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Kapitel 2 – Zwei gegen den Rest

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Kapitel 2 – Zwei gegen den Rest

Garp · Mt. Colubo

Als Monkey D. Garp an diesem Nachmittag die Lichtung vor Dadans Haus erreichte, flog gerade ein Holzscheit durch das weit geöffnete Küchenfenster. Es landete wenige Schritte vor seinen Füßen, prallte einmal auf dem Boden auf und rollte gegen einen Baumstumpf. Unmittelbar darauf ertönte ein ohrenbetäubendes Krachen, gefolgt von einem schrillen Kinderschrei und einer Stimme, die Garp unter Tausenden erkannt hätte.

„ICH HAB EUCH GESAGT, IHR SOLLT DAS VIEH NICHT INS HAUS LASSEN!“

Garp blieb stehen, betrachtete das Holzscheit und hob langsam den Kopf. Aus dem Haus drang wildes Poltern. Jemand schrie nach Dogura, etwas Schweres wurde umgeworfen, und dann ertönte ein ausgelassenes Kinderlachen, das von einem zweiten, kaum weniger begeisterten beantwortet wurde. Ein breites Grinsen breitete sich auf Garps Gesicht aus.

„Bwahahahaha! Na, hier ist ja wieder was los!“

Er war seit einigen Monaten nicht mehr auf Dawn Island gewesen. Seine letzten Einsätze hatten ihn über mehrere Meere geführt, und obwohl Dadan ihre Versorgungslieferungen zuverlässig erhalten hatte, war sein letzter persönlicher Besuch länger her, als ihm lieb war. Eigentlich hatte er vorgehabt, die Kinder zu überraschen, ein wenig mit ihnen zu trainieren und anschließend nachzusehen, ob Dadan noch immer über alles schimpfte, was er tat.

Zumindest der letzte Punkt schien bereits geklärt. Garp schulterte den großen Sack mit Vorräten, den er aus Foosha mitgebracht hatte, und setzte sich wieder in Bewegung. Noch bevor er die Veranda erreichte, wurde die Tür mit solcher Wucht aufgestoßen, dass sie gegen die Außenwand schlug. Ein kleines Wildschwein schoss heraus.

Es war noch nicht ausgewachsen, aber bereits kräftig genug, um einen beachtlichen Schaden anzurichten. An seinem Hinterlauf schleifte ein Stück Schnur, das sich bei der Flucht offenbar von einer Falle gelöst hatte. Mit einem empörten Quieken raste es über die Lichtung, dicht gefolgt von einem fünfjährigen Jungen mit schwarzen Haaren.

„BLEIB STEHEN!“

Ace rannte barfuß über den Hof, die kurze Hose voller Schlamm und einen Stock in der Hand. Seine schwarzen Haare standen in sämtliche Richtungen ab. Er hatte sich offenbar fest vorgenommen, das Tier einzuholen, obwohl dieses bereits einen beträchtlichen Vorsprung besaß.

„DU MUSST LINKS RUM!“

Die zweite Stimme gehörte einem kleinen Mädchen, das unmittelbar hinter ihm aus dem Haus stürmte. Ihr kräftig rotes Haar war zu einem unordentlichen Zopf gebunden, aus dem sich mehrere Strähnen gelöst hatten. Ihre Knie waren schmutzig, das Hemd hing auf einer Seite aus der Hose, und auf ihrer linken Wange prangte ein dunkler Streifen, dessen Herkunft Garp lieber nicht erraten wollte. Vela.

Sie war inzwischen vier Jahre alt, und wenn die Berichte, die Dadan ihm bei seinen Besuchen erstattete, auch nur halbwegs zutrafen, hatte sie einen beachtlichen Teil ihrer Zeit damit verbracht, die Geduld der Bergräuber auf eine harte Probe zu stellen.

„ACE!“, rief sie. „DU LÄUFST FALSCH!“

„NEIN!“

„DOCH!“

Das Schwein schlug einen Haken. Ace versuchte, ihm zu folgen, verlor auf dem feuchten Boden den Halt und landete mit beiden Händen im Schlamm. Vela sauste an ihm vorbei.

„Ich hab's!“

Sie sprang über einen umgestürzten Korb, duckte sich unter einem niedrigen Ast hindurch und streckte beide Arme nach dem Tier aus. Das Wildschwein änderte erneut die Richtung. Vela griff ins Leere und stolperte so knapp an Garp vorbei, dass sie beinahe gegen sein Bein geprallt wäre. Er fing sie am Kragen auf.

„He, wo soll's denn hingehen?“

Vela strampelte einmal, drehte den Kopf und starrte zu ihm hinauf. Ihre Augen wurden groß.

„OPA!“

Im nächsten Augenblick war das Wildschwein vergessen. Sie streckte beide Arme nach ihm aus und versuchte, an seinem Arm hochzuklettern.

„OPA, DU BIST DA!“

Garp hob sie mit einer Hand hoch und lachte schallend.

„Na, du kleiner Rotschopf! Hast du ordentlich trainiert?“

„Ja!“ Vela strahlte ihn an. „Wir fangen ein Schwein!“

„Das sehe ich!“

„Es ist aber schnell.“

„Dann müsst ihr schneller sein!“

Ace hatte sich inzwischen aus dem Schlamm erhoben und kam angerannt.

„GARP! LASS SIE RUNTER! DAS SCHWEIN HAUT AB!“

Garp sah zu ihm hinüber.

„Bwahahaha! Na, Ace! Du bist ja ganz schön gewachsen!“

„ICH MUSS DAS SCHWEIN FANGEN!“

„Warum denn?“

Ace öffnete den Mund, schloss ihn wieder und warf seiner Schwester einen Blick zu. Vela sah zurück. Die beiden schienen sich wortlos darüber zu verständigen, welche Antwort am wenigsten Ärger einbringen würde.

„Weil …“, begann Ace.

„Weil wir es brauchen“, ergänzte Vela.

Garp hob eine Augenbraue.

„Ach ja? Wofür?“

„Zum Trainieren!“, erklärte sie stolz.

Ace nickte sofort. „Genau!“ Noch bevor Garp nachfragen konnte, erschien Dadan in der Tür. Sie trug eine Schürze, an der Mehl und irgendetwas Dunkles klebten. In ihrer rechten Hand hielt sie einen Kochlöffel, während ihre linke Faust so fest geballt war, dass ihre Knöchel weiß hervortraten. Als sie Garp entdeckte, blieb sie abrupt stehen. Ihr Blick wanderte von ihm zu Vela, die noch immer an seinem Arm hing, und dann zu Ace.

„GARP!“

„Dadan! Du siehst ja blendend aus!“

„DU!“

Sie machte einen Schritt vorwärts.

„DU BIST AN ALLEM SCHULD!“

Garp blinzelte.

„Ich bin doch gerade erst gekommen.“

„JA, UND DIESE BEIDEN SIND DEINE SCHULD!“

Vela hob eine Hand.

„Dadan?“

„WAS?!“

„Das Schwein läuft weg.“

Dadan drehte sich um. Das Wildschwein hatte inzwischen den Waldrand erreicht und verschwand zwischen den Büschen. Einige Sekunden lang starrte sie ihm nach. Dann wandte sie sich langsam wieder den Kindern zu.

„Gut.“

Ace runzelte die Stirn.

„Gut?“

„JA, GUT!“

„Aber wir wollten es doch behalten!“, protestierte Vela.

„ICH WILL DIESES VIEH NIE WIEDERSEHEN!“

Garp musste wieder lachen, und Vela lachte auf seinem Arm vergnügt mit. Dadan richtete den Kochlöffel auf ihn.

„DU LACHST NICHT!“

„Aber das ist doch zum Brüllen!“

„KOMM REIN UND SIEH DIR MEINE KÜCHE AN!“

Garps gute Laune verbesserte sich noch erheblich, als er die Küche betrat. Einer der Vorratssäcke war aufgerissen, mehrere Rüben lagen über den Boden verteilt, und ein umgestürzter Schemel hatte sich unter einem Regal verkeilt. In der Ecke stand Magura mit einem Besen, während Dogura versuchte, einen beschädigten Schrank wieder aufzustellen. Ein Seil zog sich vom Eingang quer durch den Raum; an einem Ende baumelte eine verwickelte Schlinge. Garp betrachtete das Durcheinander, dann das Seil und schließlich die Kinder.

„Das habt ihr beide gemacht?“

Ace stemmte die Hände in die Hüften.

„Wir wollten es fangen.“

„Und wie?“

Vela, die Garp inzwischen wieder abgesetzt hatte, lief zum Tisch und zeigte auf das Seil.

„Wir haben eine Falle gebaut!“

„Aha!“

„Draußen!“, fügte Ace hinzu und zeigte über die Schulter zur Lichtung. „Mit Rüben.“

„Und einem Korb“, sagte Vela. „Aber das blöde Schwein hat ihn umgeschmissen!“

„Es ist einfach weitergerannt“, beklagte sich Ace.

„Und ihr hinterher?“, fragte Garp.

Beide nickten eifrig. Vela zeigte auf die Tür. „Dann ist es einfach hier reingerannt!“

„Wir wollten es aufhalten“, erklärte Ace.

„Habt ihr ja ausgezeichnet geschafft.“ Garp sah sich in der Küche um.

Vela zeigte auf den beschädigten Schrank. „Dann ist das Schwein gegen den Schrank gerannt.“

„Und Dogura ist hingefallen“, ergänzte Ace.

Aus der Ecke meldete sich der Angesprochene. „Weil mir bei der Jagd euer Seil um die Füße geflogen ist!“ Ace runzelte die Stirn. „Du solltest da nicht langlaufen.“ Dogura starrte ihn an. „ICH WOHNE HIER!“ Dadan schlug mit dem Kochlöffel auf den Tisch.

„SCHLUSS JETZT!“

Garp nickte zum offenen Fenster. „Und wer hat da vorhin ein Holzscheit rausgeworfen?“ Dadan hob den Löffel noch etwas höher. „SOLL ICH DIR ZEIGEN, WIE DAS PASSIERT IST?“ Er grinste. „Schon gut, schon gut.“ Sie deutete auf die beiden Kinder.

„Ihr habt meine Vorräte geplündert, draußen eine Falle gebaut, einen halben Wald angeschleppt und das verdammte Schwein bis in meine Küche gejagt!“

Vela hob vorsichtig einen Finger. „Wir haben nur Äste geholt.“ Dadan drehte langsam den Kopf. „Was?“

„Fünf“, sagte Ace.

„Sechs“, korrigierte Vela.

„Fünf!“

„Der kleine zählt auch!“

„DAS IST MIR VOLLKOMMEN EGAL!“, brüllte Dadan.

Garp schüttelte amüsiert den Kopf.

„Bwahahaha! Ihr hättet besser ein größeres Seil genommen!“

Dadan wirbelte zu ihm herum.

„Du sollst ihnen nicht auch noch Tipps geben!“

„Na, wenn sie schon eine Falle bauen, dann wenigstens eine ordentliche!“

„SIE SIND VIER UND FÜNF JAHRE ALT!“

„Früh übt sich!“

Dadan sah aus, als überlege sie ernsthaft, ob sie Garp mit dem Kochlöffel erschlagen konnte. Schließlich wandte sie sich wieder den Kindern zu.

„Also. Wer von euch beiden hatte diese bescheuerte Idee?“

Ace öffnete sofort den Mund.

„Ich.“

„Nein!“, sagte Vela.

Garp hob interessiert die Augenbrauen. Ace sah seine Schwester an.

„Doch.“

„War nicht nur deine!“

„Ich hab das Schwein gefunden!“

„Aber ich hab gesagt, wie wir es fangen!“

„Weil ich gefragt hab!“

„Ja, und?“

Dadan presste die Lippen zusammen.

„Ich habe nicht gefragt, wer von euch was gemacht hat!“

„Wir beide“, antwortete Vela.

Ace nickte.

„Ja.“

Garp betrachtete sie. Noch vor einem Augenblick hatten sie darüber gestritten, wer zuerst am Seil gezogen hatte. Jetzt standen sie nebeneinander, die Gesichter schmutzig und die Schultern beinahe aneinandergepresst, und sahen Dadan mit demselben sturen Ausdruck an. Die Bergräuberin atmete tief durch.

„Wunderbar. Dann räumt ihr beide jetzt auch gemeinsam auf!“

Ace verzog das Gesicht.

„Alles?“

„ALLES!“

Vela betrachtete die umgestürzten Säcke.

„Aber das ist ganz viel.“

„Dann hättet ihr weniger kaputt machen sollen!“

Garp grinste breit.

„Klingt nach einem ausgezeichneten Training!“

„Du hilfst gefälligst auch!“, fuhr Dadan ihn an.

Garp richtete sich auf.

„Was?! Ich hab doch gar nichts kaputtgemacht!“

„DU HAST DIE BEIDEN ANGESTIFTET, JEDEN UNSINN ZU MACHEN, DER IHNEN EINFÄLLT!“

„Wenn sie dabei stärker werden, ist doch alles in Ordnung!“

„GARP!“

Vela zog währenddessen an Aces Ärmel.

„Ich nehme die Rüben.“

„Ich auch.“

„Dann nimm du die da drüben.“

„Warum?“

„Weil ich hier schon angefangen hab.“

Ace schaute auf die verstreuten Rüben. Dann wieder zu Vela.

„Ich kann mehr tragen als du.“

Vela hob das Kinn.

„Ich bin schneller.“

„Na und?“

„Ich bin zuerst fertig!“

„Wetten?“

„Ja!“

Im nächsten Augenblick stürzten sich beide auf die herumliegenden Vorräte. Dadan hielt sich die Stirn.

„Das kann doch nicht wahr sein.“

Garp grinste.

„Bwahahaha! Wenigstens arbeiten sie!“

Es stellte sich heraus, dass gemeinsames Aufräumen für Ace und Vela eine ausgesprochen wettbewerbsorientierte Angelegenheit war. Ace sammelte möglichst viele Rüben gleichzeitig ein, selbst wenn er sie kaum noch tragen konnte. Vela hingegen flitzte zwischen Tisch, Regal und Vorratsschrank hin und her und brachte kleinere Mengen so schnell an ihren Platz, dass ihr Bruder zunehmend unzufrieden wurde.

„Ich hab schon neun!“, verkündete sie.

„Ich hab zehn!“

Vela warf einen Blick auf seinen Arm.

„Da fallen welche runter.“

„Tun sie nicht!“

Eine Rübe löste sich aus seinem Griff und landete auf dem Boden. Vela grinste.

„Doch.“

Ace funkelte sie an.

„Halt die Klappe!“

Sie streckte ihm die Zunge heraus. Garp saß inzwischen am Tisch, hatte den mitgebrachten Vorratssack geöffnet und bediente sich an den Reiscrackern, während er die Kinder beobachtete. Dadan hatte sich neben ihn gestellt und verschränkte die Arme.

„Du könntest wenigstens den Schrank wieder hinstellen.“

„Warum? Dafür sind doch Dogura und Magura da.“

„WEIL DU GROSS GENUG BIST, DAS DING MIT EINER HAND ZU HEBEN!“

„Stimmt!“

Er erhob sich widerwillig, packte den beschädigten Schrank und stellte ihn mit einer einzigen Bewegung wieder auf. Magura starrte ihn an.

„Äh … danke, Vizeadmiral.“

„Kein Problem!“

Garp klopfte sich die Hände ab und setzte sich wieder. Dadan betrachtete ihn fassungslos.

„Dogura und Magura quälen sich mit dem Ding ab, während du hier sitzt und frisst!“

„Ich wollte ihnen nicht die ganze Arbeit wegnehmen!“

Sie holte tief Luft. Garp schob sich einen Reiscracker in den Mund, bevor sie erneut losbrüllen konnte. Die Kinder hatten ihre Arbeit inzwischen zu einer regelrechten Herausforderung erklärt. Ace schleppte eine Kiste mit Kartoffeln zum Vorratsregal, während Vela versuchte, einen Stapel kleiner Schüsseln gleichzeitig auf den Tisch zu tragen.

„Vorsicht“, rief Dogura.

„Ich kann das!“, antwortete sie.

Sie schaffte tatsächlich drei Schritte, bevor die oberste Schüssel gefährlich zu wackeln begann. Ace stellte seine Kiste ab.

„Vela, die fällt!“

„Nein!“

„Doch!“

Er sprang vor und fing die Schüssel auf, gerade als sie vom Stapel rutschte. Vela blieb stehen. Für einen Moment sahen beide auf das gerettete Geschirr. Dann grinste sie.

„Gut gefangen.“

Ace hob stolz das Kinn.

„Weiß ich.“

„Aber ich war schneller mit den Rüben.“

Sein Grinsen verschwand.

„Warst du nicht!“

„War ich wohl!“

„Gar nicht!“

Garp beobachtete den Schlagabtausch mit sichtlichem Vergnügen.

„Bwahahaha! Ihr zwei wollt wohl immer gewinnen, was?“

Ace drehte sich sofort zu ihm.

„Ich gewinne!“

„Nein, ich!“, widersprach Vela.

Garp lehnte sich zurück.

„Na, dann zeigt mal, was ihr könnt!“

Dadan fuhr herum.

„Was hast du vor?!“

Er grinste.

„Training!“

„NEIN!“

„Bwahahaha! Du weißt doch noch gar nicht, was ich vorhabe!“

„Ich kenne dich, Garp!“

Ace und Vela hatten inzwischen aufgehört zu streiten. Beide starrten Garp erwartungsvoll an.

„Was für Training?“, fragte Ace.

„So richtig?“, fragte Vela.

Garp verschränkte die Arme.

„Natürlich richtiges Training! Schließlich sollt ihr mal starke Marinesoldaten werden!“

Ace verzog sofort das Gesicht.

„Ich will kein Marinesoldat werden.“

„Ach, Unsinn!“

„Ich will kämpfen!“

„Das kannst du bei der Marine auch!“

Vela hob die Hand.

„Kann ich dann auch auf Schiffe?“

„Natürlich!“

„Auf große?“

„Auf riesige!“

Ihre Augen leuchteten.

„Mit Kanonen?“

„Mit jeder Menge Kanonen!“

„Darf ich die abschießen?“

Dadan schlug beide Hände vors Gesicht. Garp lachte.

„Wenn du groß genug bist!“

Vela strahlte. Ace verschränkte die Arme.

„Ich will trotzdem nicht.“

Garp beugte sich zu ihm hinunter.

„Dann werde ich dich eben so lange trainieren, bis du deine Meinung änderst!“

Ace starrte zurück.

„Dann kannst du lange warten.“

Garps Grinsen wurde noch breiter.

„Das gefällt mir!“

·  ·  ·

Eine halbe Stunde später stand Dadan vor dem Haus und betrachtete mit wachsendem Entsetzen, was Garp unter einem geeigneten Trainingsgelände verstand. Der Vizeadmiral hatte auf der Lichtung mehrere Baumstämme ausgelegt, zwei größere Steine herangeschafft und zwischen zwei Bäumen ein Seil gespannt. An einem tief hängenden Ast flatterten zwei Stoffstreifen, die er aus einem alten Tuch gerissen hatte.

Ace und Vela standen nebeneinander und beobachteten seine Vorbereitungen mit einer Begeisterung, die Dadan offenbar für ein besonders schlechtes Zeichen hielt.

„Garp.“

„Hm?“

„Was soll das werden?“

„Training.“

„Das sehe ich.“

„Na also!“

Dadan deutete auf die Baumstämme.

„Warum liegen die da?“

„Zum Drüberspringen.“

„Und die Steine?“

„Zum Drumherumlaufen.“

„Und das Seil?“

Garp grinste.

„Das wirst du schon sehen.“

Dadan starrte ihn an.

„Ich hasse dich.“

„Das sagst du jedes Mal!“

Ace begann ungeduldig von einem Fuß auf den anderen zu treten.

„GARP! Wann fangen wir an?“

Vela sprang bereits probeweise über den ersten Baumstamm.

„Ich kann das!“

Garp hob eine Hand.

„Aufgepasst, ihr beiden!“

Sofort standen die Kinder still. Nahezu. Ace wippte noch immer auf den Fersen, und Vela hatte sich so weit vorgebeugt, dass sie beinahe auf die Nase gefallen wäre. Garp zeigte auf die Hindernisse.

„Ihr lauft hier los, kommt über die Stämme, rennt um die Steine und kriecht unter dem Seil durch. Danach holt ihr euch oben am Ast einen der Stoffstreifen. Wer zuerst mit seinem Streifen wieder bei mir ist, hat gewonnen!“

Ace grinste breit.

„Ich!“

„Wart’s ab!“, rief Vela.

Dadan verschränkte die Arme.

„Wenn du mir nachher die halbe Lichtung zerlegst, räumst du selber auf!“, knurrte Dadan.

„Ich zerlege doch nichts.“

„DU HAST ZWEI STEINE HERGESCHLEPPT, DIE GRÖSSER SIND ALS DIE KINDER!“

Garp deutete auf die Hindernisse. „Um die sollen sie herumlaufen. Nicht sie hochheben!“ Dadan schnaubte. „Bei dir weiß man nie.“ Er wandte sich den Kindern zu.

„Bereit?“

„JA!“, riefen beide gleichzeitig.

Dadan stieß einen gequälten Laut aus. Garp hob den Arm.

„LOS!“

Ace schoss vorwärts. Er erreichte den ersten Baumstamm mit einigen Schritten Vorsprung und setzte zum Sprung an. Sein Fuß blieb an der oberen Kante hängen, doch er fing sich ab und rannte weiter, ohne anzuhalten. Vela war einen Augenblick später bei dem Hindernis. Sie setzte erst einen Fuß auf den Stamm, schwang sich seitlich hinüber und kam auf der anderen Seite kurz ins Stolpern. Mit zwei schnellen Schritten fing sie sich wieder und jagte Ace nach. Garp grinste.

„Nicht schlecht!“

Beim zweiten Hindernis lag der Stamm mit einem Ende auf einem großen Stein und schwebte knapp über dem Boden. Ace stützte die Hände auf das Holz und schwang sich darüber. Vela entdeckte den Spalt darunter, ließ sich auf den Bauch fallen und robbte auf der anderen Seite wieder hervor.

„HE!“, rief Ace. „Du musst drüber!“

„Bin doch durch!“, rief sie und rannte lachend weiter.

„DU SCHUMMELST!“

Garp hielt sich den Bauch. „Schlaues Mädchen!“

„Das ist Schummeln!“, protestierte Ace.

„Im Kampf wartet auch keiner, bis du brav über den Baumstamm gehüpft bist!“

Dadan warf ihm einen finsteren Blick zu. „Du bringst denen ja jeden Blödsinn bei.“

„Dann passen sie ja zu dir!“

„GARP!“

Die Kinder hatten inzwischen die Steine erreicht. Ace nahm den kürzeren Weg zwischen ihnen hindurch, musste jedoch abrupt abbremsen, als er merkte, dass der Abstand enger war als gedacht. Vela umrundete den ersten Stein von außen. Sie war kleiner und leichter, konnte schneller die Richtung wechseln und schlüpfte an ihrem Bruder vorbei, während dieser noch versuchte, sich zwischen den beiden Hindernissen hindurchzuzwängen.

„Ich bin vorne!“, rief sie triumphierend.

„NICHT MEHR LANGE!“

Ace setzte ihr nach. Am Seil warf sich Vela sofort auf Hände und Knie. Sie kroch darunter hindurch, richtete sich auf und rannte zum Baum. Ace hingegen versuchte, das Seil mit einem großen Schritt zu überwinden. Sein Fuß verfing sich. Mit einem überraschten Aufschrei landete er auf dem Hosenboden. Garp konnte sich ein Lachen nicht verkneifen.

„Was war denn das?!“

Ace rappelte sich auf. „Das blöde Seil!“

„Das Seil kann nichts dafür!“

Vela hatte den Baum inzwischen erreicht. Sie sprang nach einem der Stoffstreifen. Zu kurz. Sie versuchte es erneut. Wieder verfehlte sie ihn. Ace kam angerannt.

„HA!“

Er sprang ebenfalls. Seine Fingerspitzen berührten den Stoff.

„Ich hab ihn fast!“

„Ich auch!“

„Du bist zu klein!“

Vela fuhr herum. „GAR NICHT!“

„Doch!“

Sie stemmte die Hände in die Hüften. „Ich komm da hoch!“

„Dann mach doch!“

Garp beobachtete interessiert, wie seine Enkelin den Baum musterte. Der Ast hing nicht besonders hoch, aber hoch genug, dass beide Kinder ihn vom Boden aus nicht ohne Weiteres erreichen konnten. Ace versuchte, sich am Stamm hochzuziehen. Seine Arme waren kräftig für sein Alter, doch die glatte Rinde bot ihm wenig Halt. Nach einigen erfolglosen Versuchen ließ er sich wieder heruntergleiten. Vela hatte inzwischen eine andere Stelle entdeckt.

„Da!“

Sie zeigte auf eine kleine Unebenheit im Stamm. Ace folgte ihrem Blick.

„Da kommst du nicht hoch.“

„Doch!“

Sie setzte einen Fuß gegen die Rinde, griff nach einer niedrigen Astgabel und zog sich ein Stück nach oben. Garp hob anerkennend die Augenbrauen.

„Na, die Kleine ist ja flink!“

Vela schaffte es tatsächlich, sich auf die Astgabel zu ziehen. Dann blieb sie sitzen. Der Stoffstreifen hing noch immer außerhalb ihrer Reichweite. Sie streckte den Arm aus. Zu kurz. Ace stand unter ihr.

„Du kommst nicht dran!“

„Doch!“

„Dann hol ihn!“

Vela reckte sich noch ein Stück weiter. Der Ast bewegte sich leicht unter ihrem Gewicht. Garp richtete sich ein wenig auf. Er stand nah genug, um sofort eingreifen zu können, falls sie den Halt verlor, ließ sie jedoch zunächst ausprobieren, wie weit sie kam. Vela versuchte, sich höherzuschieben. Ihr Fuß rutschte ab. Sie gab einen erschrockenen Laut von sich und klammerte sich an den Ast. Ace hörte sofort auf zu grinsen.

„VELA!“

Er stellte sich direkt unter sie.

„Festhalten!“

„MACH ICH!“

„DANN RUTSCH NICHT!“

„ICH WILL JA NICHT!“

Garp trat näher. Noch bevor er sie herunterheben musste, fand Vela wieder Halt und setzte sich sicher auf den niedrigen Ast zurück. Sie atmete einmal kräftig aus. Ace starrte zu ihr hinauf.

„Komm runter.“

„Aber der Stoff!“

„Ist doch egal!“

Vela sah ihn an. Dann den Stoffstreifen. Schließlich verzog sie das Gesicht.

„Blöder Baum.“

Garp lachte.

„Na, habt ihr schon aufgegeben?“

Ace drehte sich zu ihm um.

„Nein!“

„Dann macht weiter!“

Dadan öffnete empört den Mund.

„GARP!“

„Ich stehe doch direkt daneben!“

Er verschränkte die Arme und grinste zu den Kindern hinunter.

„Also? Ihr wollt doch gewinnen!“

Ace betrachtete den Baum. Dann Vela. Plötzlich hellte sich sein Gesicht auf.

„Vela!“

„Was?“

„Komm runter.“

„Warum?“

„Ich hab eine Idee!“

Sie kletterte vorsichtig zurück auf den Boden. Ace stellte sich mit dem Rücken gegen den Stamm. „Ich mach so.“ Er ging in die Hocke und deutete auf seine Schultern. Vela betrachtete ihn.

„Und?“

„Du steigst drauf.“

„Auf dich?“

„Ja! Dann kommst du dran!“

Ihre Augen leuchteten.

„Oh!“

Dadan starrte die beiden an.

„Das macht ihr nicht!“

Garp begann zu lachen.

„Warum denn nicht? Gute Idee!“

„DIE BEIDEN LANDEN GLEICH WIEDER AUF DEM HINTERN!“

„Dann fang ich sie eben!“

Dadan schloss die Augen.

„Ich werde irgendwann wirklich im Gefängnis landen, weil ich dich erschlagen habe.“

Garp hörte ihr kaum zu. Er beobachtete, wie Ace sich mit dem Rücken gegen den Baumstamm stellte und Vela versuchte, auf seine Schultern zu klettern. Beim ersten Versuch trat Vela ihm auf den Rücken, rutschte ab und riss Ace mit auf den Hosenboden. Ace schob Vela sofort von sich.

„DU BIST ZU SCHWER!“

Sie starrte ihn empört an.

„BIN ICH GAR NICHT!“

„DOCH!“

„DU BIST ZU SCHWACH!“

„GAR NICHT!“

Garp lachte schallend.

„Na, ihr zwei! So wird das nichts!“

Ace rappelte sich auf.

„Noch mal!“

Vela stand ebenfalls auf.

„Halt mich diesmal fest!“

„Dann kletter nicht so schnell!“

Beim zweiten Versuch lehnte Ace sich fester gegen den Baum. Vela stieg vorsichtig auf sein angewinkeltes Bein, dann auf seine Schultern und hielt sich dabei mit einer Hand an einem Vorsprung der Rinde fest. Garp blieb unmittelbar daneben und hielt eine Hand bereit, ohne die Kinder gleich wieder herunterzuheben. Ace stemmte die Füße in den Boden und versuchte, sich ein kleines Stück aufzurichten. Sein Gesicht lief rot an.

„SCHNELL!“

Vela streckte den Arm aus. Ihre Finger schlossen sich um den ersten Stoffstreifen.

„HAB IHN!“

Ace keuchte.

„DEN ANDEREN AUCH!“

Sie griff nach dem zweiten Streifen. Ein kurzer Ruck, und beide flatterten in ihrer Hand.

„JA!“

Als Ace das Gleichgewicht verlor, griff Garp zu und fing Vela unter den Armen auf. Ihr Bruder plumpste auf den Hosenboden, schimpfte kurz über den Baum und war im nächsten Moment schon wieder auf den Beinen.

„Geschafft!“

Vela lachte ausgelassen. „WIR HABEN GEWONNEN!“

Ace sprang sofort wieder auf. „ICH HAB SIE HOCHGEHOBEN!“

„ABER ICH HAB DIE STOFFE GEHOLT!“

„OHNE MICH WÄRST DU NICHT DRANGEKOMMEN!“

„OHNE MICH HÄTTEST DU SIE AUCH NICHT!“

Garp betrachtete die beiden mit einem breiten Grinsen. Dadan kam näher.

„Wenn ihr euch beim nächsten Mal die Köpfe einrennt, könnt ihr euch bei dem Idioten bedanken!“ Dadan deutete mit dem Daumen auf Garp.

„Haben wir doch gar nicht!“, protestierte Ace.

„Noch nicht“, knurrte sie.

Garp nahm die beiden Stoffstreifen entgegen. „Na, gar nicht schlecht!“

Ace reckte stolz das Kinn. „Ich war stärker!“

Vela stemmte die Hände in die Hüften. „Ich war schneller!“

„Ich hab dich getragen!“

„Und ich hab die Stoffe geholt!“

Ace trat einen Schritt näher. „Ich bin trotzdem stärker.“

Vela hob das Kinn. „Und ich bin schneller!“

„Na und? Ich schubs dich trotzdem weg!“ Ace trat dicht vor sie und drückte seine Stirn gegen ihre.

Vela blinzelte überrascht, dann stemmte sie die Füße fester in den Boden und drückte zurück. „Versuch doch!“ Ace schob, Vela hielt dagegen. Keiner benutzte die Hände. Sie stemmten bloß die Köpfe gegeneinander, die Nasen beinahe aneinandergepresst, und kämpften mit hochroten Gesichtern um jeden Zentimeter.

„Du verlierst“, behauptete Ace.

„DU verlierst!“

„Gar nicht!“

„DOCH!“

Garp starrte sie einen Augenblick an. Dann brach er in so schallendes Gelächter aus, dass Dadan erschrocken zu ihm herumfuhr.

„Bwahahahaha! WAS MACHT IHR DENN DA?!“

„GEWINNEN!“, riefen beide gleichzeitig.

Ace drückte etwas kräftiger. Vela stemmte sich dagegen, verlor jedoch auf ihren Zehenspitzen das Gleichgewicht. Sie fiel nach hinten. Ace versuchte noch, sich an ihr festzuhalten, und landete prompt mit ihr im Gras. Für einen kurzen Moment lagen beide übereinander. Dann begann Vela zu lachen. Ace setzte sich auf.

„Ich hab gewonnen!“

„Gar nicht! Du bist mit hingefallen!“

„Weil du mich gezogen hast!“

„Weil du gedrückt hast!“

Garp wischte sich eine Lachträne aus dem Augenwinkel. „Ihr seid ja beide vollkommen verrückt!“

Dadan betrachtete die Kinder, die bereits wieder damit beschäftigt waren, einander herauszufordern. Dann sah sie Garp an.

„Das haben sie von dir“, knurrte Dadan. „Du erzählst ihnen doch ständig, dass jeder Unsinn Training ist.“

Garp grinste. „Und wer zieht sie jeden Tag groß?“

„ICH! WEIL DU SIE MIR VOR DIE TÜR GESETZT HAST!“

Nachdem Dadan entschieden hatte, dass für diesen Tag ausreichend Unsinn veranstaltet worden war, befahl sie allen Beteiligten zurück ins Haus. Garp widersprach selbstverständlich.

„Aber wir haben doch gerade erst angefangen!“

„DU HAST DIE BEIDEN ZWEI STUNDEN DURCH DEN DRECK GEJAGT!“

„Und sie haben sich gar nicht schlecht angestellt!“

„SIE BRAUCHEN EIN BAD!“

Ace und Vela erstarrten. „Nein!“, sagte Ace sofort.

„Wir sind nicht schmutzig!“, ergänzte Vela.

Dadan zeigte auf ihre Kleidung. „Und was ist DAS dann?!“

Vela betrachtete ihre schlammigen Knie. „Erde.“

„DAS WEISS ICH!“

„Wieso fragst du dann?“

Garp grinste über beide Ohren. Dadan schloss für einen Augenblick die Augen.

„Ich kann das nicht mehr.“

Dogura, der inzwischen die Küche weitgehend wieder in Ordnung gebracht hatte, erschien in der Tür.

„Boss? Das Wasser ist warm.“

Dadan öffnete die Augen. Ein gefährliches Lächeln breitete sich auf ihrem Gesicht aus.

„Wunderbar.“

Ace und Vela tauschten einen Blick. Dann rannten sie los.

„HE!“, brüllte Dadan. „SOFORT ZURÜCK!“

Garp beobachtete, wie die beiden Kinder nebeneinander über die Lichtung flitzten. Ace war einen Schritt voraus, doch Vela holte rasch auf. Als sie die Tür zum Haus erreichten, versuchte jeder, zuerst hindurchzukommen. Sie blieben prompt beide im Türrahmen stecken.

„GEH WEG!“, rief Ace.

„DU GEH WEG!“

„ICH WAR ZUERST!“

„GAR NICHT!“

Dadan erreichte sie wenige Sekunden später. Sie packte Ace am Kragen und Vela unter dem Arm.

„ICH HAB EUCH!“

Garp lachte über die verdutzten Gesichter der beiden.

„Ihr müsst noch viel schneller werden!“

„DU BIST DER NÄCHSTE!“, brüllte Dadan.

„Bwahahaha! Viel Glück dabei!“

·  ·  ·

Als das Abendessen endlich auf dem Tisch stand, waren beide Kinder frisch gewaschen, ihre Haare notdürftig gekämmt und ihre Kleidung durch saubere Sachen ersetzt worden. Ace hatte inzwischen allerdings bereits wieder einen dunklen Fleck auf dem Hemd, dessen Herkunft Dadan nicht weiter hinterfragen wollte. Vela saß neben ihm auf der Bank und schwang die Beine, die den Boden noch nicht erreichten. Ihr rotes Haar war zu einem neuen Zopf gebunden worden, der nach wenigen Minuten bereits wieder schief saß.

Garp hatte sich am Kopfende des Tisches niedergelassen und eine Schüssel vor sich stehen, die Dadan mit einem ausgesprochen unfreundlichen Blick gefüllt hatte.

„Und diesmal“, erklärte sie streng, „wird ordentlich gegessen.“

Ace griff sofort nach dem größten Fleischstück. Vela war schneller. Ihre Hand schoss vor und schnappte sich das Stück, bevor ihr Bruder es erreichen konnte.

„MEINS!“

Ace starrte sie an. „HE!“

Sie grinste. „War schneller.“

„GIB HER!“

„NEIN!“

„VELA!“

„ACE!“

Garp lachte. „Wer zu langsam ist, muss eben hungern!“

Dadan fuhr zu ihm herum. „Du hältst dich da raus!“

Während sie mit Garp schimpfte, teilte Vela das Fleischstück in zwei ungleich große Teile. Sie betrachtete beide. Dann schob sie den größeren auf Aces Teller. Ace hielt inne. Er sah auf das Fleisch. Dann zu seiner Schwester.

„Warum krieg ich das Große?“

Vela zuckte mit den Schultern. „Weil du mehr isst.“

Ace betrachtete sie einen Augenblick. Dann schob er das kleinere Stück wieder ein Stück in ihre Richtung.

„Du kannst noch was von mir haben.“

„Ich hab doch meins.“

„Na und?“

Sie grinste. „Du bist komisch.“

„Selber komisch.“

Garp hatte den kurzen Austausch beobachtet. Er sagte nichts dazu. Stattdessen nahm er sich das nächste Stück Fleisch vom Teller und schob es sich in den Mund. Dadan bemerkte es sofort.

„GARP! DAS WAR FÜR DOGURA!“

„Dann muss Dogura eben schneller sein!“

„ICH WERDE DICH IRGENDWANN WIRKLICH UMBRINGEN!“

Ace und Vela begannen gleichzeitig zu lachen.

·  ·  ·

Später, als die Sonne bereits hinter den Bäumen verschwunden war und sich die ersten Schatten über die Lichtung legten, saß Garp auf der Veranda. In einer Hand hielt er eine Schale mit Reiscrackern, die andere ruhte auf seinem Knie. Aus dem Haus drangen gedämpfte Stimmen, gelegentliches Klappern von Geschirr und Dadans unverwechselbares Schimpfen.

Von geregelter Bettruhe hielt in Dadans Haus ohnehin niemand besonders viel. Während die Bergräuber nach dem Essen ihre Karten hervorgeholt und über den letzten Jagdausflug gestritten hatten, waren Ace und Vela noch eine Weile durch die Räume getobt. Beide hatten steif und fest behauptet, überhaupt nicht müde zu sein. Als sie schließlich im Hof noch ein letztes Wettrennen veranstalten wollten, war Ace beinahe im Stehen eingenickt und Vela hatte sich gähnend an seinem Ärmel festgehalten.

Garp hatte sie schließlich mit je einem Arm hochgehoben und hineingetragen, begleitet von Dadans Schimpfen, dass der alte Idiot sie den ganzen Tag aufgedreht hätte. Jetzt saß er draußen und ließ den Tag ausklingen.

„Du könntest auch mal öfter vorbeikommen.“

Garp drehte den Kopf. Dadan stand in der Tür, die Arme vor der Brust verschränkt. Ihre Stimme klang ungewöhnlich ruhig. Er grinste.

„Vermisst du mich etwa?“

Sie verdrehte die Augen.

„Die Kinder, du alter Trottel.“

Garp nahm einen Reiscracker.

„Was ist mit ihnen?“

„Die fragen manchmal nach dir.“

Er hielt inne. Dadan lehnte sich gegen den Türrahmen.

„Vor allem Vela. Sobald einer den Berg hochkommt, rennt sie zur Tür. Und Ace rennt hinterher, auch wenn er so tut, als wär’s ihm egal.“

Garp betrachtete sie einen Augenblick. Dann schnaubte er.

„Dann muss ich wohl mal wieder vorbeikommen.“

Dadan sah ihn an.

„Du bist wirklich hoffnungslos.“

Sie wollte sich bereits wieder abwenden, blieb jedoch stehen.

„Garp.“

„Hm?“

„Die beiden hängen ständig zusammen.“

Er hob den Blick. Dadan sah in Richtung des Zimmers, in dem die Kinder schliefen.

„Wenn einer von ihnen verschwindet, weiß ich inzwischen genau, wo ich den anderen suchen muss. Meistens stecken sie irgendwo gemeinsam im Dreck.“

Garp grinste.

„Hab ich heute gesehen!“

„Sie streiten den ganzen Tag. Wer schneller ist, wer stärker ist, wer das größere Stück bekommt.“ Dadan schüttelte den Kopf. „Aber wehe, jemand anderes geht einen von ihnen an.“

Garp betrachtete sie aufmerksam. „Ach ja?“

„Letzte Woche hat Magura Ace angeschimpft, weil er einen Becher zerbrochen hatte. Vela hat sich sofort vor ihn gestellt und behauptet, sie hätte ihn kaputtgemacht.“

„Dabei war's Ace?“

„Natürlich war's Ace.“

Sie schnaubte.

„Und ein paar Tage später hat sie selbst eine Schüssel runtergeworfen. Da hat Ace behauptet, er wäre es gewesen.“

Garp lachte. „Schlaues Gespann!“

„Schlau? Die machen mich wahnsinnig!“

Doch ihr Mundwinkel zuckte. Garp lehnte sich zurück. Vorhin hatten die beiden noch wie zwei Kampfhähne die Stirnen gegeneinandergedrückt, und kurz darauf hatte Vela ihrem Bruder das größere Fleischstück überlassen, ohne viel Aufhebens darum zu machen. Ace wiederum hatte beim Baum sofort seinen Wettstreit vergessen, als sie abgerutscht war. Garp schob sich einen Reiscracker in den Mund.

„Na, dann ist ja alles in bester Ordnung.“

Dadan schüttelte den Kopf. „Du bist auch wirklich der Einzige, der das so sehen kann.“ Sie verschwand wieder im Haus. Garp blieb noch einen Moment sitzen, ehe er sich ebenfalls erhob. Vor seiner Abreise wollte er wenigstens nachsehen, ob die Kinder inzwischen tatsächlich schliefen.

Im kleinen Zimmer war es dunkel, abgesehen vom schwachen Licht, das durch das Fenster fiel. Ace lag auf seiner Decke, einen Arm über den Kopf geworfen. Sein Mund stand leicht offen, und seine schwarzen Haare waren selbst nach dem Baden noch vollkommen zerzaust. Vela hatte sich dicht an seine Seite geschoben. Ihr Kopf ruhte auf seinem Oberarm, während ihre kleine Hand einen Zipfel seines Hemdes festhielt. Einer ihrer Füße lag quer über seinem Bein. Ace schien es nicht zu stören. Garp blieb im Türrahmen stehen und betrachtete die beiden eine Weile.

Vier und fünf Jahre alt, und schon fest überzeugt, dass ihnen irgendwann kein Wildschwein, kein Baum und wohl auch sonst nichts mehr gewachsen sein würde. Er kannte die Art, wie Ace auf Herausforderungen reagierte, inzwischen gut genug. Der Junge würde eher noch zehnmal gegen denselben Baum rennen, als zuzugeben, dass er ihn nicht überwinden konnte. Und Vela … Sein Blick wanderte zu den roten Haaren.

Sie hatte Ace den ganzen Tag aufgezogen, weil sie schneller war, und jeden Vorsprung sofort triumphierend verkündet. Dass er sie dafür mit einem einzigen Griff von den Füßen heben konnte, machte sie nur noch ehrgeiziger. Garp sah auf die beiden hinunter und musste grinsen. Leise machte er einen Schritt auf die Beiden zu. Vela regte sich im Schlaf und ihre Hand löste sich kurz von Aces Hemd. Der Junge verzog das Gesicht, ohne aufzuwachen, und schob seinen Arm ein wenig anders, bis ihr Kopf wieder bequem darauf lag. Dann wurde es wieder still.

Garp blieb einen Augenblick bei ihnen stehen. Das breite, zufriedene Grinsen lag noch immer auf seinem Gesicht.

„Na, aus euch beiden wird noch was.“ murmelte er leise.

Er zog die Decke ein wenig höher, achtete darauf, dass keiner der beiden aufwachte, und wandte sich zur Tür. Noch bevor er den Raum verlassen hatte, hörte er Ace im Schlaf etwas Unverständliches murmeln. Vela antwortete mit einem ebenso undeutlichen Laut, und Garp schüttelte grinsend den Kopf. Selbst im Schlaf schienen die beiden noch etwas auszuhandeln zu haben.

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Nachwort

Tja, die arme Dadan. Zwei kleine Chaoten, ein Wildschwein und ein Garp, der das Ganze auch noch für ausgezeichnetes Training hält. Was soll da schon schiefgehen?

Mit diesem Kapitel wollte ich euch vor allem einen ersten richtigen Einblick in die Beziehung zwischen Ace und Vela geben. Die beiden können sich den lieben langen Tag streiten und gegenseitig herausfordern, aber wenn es darauf ankommt, halten sie zusammen.

Ich hoffe, ihr hattet beim Lesen genauso viel Spaß wie ich beim Schreiben!

Mich würde interessieren: Wie gefällt euch unser kleines Chaosduo bisher?

Über eure Reviews freue ich mich wie immer sehr!

Bis zum nächsten Kapitel!

Eure LastMemory <3