früher.

Am nächsten Morgen erwachte er deshalb nicht um Viertel vor sechs.

Sondern um vier.

Er kletterte auf das Dach.

Die Berge standen schwarz vor einem Himmel voller Sterne.

In keinem einzigen Fenster brannte Licht.

Ferdinand schwellte die Brust, streckte den Hals und krähte.

«Kikeriki!»

In mehreren Häusern gingen die Lichter an.

Heinrich sprang aus dem Bett, eilte in die Backstube und schob das erste Brot in den Ofen.

Erst danach sah er aus dem Fenster.

Draussen war es stockfinster.

«Aber es ist ja noch Nacht.»

Josef öffnete das Gatter zur Weide.

Die Schafe kamen heraus, wie sie es gewohnt waren.

Dann sahen sie zu den Sternen hinauf.

Und blieben stehen.

Josef machte eine einladende Handbewegung.

Kein einziges Schaf rührte sich.

Die Tiere waren im Allgemeinen recht umgänglich. Doch auch ihre Bereitschaft zur Zusammenarbeit hatte Grenzen, besonders bei einem derart offensichtlichen Verwaltungsfehler vor Tagesanbruch.

Wilhelm hörte Ferdinand, schaute auf seinen Wecker und drehte sich auf die andere Seite.

«Auch die Zeit kann sich einmal irren», murmelte er.

Dann schlief er weiter.

Ferdinand stand unterdessen auf dem Dach.

Es war ihm gelungen, die Leute früher zu wecken.

Besonders dankbar schienen sie dafür allerdings nicht zu sein.

Am nächsten Morgen krähte er um halb vier.

Am übernächsten um Viertel nach zwei.

Und dann nahm er eines Nachts eine weitere Änderung vor.

Punkt Mitternacht, als das ganze Dorf schlief, stieg Ferdinand auf das Stalldach.

Die Uhr am Gemeindehaus schlug zwölf.

Ferdinand richtete sich kerzengerade auf.

«Kikeriki!»

Überall flogen Fenster auf.

Ein Hund begann zu bellen.

Heinrich liess eine Rührschüssel fallen.

Samuel erschien im Nachthemd auf der Strasse. In der Hand hielt er einen Kalender, offenbar um festzustellen, welcher Tag soeben begonnen hatte.

Wenig später versammelten sich die Dorfbewohner vor Martas Haus.

«Dein Hahn ist verrückt geworden!», rief Wilhelm.

Marta blickte zum Stall hinüber.

«Nein.»

«Er hat gerade um Mitternacht den Morgen ausgerufen!»

«Er kämpft um seinen Arbeitsplatz.»

Einen Augenblick lang sagte niemand etwas.

Die Leute schauten zu Ferdinand.

Er sass inzwischen mit gesenktem Kopf auf dem Dach und sah weit weniger stattlich aus als gewöhnlich.

«Dann sag ihm doch, dass wir ihn gar nicht entlassen wollen», schlug Heinrich vor.

Marta verschränkte die Arme.

«Sagt es ihm selber. Ihr habt ihm schliesslich die Konkurrenz ins Dorf geholt.»

Also gingen die Dorfbewohner zum Stall.

Ferdinand hatte sich auf seine Sitzstange zurückgezogen und sass mit dem Rücken zur Tür.

Heinrich trat vor.

«Ferdinand, wir möchten dir etwas sagen.»

Der Hahn bewegte sich nicht.

«Du bist ein ausgezeichneter Hahn.»

Ferdinand begann, eine Feder unter seinem Flügel zurechtzurücken.

Samuel räusperte sich.

«Natürlich sind diese Wecker auch sehr praktisch.»

Ferdinand drehte sich noch ein Stück weiter zur Wand.

Eigentlich drehte er sich so weit, dass man sich fragen musste, wie seine Anatomie das überhaupt zuliess.

Josef überlegte.

«Praktisch schon. Aber sie merken nicht, ob es ein gewöhnlicher Morgen wird oder ein richtig schöner.»

Ferdinand hob den Kopf ein wenig.

«Und vor einem Fuchs warnen sie auch nicht», ergänzte Marta.

«Käfer fressen sie ebenfalls keine», sagte Heinrich.

Das war ein durchaus praktischer Gesichtspunkt, an den bisher niemand gedacht hatte.

Wilhelm schwieg.

Die anderen sahen ihn an.

Er strich seinen Mantel glatt.

«Nun ja», sagte er schliesslich. «Man muss zugeben, dass so ein Wecker auf einem Stalldach längst nicht so eindrucksvoll aussieht.»

Ferdinand wandte langsam den Kopf.

Wilhelm fügte rasch hinzu:

«Das ist eine rein sachliche Feststellung.»

Die Dorfbewohner sahen einander an.

Dann schlug jemand einen Versuch vor.

Einen ganz einfachen.

Am nächsten Morgen sollten Ferdinand und die Wecker dieselbe Aufgabe erfüllen: das Dorf pünktlich um sechs Uhr wecken.

Es brauchte dafür weder eine komplizierte Punktetabelle noch eine Kommission oder irgendwelche Vorrunden.

Nur sechs Uhr.

Am Abend stellten die Leute ihre Wecker.

Sie überprüften die Uhrzeit.

Sie kontrollierten die Batterien.

Und sie verglichen die Anzeigen mit der Uhr am Gemeindehaus.

Wilhelm kontrollierte seine Batterien zweimal und verlangte anschliessend eine schriftliche Bestätigung, dass die zweite Kontrolle ordnungsgemäss durchgeführt worden war.

Dann ging das Dorf schlafen.

In der Nacht zog ein heftiges Gewitter über die Berge.

Der Wind rüttelte an den Fensterläden.

Der Regen prasselte auf die Dächer.

Der Donner rollte von einer Talseite zur anderen.

Am Dorfrand schlug ein Blitz in eine Stromleitung ein.

Mehrmals flackerte das Licht.

Eine Überspannung brachte einige elektronische Geräte durcheinander.

Manche Wecker verloren ihre Einstellungen. Andere funktionierten weiterhin einwandfrei.

Einer blieb ganz stehen.

Ein zweiter zeigte plötzlich zwölf Uhr mittags an.

Ein dritter verkündete einen grossen Teil der Nacht hindurch den Wetterbericht vom vergangenen Donnerstag.

Sogar ein batteriebetriebener Wecker fiel aus, obwohl später niemand genau feststellen konnte, weshalb.

Wilhelms teures Gerät blieb zunächst lange stumm.

Dann meldete es sich um halb fünf plötzlich zu Wort:

«Zeit ist möglicherweise Geld.»

Anschliessend schaltete es sich aus.

Gegen Morgen zog das Gewitter langsam weiter.

Der Donner entfernte sich.

Der Regen liess nach.

Über den Bergen erschien unter den Wolken ein schmaler, blasser Lichtstreifen.

Um Viertel vor sechs öffnete Ferdinand die Augen.

Er stieg von seiner Stange.

Ging aus dem Stall.

Und kletterte vorsichtig auf das nasse Dach.

Die Luft roch nach Regen.

An einer seiner Federn hing ein Wassertropfen. Ferdinand schüttelte ihn ab.

Dann wartete er.

Über den Bergen wurde es heller.

Ein paar Fenster fingen das erste Morgenlicht ein.

Die Wolken begannen auseinanderzuziehen.

Ferdinand stand ganz still.

Der Hals war gestreckt, die Brust erhoben, der Schwanz schwungvoll nach oben gebogen.

Am Gemeindehaus näherte sich der Minutenzeiger der Zwölf.

Und Punkt sechs breitete Ferdinand die Flügel aus.

«Kikeriki!»

Ein einziger Ruf.

Klar, kräftig und genau zur richtigen Zeit.

Er hallte über den Dorfplatz, über die Dächer, durch die schmalen Gassen und hinunter bis zur Brücke.

In Wilhelms Schlafzimmer leuchtete plötzlich der teure Wecker auf.

«Zeit ist nicht unbedingt Geld», verkündete er.

Dann schwieg er wieder.

Das Dorf erwachte.

Heinrich ging in seine Backstube und heizte den Ofen an.

Josef öffnete das Gatter für seine Schafe.

Samuel setzte den Teekessel auf.

Marta öffnete das Fenster, schaute zum Stalldach hinauf und nickte Ferdinand kurz zu.

Wilhelm stand schon nach dem ersten Krähen auf.

Er erzählte es niemandem.

Später am Vormittag kam der Händler mit einem der defekten Wecker auf den Dorfplatz.

Er betrachtete dessen Anzeige.

Dann sah er zum Stall hinüber, wo Ferdinand gerade in aller Ruhe sein Gefieder ordnete.

«Nun ja», räumte der Händler ein. «hat die Natur auch ihre Vorteile.»

«Natürlich», sagte Marta. «Sie braucht keine Batterien.»

Die Wecker blieben im Dorf.

Schliesslich waren es nützliche Geräte.

Heinrich mochte sein Glockengebimmel weiterhin, solange es sich nicht allzu begeistert aufführte.

Samuel behielt sein Vogelgezwitscher.

In anderen Häusern erwachten die Leute nach wie vor zu Märschen, Pfeiftönen und Meeresrauschen.

Und Wilhelm liess seinen teuren Wecker reparieren.

Ferdinand aber erhielt eine offizielle Stellung.

Der Gemeinderat ernannte ihn zum leitenden Fachmann für den Tagesbeginn.

Seine Aufgaben wurden in einem amtlichen Dokument genau festgelegt.

Er hatte das Dorf einmal zu wecken.

Der Dienstbeginn durfte nicht vor sechs Uhr erfolgen.

Streiks und eigenmächtige Änderungen des Tagesbeginns waren untersagt.

Bei Gewitter hatte Ferdinand die volle Verantwortung zu übernehmen.

Der Gemeindeschreiber kam zum Stall und las die Bestimmungen laut vor.

Ferdinand stand mit erhobener Brust da und hörte zu.

Als der Gemeindeschreiber fertig war, legte er das Dokument auf einen kleinen Tisch neben der Sitzstange.

Ferdinand beugte sich vor.

Er betrachtete das Gemeindesiegel.

Dann pickte er darauf.

Der Gemeindeschreiber vermerkte dies im Protokoll als Zustimmung.

Über der Stalltür wurde ein neues Schild angebracht.

Darauf stand:

AMTLICHER MORGENDIENST

LEITUNG: FERDINAND

Darunter schrieb Marta in etwas kleineren Buchstaben:

BESCHWERDEN WERDEN NACH DEM FRÜHSTÜCK ENTGEGENGENOMMEN.