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Kapitel 5 – Ein Rothaariger in Foosha

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Kapitel 5 – Ein Rothaariger in Foosha

Makino · Mt. Colubo · Zwei Jahre später

Der Sack hing genau dort, wo Makino ihren Korb abstellen wollte. Er baumelte an einem Seil unter dem Vordach, war an einer Seite aufgeplatzt und verlor einen einzelnen Tannenzapfen, als sie ihn mit dem Ellbogen beiseiteschob. Auf der Veranda lagen weitere Zapfen, ein umgestürzter Schemel und Dogura, der halb unter der Bank verschwunden war. „Wenn du noch einen findest, wirf ihn gleich mit ins Feuer!“, rief Dadan aus dem Haus. Makino blieb vor der Stufe stehen und betrachtete das Seil, das quer vor der Tür verlief. Den Weg hierher kannte sie inzwischen gut genug, um sich auch mit einem schweren Korb nicht zu verlaufen. Die letzten beiden Schritte bis zur Küche verlangten offenbar mehr Aufmerksamkeit.

„Darf ich fragen, was ihr trocknet?“, erkundigte sie sich.

Dogura kam unter der Bank hervor. In der Hand hielt er einen kleinen Nagelzieher. „Die Reste von heute Morgen.“ Er wollte aufstehen, stieß mit dem Rücken gegen den Sack und hielt ihn hastig fest.

Aus der Küche erschien Dadan mit einem zweiten Seilknäuel. „Du bist früh“, stellte sie fest, während sie Makino den Korb abnahm. Dann sah sie zu Dogura. „Und du nimmst das Ding jetzt endlich runter, bevor sich noch einer damit erwürgt!“

Makino duckte sich unter dem Seil hindurch. „Ich hatte gehofft, die beiden noch zu erwischen.“

„Dann hättest du zum Frühstück kommen müssen.“ Dadan trug den Korb in die Küche, wo es nach Zwiebeln und frisch gespaltenem Holz roch. Auf dem Tisch standen zwei leer gegessene Schüsseln neben einer dritten, in der noch Reis klebte. „Kaum haben sie was im Bauch, sind sie weg. Vela hat wenigstens noch ihre Schüssel hingestellt. Ace hat behauptet, er müsse dringend etwas erledigen.“

„Hat er die Schüssel mitgenommen?“

„Nein. Die durfte ich unter der Bank suchen.“ Dadan stellte sie zu den anderen und schlug das Tuch über dem Korb zurück. Zwischen Brot und einem Beutel Bohnen lagen ein Bündel Stoff, eine kleine Dose Salbe und saubere Verbandstreifen. Sie nahm die Dose heraus, prüfte sie und räumte sie ohne weitere Bemerkung in den Schrank über der Arbeitsfläche.

Makino hängte ihre Tasche an einen Haken. An dem daneben war ein Stück Holz aus der Wand gerissen worden. „Die Hose sollte diesmal lang genug sein“, sagte sie. „Bei meinem letzten Besuch reichte ihre alte kaum noch über die Waden.“

„Die wächst nachts. Tagsüber hat sie keine Zeit dafür.“ Dadan zog das Kleidungsstück auseinander und legte es über einen Stuhl. „Bei Ace halten wenigstens die Säume. Dafür braucht er inzwischen ständig neue Knie.“

Makino musste lachen. Sie hatte erst am Abend zuvor einen Flicken in seine mitgegebene Hose genäht. Der Stoff ringsum war so dünn geworden, dass sie ein zweites Stück daruntergesetzt hatte. „Die habe ich dir auch mitgebracht. Was war denn hier los?“ Sie deutete auf die offene Tür, vor der Dogura gerade eine kleine Ladung Zapfen aufkehrte.

Dadan setzte Wasser auf und schob mit dem Fuß einen Stuhl vom Tisch. „Ausweichen.“

Makino setzte sich. „Das sieht aufwendig aus.“

„Sie wollten üben, auszuweichen! Sechs Säcke unter meinem Vordach, alle an verschiedenen Seilen. Einer rennt durch, der andere bringt sie zum Schwingen. Garp hat ihnen bei seinem letzten Besuch erklärt, sie sollen sich beim Kämpfen nicht immer auf die Füße starren.“ Sie zog den Brotleib aus dem Korb und prüfte mit dem Daumen die Kruste. „Ich hätte wissen müssen, dass ich dafür wieder irgendwas neu anschaffen darf.“

Makino konnte sich Vela zwischen den schwingenden Säcken vorstellen, mit fliegenden Haaren und der festen Überzeugung, dass der nächste Durchgang schneller werden würde. „Die Idee klingt eigentlich ganz brauchbar.“

„Dann stell dir Dogura mit einem Topf Eintopf dazwischen vor.“ Dadan deutete mit dem Messer auf die Tür. „Er wollte den Topf zum Abkühlen rausstellen. Die beiden standen schon wieder am anderen Ende der Veranda und haben diskutiert, ob eine Berührung zählt, wenn man den Sack vorher selbst angeschubst hat. Der dicke da oben kam zurück, Dogura hat sich geduckt, und der Topf ist ihm aus den Händen geflogen.“

„War er noch heiß?“

„Sonst hätte ich die beiden die Veranda mit ihren Hemden schrubben lassen.“ Sie schnitt ein Stück Brot ab und schob es Makino hin. „Dogura ist in den Seilen hängen geblieben. Ace und Vela wollten ihn rausziehen, natürlich jeder in eine andere Richtung. Danach hatten wir auch noch den Haken aus der Wand.“

Makino biss sich auf die Innenseite der Wange. Es half nicht. „Und wie viele Berührungen hatte Dogura?“

„Frag das bloß nicht die beiden! Die haben ihm tatsächlich erklärt, dass er verloren hat!“ Dadan schlug das Messer neben das Brot.

Aus Richtung der Veranda kam ein empörtes Grunzen. „Ich hab gesagt, ich wusste nicht mal, dass ich mitmache!“, rief Dogura.

„Das hat die beiden bestimmt überzeugt“, sagte Makino. Dadan schnaubte, doch als sie das Wasser in die Kanne goss, musste auch sie kurz lachen. Draußen fiel der aufgeplatzte Sack auf die Dielen. Dogura zog ihn bis neben die Tür, während Magura ihm erklärte, wie er den Haken hätte herausziehen müssen, ohne noch mehr Holz abzusplittern. Makino rückte ihre Tasse aus der Reichweite von Dadans Ärmel und nahm das Nähzeug aus ihrer Tasche. Für Vela hatte sie den Saum zunächst nur geheftet. Wenn sie heute noch zurückkam, konnten sie die Länge gleich prüfen.

„Mit dem Stab kommt sie inzwischen überall dran“, fuhr Dadan fort. „Auch da, wo sie nicht dran soll. Letzte Woche hat sie versucht, Ace den Stock aus der Hand zu schlagen. Er hat festgehalten, sie hat weitergezogen, und beide sind bis ins Brennholz gefallen. Danach haben sie sich beschwert, dass da Brennholz liegt.“

„Haben sie es wieder aufgeschichtet?“

„Bis oben hin. Dann wollte Ace wissen, ob sie den Stapel als Hindernis benutzen dürfen.“ Dadan trank einen großen Schluck Tee. „Und irgendwo da draußen wartet noch dieser Sabo. Als würden zwei nicht reichen.“

Makino zog den Faden durch die Nadel. „Haben sie ihn inzwischen mal mitgebracht?“

„Natürlich nicht. Essen für ihn mitnehmen können sie. Ihn hierherbringen können sie nicht.“ Dadan lehnte sich zurück, worauf der Stuhl bedenklich knarrte. „Und bevor du fragst: Ich lade ihn nicht ein. Wenn der genauso ist wie die beiden, soll er bleiben, wo er ist.“

Makino strich den Stoff auf ihren Knien glatt. Sie hatte Sabos Namen oft genug gehört, gewöhnlich in Erzählungen, bei denen Ace und Vela gegen Ende auffallend wenig Einzelheiten einfielen. Einmal hatte Vela ihr erklärt, er könne eine Münze so über die Finger wandern lassen, dass man nicht sah, wo sie blieb. Beim Vorführen war ihre eigene unter den Schrank gerollt. Ace hatte sie ihr wieder herausgefischt und sofort behauptet, er könne es besser. „Ich würde ihn trotzdem gern kennenlernen“, sagte Makino.

„Dann frag die beiden. Mir sagen sie immer bloß, er sei beschäftigt. Neun Jahre alt und beschäftigt!“ Dadan nahm sich ebenfalls Brot. „Wenn sie hier sind, können sie jedenfalls nicht mehr still sitzen. Früher hab ich ihnen die Stöcke abgenommen und hatte eine Weile Ruhe. Jetzt erklärt mir Vela, dass ich ihren Stab nicht wegnehmen darf, weil der von Garp ist. Als wäre das hier seine Veranda!“

Makino heftete den Saum einen Fingerbreit höher. Durch das offene Fenster kam warme Waldluft herein; weiter unten am Hang schlug ein Vogel mit hartem, gleichmäßigem Laut gegen einen Stamm. Nach dem Stimmengewirr der letzten Tage war es hier beinahe still, sobald Dadan aufhörte zu reden. „Bei uns sitzen inzwischen auch ein paar Leute, die sich nicht besonders gut von ihren Plätzen vertreiben lassen.“

„Noch mehr Kinder?“

„Piraten.“ Makino sah auf. „Im Hafen liegt seit ein paar Tagen ihr Schiff. Sie wollen Foosha eine Weile als Stützpunkt benutzen.“

Dadan stellte ihre Tasse ab. „Was für Piraten?“

„Die Rothaar-Piraten. Ihr Kapitän heißt Shanks.“ Beim Gedanken an den ersten Abend in ihrer Bar kam ihr wieder das Lachen, das sogar draußen am Brunnen noch zu hören gewesen war. „Sie sind häufig bei mir. Laut sind sie schon, aber bisher musste ich mich über keinen beschweren.“

„Bezahlen sie?“

„Alles.“

„Auch das, was sie kaputt machen?“

„Bis jetzt ist nur ein Krug zu Bruch gegangen. Den hat Luffy vom Tresen geschlagen, weil er dem Kapitän zeigen wollte, wie gut er schon zuschlagen kann.“ Makino legte die Hose beiseite, bevor sie sich mit der Nadel in den Finger stach. „Shanks hat behauptet, der Krug hätte sich überhaupt nicht gewehrt und das sei kein besonders eindrucksvoller Sieg. Danach musste ich Luffy davon abhalten, nach einem zu suchen, der sich wehrt.“

Dadan starrte sie an. „Garps Enkel?“

„Genau der.“

„Der ist doch erst sechs!“

„Das hält er für kein Hindernis.“ Makino erzählte von dem Jungen, der seit der Ankunft des Schiffes kaum noch über etwas anderes sprach. Er wollte wissen, wie weit die Mannschaft schon gefahren war, ob man auf dem Ausguck schlafen konnte und weshalb Shanks ihn nicht mitnahm, wenn er doch schwimmen konnte und außerdem viel weniger Platz brauchte als seine Männer. Gestern hatte er erklärt, er werde sich sein Essen selbst fangen. Als einer der Piraten ihn gefragt hatte, womit, war er vor die Tür gelaufen und mit einem Stock zurückgekommen. „Den hat er unter meinen Tresen gelegt. Für den nächsten Aufbruch.“

„Den Stock oder den Jungen?“

Makino lachte. „Den Stock. Luffy passt da nicht hin. Er hat es schon versucht.“ Sie erinnerte sich an seine Füße, die unter der Klappe hervorgeschaut hatten, während er lautstark behauptete, nicht da zu sein. Shanks hatte über den Tresen hinweg nach ihm gerufen und erklärt, wie schade es sei, dass sie das übrige Fleisch nun allein essen müssten. Luffy war so hastig hervorgekrochen, dass er gegen die Klappe gestoßen war. „Er mag den Kapitän sehr.“

„Das scheint ja auf Gegenseitigkeit zu beruhen.“ Dadan nahm die Teekanne vom Tisch. „Wenn der Bengel genauso hartnäckig ist wie sein Opa, werden die ihre Ruhe haben.“

Makino hielt ihr die Tasse hin. „Shanks kommt ganz gut mit ihm zurecht. Er lässt sich auch von den anderen nicht aus der Ruhe bringen. Gestern haben sie sich darum gestritten, wer die nächste Runde bezahlt. Er hat gewartet, bis alle fertig waren, und dann gesagt, er habe sie längst bestellt und auf ihre gemeinsame Rechnung setzen lassen.“

„Der gefällt dir.“

„Er trägt mir die schweren Fässer rein.“ Makino nahm ihre Tasse zurück. „Und wenn ich sage, dass ich durchmuss, macht er Platz.“

Dadan sah zur Tür hinaus, wo Magura inzwischen auf einem Stuhl stand und Dogura erklärte, er müsse ihm den Hammer andersherum geben. „Dann kannst du ihn gern mal zum Essen mitbringen. Vielleicht lernen meine Leute was.“

„Eben wolltest du keine zusätzlichen Gäste.“

„Einen, der bezahlt und Fässer trägt, schon.“ Sie stand auf, um das Feuer unter dem großen Topf zu schüren. Als sie zurückkam, hatte sie zwei weitere Schüsseln in der Hand. Makino nahm die Hose wieder auf. Auf dem Weg hierher hatte sie sich vorgenommen, vor dem späten Nachmittag ins Dorf zurückzukehren. Sie schob den Korb unter ihren Stuhl und fragte, ob Dadan noch Kleidung zum Ausbessern hätte. Dadan brachte ihr einen ganzen Stapel.

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Vela · Gray Terminal

Vela hatte Sabo gesagt, er solle die Nägel aufheben. Nun lag einer unter ihrem Schuh, und sie bekam ihn erst wieder heraus, nachdem sie ihren Stab gegen den Baum gelehnt und sich auf einem Bein an Ace festgehalten hatte. Ihr Bruder benutzte die Gelegenheit, um sie aus dem Gleichgewicht zu bringen. Sie trat nach seinem Knöchel, verfehlte ihn und hörte Sabo hinter sich lachen. „Ich hab sie aufgehoben“, behauptete er. „Die lagen gestern noch nicht da.“

„Dann wachsen hier welche.“ Vela warf den krummen Nagel in einen alten Topf, den sie neben den Wurzeln abgestellt hatten. Inzwischen lagen darin genug, um eine ganze Kiste zusammenzuhalten, wenn man sie hätte gerade klopfen können. Aus Richtung der Schrottberge drangen Hammerschläge und das Quietschen eines Wagenrads herüber. Etwas wurde abgeladen; Holz splitterte, und ein Mann fluchte über einen anderen, der offenbar zu weit gefahren war. Vela lauschte einen Augenblick, bevor sie sich wieder vor die Buche hockte. Niemand kam auf ihrem schmalen Pfad hierher.

Zwischen den Wurzeln lag ein verwittertes Brett unter einer Schicht Laub. Ace hatte es schon zur Seite gezogen. Dahinter passte Sabo gerade weit genug in den Hohlraum, um die Blechkiste hervorzuholen, ohne den Kopf anzustoßen. Er hatte den Hut abgenommen und neben die Wurzel gelegt; die Brille am Hutband war an einer Seite mit dunklem Faden befestigt. Vela nahm ihm die Kiste ab, während er rückwärts herausrutschte. Im Deckel klemmte noch immer derselbe braune Stoffstreifen, der das Klappern dämpfen sollte.

„Erst zählen“, sagte Ace.

„Wir haben gestern gezählt.“ Sabo setzte sich auf eine Wurzel und öffnete den Deckel. Zwischen zwei Beuteln lagen ein verbogener Silberlöffel, eine kleine Schnalle und mehrere Scheine, die sie gegen die Feuchtigkeit in ein Stück Wachstuch eingeschlagen hatten. „Wenn du nichts rausgenommen hast, ist es noch genauso viel.“

Ace langte nach einem der Beutel. „Vielleicht hast du dich verzählt.“

„Dann wird es heute bestimmt mehr.“ Vela nahm ihm den Beutel ab, bevor er sämtliche Münzen ins Laub kippen konnte, und breitete das Tuch auf dem Boden aus. Sie schob drei Münzen aus ihrem eigenen Münzbeutel dazu. Ace hatte doppelt so viele beigesteuert und rieb es ihr unter die Nase, bis Sabo ihnen befahl, beim Zählen endlich still zu sein. Gemeinsam sortierten sie die neuen Stücke zwischen die alten.

Eine Münze wollte Sabo nicht zum übrigen Geld legen. Auf ihr war ein Vogel mit einem viel zu dicken Bauch zu sehen, auf der anderen Seite ein Zeichen, das keiner von ihnen lesen konnte. Ace hatte sie einem Mann abgenommen, der vor einem Schuppen mit gezinkten Würfeln spielte. Er bestand darauf, dass sie viel wert sein musste, weil sie größer als die anderen war. Sabo bestand darauf, dass man erst jemanden finden musste, der das ebenso sah.

„Ich behalt sie, bis wir's wissen“, entschied Vela und steckte sie in den kleinen Extrabeutel. „Sonst gibst du sie noch für ein Brot aus, und nachher hätte man dafür ein Schiff gekriegt.“

Ace betrachtete das runde Stück Metall ein letztes Mal. „Dann ein großes.“

Sie verstauten alles wieder und schoben die Kiste zurück unter die Wurzeln. Vela legte das Brett an seinen Platz, während Sabo das Laub darüber verteilte. Danach holte sie ihren Stab. Garp hatte ihr den Jō-Stab bei seinem letzten Besuch gegeben, damit sie nicht weiter mit irgendwelchen Stöcken übte. Das helle Holz war gerade und glatt gearbeitet, ohne Aststummel oder raue Stellen, und überragte sie um eine gute Handbreit. Für das Band um die Griffstelle hatte sie ein altes Hemd zerschnitten, das ihr sowieso nicht mehr passte. Ace behauptete, sie müsse den Stab bald wieder gegen einen längeren tauschen. Sie hatte ihm angeboten, sich darunterzustellen und nachzumessen, wie viel noch fehlte, bis sie ihm damit auf den Kopf hauen konnte.

Sabo hob den Holzstock auf, den er zum Üben benutzte. „Noch einmal bis drei?“

Vela war schon auf dem festgetretenen Stück Erde neben dem Baum. „Diesmal zählst du richtig.“ Sie schob den dunklen Vogelanhänger unter ihr Hemd, stellte den hinteren Fuß weiter nach außen, wie Garp es ihr gezeigt hatte, und hielt den Stab so, dass Sabo sich erst an dessen Spitze vorbeibewegen musste. Beim letzten Mal hatte er sie an die Schulter bekommen, weil sie ihm nach einem Treffer sofort hinterhergelaufen war. Heute würde er sich etwas anderes ausdenken müssen.

Er versuchte es trotzdem. Sein Stock schlug gegen ihren Stab, und Vela gab zur Seite nach, statt dagegenzuhalten. Sie erwischte seinen Ärmel, bevor er die Spitze wieder zwischen sie bringen konnte. Ace, der auf der Wurzel saß, rief den ersten Punkt aus. Beim zweiten Versuch traf Sabo ihren Stab weiter unten. Der Stoß fuhr ihr bis in die Handgelenke, und sie musste zurück, um ihn nicht fallen zu lassen. Sie ärgerte sich so sehr darüber, dass sie zu früh nach seiner Schulter schlug. Er duckte sich und berührte ihre Seite mit dem Stock.

„Eins zu eins“, sagte Ace. „Du machst vorher immer so.“ Er zog die eigene Schulter hoch und schwang einen unsichtbaren Stock durch die Luft.

„Mach ich nicht.“ Vela wusste allerdings, dass sie es getan hatte. Beim nächsten Angriff hielt sie den Stab tiefer. Sabo wartete auf ihren großen Schwung; sie stieß nur kurz vor und erwischte seine Jacke über dem Bauch. Er beschwerte sich, das sei kaum eine Berührung gewesen, bekam von Ace aber trotzdem den Punkt gegen sich gezählt. Vela grinste so breit, dass sie seinen nächsten Schritt zu spät bemerkte. Sie musste ausweichen, geriet mit der Ferse an die Wurzel und landete auf dem Hosenboden.

Sabo hielt seinen Stock rechtzeitig an. „Zählt der Baum?“

„Nein“, sagte Vela. „Aber ich hau ihn nachher trotzdem.“ Sie ließ sich von ihm hochziehen. Beim nächsten Anlauf erwischte er sie am Oberarm und glich aus. Den letzten Punkt bekam Sabo, als er ihren quer gehaltenen Stab hinunterdrückte und ihr mit dem Stock gegen die Schulter tippte. Vela schüttelte ihre Finger aus und nahm sich vor, ihn beim nächsten Mal nicht mehr so dicht heranzulassen.

Ace wollte nun ebenfalls einen Durchgang, doch Sabo schaute zum schmalen Streifen Himmel über den Schrottbergen. „Wenn wir Noll noch erwischen wollen, müssen wir los.“

Vela hatte den Mann am Vormittag gesehen. Er kaufte Dinge, bei denen niemand fragte, woher sie kamen, und verkaufte sie an Leute weiter, die ihr Geld lieber nicht in der Stadt ausgaben. Als Sabo vor ein paar Wochen an seinem Stand ein Stück Seil hatte nehmen wollen, hatte Noll ihn am Kragen gepackt und gegen die Bretterwand gedrückt. Das Seil war ohnehin weggeworfen gewesen. Vela fand, dass er dafür wenigstens etwas Besseres verlieren konnte.

Sie nahmen den Weg hinter den ausgebrannten Öfen. Sabo hatte beobachtet, dass Noll seinen Geldbeutel unter den Stuhl legte, solange er arbeitete. Von der Rückseite seines Verschlags aus konnte man durch ein fehlendes Brett hineinlangen. Ace sollte an der vorderen Ecke warten und aufpassen; Vela würde den Beutel übernehmen, sobald Sabo ihn herausgezogen hatte. Danach wollten sie zurück in den Wald. Sie hatten sich die Abzweigung ausgesucht und sogar geprüft, ob der Durchgang hinter dem alten Wasserkessel noch frei war. Diesmal würde keiner vor einem frisch abgeladenen Schrank stehen.

Noll stand tatsächlich an seinem Tisch. Er schlug mit einem Hammer kleine Metallstücke von einem beschlagenen Kasten, während ein anderer Mann zwei Säcke auf einen Karren wuchtete. Erst als der Karren davonrumpelte, schlich Sabo zur Rückwand. Vela blieb neben ihm im Schatten einer Wellblechplatte. Durch einen Spalt sah sie Aces Schuhe an der Ecke des Vordachs. Eine Schuhspitze wippte. Sie hätte ihm gern zugerufen, dass er damit aufhören sollte. Wenn er warten musste, machte er immer irgendetwas, und meistens hörte man es.

Sabos Arm verschwand zwischen den Brettern. Er verzog das Gesicht, als eine Kante an seiner Jacke hängen blieb, kam aber bis unter den Stuhl. Vela hatte die Hand schon ausgestreckt, als es drinnen schepperte. Noll hatte seinen Hammer fallen lassen. Nun bückte er sich danach, genau dorthin, wo Sabo lag. Vela pfiff, doch im selben Augenblick packte der Mann Sabos Handgelenk. Die Rückwand dröhnte, als der Junge dagegengezogen wurde. Ace war sofort um die Ecke verschwunden.

Vela zwängte sich mit dem Stab zwischen zwei Kisten hindurch und rannte zur Vorderseite. Noll hielt Sabo durch den Spalt fest. Ace schlug mit seinem Rohr nach dem freien Arm des Mannes, erwischte aber nur den Tisch. Noll fuhr herum. Sein Ellbogen traf Ace neben dem Auge und warf ihn gegen die Kisten. Vela stieß mit dem Stab nach Nolls Hand, und diesmal ließ er Sabo los. „Weg hier!“, rief sie.

Als Noll nach ihrem Kragen griff, riss etwas an ihrem Hals, und die Kette glitt aus ihrem Ausschnitt. Der dunkle Vogel schlug neben dem Tischbein auf; Vela bückte sich sofort danach, obwohl Ace schon nach ihr rief. Kaum hatte sie die Kette gepackt, schlug Noll erneut nach ihr. Mit der Kette in der linken Faust konnte sie den Stab nur mit rechts dazwischenreißen. Der Schlag trieb das Holz zurück gegen ihren Mund. Schmerz schoss durch ihre Unterlippe, und sie schmeckte Blut.

Ace zog sie am Hemd zurück, bevor Noll den Stab packen konnte. Hinter dem Verschlag fluchte Sabo. Dann schoss etwas zwischen den Brettern hindurch, traf den Rand des Tisches und platzte auf dem Boden auf. Es war der Geldbeutel. Münzen rollten bis unter das Vordach. Noll machte einen Satz nach dem Beutel, statt nach ihnen. Ace und Vela waren bereits um die Ecke, als er wieder hinter ihnen herbrüllte. Am alten Wasserkessel holte Sabo sie ein. Sie rannten durch den schmalen Durchgang und weiter, bis das Hämmern und Rufen hinter ihnen im übrigen Lärm verschwand.

Erst zwischen den Bäumen hielt Vela an. Sie spuckte Blut ins Gras und erschrak darüber, wie rot es aussah. Der Stab glitt ihr aus der Hand. Ace wollte wissen, ob ihre Zähne noch da seien, was sie so wütend machte, dass sie ihm fast gegen das Schienbein trat. Dann sah sie sein Auge. Die Haut darunter wurde bereits dick, und als er darüberwischte, sog er hörbar Luft ein. „Lass das“, sagte sie. Ihre Lippe fühlte sich an, als gehöre sie jemand anderem.

Sabo hatte einen Ärmel hochgeschoben. Um sein Handgelenk lagen rote Abdrücke. „Zum Bach“, sagte er. „Hier ist nichts Sauberes.“ Er hob Velas Stab auf und ging voraus. Sie folgte ihm mit der Hand vor dem Mund. Ace hielt ihr den Arm hin, und sie hakte sich bei ihm ein, ohne die Kette loszulassen. Er sagte nicht, dass sie langsamer geworden war, und sie sagte nicht, dass er mit dem einen Auge fast nur noch durch einen Schlitz sehen konnte.

Das Wasser war kalt genug, um bis in die Zähne wehzutun. Vela kniete am Ufer und spülte den Mund aus. Ace riss das große Tuch aus seinem Brotbeutel auseinander, gab ihr eine Hälfte und behielt die andere für sein Auge. Sabo schöpfte Wasser über sein Handgelenk. Zwischen ihnen lag der Stab im Gras, am hellen Holz klebte ein schmaler roter Fleck. Erst jetzt öffnete Vela die linke Faust. Der Vogel war heil geblieben, aber am Verschluss der Kette stand ein kleiner Haken schief. Sie bekam die Enden nicht mehr zusammen. „Der geht nicht mehr zu.“

Ace zog das nasse Tuch von seinem Auge. „Steck ihn in deinen Beutel. Sonst verlierst du ihn noch mal.“

Vela schob den Anhänger samt Kette in den leeren Münzbeutel an ihrem Gürtel und zog die Schnürung fest. Dann rückte sie näher zu Ace in den Schatten, den ein überhängender Ast aufs Ufer warf. Eine Zeit lang hörte sie nur das Wasser und Sabo, der an einem losen Faden seiner Manschette zupfte. Sie war froh, dass Noll nicht hinter ihnen aus den Bäumen kam.

„Ich dachte, ich hätte ihn schon“, sagte Sabo schließlich. „Den Beutel. Der hing am Stuhlbein fest.“

Ace schob das Tuch höher. „Hättest du ihn halt früher geworfen.“

„Du standest im Weg.“

Vela presste das Tuch an ihren Mund. „Beim nächsten Mal rufst du, dass Dadan kommt. Dann rennt er schon.“ Ace behauptete sofort, sie wäre noch vor ihm weg gewesen. Sabo fing an zu lachen und meinte, dann hätte er wenigstens freie Bahn gehabt. Vela lachte mit, bis ihre Lippe wieder brannte, und lehnte sich gegen ihren Bruder. Er rückte nicht weg.

Ganz ohne Beute waren sie nicht davongekommen. Sabo zog zwei zerknitterte Tausender aus seiner Jacke. Die Scheine hatten neben den Münzen im Beutel gesteckt; an ihnen hatte er festgehalten, als er den Rest durch den Spalt geworfen hatte. Dazu kam eine kleine Münze, die er aus dem Stiefel schüttelte. Ace verlangte zu wissen, wie sie dort hingekommen sei. Sabo erklärte, er habe sie eigens dort versteckt. Als er beim Wiederanziehen noch einen Kiesel herausziehen musste, gab er zu, dass er es nicht wusste.

Zurück an der Buche legten sie die Scheine zum übrigen Geld. Vela übernahm das Einwickeln, weil Sabo mit seinem Handgelenk nicht richtig zugreifen konnte. Ace schob die Kiste in den Hohlraum. Sein Gesicht sah inzwischen so aus, als hätte ihm jemand eine dunkle Pflaume unter das Auge geklebt. Sie sagte es ihm lieber nicht, obwohl sie ziemlich sicher war, dass er ihr mit der Lippe etwas Ähnliches vorgeworfen hätte. Stattdessen teilte sie das letzte Brot in drei Stücke. Die Kruste gab sie Ace; für sich behielt sie das weiche Innere.

„Für einen Mast reicht es vielleicht schon“, meinte Sabo und betrachtete die geschlossene Kiste.

Ace kaute auf seiner Kruste. „Wir brauchen ein ganzes Schiff.“

„Deswegen sag ich ja: vielleicht.“

Vela zog mit der Stabspitze eine lange Form in die Erde. „Mit Kanonen hier. Und da. Sonst kommt ihr doch gar nicht weit.“ Sie setzte auf jede Seite drei kleine Kreise und überlegte, ob vorne auch noch einer hinmusste. Im Wald hatten sie häufig genug darüber gestritten, wie viel man auf ein Schiff stellen konnte, bevor es unterging. Bisher hatte niemand eine Antwort gewusst, die die anderen beiden gelten ließen.

„Wir brauchen auch noch Platz für uns“, sagte Sabo. Er schob den Hut in den Nacken und zeichnete mit einem abgebrochenen Zweig eine Treppe ein. „Und Vorräte. Und Wasser.“

„Dann machen wir es größer.“ Ace nahm ihr den Stab ab und verlängerte den Bug, bis die Spitze an eine Wurzel stieß. „So.“

„Das kostet mehr.“

„Dann holen wir mehr.“

Vela wollte zustimmen, doch sie sah noch einmal, wie Noll nach ihrem Stab griff. Sie rieb sich die klebrigen Finger an ihrem Tuch ab. „Erst woanders.“

Sabo kaute den letzten Bissen und sah zu Ace. „Erst woanders“, wiederholte er. Dann deutete er auf ihre Kanonen. „Du kannst uns später welche schenken. Von deinem Marineschiff.“

„Die brauch ich selber.“ Vela nahm ihm den Zweig ab, um eine weitere Luke einzuzeichnen. „Aber meins muss ich nicht kaufen. Wenn ich Vizeadmirälin bin, krieg ich eins. So wie Opa.“

Ace schnaubte. „Dann gehört es dir nicht.“

„Ich darf trotzdem drauf rumfahren.“ Sie setzte den letzten Kreis und betrachtete ihr Werk. „Und wenn ich schneller bin als ihr, müsst ihr mir was zu essen geben.“

Sabo streckte die Beine aus. „Die Marine kommt also nur vorbei, wenn sie Hunger hat.“

„Bei euch schon.“

„Und wenn wir dich nicht an Bord lassen?“ Ace zog ihr den Zweig aus der Hand.

Vela überlegte nicht lange. „Dann kletter ich hoch.“ Er hielt ihr entgegen, dass ihre Reling so hoch werde, dass sie nicht darüberkäme, worauf sie ihm erklärte, dann könne er selbst auch nicht aufs Meer sehen. Darüber gerieten sie so heftig ins Streiten, dass Sabo sich ebenfalls einen Zweig nahm.

Er teilte das Schiff mit einer niedrigen Linie in der Mitte. „Hier kannst du sitzen“, entschied er. „Dann sehen die anderen Piraten deine Uniform nicht gleich.“

„Ich versteck mich doch nicht auf eurem Schiff!“ Vela wollte den Zweig zurückhaben. Ace hielt ihn über ihren Kopf und behauptete, sie passe bestimmt in die Vorratskammer. Sie bekam seine Hand zu fassen, doch als sie grinsen musste, zog ihre Lippe so schmerzhaft, dass sie ihn wieder losließ. Ace gab ihr den Zweig von selbst zurück. Sie setzte ihn entschlossen auf das Vorderdeck. „Da steh ich. Und ihr könnt euch euer Essen selbst aus der Kammer holen.“

Sabo hatte inzwischen ein zusammengefaltetes Blatt aus dem Hut gezogen. Es stammte aus einem alten Heft, das auf einer Seite feucht geworden war. An den trockenen Rand hatte er eine Küste gezeichnet, mit einer Bucht und einem weit vorspringenden Stück Land. Vela rückte zu ihm auf die Wurzel. Er hatte ihr erzählt, dass er später auf die andere Seite des Hügels wollte. Von dort aus konnte man weiter an der Küste entlangsehen. Sie nahm ihm das Blatt nicht aus der Hand, sondern beugte sich nur näher darüber. Eine der Buchten hatte er mehrmals verbessern müssen.

„Eine Küstenkartoffel“, stellte sie fest.

Sabo sah erst die Zeichnung an, dann sie. „Das ist eine Landzunge.“

„Die da sieht aus wie die, die Dadan gestern geschält hat. Mit dem Knubbel.“

Ace rückte näher. „Die ist größer gewesen.“

Sabo drehte das Blatt von ihnen weg. „Dann zeichne ich euch eben keine Karte.“ Vela zog sein Handgelenk vorsichtig wieder zurück und zeigte auf die kleine Kerbe am Rand. Dort hatte er etwas eingezeichnet, das wie eine Leiter aussah. Als sie fragte, was es sei, erklärte er ihr, dass an der Stelle ein alter Steg lag. Bei niedrigem Wasser konnte man bis zu dessen äußerstem Ende gehen. Sie vergaß die Kartoffel und wollte wissen, ob man von dort Fische sehen konnte. Sabo begann zu erzählen, und eine Weile saßen sie nebeneinander, während Ace mit dem Zweig einen viel zu großen Fisch unter ihr Schiff malte.

Erst als die Sonne hinter den höheren Bäumen stand, sammelten sie ihre Sachen ein. Sabo ging nicht mit zum Haus. Das tat er nie, auch wenn Vela ihm versicherte, dass Dadan ihn bestimmt nicht gleich behalten würde. Er behauptete, genau das sei seine Sorge, und versprach, morgen am Baum zu sein. Vela holte das saubere Tuch aus ihrem eigenen Brotbeutel, damit er sein Handgelenk weiter kühlen konnte. Er wollte es nicht nehmen. Sie legte es auf seinen Hut. „Dann bring's morgen wieder.“

„Gewaschen?“

„Wär gut.“ Sie nahm ihren Stab und lief hinter ihrem Bruder her. An der ersten Steigung sah Vela noch einmal zurück. Sabo hob das Tuch zum Abschied, dann verschwand er hinter der nächsten Schrotthalde.

Auf dem Heimweg versuchten sie, sich eine Erklärung auszudenken. Eine Brombeerhecke schied aus, weil Ace nicht glaubte, dass Dadan ihm einen Dorn in dieser Größe abnehmen würde. Vela fand, er könne einfach sagen, er habe sich gestoßen. Er fragte, woran. Als sie seinen eigenen Ellbogen vorschlug, wollte er wissen, wie er damit an sein Auge kommen sollte. Sie versuchte es vorzumachen, bekam den Arm nicht weit genug herum und musste so heftig lachen, dass sie stehen blieb und fluchte. Danach beschlossen sie, erst etwas zu sagen, wenn jemand fragte.

Makino saß vor der Tür, Velas neue Hose auf dem Schoß. Vela entdeckte sie vom Waldrand aus und lief das letzte Stück über die Lichtung. „Makino!“ Sie legte ihren Stab unter die Bank und stellte sich so dicht vor sie, dass die Hose beinahe herunterrutschte.

„Da seid ihr ja! Ich dachte schon, ich müsste eure Sachen wieder mitnehmen.“ Makino legte das Nähzeug beiseite und zog Vela mit einem Arm an sich. Vela lehnte sich kurz gegen sie. Hinter ihr begrüßte Ace Makino und fragte, ob sie noch eine Weile bliebe.

Makino wollte antworten, doch als sie sein Gesicht im Licht sah, verschwand ihr Lächeln. Sie löste die Umarmung und sah auch Vela genauer an. „Was ist euch denn passiert?“

Vela hielt sich das feuchte Tuch vor den Mund. „Nicht so schlimm.“ Es klang undeutlich genug, um Makino sofort von ihrem Stuhl aufstehen zu lassen.

Aus der Küche kam Dadan. Sie brauchte nichts zu fragen. Sie packte Ace am Kinn, drehte sein Gesicht ins Licht und sah dann zu Vela. „Tuch runter.“ Vela gehorchte. Dadan atmete durch die Nase ein, und Ace trat vorsichtshalber einen halben Schritt zurück. „Rein. Beide.“

Die Küche war aufgeräumter als am Morgen. Neben der Tür fehlten die Seile. Dogura schälte Kartoffeln, während Magura am Herd in einem großen Topf rührte; beide unterbrachen ihre Arbeit, als sie die Kinder sahen. Vela musste sich auf die Bank setzen, während Ace behauptete, er könne sein Auge selbst kühlen. Dadan drückte ihm ein frisch benetztes Tuch in die Hand und wartete, bis er es benutzte. Makino stellte eine Schüssel vor Vela, wusch sich die Hände und bat sie, den Mund aufzumachen. „Hat dir jemand ins Gesicht geschlagen?“

Vela schüttelte den Kopf und bereute es, weil Dadan gleichzeitig zu reden begann. „Dann erklär mir, wie du so aussiehst!“

„Mit dem Stab“, sagte Vela. „Der ist mir gegen den Mund gekommen.“ Sie wollte nicht erzählen, wie wenig Platz hinter dem Tisch gewesen war. Jetzt, auf der Bank, kam ihr die Stelle noch enger vor. Wenn Noll das Holz zu fassen gekriegt hätte, hätte er sie damit zurückziehen können. Sie zog die Füße unter sich und ließ Makino das Blut an ihrem Kinn abwischen.

Ace nahm das Tuch vom Auge. „Wir sind hingefallen. Da waren lose Bretter.“

Dadan stellte die Kanne so hart ab, dass der Deckel klapperte. „Ihr fallt wohl grundsätzlich mit dem Gesicht voran?“

Vela hatte noch den Ellbogen vor Augen, der Ace getroffen hatte. Unter dem Tisch stieß sie mit der Schuhspitze leicht gegen seinen Fuß und sah zu Dadan auf. „Wir sind doch schon wieder da.“

Dadan begann zu schimpfen, doch als Vela bei der nächsten Berührung zusammenzuckte, hielt sie inne. Makino wartete, bis sie wieder stillhielt, und tupfte weiter. Ihre Finger waren kühl und rochen nach Seife. Vela sah auf den Verbandstreifen, der nun eine rote Stelle hatte, und schob die Hände zwischen ihre Knie. Sie hätte Makino lieber gezeigt, wie oft sie heute Sabos Jacke erwischt hatte.

„Ihr bleibt morgen erst mal hier“, entschied Dadan. „Der Dreck zwischen den Dielen verschwindet nicht von allein. Und dabei könnt ihr euch gleich ansehen, wie ordentliche Bretter aussehen.“

„Wir haben schon geschrubbt“, wandte Ace ein.

„Dann findet ihr euch ja zurecht.“ Dadan schob ihm die Brotschüssel hin. „Und wenn dieser Sabo das nächste Mal wieder auf euch wartet, kann er warten. Das könnt ihr ihm gleich sagen.“ Vela wollte fragen, wie sie ihm das sagen sollten, wenn sie nicht hingehen durften, behielt es aber für sich. Makino reichte ihr einen Becher Wasser. Sie trank vorsichtig von der Seite, an der die Lippe nicht so zog. Ace brach sein Brot auf und schob ihr ein Stück vom weichen Inneren hin.

Vela löste den Münzbeutel vom Gürtel und holte den Anhänger samt Kette heraus. „Kannst du dir den auch ansehen?“ Sie legte ihn in Makinos Hand, hielt das lose Ende der Kette jedoch noch fest.

Makino betrachtete den Verschluss. „Da ist ein Haken verbogen. Ich kann ihn im Dorf reparieren lassen. Soll ich ihn mitnehmen?“

Vela ließ die Kette los. „Du bringst ihn aber wieder?“

„Beim nächsten Besuch“, versprach Makino. „Mit einem Verschluss, der hält.“ Sie steckte den Anhänger samt Kette in ihre Rocktasche. Vela strich den leeren Beutel auf ihrem Schoß glatt und band ihn wieder an den Gürtel.

Makino holte anschließend die Hose herein. „Aufstehen“, sagte sie zu Vela. „Damit ich wenigstens weiß, ob ich sie wieder mitnehmen muss.“ Vela stellte sich auf die Bank und hielt das Kleidungsstück vor sich. Der Saum reichte diesmal tatsächlich bis über ihre Knöchel. Makino steckte die letzte Nadel um, während Dadan erklärte, sie würden so lange bei der Arbeit helfen, bis die Veranda wieder aussah wie vor ihrem Training. Ace behauptete, das Ausweichen habe trotzdem schon viel besser geklappt. Dadan zeigte auf sein Auge. Er biss in sein Brot und antwortete nicht mehr.

„Im Dorf ist es auch nicht viel ruhiger geworden“, bemerkte Makino, als sie den Saum wieder auf ihren Schoß zog. „Wir haben Gäste im Hafen.“

Ace hörte auf zu kauen. „Was für Gäste?“

„Piraten. Die Mannschaft von Shanks.“ Sie erzählte von dem Schiff und den Männern, die seit einigen Tagen ihre Bar füllten. Vela setzte sich wieder neben Ace. Einen Piratenkapitän, der selbst Fässer schleppte, hatte sie sich bisher nicht vorgestellt. Sie wollte wissen, ob auf seinem Schiff Kanonen standen. Makino erklärte, dass sie noch nicht an Bord gewesen sei.

Ace verlangte zu erfahren, wie viele Männer zur Mannschaft gehörten, und war mit der Antwort ebenfalls unzufrieden. „Du musst doch sehen, wie viele bei dir sitzen.“

„Die sitzen nicht immer alle still.“ Makino zog den letzten Stich fest. „Außerdem habe ich gewöhnlich etwas zu tun, solange sie da sind.“

Vela stellte sich vor, wie es wäre, wenn Garp beim nächsten Besuch einfach ins Dorf spazierte und dort auf das Piratenschiff stieß. Sie stieß Ace mit dem Ellbogen an. „Opa wird sich freuen.“

Er grinste hinter seinem Brot. Dadan drehte sich um. „Und ihr spart euch jeden weiteren Einfall! Ich hab euch gerade erst wieder zusammenflicken lassen.“ Sie stellte zwei volle Schüsseln auf den Tisch und drückte Vela einen Löffel in die Hand. „Die Piraten bleiben unten. Ihr bleibt heute hier.“

Makino faltete die Hose zusammen und legte sie neben Vela. „Probier sie später richtig an. Und falls sie zu lang ist, sagst du mir Bescheid, bevor du sie abschneidest.“

Vela wollte widersprechen, erinnerte sich aber an die Fransen ihrer letzten Hose. „Die war im Weg.“

„Deswegen habe ich gefragt.“ Makino räumte ihr Nähzeug zusammen. Draußen fiel die Sonne schon schräg durch die Bäume, und sie musste ins Dorf zurück. Vela begleitete sie bis zur Stufe. Sie hätte sie gern noch etwas über das Schiff gefragt, aber ihre Lippe tat weh, und Makino legte ihr vor dem Abschied die Hand auf den Kopf. „Heute keine neuen Versuche mehr“, sagte sie. „Auch keine kleinen.“

Vela grinste sie breit und ein wenig schief an. „Morgen dann.“

Aus der Küche kam ein sehr deutliches „Vela!“ Makino lachte, nahm ihren leeren Korb und ging den Pfad hinunter. Vela sah ihr nach, bis zwischen den Bäumen nur noch das helle Tuch über dem Korb zu erkennen war. Dann kehrte sie an den Tisch zurück. Ace hatte ihre Schüssel ein Stück von seinem Platz weggerückt, damit sie nicht gleich wieder seinen Ellbogen traf. Daneben lag das größere Stück Brot.

Vela setzte sich und teilte es noch einmal. Aus der Küche kam Dadan mit einem dritten, in ein Tuch gewickelten Stück. Sie legte es oben auf den Schrank, weit außerhalb ihrer Reichweite. „Das ist für morgen. Falls euer beschäftigter Freund zufällig vorbeikommt.“

Ace sah zu dem Päckchen hoch. „Er kommt nicht her.“

„Dann bleibt mehr für mich.“ Dadan setzte sich ihnen gegenüber und zog den Brotteller an sich. Vela überlegte, wie früh sie am nächsten Morgen die Veranda schrubben konnten. Neben ihr schob Ace sein Kühltuch zurecht und nahm den Löffel. Sie brauchten sich darüber jetzt nicht zu unterhalten.

Im Flur rumpelte etwas. Dogura erschien mit dem aufgeplatzten Sack im Arm und fragte, ob er den wirklich wegwerfen solle. Dadan deutete auf die Tür nach draußen. „Weg damit.“

Vela schluckte vorsichtig ihren Bissen hinunter. „Die Zapfen können aber drinbleiben. Die haben wir extra gesammelt.“ Dadan legte langsam den Löffel ab. Ace beugte sich tief über seine Schüssel, und Vela tat es ihm gleich. „Fürs Feuer“, ergänzte sie hastig. „Diesmal fürs Feuer.“

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Nachwort

Da ist er also, unser rothaariger Piratenkapitän! Zumindest vorerst nur in Makinos Erzählungen. ;)

Während in Foosha die Rothaar-Piraten für ordentlich Trubel sorgen, sind Ace, Sabo und Vela weiterhin fleißig dabei, sich selbst in Schwierigkeiten zu bringen. Diesmal allerdings mit ein paar schmerzhaften Konsequenzen.

Und ja, ich weiß! Ich hatte euch Luffy versprochen. Technisch gesehen war er auch dabei ... nur eben noch nicht persönlich. Ich hoffe, ihr verzeiht mir diesen kleinen Schummelversuch! :D Aber keine Sorge, unser zukünftiger Strohhutkapitän bekommt noch genügend Gelegenheit, für Chaos zu sorgen.

Eine Sache würde mich besonders interessieren: Was haltet ihr bisher von der Entwicklung unserer drei kleinen Abenteurer? Und seid ihr schon gespannt darauf, wie es mit Shanks in Foosha weitergeht?

Über eure Gedanken, Theorien und natürlich auch ein kleines Review würde ich mich wirklich sehr freuen! Gerade bei einer Geschichte, die mir so am Herzen liegt, bedeutet mir euer Feedback unglaublich viel.

Bis zum nächsten Kapitel!

Eure LastMemory