Kapitel 1 – Ein unerwartetes Problem
Kapitel 1 – Ein unerwartetes Problem
Garp · Marineschiff vor Dawn Island
Monkey D. Garp hatte an diesem Vormittag bereits drei Untergebene zum Verzweifeln gebracht, einen Stapel Berichte als überflüssig bezeichnet und beinahe eine ganze Schale Reiscracker aufgegessen. Seiner Ansicht nach war das ein durchaus zufriedenstellender Beginn des Tages, insbesondere angesichts der Tatsache, dass man ihm ursprünglich zugemutet hatte, mehrere Stunden mit irgendwelchen Hafenbeamten über die Sicherheit der Handelsrouten im East Blue zu diskutieren. Als ob es nicht genügte, die Piraten, die diese Routen unsicher machten, einfach zu verprügeln.
Er saß in seiner Kajüte an Bord des vor der Küste von Dawn Island vor Anker liegenden Marineschiffes, hatte die Füße auf den Schreibtisch gelegt und widmete sich gerade dem letzten Reiscracker, als es an der Tür klopfte.
„Herein!“
Ein junger Marinesoldat trat ein, salutierte und öffnete bereits den Mund, doch Garp kam ihm zuvor.
„Wenn das wieder einer dieser Hafenmeister ist, sag ihm, er soll seine Beschwerden aufschreiben und jemandem geben, der sich dafür interessiert.“
„Nein, Vizeadmiral! Es handelt sich um eine ältere Frau, die unbedingt mit Ihnen sprechen möchte.“
„Dann soll sie sprechen.“
„Sie besteht darauf, Sie persönlich zu sehen, Sir.“
Garp schob sich den Reiscracker in den Mund und betrachtete seinen Untergebenen mit hochgezogenen Augenbrauen. „Hat sie einen Namen?“
„Sie hat sich vorgestellt, Sir, aber sie möchte nicht, dass ich ihren Namen oder den Grund ihres Besuchs in den Bericht aufnehme.“
„Dann schreib eben keinen Bericht.“
Der Soldat blinzelte. „Sir?“
„Du hast mich gehört.“
„Jawohl, Sir! Allerdings …“ Der junge Mann zögerte. „Sie hat ein Baby dabei.“
Garp hörte auf zu kauen. Er musterte den Soldaten, als hätte dieser gerade behauptet, ein Seekönig habe sich freiwillig zum Marinedienst gemeldet.
„Ein was?“
„Ein Säugling, Sir.“
„Ich weiß, was ein Baby ist!“
„Jawohl, Sir!“
Garp ließ die Füße vom Tisch fallen und schnaubte. Was auch immer die Frau von ihm wollte, es versprach lästig zu werden. Normalerweise brachten Leute ihm verschwundene Angehörige, Beschwerden über Piraten oder irgendwelche Streitigkeiten, für die sich die örtlichen Behörden nicht zuständig fühlten. Einen Säugling hatte ihm allerdings noch niemand mitgebracht, um ein vertrauliches Gespräch zu führen.
„Na schön, lass sie rein.“
Der Soldat salutierte erneut und verschwand. Wenig später trat eine ältere Frau über die Schwelle, die einen sorgfältig mit Tüchern verhüllten Weidenkorb vor dem Körper hielt. Sie trug schlichte, saubere Reisekleidung, deren Ärmel an den Handgelenken abgewetzt waren. Einige graue Strähnen hatten sich aus ihrem streng zurückgebundenen Haar gelöst, und unter ihren Augen lagen dunkle Schatten. Trotzdem bewegte sie sich ruhig und sicher, als wäre sie nicht gerade an Bord eines Marineschiffes gestiegen, um einem der berüchtigtsten Vizeadmiräle der Welt unangemeldet einen Besuch abzustatten. Garp ließ den Blick über sie und den Weidenkorb gleiten.
„Also? Was gibt's?“
„Vizeadmiral Monkey D. Garp?“
„Der sitzt vor dir.“
Die Frau neigte höflich den Kopf. „Ich muss mit Ihnen unter vier Augen sprechen.“
Garp deutete mit dem Daumen zur Tür. „Du hast es gehört. Raus.“
Der Soldat zögerte nur kurz, ehe er die Kajüte verließ und die Tür hinter sich schloss.
Garp lehnte sich in seinem Stuhl zurück. „Jetzt sind wir allein. Also raus mit der Sprache.“
Die Frau trat näher, stellte den Korb jedoch nicht ab. Stattdessen prüfte sie mit einem kurzen Blick, ob die Tür tatsächlich geschlossen war. Garp bemerkte es.
„Du bist ziemlich vorsichtig für jemanden, der freiwillig auf ein Marineschiff kommt.“
„Ich habe guten Grund dazu.“
„Den würde ich gern hören.“
„Zunächst möchte ich wissen, ob Sie bereit wären, ein Kind in Ihre Obhut zu nehmen.“
Garp starrte sie an. Für einige Sekunden war nur das gedämpfte Knarren des Schiffes zu hören. Dann brach er in schallendes Gelächter aus.
„Bwahahahaha! Ein Kind?!“
Die Frau verzog keine Miene.
„Ja, Vizeadmiral.“
„Was glaubst du eigentlich, wo du hier bist? Bei einem Waisenhaus?“ Garp schlug sich auf den Oberschenkel. „Ich bin Vizeadmiral der Marine! Ich versenke Piratenschiffe! Ich jage Verbrecher! Ich habe keine Zeit, irgendwelchen Kindern die Windeln zu wechseln!“
„Ich habe nicht vor, Sie darum zu bitten, die Windeln persönlich zu wechseln.“
„Na, das wäre ja noch schöner!“
„Ich bitte Sie lediglich, mir zuzuhören.“
Garp verschränkte die Arme vor der Brust und lehnte sich mit einem unzufriedenen Grunzen zurück.
„Hör zu, alte Frau. Was auch immer du dir vorgestellt hast: Die Antwort ist nein.“
„Sie wissen noch nicht, worum es geht.“
„Es geht um ein Baby. Das reicht mir.“
„Das Kind befindet sich in Lebensgefahr.“
Garps Lachen verstummte nicht sofort, doch sein Blick veränderte sich.
„Dann solltest du vielleicht mit der Geschichte anfangen und nicht mit der Bitte, dass ich es mitnehme.“
Die Frau nickte langsam. Sie trat an den Schreibtisch heran und nahm einen schmalen, versiegelten Umschlag aus dem Inneren ihrer Kleidung.
„Man hat mich gebeten, Ihnen diesen Brief persönlich zu übergeben.“
Garp streckte die Hand aus, nahm den Umschlag entgegen und betrachtete das unbeschriftete Papier.
„Von wem?“
„Das wird der Brief Ihnen erklären.“
„Du machst es einem wirklich nicht leicht, was?“
„Nein, Vizeadmiral.“
Ein breites Grinsen erschien auf seinem Gesicht.
„Bwahahaha! Wenigstens bist du ehrlich.“
Er brach das Siegel mit dem Daumen auf und zog das gefaltete Schreiben heraus. Die Handschrift war fein und ordentlich, die Zeilen sorgfältig gesetzt. Bereits die ersten Worte ließen ihn jedoch die Augenbrauen zusammenziehen.
An Vizeadmiral Monkey D. Garp.
Mein Name ist Saint Figarland Ethanbaron Lucina.
„Figarland?“
Garp hob den Blick. Die Hebamme erwiderte ihn schweigend.
„Das soll wohl ein verdammt schlechter Scherz sein.“
„Nein.“
Er betrachtete sie noch einen Augenblick, ehe er sich wieder dem Brief zuwandte.
Sie kennen mich nicht persönlich. Ich weiß, dass mein Name Ihnen keinen Anlass geben wird, mir zu vertrauen. Vermutlich wird er eher das Gegenteil bewirken.
Garp schnaubte.
„Damit hat sie jedenfalls recht.“
Ich werde deshalb nicht versuchen, Ihnen meine Familie oder meine Stellung zu erklären. Sie wissen bereits genug über die Menschen, zu denen ich gehöre. Vor wenigen Tagen habe ich eine Tochter zur Welt gebracht. Sie lebt. Sie ist gesund, und wenn Sie diesen Brief lesen, befindet sie sich hoffentlich in Ihrer unmittelbaren Nähe. In Mary Geoise gilt mein Kind als totgeboren. Mein Ehemann, Saint Figarland Shamrock, glaubt, seine erste Tochter verloren zu haben. Er weiß nicht, dass sie lebt. Ebenso wenig weiß er, dass er nicht ihr leiblicher Vater ist.
Garp setzte die Füße vollständig auf den Boden. Er las die letzten Zeilen ein zweites Mal. Dann sah er zu dem Weidenkorb hinüber, den die Hebamme noch immer fest in den Armen hielt. Darin bewegte sich etwas. Ein kleines, unzufriedenes Geräusch war zu hören, bevor es wieder still wurde. Garps Augen verengten sich. Er las weiter.
Der Vater meiner Tochter ist Shanks.
„WAS?!“
Die Hebamme zuckte trotz ihrer bisherigen Beherrschung zusammen. Garp richtete sich so ruckartig auf, dass sein Stuhl gegen die Wand stieß.
„SHANKS?!“
Er hielt den Brief vor sich, als könnte sich der Name verändern, wenn er nur lange genug darauf starrte.
„Dieser rothaarige Bengel?!“
Die Frau hob beschwichtigend eine Hand. „Vizeadmiral, bitte. Ihre Stimme …“
„Ich weiß selbst, wie laut ich rede!“
Garp warf einen scharfen Blick zur Tür, wartete einen Augenblick und senkte dann widerwillig die Stimme.
„Dieser verfluchte Rotkopf.“
Er kannte Shanks. Nicht besonders gut, aber gut genug, um den Namen sofort einordnen zu können. Einer der beiden Jungen, die damals auf Rogers Schiff herumgelaufen waren, kaum älter als Kinder und trotzdem mitten zwischen einigen der gefährlichsten Piraten der Welt. Und nun sollte ausgerechnet dieser Kerl ein Kind mit einer Frau aus Mary Geoise haben? Mit einer Figarland? Garp rieb sich über das Gesicht.
„Natürlich“, knurrte er. „Warum sollte dieser Haufen auch jemals etwas Einfaches zustande bringen?“
Er ließ sich wieder auf seinen Stuhl fallen, hielt den Brief jedoch noch einen Augenblick vor sich.
„Eine Sache will ich vorher wissen. Ethanbaron … In welcher Beziehung steht Lucina zu Saint Ethanbaron V. Nusjuro?“
„Er ist ihr Großvater“, erwiderte die Hebamme. „Lucina ist seine Enkelin.“
Garp sah sie an. „Dann ist das Mädchen die Urenkelin eines der Fünf Weisen?“
„Ja.“
Für einen Moment starrte er auf das Schreiben in seiner Hand. Die Ethanbarons gehörten zu den mächtigsten Familien Mary Geoises, und Lucina war mit Shamrock aus dem Hause Figarland verheiratet. Offiziell hatte dieser Mann seine Tochter verloren. In Wahrheit lebte sie – und ihr Vater war ein Pirat, der einst auf Rogers Schiff gefahren war. Garp wusste nicht, was Mary Geoise mit einem solchen Kind anfangen würde, sollte die Wahrheit jemals herauskommen. Dass man dort wenig Verständnis für diese Verbindung aufbringen dürfte, musste ihm niemand erklären. Er rieb sich erneut über das Gesicht. Als wäre die Sache nicht schon kompliziert genug.
Dann las er weiter.
Shanks weiß nichts von meiner Schwangerschaft und nichts von der Geburt unserer Tochter. Ich bitte Sie, ihn nicht zu suchen und ihm diese Nachricht nicht zu überbringen. Nicht, solange dadurch die Sicherheit des Kindes gefährdet würde. Ich weiß nicht, ob er jemals die Gelegenheit bekommen wird, sie kennenzulernen. Ich weiß auch nicht, ob ich selbst sie jemals wiedersehen werde.
Garps Blick blieb einen Augenblick auf dieser Zeile liegen. Er betrachtete die Frau vor sich. Sie stand noch immer aufrecht, doch ihre Finger hatten sich fester um den geflochtenen Rand des Korbes geschlossen.
„Wie alt ist das Mädchen?“, fragte er.
„Eine Woche.“
Garp nickte langsam und wandte sich wieder dem Brief zu.
Ich hatte fünf Minuten mit ihr. Fünf Minuten, in denen ich sie halten, ihr Gesicht betrachten und ihr einen Namen geben durfte. Danach musste ich sie fortgeben. Ich habe sie Vela genannt. In der alten Sprache bedeutet dieser Name Segel. Zugleich ist es der Name eines Sternbildes. Ich wünsche mir, dass sie eines Tages die Freiheit des Meeres kennenlernen darf, ohne dabei den Himmel über sich zu vergessen. Ich bitte Sie, sie unter dem Namen Vela Vale aufwachsen zu lassen.
Vale war der Name meiner Mutter, Mira Vale. Es war auch mein eigener Name in den Jahren, die ich außerhalb Mary Geoises verbringen durfte. Damals war ich einfach Lucina Vale. Ich möchte, dass meine Tochter wenigstens diesen Teil meiner Herkunft erhält.
Garp hielt das Blatt ein wenig tiefer. Eine Himmelsdrachin, die sich einen Namen ohne ihren Titel wünschte. Er hatte schon viele sonderbare Dinge erlebt, aber das hier gehörte zweifellos zu den ungewöhnlicheren. Unwillkürlich musste er an die Menschen denken, denen er während seiner langen Dienstzeit in Mary Geoise begegnet war. An ihre selbstverständlichen Ansprüche, ihre Befehle und die Art, wie sie andere Menschen behandelten.
Die Figarlands gehörten nicht zu den Familien, deren Namen man leichtfertig aussprach, wenn man Ärger vermeiden wollte. Er kannte ihre Stellung. Er hatte genug von den Gottesrittern und den Machtverhältnissen in der Heiligen Stadt gesehen, um zu wissen, wie gefährlich die Angelegenheit werden konnte. Und jetzt saß er hier mit einem Schreiben, in dem eine Angehörige dieser Welt ihn darum bat, ihr Kind vor ebenjener Welt zu verstecken.
Garp schüttelte kaum merklich den Kopf.
Ich weiß, dass Sie den Weltaristokraten wenig Zuneigung entgegenbringen. Ich weiß auch, dass Sie wiederholt eine Beförderung zum Admiral ausgeschlagen haben, obwohl Ihnen dieser Rang längst zugestanden hätte. Sie haben sich geweigert, sich unmittelbar den Menschen zu unterstellen, zu denen ich durch meine Geburt gehöre. Das ist einer der Gründe, weshalb ich mich an Sie wende. Ich bitte Sie nicht, meine Familie zu schützen. Ich bitte Sie, meine Tochter vor ihr zu schützen. Sollte bekannt werden, dass sie lebt, würde man sie zurückfordern. Sollte außerdem bekannt werden, wer ihr wirklicher Vater ist, vermag ich nicht abzusehen, was man mit ihr tun würde.
Ich möchte nicht, dass sie zu einem politischen Werkzeug wird. Nicht zu einer Erbin, deren Leben andere bestimmen. Nicht zu jemandem, der aufgrund seiner Abstammung über Menschen verfügen darf, die er niemals kennengelernt hat. Sie soll aufwachsen dürfen, ohne für die Entscheidungen ihrer Eltern zur Verantwortung gezogen zu werden. Sie soll lachen können, Fehler machen und selbst entscheiden, welchen Weg sie einschlagen möchte. Ich verlange nicht von Ihnen, dass Sie mir helfen. Sie schulden mir nichts. Ich habe kein Recht, Ihnen diese Verantwortung aufzubürden, und ich werde Ihnen auch keine Versprechungen machen, die ich nicht halten kann.
Aber Sie besitzen die Möglichkeiten, ein Kind an einem Ort unterzubringen, den die Menschen meiner Familie nicht ohne Weiteres erreichen können. Und ich glaube, dass Sie ein Kind nicht für das verurteilen würden, was seine Eltern sind. Falls Sie meiner Bitte nachkommen, werde ich Ihnen niemals danken können. Falls Sie sie ablehnen, bitte ich Sie wenigstens, dafür zu sorgen, dass meine Tochter nicht nach Mary Geoise zurückgebracht wird.
Ihr Name ist Vela Vale.
Bitte lassen Sie sie leben.
Saint Figarland Ethanbaron Lucina.
Garp blieb sitzen. Von draußen drangen die Stimmen einiger Matrosen herein. Irgendwo wurde eine Kiste über die Planken geschoben, und ein Unteroffizier brüllte Anweisungen, die offenbar niemand beim ersten Mal verstand. Normalerweise hätte Garp spätestens jetzt das Fenster geöffnet, um seinerseits herumzubrüllen. Stattdessen las er die letzten Zeilen erneut.
Sie soll aufwachsen dürfen, ohne für die Entscheidungen ihrer Eltern zur Verantwortung gezogen zu werden.
Er kannte diesen Gedanken. Vor nicht allzu langer Zeit hatte ein anderer Mann ihm etwas ganz Ähnliches gesagt. Gol D. Roger. Dieser verdammte Narr hatte damals vor ihm gestanden, als wäre es das Selbstverständlichste der Welt, ausgerechnet seinen langjährigen Gegner um einen Gefallen zu bitten. Sein Kind sollte nicht wegen der Taten seines Vaters gejagt werden. Garp hatte ihn für vollkommen verrückt erklärt.
Und Roger hatte trotzdem darauf bestanden, dass er helfen würde. Garp stieß langsam die Luft aus. Er hatte geglaubt, ein solches Gespräch kein zweites Mal führen zu müssen. Sein Blick wanderte zu dem Korb. Ein wenig rotes Haar war unter dem Tuch hervorgetreten. Das Kind gab erneut ein leises Geräusch von sich. Garp faltete den Brief zusammen, legte ihn jedoch noch nicht aus der Hand.
„Sie hat die Totgeburt vortäuschen lassen?“
„Ja.“
„Und was wurde anstelle des Kindes beigesetzt?“
„Ein anderes Neugeborenes, das tatsächlich tot zur Welt gekommen ist.“
Er sah die Frau scharf an.
„Niemand hat dafür sterben müssen?“
„Nein, Vizeadmiral.“
Garp musterte sie einige Sekunden lang. Ihre Antwort kam ohne Zögern, und sie hielt seinem Blick stand.
„Wer weiß davon?“
„Ich kann Ihnen sagen, was ich selbst getan habe und was offiziell verzeichnet wurde. Mehr nicht.“ Sie sprach ruhig, doch er bemerkte die Erschöpfung in ihrer Stimme. „In Mary Geoise liegt die Meldung über eine Totgeburt vor. Das Mädchen, das ich Ihnen gebracht habe, ist in diesen Unterlagen nicht als lebendes Kind erfasst.“
„Und wie bist du mit ihr hierhergekommen?“
„Über See. Ich habe eine schnelle Überfahrt organisiert und darauf geachtet, dass das Mädchen versorgt war und niemand ihre Herkunft erfuhr.“
„Das war nicht meine Frage.“
„Dann müssen Sie genauer fragen.“
Garps Mundwinkel zuckte. Unter anderen Umständen hätte ihn diese Antwort vermutlich zum Lachen gebracht. Jetzt beschränkte er sich auf ein kurzes Schnauben.
„Bist du verfolgt worden?“
„Nicht, soweit ich feststellen konnte.“
„Weiß jemand, dass du mich aufsuchen wolltest?“
„Niemand, dem ich den Grund genannt hätte.“
Er betrachtete sie nachdenklich. Sie war keine Spionin. Jedenfalls wirkte sie nicht wie eine. Ihre Hände waren die einer Frau, die ihr Leben lang gearbeitet hatte, und alles an ihrem Verhalten sprach dafür, dass sie Kinder versorgen konnte, ohne sich von aufgeregten Eltern oder unfreundlichen Vizeadmirälen aus der Ruhe bringen zu lassen. Trotzdem hatte sie gerade eine der mächtigsten Familien der Welt hintergangen.
Entweder war sie außergewöhnlich mutig oder vollkommen wahnsinnig. Möglicherweise beides.
„Du weißt, was sie mit dir machen, wenn sie dich erwischen.“
„Ja.“
„Und trotzdem bist du gekommen.“
„Ja.“
Garp rieb sich den Bart.
„Ihr habt doch alle einen Knall.“
Die Frau nahm die Bemerkung mit einem kaum merklichen Lächeln hin.
„Möglich.“
Er stand auf und ging zu der kleinen Lampe, die auf einem Beistelltisch stand.
„Gibt's noch etwas, das ich wissen muss?“
„Lucina bat mich, Ihnen auszurichten, dass Sie den Brief unmittelbar nach dem Lesen verbrennen sollen.“
„Wenigstens hat sie daran gedacht.“
Garp hob den Lampenschirm an und hielt eine Ecke des Papiers an die Flamme. Er wartete, bis das Feuer den Rand erfasst hatte, und ließ den Brief dann in eine leere Metallschale fallen. Schweigend beobachtete er, wie sich die sorgfältig geschriebenen Zeilen schwärzten und das Papier zusammenrollte. Er wartete, bis nichts als Asche übrig war, und zerdrückte die letzten glimmenden Reste mit einem Metallstab.
Dann wandte er sich wieder der Hebamme zu.
„Na schön. Zeig her.“
Die Frau blickte auf den Korb.
„Das Mädchen?“
„Nein, den verdammten Korb. Natürlich das Mädchen!“
Sie stellte den Korb auf den freien Teil des Schreibtisches und schlug die obere Decke zurück. Garp trat näher. Darin lag ein winziges Mädchen, dessen Gesicht gerade einen ausgesprochen unzufriedenen Ausdruck annahm. Eine kleine Faust ragte aus den Tüchern hervor und bewegte sich ziellos durch die Luft. Über ihrer Stirn stand ein Schopf kräftig roter Haare ab. Garp beugte sich vor.
„Na, du bist ja ein kleines Ding.“
Vela antwortete mit einem leisen Quieken. Er schnaubte amüsiert.
„Und schon eine große Klappe, was?“
„Sie meldet sich eben gern zu Wort“, erklärte die Hebamme.
„Dann soll sie das wenigstens ein bisschen leiser machen.“
„Ich habe sie erst vor unserem Gespräch gefüttert. Hungrig ist sie jedenfalls nicht.“
Garp sah das Kind an. „Und warum beschwert sie sich dann?“
„Weil Neugeborene auch dann etwas zu sagen haben, wenn sie satt sind.“
„Bwahahaha! Dann hat sie ja schon eine Menge mit mir gemeinsam!“
Die Hebamme ließ ihm den Scherz durchgehen. Garp streckte eine Hand aus und berührte mit dem Zeigefinger vorsichtig die kleine Faust. Sofort schlossen sich die winzigen Finger darum. Er hielt inne. Der Griff war kaum spürbar. Vela bewegte den Arm, ohne seinen Finger loszulassen, und öffnete kurz die Augen. Garp betrachtete sie.
„Na, sieh mal einer an.“
Er drehte die Hand leicht, sodass er ihre Finger besser sehen konnte. Sein eigener Zeigefinger war beinahe so lang wie ihr ganzer Unterarm.
„Du hast es aber eilig, Leute festzuhalten.“
„Möchten Sie sie auf den Arm nehmen?“
Garp sah auf.
„Na schön, her damit.“
Die Hebamme hob Vela aus dem Korb und reichte sie ihm. Garp nahm das kleine Bündel entgegen, doch kaum hatte er seine Arme daruntergeschoben, griff die Frau korrigierend ein.
„Den Kopf bitte besser stützen.“
„Ich stütze ihn!“
„Mit der anderen Hand.“
„Ich habe zwei Hände, ich weiß schon, welche ich benutze!“
„Dann benutzen Sie bitte die richtige.“
Garp warf ihr einen empörten Blick zu. Die Hebamme erwiderte ihn vollkommen unbeeindruckt. Schließlich schob er die Hand so unter Velas Kopf, wie sie es ihm gezeigt hatte.
„Zufrieden?“
„Ja.“
„Gut.“
Er betrachtete das Mädchen in seinen Armen. Vela war erstaunlich leicht. Fast lächerlich leicht für jemanden wie ihn, der mit bloßen Händen Kanonenkugeln durch die Luft schleudern konnte. Er hätte sie ohne Mühe auf einer einzigen Hand tragen können, musste aber feststellen, dass er dabei lieber beide benutzte. Sie lag warm gegen seinen Unterarm, die Beine unter dem Tuch angezogen. Ihre kleinen Hände bewegten sich unkoordiniert, bis eine davon gegen seinen Daumen stieß.
Garp senkte den Kopf.
„Du weißt gar nicht, was für einen Ärger du mir machst.“
Vela verzog den Mund.
„Ja, genau so hab ich auch geguckt, als ich deinen Vater zum ersten Mal gesehen habe.“
Die Hebamme hob den Blick. Garp bemerkte es und winkte ab.
„Vergiss es.“
Er betrachtete erneut die roten Haare. Shanks. Dieser Bengel hatte Rogers Mannschaft schon als kleiner Junge mit seinen Streichen auf Trab gehalten. Dass dessen Tochter nun ausgerechnet bei ihm landete, war so absurd, dass Garp beinahe wieder laut gelacht hätte. Beinahe. Stattdessen musterte er das kleine Gesicht. Das Mädchen wirkte zufrieden, solange es nicht bewegt wurde. Ab und zu öffnete es den Mund und machte ein Geräusch, das an ein sehr leises Knurren erinnerte.
Garp grinste.
„Na, kleiner Schreihals. Bin ich wenigstens bequem?“
„Sieht ganz danach aus.“
„Na also.“
Er hob den Kopf.
„Und was braucht sie sonst?“
Die Hebamme deutete auf die Tasche neben dem Korb. „Darin befindet sich alles, was ich für die ersten Tage vorbereiten konnte. Kleidung, saubere Tücher, Fläschchen und die notwendigen Dinge für ihre Ernährung. Ich erkläre Ihnen, wie sie zubereitet werden muss.“
Garp sah zur Tasche.
„Das ist alles?“
„Für den Anfang. Später wird mehr benötigt.“
„Tse. Ganz schön anspruchsvoll für so einen kleinen Menschen.“
Die Frau zog eine Augenbraue hoch.
„Neugeborene sind dafür bekannt, wenig Rücksicht auf die Bequemlichkeit ihrer Umgebung zu nehmen.“
„Das merke ich mir.“
Sie nahm die Tasche, zeigte ihm die einzelnen Gegenstände und erklärte die Versorgung mit einer Ruhe, die Garp zunehmend auf die Probe stellte. Er hörte trotzdem zu, auch wenn er gelegentlich schnaubte, sobald sie eine Warnung wiederholte. Als sie ihm schließlich einen kleinen Stoffbeutel überreichte, nahm er ihn zwischen Daumen und Zeigefinger.
„Und was ist das?“
„Ein persönliches Erinnerungsstück ihrer Mutter.“
Garp öffnete den Beutel und ließ den Inhalt vorsichtig auf seine Handfläche gleiten. Ein kleiner dunkler Vogelanhänger lag darin. Das Metall war sorgfältig gearbeitet, die ausgebreiteten Flügel fein ausgeformt. Er drehte ihn zwischen den Fingern.
„Soll sie den tragen?“
„Später vielleicht. Im Augenblick muss er sicher aufbewahrt werden. Er gehört nicht um den Hals eines Säuglings.“
„Das hätte ich auch selbst gewusst.“
„Selbstverständlich.“
Garp schob den Anhänger zurück in den Beutel und steckte ihn sorgfältig ein. Dann sah er auf das Mädchen hinunter. Sie hatte inzwischen wieder die Augen geschlossen und ihren Kopf ein Stück gegen seinen Arm gedreht. Für einen Moment war es so still, dass er ihr gleichmäßiges Atmen hören konnte. Garp blickte zur Hebamme.
„Du kannst ihr ausrichten, dass ich mich darum kümmere.“
Die ältere Frau schloss die Augen. Nur für einen kurzen Augenblick. Als sie sie wieder öffnete, wirkte ihr Gesicht nicht weniger müde, doch die Anspannung um ihren Mund hatte nachgelassen.
„Danke, Vizeadmiral.“
„Bedank dich nicht zu früh. Ich habe noch keine Ahnung, was ich mit ihr anfangen soll.“
„Ich bin sicher, Ihnen wird etwas einfallen.“
„Das hoffe ich für uns beide.“
Garp brachte die Hebamme bis zur Tür. Bevor sie ging, wiederholte er einige seiner Fragen und vergewisserte sich, dass keine Unterlagen zurückblieben, die das Mädchen mit Mary Geoise in Verbindung bringen konnten. Die Frau beantwortete ihm alles, was sie wusste. Dann verließ sie die Kajüte. Garp wartete, bis ihre Schritte verklungen waren. Er sah auf den Säugling in seinen Armen. Danach wandte er den Blick zur Decke.
„Verdammt, Roger.“
Das Mädchen regte sich. Garp betrachtete sie.
„Du hast keine Ahnung, worin du da hineingeraten bist.“
Vela öffnete den Mund und begann zu schreien. Garp zuckte zusammen.
„HE! Nicht so laut!“
Das Geschrei wurde kräftiger. Er starrte sie an.
„Was denn jetzt schon wieder?!“
Vela antwortete mit einem empörten Kreischen. Garp sah auf die Tasche mit den Fläschchen und den Tüchern, dann auf das Kind und schließlich zur geschlossenen Tür.
Es dauerte nicht lange, bis er brüllte: „ICH BRAUCHE HIER MAL HEISSES WASSER!“
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Garp · Mt. Colubo
Der Weg zum Mt. Colubo gehörte nicht zu den schwierigsten Strecken, die Garp in seinem Leben zurückgelegt hatte. Mit einem Säugling, der gerade eine Woche alt war, erwies er sich allerdings als ungewöhnlich umständlich. Normalerweise kümmerte er sich wenig um steile Hänge oder Äste, die über den Weg ragten; heute achtete er bei jedem Schritt darauf, den gepolsterten Weidenkorb vor seiner Brust nicht durchzuschütteln. Den breiten Lederriemen hatte er mehrfach überprüft, und trotzdem hielt er vorsichtshalber einen Arm unter den Korb.
„Tse. Wegen dir muss ich ja richtig langsam machen“, brummte er zu dem kleinen Bündel darin.
Vela schlief unbeeindruckt weiter. Garp prüfte, ob ihr Gesicht frei lag, und folgte dem vertrauten Pfad durch den Wald. Über ihm rauschten die Blätter, und aus dem Unterholz drang das Zirpen irgendwelcher Tiere, die sich glücklicherweise nicht dazu entschlossen hatten, seinen Weg zu kreuzen. Er hatte sich gründlich überlegt, wohin er das Mädchen bringen würde. Bei Dadan brauchte es weder die Zustimmung eines Beamten noch Unterlagen, die irgendwann einem neugierigen Marinesoldaten in die Hände fallen konnten. Die Bergräuber mieden die Behörden aus guten Gründen, und er wusste, dass Dadan sich um ein Kind kümmern konnte. Natürlich würde sie ihm erst einmal die Hölle heißmachen.
Der Gedanke brachte ihn zum Grinsen. Als er die Lichtung erreichte, drang bereits eine wütende Frauenstimme aus dem windschiefen Haus.
„WENN ICH HERAUSFINDE, WER DAS WAR, KANN ER SEIN ABENDESSEN VERGESSEN!“
„Bwahahaha! Ganz die Alte.“ Garp stellte seine Tasche neben die Tür und klopfte mit der freien Faust so kräftig, dass es im Haus schlagartig still wurde. „DADAN! MACH AUF!“
Hastige Schritte näherten sich. Dann flog die Tür auf, und Curly Dadan stand mit einem Holzlöffel in der Hand vor ihm. Sie wirkte bereit, den nächsten Übeltäter mit dem Kochgeschirr zur Vernunft zu bringen. Beim Anblick des Vizeadmirals erstarrte sie jedoch.
„G-Garp?!“
„Na, freust du dich?“
„Vizeadmiral!“, brachte sie hervor und senkte den Löffel. Ihre Augen wanderten zu der Tasche, dann zu dem Korb vor seiner Brust. „Was willst du denn hier?“
„Ich bringe dir was.“
„Mir?“ Dadans Misstrauen wuchs sichtlich. „Was denn?“
Garp deutete mit dem Kinn nach unten. Dadan beugte sich vor, sah das helle Tuch und das kleine Gesicht darunter. Einige Sekunden lang sagte sie nichts. Sie richtete sich langsam wieder auf.
„Nein.“
„Du weißt doch noch gar nicht, was ich will!“
„Doch. Ich kenne diesen Blick. Nein, Garp.“ Dadan wich einen Schritt zurück und hob den Holzlöffel wie eine letzte Verteidigungslinie. „Beim letzten Mal hast du mir Ace gebracht. Und jetzt stehst du mit einem Baby vor meiner Tür!“
Hinter ihr tauchte Dogura auf. Er wollte gerade etwas fragen, doch sein Blick fiel auf den Korb. „Oh.“ Magura schob sich neben ihn, sah ebenfalls hinunter und stöhnte leise: „Nicht schon wieder.“
Garp lachte so herzhaft, dass Dadan ihm einen mörderischen Blick zuwarf. „Ihr solltet eure Gesichter sehen!“
„Das ist nicht lustig!“ Sie drehte sich zu ihren beiden Männern um. „Und ihr steht nicht einfach da herum. Sagt ihm, dass er das Kind wieder mitnehmen soll!“
Dogura räusperte sich. „Boss, vielleicht sollten wir ihn erst mal hereinlassen. Das Baby kann ja schlecht vor der Tür bleiben.“
Dadan starrte ihn an, als habe er die Seiten gewechselt. Magura nutzte den Moment, um Garps Tasche ins Haus zu tragen. Garp folgte ihm mit dem Korb, bevor Dadan sich eine weitere Ausrede überlegen konnte.
„He! Habe ich irgendetwas davon erlaubt?“
„Du wirst einen alten Freund doch nicht draußen stehen lassen.“
„Wir sind keine Freunde!“, fauchte sie, schloss aber die Tür hinter ihm.
Garp ging zum großen Tisch. Dort standen noch Schüsseln vom Essen und ein angeschnittener Brotlaib, doch bevor er sich bedienen konnte, stellte Dadan sich ihm in den Weg. „Ich habe mit Ace schon genug zu tun. Der Junge versucht inzwischen überall hochzuklettern, und ihr zwei scheint euch darin einig zu sein, dass mein Haus das perfekte Trainingsgelände ist.“
„Na, so schlimm wird der kleine Kerl wohl nicht sein.“
Ein unzufriedenes Quieken ertönte hinter einer Bank. Garp wandte sich um und entdeckte Ace, der sich an einem Tischbein hochgezogen hatte. Der Junge war noch kein Jahr alt, hatte dunkle Haare und betrachtete Garp mit großen Augen. Als Garp ihn begrüßte, löste Ace eine Hand vom Holz, streckte sie nach ihm aus und ließ sich prompt auf den Hosenboden fallen.
„Oi, Ace! Da bist du ja.“ Garp lachte. „Siehst du, Dadan? Er freut sich!“
„Er freut sich über jeden, der ihm etwas vom Tisch gibt. Das ist kein Verdienst.“
Ace begann auf ihn zuzukrabbeln, blieb jedoch auf halbem Weg stehen, als Vela im Korb zu weinen anfing. Ihre Stimme war zunächst kaum lauter als das Geplapper des Jungen. Garp beugte sich über den Korb und zog das Tuch etwas zur Seite, doch das Schreien wurde kräftiger.
„He, he. Was ist denn jetzt los?“
Dadan war sofort bei ihnen. „Lass mich mal.“
„Ich hab sie im Griff.“
„Dann erklär ihr das“, gab sie zurück und schob ihn mit der Schulter beiseite. Sie hob Vela behutsam aus dem Korb, stützte ihren Kopf und betrachtete das kleine Gesicht. „Wann hat sie zuletzt getrunken?“
„Auf dem Schiff, bevor wir los sind. Die Hebamme hat mir genau gezeigt, wie das geht.“
Dadan musterte ihn, als wolle sie entscheiden, ob sie ihm glauben konnte. Dann sah sie wieder auf das Kind. „Na schön. Dogura, räum den Tisch frei. Magura, wir brauchen warmes Wasser und die Fläschchen aus der Tasche.“ Sie wiegte Vela leicht, während die beiden Männer sich sofort an die Arbeit machten. „Schon gut, Kleine. Gleich kümmern wir uns darum.“
Garp betrachtete sie zufrieden. „Wusste ich's doch. Du kannst das.“
„Ich kann auch mit dem Löffel zuschlagen, falls du eine Vorführung brauchst.“
Er grinste, sagte aber nichts. Dadans Stimme war bei der Drohung rau geblieben; sobald sie wieder zu Vela hinuntersah, wurde sie leiser. Das Mädchen beruhigte sich nicht sofort, doch es lag sicher in ihrem Arm, und Dadan prüfte mit einer Selbstverständlichkeit die Tücher und die Wärme ihrer Haut, die Garp beruhigender fand, als er zugeben wollte.
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Erst als Vela versorgt war und Ace sich wieder mit einem Holzbecher beschäftigte, konnte Dadan sich an den Tisch setzen. Garp hatte sich längst ein Stück Brot genommen. Sie warf ihm einen Blick zu, der deutlich machte, dass er besser nicht auch noch nach dem letzten Rest fragen sollte.
„Also“, begann sie und hielt Vela weiterhin im Arm. „Warum genau ist sie hier?“
„Weil sie einen sicheren Ort braucht.“
„Garp.“
Er kaute zu Ende und legte das Brot ab. Zum ersten Mal seit seiner Ankunft verzichtete er auf ein Grinsen. „Ihre Mutter kann sie nicht behalten. Es wäre zu gefährlich.“
Dadan senkte den Blick auf das schlaftrunkene Mädchen. „Und ihr Vater?“
„Bei ihm wäre sie auch nicht sicher.“
„Sind die beiden tot?“
„Nein.“
Sie hob den Kopf. „Dann sollen sie gefälligst selbst für ihr Kind sorgen.“
„Das würden sie vielleicht gern.“ Garps Stimme blieb ruhig. „Aber ihre Mutter hat sie fortgegeben, damit sie am Leben bleibt. Mehr musst du nicht wissen.“
Dadan schwieg länger, als er erwartet hatte. Sie betrachtete Vela und zog das Tuch über ihre kleine Schulter, als wäre es allein die Kühle im Raum, die sie beschäftigte. „Und deshalb bringst du sie ausgerechnet zu uns“, sagte sie schließlich. „Zu einem Haufen gesuchter Bergräuber.“
„Die sich um Ace kümmern, obwohl sie dauernd behaupten, das nicht zu wollen.“
„Weil du uns mit unseren Steckbriefen erpresst!“, erinnerte sie ihn sofort.
Garp zuckte mit den Schultern. „Ein überzeugendes Argument, findest du nicht?“
Dadan stieß die Luft aus. Dogura, der am anderen Ende des Tisches Tücher zusammenlegte, vergrub sein Gesicht vorsichtshalber hinter der Arbeit. „Du kannst mir nicht einfach ein zweites Kind aufdrücken und dann so tun, als wäre nichts dabei“, sagte sie. „Sie braucht Nahrung, Kleidung, jemanden, der nachts aufsteht. Und Ace lässt uns schon jetzt kaum schlafen.“
„Dafür habe ich Sachen mitgebracht. Um den Rest kümmere ich mich auch.“
„Das hast du bei Ace ebenfalls gesagt.“
Garp wollte etwas erwidern, bemerkte jedoch, wie sie mit dem Daumen über Velas Rücken strich. Ihr Blick blieb bei dem Mädchen, selbst während sie mit ihm schimpfte. Er kannte Dadan lange genug, um zu wissen, wann er besser schwieg.
„Wie heißt sie überhaupt?“, fragte sie nach einer Weile.
„Vela. Vela Vale.“
Dadan wiederholte den Namen leise. „Vela Vale.“ Sie betrachtete das rote Haar, das unter dem Tuch hervorlugte. „Hübscher Name.“
„Na, siehst du? Gefällt dir doch!“
„Der Name, Garp. Ich habe von dem Namen gesprochen.“ Sie schüttelte den Kopf, als er grinste, doch dann wachte Vela kurz auf und verzog das Gesicht. Dadan rückte sie näher an sich und wiegte sie, bis sie wieder ruhig wurde. „Du kannst dich glücklich schätzen, Kleine. Den alten Sturkopf kann man wenigstens wegschicken.“
„He! So redet man doch nicht über mich!“
Dadan hob nur die Augenbrauen. Garp brach in Gelächter aus, und sogar Dogura musste hinter seinem Tücherstapel schmunzeln.
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Ace hatte inzwischen den Holzbecher aufgegeben. Sein Blick wanderte immer wieder zu dem Bündel in Dadans Armen, und jedes Mal rutschte er ein Stück näher. Schließlich saß er unmittelbar vor ihren Füßen und streckte beide Hände nach oben.
„Da!“
„Ja, da ist jemand“, antwortete Dadan. Sie sah zu Garp. „Wenn du ihn hochnimmst, hältst du ihn fest. Er ist im Moment schneller, als er denkt.“
„Bwahahaha! Kommt ganz nach mir.“ Garp hob den Jungen auf sein Knie, wo Ace sich sofort vorbeugte, um das fremde kleine Gesicht besser sehen zu können. Dadan hielt Vela außer Reichweite seiner hastig ausgestreckten Hände.
„Vorsichtig, Ace. Nicht an den Haaren ziehen.“
Der Junge sah sie an, als könne er mit dieser Anweisung wenig anfangen, und sagte erneut: „Da!“
„Das sehe ich.“ Dadan rückte etwas näher. „Du darfst das Tuch anfassen. Ganz sachte.“
Ace patschte gegen die Decke. Vela verzog den Mund und gab ein empörtes Geräusch von sich, worauf er erschrocken zurückzuckte. Garp musste lachen, doch Ace hatte seine Überraschung bereits überwunden. Neugierig streckte er den Zeigefinger aus und berührte ihre offene Hand. Velas Finger schlossen sich darum.
Der Junge erstarrte. Er zog vorsichtig, stellte fest, dass die kleine Hand nicht sofort losließ, und schaute zu Dadan auf.
„Ah?“
„Tja.“ Ein Lächeln zuckte um ihren Mund. „Jetzt hat sie dich.“
Garp beugte sich näher. „Na, Ace? Lässt du dich von so einem winzigen Ding festhalten?“
Ace befreite seinen Finger mit einem Ruck, betrachtete ihn prüfend und streckte ihn gleich wieder aus. Diesmal wartete er fast geduldig darauf, dass Vela erneut zugriff. Als sie stattdessen nur den Kopf bewegte und leise quiekte, machte er das Geräusch nach. Garp sah Dadan an, aber sie hatte nur Augen für die beiden Kinder.
„Sie sind sich offenbar einig“, stellte er fest.
„Worin?“
„Darin, dass wir ihnen zuzuhören haben.“
Als wolle Ace ihm recht geben, begann er lautstark zu protestieren, weil Vela seinen Finger nicht mehr festhielt. Dadan schob das Mädchen vorsichtig in eine bequemere Lage, während Garp versuchte, den zappelnden Jungen auf seinem Knie zu behalten. Dogura kam aus der Küche, sah die beiden Kinder und blieb unschlüssig stehen.
„Soll ich Ace nehmen?“
„Gern“, sagte Dadan im selben Moment, in dem Garp „Wozu denn?“ fragte.
Dogura entschied sich für Dadan. Ace ließ sich allerdings nur widerwillig übernehmen und hielt sich noch einen Moment an Garps Ärmel fest. Magura, der hinter Dogura aufgetaucht war, betrachtete das Durcheinander und sagte schließlich: „Wir brauchen mehr Decken.“
Dadan sah von ihm zu Vela. Die mitgebrachten Tücher waren sauber, aber für die kühlen Nächte am Berg tatsächlich etwas dünn. „Ja“, sagte sie. „Und einen Platz, an dem sie schlafen kann, ohne dass Ace sich daraufsetzt.“
Garp grinste. „Siehst du? Ihr habt schon einen Plan.“
„Wir haben ein Problem“, korrigierte Dadan. „Du bist derjenige, der sich darüber freut.“
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Am späten Nachmittag breiteten Garp und Dadan den Inhalt der mitgebrachten Tasche auf dem Tisch aus. Ace klopfte in sicherer Entfernung mit seinem Holzbecher gegen ein Tischbein, während Dogura und Magura nach einem zusätzlichen Kinderbett suchten. Dadan prüfte die Kleidung, die Fläschchen und die Tücher, bis sie schließlich die Stirn runzelte.
„Das reicht für den Anfang. Aber nicht lange.“
„Dann besorgen wir mehr.“
„Wir?“ Sie sah ihn über die Schulter an. „Du bist doch derjenige, der hier gleich wieder verschwindet.“
Garp legte einen schweren Beutel auf den Tisch. Als sie ihn öffnete, wich ihr empörter Gesichtsausdruck für einen Moment ehrlicher Überraschung. Sie wog das Geld in der Hand und sah dann misstrauisch zu ihm auf.
„Das ist ziemlich viel.“
„Zwei Kinder kosten eben mehr als eins.“
„Dann will ich hoffen, dass du beim nächsten Mal auch daran denkst.“ Dadan zog den Beutel zu sich, bevor Garp eine passende Bemerkung machen konnte. „Und du besorgst, was wir hier oben nicht bekommen. Vernünftige Sachen, verstanden?“
„Für wie unfähig hältst du mich eigentlich?“
Sie sah ihn an. Garp hob eine Hand. „Schon gut. Vergiss die Frage.“
Zwischen den Tüchern fand Dadan den kleinen Stoffbeutel. Sie öffnete ihn und ließ einen dunklen Vogelanhänger auf ihre Handfläche gleiten. Die fein ausgearbeiteten Flügel glänzten im Nachmittagslicht. Dadan betrachtete ihn einen Moment, bevor sie fragte: „Was ist das?“
„Ein Geschenk ihrer Mutter. Es gehört Vela.“
„Soll sie den später tragen?“
„Wenn sie alt genug ist. Bis dahin bleibt er sicher verwahrt.“
Dadan nickte. Sie ging zu einer Truhe an der Wand, legte den Anhänger zwischen einige sorgfältig zusammengelegte Dinge und schloss den Deckel. „Da kommt keiner dran.“
Garp beobachtete sie dabei. „Gut.“
Sie blieb noch einen Augenblick bei der Truhe stehen und drehte sich dann um. „Du wirst wiederkommen, Garp. Nicht erst, wenn die beiden fast erwachsen sind.“
„Natürlich komme ich wieder.“
„Ich meine es ernst. Wenn eines der Kinder krank wird oder etwas fehlt, muss ich dich erreichen können.“
Diesmal machte er keinen Scherz. Er erklärte ihr, wie sie ihm eine Nachricht zukommen lassen konnte, ohne Velas Namen oder Herkunft anzugeben. Dadan hörte aufmerksam zu und wiederholte die Angaben, bis er zufrieden nickte. Erst dann verschränkte sie die Arme und betrachtete ihn wieder mit ihrer üblichen finsteren Miene.
„Und wenn du das nächste Mal auftauchst, bringst du keine Überraschung in einem Korb mit.“
„Bwahahaha! Wer weiß, was die Zukunft bringt?“
„Garp.“
„Schon gut, schon gut.“ Er hob beschwichtigend die Hände, und Dadan wandte sich ab, um Ace den Holzbecher wegzunehmen, mit dem er inzwischen versuchte, den Tisch zu bearbeiten. Der Junge protestierte empört. Garp sah ihnen einen Moment zu. Trotz ihres Schimpfens nahm Dadan den Becher so aus seinen Händen, dass er sich nicht erschreckte, und bot ihm ein anderes Spielzeug an.
Nicht zum ersten Mal an diesem Tag war Garp froh, ausgerechnet sie ausgesucht zu haben.
Als das Bett aus dem Nebenraum geholt worden war, überprüfte Dadan die Verbindungen des Holzrahmens und stellte es an eine geschützte Stelle, weit genug vom Fenster entfernt, um keinen Zug abzubekommen. Sie polsterte es mit frischen Tüchern und legte Vela vorsichtig hinein. Das Mädchen war nach einem ereignisreichen Tag eingeschlafen. Die kleine rote Strähne über ihrer Stirn hatte sich erneut aufgerichtet.
Garp beugte sich über das Bett. „Na, du. Lässt die anderen arbeiten und schläfst einfach?“
„Lass sie in Ruhe“, sagte Dadan hinter ihm.
„Ich hab sie nicht mal angefasst.“
„Du bist laut genug für drei.“
Garp schnaubte, aber er richtete sich auf. Ace hatte sich inzwischen an der Bettkante hochgezogen und versuchte, einen Blick auf das schlafende Mädchen zu erhaschen. Als er die Hand ausstreckte, hielt Dadan sie vorsichtig zurück.
„Nicht an den Haaren, Ace. Und wenn ich nicht hier bin, bleibst du vom Bett weg.“
„Da“, erwiderte der Junge ernsthaft.
„Ja. Da.“ Sie strich ihm kurz über den Kopf, ehe er sich wieder auf den Hosenboden sinken ließ. Garp musste grinsen. Wie lange es wohl dauern würde, bis Ace herausfand, dass man einem kleinen Kind auch Spielzeug wegnehmen konnte? Vermutlich nicht besonders lange. Dadan würde genug zu tun bekommen.
Er griff nach seinem Mantel. „Na schön. Ich muss los.“
„Wird auch Zeit“, sagte Dadan, doch diesmal klang sie eher erschöpft als wütend.
Dogura erschien aus der Küche. „Vizeadmiral, sollen wir Ihnen noch etwas zu essen mitgeben?“
„Aber sicher doch!“ Garp nahm das Bündel entgegen, das Magura bereits vorbereitet hatte. Dadan warf beiden Männern einen vorwurfsvollen Blick zu. „Gute Leute hast du da“, sagte Garp zufrieden.
„Verschwinde, bevor ich es mir anders überlege.“
Er lachte leise und wandte sich zur Tür, blieb jedoch nach ein paar Schritten stehen. Ace saß noch immer neben dem Bett. Garp ging zurück, hob ihn kurz hoch und drückte ihm mit zwei Fingern spielerisch gegen die Stirn.
„Sei brav, du kleiner Bengel.“
„Da!“ Ace streckte die Arme nach ihm aus, als Garp ihn wieder absetzte.
„Ich komme wieder.“
Dann beugte sich Garp noch einmal über das Bett. Velas Hände lagen neben ihrem Gesicht. Vorsichtig berührte er eine davon mit dem Finger, und obwohl das Mädchen weiterschlief, schlossen sich ihre winzigen Finger darum. Er wartete, bis sie von selbst lockerer wurden, ehe er die Hand zurückzog.
„Und du machst Dadan nicht zu viel Ärger.“
„Als ob sich irgendein Kind daran halten würde“, murmelte sie.
Garp sah zu Ace, der bereits versuchte, auf das Bett zu klettern. „Dann muss sie eben stark werden.“
„Sie soll erst mal ordentlich wachsen.“ Dadan hob Ace von der Bettkante weg und hielt ihn an der Hand, bis er wieder festen Stand hatte. Garp nickte. Diesmal widersprach er ihr nicht.
Auf der Veranda drehte Dadan sich noch einmal zu ihm. „Vergiss deine Versprechen nicht. Geld, Vorräte, und wenn ich dich brauche, antwortest du!“
„Ja, ja. Hab ich gehört.“ Garp winkte und setzte sich den Hang hinunter in Bewegung.
Hinter ihm fiel die Tür ins Schloss. Er war noch nicht weit gekommen, als Vela zu schreien begann. Kurz darauf stimmte Ace ein, und durch das Holz drang Dadans Stimme.
„Dogura! Magura! Kann mir hier mal jemand helfen?“
Garp blieb stehen und lauschte. Dann musste er so laut lachen, dass ein paar Vögel aus den umliegenden Bäumen aufflogen.
„Viel Spaß, Dadan!“
„ICH HAB DICH GEHÖRT, DU ALTER SACK!“
Noch immer grinsend setzte er seinen Weg fort. Hinter ihm war das Haus keineswegs still geworden. Aber die beiden Kinder waren dort, wo jemand nach ihnen sah, wenn sie weinten. Für den Augenblick war das alles, was er hatte erreichen wollen.
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Nachwort
Und damit wäre Vela offiziell bei Dadan angekommen!
Nach dem eher ernsten Prolog „Fünf Minuten“ durfte es diesmal etwas chaotischer werden. Ich hatte jedenfalls meinen Spaß daran, Garp mit einem Neugeborenen zu konfrontieren und Dadan gleich noch ein zweites Kind aufs Auge zu drücken. Als hätte sie mit Ace nicht schon genug zu tun!
Besonders am Herzen lag mir auch die erste Begegnung zwischen Ace und Vela. Irgendwo muss schließlich alles anfangen. <3
Ich hoffe, euch hat das Kapitel gefallen! Mich würde interessieren, wie euch der Einstieg in Velas Geschichte bisher gefällt.
Über ein kleines Review würde ich mich riesig freuen!
Bis zum nächsten Kapitel! <3
Eure LastMemory