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Prolog: Fünf Minuten

Ein Himmel Ohne Ketten — www.fanfiktion.de · All chapters

Prolog: Fünf Minuten

Vorwort

Hallo ihr Lieben!

Schön, dass ihr hergefunden habt!

Diese Fanfiction liegt mir persönlich sehr am Herzen. Vela begleitet mich inzwischen seit einigen Monaten und ist mir in dieser Zeit unglaublich ans Herz gewachsen. Nun habe ich mich dazu entschlossen, ihre Geschichte noch einmal gründlich zu überarbeiten und mit euch zu teilen. In der Hoffnung, dass ihr Vela auf ihrer Reise begleitet und sie vielleicht genauso ins Herz schließt wie ich.

Im Mittelpunkt stehen neben den großen Abenteuern der One-Piece-Welt vor allem Familie, Freundschaft, Loyalität und die Entscheidungen, die einen Menschen prägen. Dabei sind mir die originalgetreue Darstellung der bekannten Charaktere und eine lebendige, glaubwürdige Entwicklung besonders wichtig.

Eine kleine Anmerkung noch: In dieser Geschichte begegnen euch auch einige OCs aus meinen anderen Fanfiction-Projekten, deren Geschichten ich vielleicht irgendwann ebenfalls veröffentlichen werde. Eine davon ist die Geschichte von Lucina – wobei ich euch schon jetzt verraten kann, dass diese deutlich düsterer ausfällt.

Ich freue mich über eure Gedanken, Theorien, Reviews und natürlich auch konstruktive Kritik!

Und jetzt wünsche ich euch viel Spaß beim Lesen und Kennenlernen von Vela!

Eure LastMemory

________*________

Lucina · Mary Geoise

Der erste Schrei ihrer Tochter war laut, überraschend kräftig und so voller Leben, dass Lucina für einen Augenblick vergaß zu atmen.

Sie lag halb aufgerichtet zwischen zerwühlten Laken, die Finger noch immer fest um den Stoff gekrallt. Ihr Körper fühlte sich schwer und fremd an, jede Bewegung kostete Kraft. Doch als dieser winzige, empörte Laut den Raum erfüllte, hob sie sofort den Kopf.

„Ist sie …?“ Mehr brachte sie zunächst nicht hervor.

Die Hebamme stand mit dem Rücken zu ihr, ein kleines, sich bewegendes Bündel in den Händen. Sie hatte das Mädchen bereits in ein vorgewärmtes Tuch gehüllt und strich ihm mit geübten Bewegungen über den Rücken.

„Sie lebt, Lucina.“ Die ältere Frau wandte sich um. Zum ersten Mal an diesem Tag lag ein Lächeln auf ihrem Gesicht. „Und sie ist gesund. Ein kräftiges kleines Mädchen.“

Lucina schloss kurz die Augen. Gesund. Sie hatte geglaubt, auf diese Nachricht vorbereitet zu sein. Sie hatte sich die Worte unzählige Male vorgestellt, sich gezwungen, jede mögliche Schwierigkeit zu bedenken und jede Einzelheit ihres Vorhabens wieder und wieder durchzugehen. Doch jetzt, da sie ihre Tochter tatsächlich hören konnte, war von all diesen sorgfältig geordneten Gedanken kaum etwas übrig.

Ein zweiter Schrei ließ sie zusammenzucken. Ihr Blick flog zur Tür.

Die Hebamme bemerkte es sofort. „Der Vorraum ist leer. Ich habe beide Türen schließen lassen, und niemand betritt diesen Teil des Hauses, bevor ich ihn rufe.“

Lucina sah noch einen Moment auf das dunkle Holz. Dahinter lag der äußere Korridor, den sie für die Dauer der Geburt hatte räumen lassen. Die dicken Wände und schweren Türen hielten gewöhnlich selbst laute Gespräche aus den benachbarten Räumen fern. Sie musste darauf vertrauen, dass es auch jetzt genügte.

„Darf ich sie halten?“

„Natürlich.“ Die Hebamme kam bereits auf sie zu, schob ihr ein zusätzliches Kissen unter den Arm und legte ihr das Kind vorsichtig auf die Brust.

Es war so leicht.

Lucina hatte gewusst, wie klein ein Neugeborenes sein würde. Sie hatte die winzigen Kleidungsstücke gesehen, die die Hebamme vorbereitet hatte, und sich während der vergangenen Monate oft genug vorgestellt, wie sich ein solcher Körper in ihren Armen anfühlen mochte. Nichts davon hatte sie auf das wirkliche Gewicht ihrer Tochter vorbereitet.

Das Mädchen lag warm und lebendig an ihr, kaum mehr als ein kleines Bündel aus weicher Haut, dünnen Gliedern und unkoordinierten Bewegungen. Eine winzige Hand hatte sich aus dem Tuch befreit. Die Finger öffneten und schlossen sich, während das Kind mit gerunzelter Stirn den Mund verzog. Lucina hob die Hand und berührte zunächst nur die ausgestreckten Finger, beinahe zaghaft, als könnte eine unbedachte Bewegung dem Mädchen wehtun.

Die kleine Hand schloss sich um die Spitze ihres Zeigefingers. Lucina hielt vollkommen still, bis ihr ein leises, ungläubiges Lachen entwich.

„Du meine Güte.“

Sie betrachtete die winzigen Fingernägel, die feinen Linien auf der Handfläche und das zarte Handgelenk, das kaum breiter war als ihr Daumen. Dann glitt ihr Blick über das Gesicht ihrer Tochter. Die Wangen waren rund und noch leicht gerötet, die kleine Nase wirkte beinahe verloren zwischen ihnen. Über der Stirn klebten feuchte Haarsträhnen.

Rote Haarsträhnen.

Lucina strich eine davon behutsam zur Seite. Sie brauchte kein besseres Licht, um diesen Farbton zu erkennen. Es war genau dasselbe kräftige Rot, das sie so gut kannte. Ihre Finger verharrten im Haar des Kindes, und für einen Augenblick sah sie wieder das schiefe Grinsen vor sich, das Shanks so oft aufgesetzt hatte, wenn er etwas sagte, das sie eigentlich hätte ärgern sollen.

„Natürlich“, murmelte sie und schüttelte kaum merklich den Kopf. „Ausgerechnet die Haare.“

Das Mädchen verzog den Mund, als hätte es etwas dagegen einzuwenden. Lucina musste erneut lächeln.

„Oh, entschuldige. Ich wollte dich nicht beleidigen.“

Die Hebamme rückte einen Stuhl näher ans Bett und setzte sich. Ihre Aufmerksamkeit blieb auf dem Kind, doch sie ließ Lucina Raum, ihre Tochter ungestört zu betrachten.

„Sie hat eine kräftige Stimme“, bemerkte sie.

„Das habe ich gehört.“

„Und eine bemerkenswert entschlossene Art, sie einzusetzen.“

Lucina hob eine Augenbraue. „Sie ist kaum ein paar Minuten alt.“

„Das hindert manche Menschen nicht daran, ihre Meinung kundzutun.“

Ein kleines Schmunzeln huschte über Lucinas Gesicht. Das Mädchen hatte inzwischen aufgehört zu schreien. Sein Mund stand noch einen Spalt offen, während es mit geschlossenen Augen unruhig den Kopf bewegte. Lucina zog das Tuch an ihrer Schulter ein wenig zur Seite und rückte ihre Tochter näher an sich. Sofort spürte sie die winzigen Bewegungen deutlicher, den leichten Druck des Köpfchens und den warmen Atem auf ihrer Haut. Sie senkte den Kopf, bis ihre Lippen beinahe das feuchte Haar berührten.

„Hallo, mein Liebling.“

Die Worte waren kaum mehr als ein Flüstern. Sie hatte nicht damit gerechnet, wie selbstverständlich sie sich anfühlen würden.

Ihre Tochter.

Nicht länger ein Herzschlag unter ihrem eigenen, nicht länger die kleinen Bewegungen, auf die sie manchmal mitten in der Nacht gewartet hatte. Ein wirklicher Mensch, der atmete, sich bewegte und offenbar bereits seine ganz eigenen Vorstellungen davon besaß, wie die Welt ihn zu empfangen hatte. Lucina ließ den Blick über das kleine Gesicht wandern und versuchte, sich jede Einzelheit einzuprägen: die Form der Stirn, den Schwung der kaum sichtbaren Augenbrauen, die winzige Falte zwischen ihnen, die sich bildete, sobald das Mädchen das Gesicht verzog.

Als ihre Tochter die Lider einen Spalt öffnete, beugte Lucina sich unwillkürlich näher. Doch der Blick war noch trüb und ungerichtet; die Farbe der Augen ließ sich im gedämpften Licht nicht bestimmen.

„Dafür hast du noch Zeit“, flüsterte sie.

Die kleine Hand löste sich von ihrem Finger und tastete ziellos über den Stoff. Lucina fing sie wieder auf.

„Wir haben leider nicht sehr viel davon.“

Sie hatte den Satz nicht aussprechen wollen. Er war ihr einfach herausgerutscht, während sie auf die winzigen Finger sah. Die Hebamme hob kurz den Blick, sagte jedoch nichts. Lucina atmete langsam durch und wandte sich wieder ihrer Tochter zu.

„Ich habe dir einen Namen ausgesucht.“ Sie strich mit dem Daumen über die kleine Hand. „Vela.“

Das Mädchen machte ein leises, unzufriedenes Geräusch.

„Gefällt er dir nicht?“ Lucina wartete, als könnte tatsächlich eine Antwort folgen. „Nun, daran wirst du dich gewöhnen müssen. Ich habe ziemlich lange darüber nachgedacht.“

Ihre Stimme gewann ein wenig von ihrer gewohnten Festigkeit zurück. „Vela“, wiederholte sie, diesmal langsamer.

Der Name fühlte sich richtig an. Sie hatte ihn schon vor Wochen gefunden und seither immer wieder still ausgesprochen, wenn sie allein gewesen war. Nun gehörte er endlich jemandem.

„In der alten Sprache bedeutet das Segel“, erzählte sie leise. „Und es gibt ein Sternbild, das denselben Namen trägt.“ Ihre Finger glitten behutsam über den roten Flaum auf Velas Kopf. „Ein Segel, das dich überallhin tragen kann. Und Sterne, die du sehen kannst, ganz gleich, wie weit du fortsegelst.“

Sie verstummte und betrachtete das winzige Gesicht. „Ich hoffe, du wirst eines Tages beides haben.“

Die Kleine bewegte den Kopf gegen ihre Brust und gab ein kurzes, suchendes Geräusch von sich. Lucina lächelte schwach.

„Ja, ich weiß. Im Augenblick interessiert dich das vermutlich herzlich wenig.“

Sie hob ihre Tochter ein wenig höher, stützte sorgfältig das Köpfchen und legte ihre Wange gegen das warme Haar. Für einige Atemzüge sagte sie nichts. Durch die hohen, verhängten Fenster drang nur wenig Tageslicht. Auf dem Tisch neben dem Bett standen eine Schale mit frischem Wasser und die ordentlich zusammengelegten Tücher der Hebamme. Irgendwo hinter der Wand tickte eine Uhr.

Lucina hatte dieses Geräusch vorher kaum wahrgenommen. Jetzt hörte sie jeden einzelnen Schlag. Die Hebamme würde ihr die versprochenen fünf Minuten geben; das wusste sie. Ebenso gut wusste sie, dass diese Zeit sich nicht verlängern ließ, nur weil sie ihre Tochter noch einmal ansehen wollte.

Ihr Blick wanderte zu der älteren Frau. „Ist wirklich alles vorbereitet?“

Die Hebamme nickte. „Alles, worüber wir gesprochen haben.“

„Und das andere Kind?“

Ein kurzer Schatten legte sich über das Gesicht der Frau. „Es ist tot zur Welt gekommen, Lucina. Niemand hat ihm etwas angetan.“ Sie hielt ihrem Blick stand. „Es wird anstelle Ihrer Tochter beigesetzt. Die notwendigen Vorkehrungen sind getroffen.“

Lucina senkte die Augen. Sie hatte auf diese Nachricht gewartet und sie zugleich gefürchtet. Irgendwo hatte eine andere Mutter ihr Kind verloren, während sie selbst ihres lebend in den Armen halten durfte.

„Wird es wenigstens ein ordentliches Begräbnis bekommen?“

„Dafür sorge ich.“

Lucina nickte langsam. „Danke.“

„Sie müssen mir dafür nicht danken.“

„Doch.“ Lucina sah sie an. „Das muss ich.“

Die Hebamme erwiderte nichts. Sie legte ihr lediglich für einen Moment die Hand auf den Unterarm. Lucina kannte diese Berührung seit ihrer Kindheit. Damals hatte die Frau ihre Mutter besucht, und Mira Vale hatte sie stets mit einer Vertrautheit empfangen, die in Lucinas Leben inzwischen selten geworden war.

„Ihre Mutter hätte mir wohl ordentlich die Meinung gesagt, wenn ich Sie jetzt allein ließe“, bemerkte die Hebamme nach einer Weile.

Lucina stieß ein leises Lachen aus. „Oh, das hätte sie.“

„Vermutlich länger, als ich hätte zuhören wollen.“

„Sie hätten zugehört.“

„Wahrscheinlich.“

Für einen Augenblick sahen sie einander an. In den müden Augen der älteren Frau erkannte Lucina denselben entschlossenen Ausdruck, den sie schon früher an ihr bemerkt hatte. Dann senkte sie den Blick wieder zu ihrer Tochter.

„Sie soll Vale heißen.“

Die Hebamme neigte den Kopf. „Das haben Sie in Ihrem Brief festgehalten.“

„Ich weiß.“ Lucina strich das Tuch am Hals des Kindes glatt. „Ich wollte es nur einmal laut sagen.“

Vela Vale.

Der Name ihrer Mutter. Ihr eigener Name aus den Jahren, in denen niemand sie Saint Figarland Ethanbaron Lucina genannt hatte. Aus den Jahren, in denen sie morgens hatte aufstehen können, ohne dass jemand bereits entschieden hatte, wo sie den Tag verbringen durfte. Sie betrachtete die kleine Hand, die inzwischen wieder auf ihrer Brust lag.

„Du sollst diesen Namen tragen, Vela.“

Das Mädchen gab einen winzigen Seufzer von sich. Lucina lächelte, obwohl ihr die Augen brannten.

„Und du sollst dir von niemandem erzählen lassen, was du sein musst.“

Sie sprach so leise, dass es kaum wie eine Ermahnung klang. Eher wie ein Wunsch, den sie ihrer Tochter noch mitgeben wollte, solange sie es konnte.

Vela schob ihr Gesicht gegen den Stoff und begann unruhiger zu werden. Die Hebamme beugte sich vor, musterte das Kind und richtete das Tuch um seine Schultern.

„Sie wird bald Nahrung brauchen.“

„Natürlich.“ Lucina nickte, ohne ihre Tochter loszulassen. Ihre Hand lag schützend über dem kleinen Rücken, unter der Handfläche spürte sie die schwachen, regelmäßigen Bewegungen beim Atmen.

„Der Brief“, sagte sie nach einem Moment.

„Ist sicher verwahrt.“

„Niemand außer Garp darf ihn lesen.“

„Niemand.“

„Und sagen Sie ihm, er soll ihn sofort verbrennen.“

„Sobald er ihn gelesen hat“, bestätigte die Hebamme ruhig.

Lucina hielt ihrem Blick noch einen Augenblick stand. Sie hatte alles hineingeschrieben: den Namen, den ihre Tochter tragen sollte, die Wahrheit über ihren Vater. Genug, damit Garp verstand, weshalb dieses Kind keinesfalls nach Mary Geoise zurückkehren durfte. Mehr konnte sie von hier aus nicht tun.

Die Hebamme zog einen kleinen, gefalteten Stoffbeutel aus ihrer Tasche und legte ihn neben Lucina auf das Bett.

„Den wollten Sie ihr ebenfalls mitgeben.“

Lucina erkannte den Beutel sofort. Sie hatte ihn selbst vorbereitet. Vorsichtig löste sie mit einer Hand die Kordel und schüttete den Inhalt auf ihre freie Handfläche.

Ein kleiner, dunkler Vogelanhänger lag darin. Das Metall war an den erhabenen Stellen ein wenig glatt geworden. Lucina fuhr mit dem Daumen über die ausgebreiteten Flügel.

Shanks hatte ihn ihr geschenkt.

Sie konnte sich noch gut daran erinnern, wie er ihn ihr in die Hand gedrückt und dabei so selbstverständlich gelächelt hatte, als wäre es das Einfachste der Welt, jemandem eine Freude zu machen. Er wusste nicht, dass sie hier war. Er wusste nicht, dass sie seine Tochter in den Armen hielt.

Lucina drehte den Anhänger zwischen den Fingern. Für einen kurzen Moment wollte sie ihn behalten. Ihre Hand schloss sich darum, während sie wieder auf das kleine Mädchen hinuntersah. Die kräftig roten Haare waren inzwischen etwas getrocknet und standen an einer Stelle bereits widerspenstig von der Stirn ab.

„Das ist von deinem Vater“, sagte sie leise.

Ihre Stimme stockte kaum merklich. Sie räusperte sich.

„Er hat es mir einmal geschenkt. Ich glaube, es würde ihm gefallen, wenn du es bekommst.“

Vela schien davon unbeeindruckt. Sie hatte die Augen geschlossen und bewegte den Mund, als suche sie etwas. Lucina öffnete ihre Hand wieder.

„Pass gut darauf auf, ja?“

Sie legte den Anhänger zurück in den Beutel und reichte ihn der Hebamme. „Bitte bewahren Sie ihn sicher auf. Er soll bei ihr bleiben.“

„Das wird er.“

Die Frau verstaute den Beutel sorgfältig im Inneren ihrer Kleidung, getrennt von den übrigen Dingen. Lucina beobachtete jede Bewegung, bis sie sicher war, dass der Anhänger nicht herausfallen konnte. Erst dann senkte sie die Augen wieder.

Vela hatte ihre Hand zu einer kleinen Faust geschlossen und an die Wange gedrückt. Lucina musste lächeln.

„Du hast wirklich seine Haare.“ Sie strich eine widerspenstige Strähne glatt. Kaum hatte sie die Hand zurückgezogen, richtete sich das Haar wieder auf. „Und offenbar genauso wenig Interesse daran, ordentlich auszusehen.“

Ein leises Lachen entwich ihr. Als sie aufsah, lächelte auch die Hebamme. Doch dann wanderte deren Blick zur Uhr, und das Lächeln verschwand.

Lucina bemerkte es sofort. Sie wusste, was kommen würde.

„Nein“, sagte sie leise.

Die Hebamme sah sie an. „Lucina …“

„Ich weiß.“ Lucina zog ihre Tochter ein wenig näher an sich. „Ich weiß.“

Einige Sekunden vergingen. Die Hebamme ließ sie gewähren, bevor sie ruhig sagte: „Die fünf Minuten sind um.“

Lucina schloss die Augen. Unter ihrer Wange lag Velas warmer Kopf. Sie konnte ihren Atem spüren, die kleinen Bewegungen ihres Körpers und das Gewicht der winzigen Hand, die gegen ihre Brust drückte.

Fünf Minuten.

Sie hatte geglaubt, wenigstens in der Lage zu sein, sie bewusst auszukosten. Stattdessen konnte sie sich kaum daran erinnern, wann sie angefangen hatten.

„Noch einen Augenblick“, bat sie.

Die Hebamme antwortete nicht sofort. Dann sagte sie sanft: „Es tut mir leid.“

Lucina presste die Lippen aufeinander. Sie hatte diese Frau nicht um Hilfe gebeten, weil sie leichtfertig handelte. Sie kannte die Gefahren. Sie wusste, was geschehen konnte, wenn auch nur ein Teil der Wahrheit ans Licht kam. Shamrock durfte niemals erfahren, dass seine vermeintliche Tochter lebte. Und er durfte erst recht nicht erfahren, wessen Kind sie tatsächlich war.

Lucina hatte ihre Entscheidung getroffen, lange bevor sie Vela zum ersten Mal gehört hatte. Jetzt musste sie sie nur noch durchhalten.

Sie öffnete die Augen und betrachtete das kleine Gesicht. „Vela.“

Das Mädchen bewegte sich leicht.

„Ich hätte dich so gern kennengelernt.“ Lucina strich mit den Fingerspitzen über ihre Wange. „Richtig, meine ich.“

Sie lachte leise über ihre eigene unbeholfene Formulierung. „Ich hätte gern herausgefunden, worüber du lachst. Was dich wütend macht. Ob du genauso stur bist, wie ich befürchte.“

Vela verzog das Gesicht und gab ein kurzes, protestierendes Geräusch von sich.

„Ja, wahrscheinlich.“

Lucina senkte den Kopf und küsste ihre Tochter auf die Stirn. Ihre Lippen blieben einen Moment auf der warmen Haut liegen. Als sie sich wieder aufrichtete, verschwamm ihr Blick. Sie blinzelte, doch eine Träne löste sich trotzdem und fiel auf das helle Tuch. Hastig wischte sie sie fort.

„Entschuldige.“ Noch einmal berührte sie Velas Wange. „Du hast schließlich nichts falsch gemacht.“

Die Hebamme war inzwischen aufgestanden. Sie wartete neben dem Bett, die Arme noch nicht ausgestreckt. Lucina sah zu ihr auf.

„Sie wissen, was geschieht, wenn jemand davon erfährt.“

„Ja.“

„Nicht nur mit mir.“

„Ich weiß, Lucina.“

Die ältere Frau sprach ruhig, ohne die Gefahr kleinzureden. Lucina betrachtete sie lange, dann nickte sie.

Es dauerte einen Moment, bis sie ihre Hände dazu bringen konnte, das Kind von ihrer Brust zu lösen. Die Bewegung war vorsichtig, beinahe widerwillig. Sie schob einen Arm unter Velas Köpfchen, stützte mit der anderen Hand den kleinen Körper und hob sie ein Stück an. Die Hebamme trat näher, doch Lucina hielt inne. Plötzlich fiel es ihr schwer, den Abstand zwischen ihren Armen und denen der anderen Frau zu überwinden.

„Wird sie …“

Sie brach ab. Es gab zu viele Fragen, die sie hätte stellen können. Würde Vela die Reise überstehen? Würde Garp sie wirklich aufnehmen? Würde sie Menschen finden, die sie liebten? Würde sie jemals erfahren, warum ihre Mutter sie fortgegeben hatte? Und würde Lucina selbst jemals wieder die Gelegenheit bekommen, sie in die Arme zu schließen?

Die Hebamme wartete. Lucina sah auf Velas Gesicht. Das Mädchen schlief nicht richtig, wirkte aber ruhig. Seine kleinen Lippen bewegten sich gelegentlich, und die rote Haarsträhne auf seiner Stirn hatte sich erneut aufgerichtet. Lucina strich sie noch ein letztes Mal glatt.

„Sei glücklich, mein Schatz.“ Ihre Stimme war kaum hörbar. „Bitte.“

Dann hob sie den Blick. „Nehmen Sie sie.“

Die Hebamme schob ihre Hände behutsam unter das Kind. Lucina löste zuerst den Arm, mit dem sie das Köpfchen gestützt hatte, dann den anderen. Für den Bruchteil eines Augenblicks lagen ihre Finger noch auf Velas Rücken, bevor sie sie langsam zurückzog.

Die Hebamme nahm das Mädchen sicher an sich und bettete es in einen kleinen Weidenkorb, den sie neben dem Bett bereitgestellt und mit weichen, warmen Tüchern ausgelegt hatte. Sorgfältig schlug sie die Decke um Vela, sodass das Kind geschützt lag und sein Gesicht frei blieb.

Lucina beobachtete jede ihrer Bewegungen. Ihre Arme waren leer. Sie legte die Hände auf die Decke, zog sie jedoch gleich wieder zurück und verschränkte die Finger so fest ineinander, dass die Knöchel hervortraten.

Die Hebamme prüfte noch einmal, ob Vela warm genug zugedeckt war und sicher lag. Danach sah sie Lucina an.

„Ich werde gut auf sie achtgeben.“

Lucina nickte. Beim ersten Versuch brachte sie kein Wort heraus. Sie schluckte und zwang sich, die Schultern zu straffen.

„Ich weiß.“

Die Hebamme hob den Korb an. Lucinas Blick folgte dem kleinen Bündel.

„Und sagen Sie Garp …“

Die ältere Frau blieb stehen. Lucina zögerte. Alles, was Garp wissen musste, stand bereits in ihrem Brief. Sie hatte jedes Wort sorgfältig gewählt, Sätze wieder gestrichen und neu geschrieben, bis nichts mehr darin stand, das sie nicht verantworten konnte. Trotzdem schien es ihr plötzlich unmöglich, die Frau ohne eine letzte Nachricht fortgehen zu lassen.

„Sagen Sie ihm, dass sie Vela heißt.“

„Das werde ich.“

Lucina sah auf ihre Tochter. „Vela Vale.“

Die Hebamme neigte leicht den Kopf. „Vela Vale.“

Sie wandte sich der schmalen Seitentür zu, durch die sie das Zimmer unbeobachtet verlassen konnte. Der Durchgang dahinter war für diesen Zweck vorbereitet worden und führte fort von den bewohnten Räumen des Hauses. Lucina sah, wie die ältere Frau den Riegel zurückschob und vorsichtig die Tür öffnete.

Vela gab ein kleines Geräusch von sich. Die Hebamme hielt inne und blickte nach dem Kind. Mit einer ruhigen Bewegung legte sie die Hand an dessen Seite, bis es wieder still wurde.

Lucina richtete sich ein wenig auf. Sie hätte ihren Namen rufen können. Hätte die Frau bitten können, noch einmal zurückzukommen, nur für einen letzten Blick, eine weitere Berührung. Ihre Lippen öffneten sich.

Doch sie sagte nichts, kein Wort.

Die Hebamme sah noch einmal zu ihr zurück. Lucina hielt ihrem Blick stand und nickte. Erst dann trat die Frau durch die Tür.

Lucina konnte den Weidenkorb noch sehen, das helle Tuch und einen winzigen Streifen roten Haars darunter. Sie beugte sich ein wenig vor, so weit ihr erschöpfter Körper es zuließ, und hielt den Blick darauf gerichtet.

Dann ging die Hebamme um die Biegung des schmalen Durchgangs, und Vela verschwand aus ihrem Blickfeld.