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Kapitel 7 – Ein Leben ohne ihn

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Kapitel 7 – Ein Leben ohne ihn

Benn Beckman · Foosha · Partys Bar

Benn hatte in seinem Leben gelernt, Zahlen mit einer gewissen Gelassenheit zu behandeln. Entfernungen, Vorräte, die Stärke einer gegnerischen Besatzung – vieles ließ sich berechnen, wenn man nur lange genug hinsah. Bei den acht Jahren, die Makino eben genannt hatte, half ihm diese Gewohnheit nicht. Sie passten. Das war das Problem. Acht Jahre und der Name Vale, den sie auf einer Insel gesucht hatten, bis es niemanden mehr gegeben hatte, den sie noch hätten fragen können.

Shanks hielt den kleinen Vogel noch immer in der Hand. Makino hatte ihn zur Reparatur mitgebracht; der Verschluss war verbogen, die dunklen Metallflügel dagegen unversehrt. Benn erinnerte sich gut daran, wie Cina den Anhänger getragen hatte. Manchmal offen über dem Hemd, manchmal darunter, wenn sie an Deck mit anpackte. Er erinnerte sich auch an die Art, wie Shanks damals grinste, als hätte er mit diesem Geschenk etwas besonders Kluges angestellt.

Jetzt grinste er nicht.

„Wie sieht sie aus?“, fragte Benn.

Makino wandte sich ihm zu. Sie saß nicht mehr auf Shanks' Schoß wie noch zu Beginn des Frühstücks. Zwischen ihnen standen der Kaffee, ein Brotteller und all die Dinge, die sich in wenigen Minuten in Hindernisse verwandelt hatten. „Rote Haare“, sagte sie. „Nicht dunkelrot. Genau dieses leuchtende Rot.“ Ihr Blick glitt zu Shanks. „Und ihre Augen sind hellgolden. Wenn die Sonne hineinfällt, weiß ich manchmal gar nicht, wie ich die Farbe nennen soll.“

Benn sah wieder die Bank vor seiner Kajüte, auf der Cina stundenlang mit einem Buch sitzen konnte. Sie hatte die Beine unter sich gezogen und ihn wegen des Endes einer Geschichte so ausdauernd ausgefragt, dass er schließlich seinen eigenen Standpunkt zu verteidigen begonnen hatte, obwohl er das Buch nicht einmal besonders mochte. Er wusste noch, wie die Lampe auf dem Tisch geleuchtet hatte und wie Cina ihn über den Rand der Seiten angesehen hatte. Dieselben Augen, hell und entschieden, als gäbe es für jedes Rätsel eine vernünftige Antwort, wenn man nur beharrlich genug nachfragte.

„Cina's Augen“, sagte er.

Shanks blickte zu ihm. Eine knappe Bewegung, aber Benn kannte ihn lange genug, um zu sehen, wie sehr er sich an dem Satz festhielt. Der Name, der Vogel, das Alter. Jetzt auch ihr Gesicht. Jeder Hinweis nahm ihnen eine weitere Möglichkeit, sich geirrt zu haben.

„Sie hat auch sein Grinsen“, sagte Makino, bevor Shanks etwas erwidern konnte. Sie lächelte, doch ihre Finger blieben unter dem Tisch ineinander verschränkt. „Gestern stand sie mit einer aufgeplatzten Lippe vor mir und behauptete, es wäre nichts. Dann hat sie so schief gegrinst, dass ich ihr gesagt habe, sie solle wenigstens warten, bis ich das Blut abgewaschen habe.“

„Was ist mit ihrer Lippe passiert?“ Die Frage kam von Shanks so rasch, dass Makino überrascht die Augen hob.

„Sie ist gestürzt, sagt sie. Ein paar Bretter seien lose gewesen. Ich habe die Bretter nicht gesehen.“

„Und wie schlimm ist es?“

„Nicht schlimm genug, um sie davon abzuhalten, mir fünf Minuten später ihren neuen Stab vorzuführen. Ich habe sie trotzdem sitzen lassen.“

Shanks nickte, als hätte er die Antwort verstanden. Benn war sich nicht sicher, ob er es tatsächlich hatte. Es gehörte zu Shanks, sich um ein verletztes Kind zu kümmern, auch wenn er dessen Namen nicht kannte. Heute hatte er nicht einmal gesehen, wo die Verletzung saß. Er musste sich auf Makinos Worte verlassen. Das fiel ihm offenbar schwerer als die Aussicht, einem Marineschiff zu begegnen.

Roux kam vom Tresen zurück, einen leeren Teller in der Hand. „Habt ihr noch etwas von Cina herausgefunden?“ Er wollte den Teller neben Benn abstellen, bemerkte aber den Vogel in Shanks' Hand und hielt inne.

Benn fasste zusammen, was sie wussten. Er musste es kurz halten, sonst hätte er bei jedem einzelnen Teil wieder von vorn anfangen müssen. Ein Mädchen namens Vela Vale. Acht Jahre alt. Die Kette von ihrer Mutter. Rote Haare wie Shanks, goldene Augen wie Cina.

Roux setzte sich, ohne den Teller loszulassen. „Eine Tochter?“ Er sah Shanks an. „Ihre Tochter?“

„Vielleicht meine“, antwortete Shanks. Er sagte es leise. „Wir wissen es noch nicht sicher.“

Roux ließ den Teller endlich auf den Tisch sinken. Zum ersten Mal, seit Benn ihn kannte, schien ihm nichts einzufallen, das mit Essen zu tun hatte. „Lebt Cina?“

Makino schüttelte den Kopf. „Ich weiß es nicht. Ich kenne ihre Mutter nicht. Cinas Namen habe ich eben erst von euch gehört.“

„Sie wollte doch wieder mitfahren“, sagte Roux. Das klang weniger wie ein Einwand als wie eine Erinnerung, die er nicht mehr unterbringen konnte. „Ich habe damals noch eine zweite Dose von dem Tee gekauft, den sie mochte.“

Benn erinnerte sich. Die Dose hatte noch lange in Roux' Schrank gestanden. Irgendwann hatten sie sie geöffnet, weil Cina nicht zurückgekommen war und auch Tee nicht ewig besser wurde. Die Entscheidung hatte damals zu einer lächerlich langen Diskussion geführt. Keiner von ihnen hatte aussprechen wollen, weshalb sie die Dose überhaupt aufgehoben hatten.

„Wir sind zweimal in den Hafen zurück“, sagte Benn. Er sah Shanks an, nicht Makino. „Du hast dort mit jedem gesprochen, der sie hätte gesehen haben können.“

„Ich weiß.“

„Ich sage es nur, weil das hier etwas ändert.“ Benn tippte mit dem Finger auf den Tisch, ohne den Vogel zu berühren. „Wenn sie damals schon schwanger war, wissen wir noch weniger darüber, warum sie verschwunden ist, als wir dachten.“

Shanks' Blick wanderte zu seiner Hand. „Sie hatte mir von der nächsten Insel erzählt. Sie hat geplant, wieder an Bord zu kommen.“

„Das hat sie uns allen erzählt“, sagte Roux.

Yasopp war an der Tür stehen geblieben, wo er gerade versucht hatte, den beschädigten Stuhl aus dem Weg zu räumen. „Cina?“, fragte er. Als niemand sofort antwortete, kam er näher. Benn erklärte auch ihm, worum es ging, diesmal mit dem befremdlichen Gefühl, eine Nachricht zu überbringen, die viel zu groß für die Worte war.

Yasopp sah erst den Vogel, dann seinen Captain an. „Du hast ein Kind?“

„Vielleicht“, wiederholte Shanks.

Yasopp schwieg einen Augenblick. Benn hatte erwartet, dass er über die Ähnlichkeit zum Captain scherzen würde. Stattdessen fragte er: „Und wo ist sie?“

Benn sah zu Makino. Sie nahm den Brotteller ein Stück beiseite. Ihr Gesicht hatte sich bei Yasopps Frage verändert; sie schien etwas sagen zu wollen und hielt doch inne. Benn verstand plötzlich, dass sie ihre Antworten nicht deshalb vorsichtig wählte, weil sie Shanks etwas missgönnte. Sie hatte diesem Mädchen vor wenigen Tagen noch die Lippe versorgt. Für Makino war Vela kein möglicher Hinweis auf Cina. Sie war ein Kind, das nachher wieder nach seinem Anhänger fragen würde.

Von draußen ertönte ein Ruf. „Shanks!“

Luffy stürmte herein, einen krummen Ast vor sich hertragend, an dessen Ende eine Schnur mit einem Stück Brot baumelte. Er blieb fast im Türrahmen hängen, korrigierte seinen Kurs und hielt Shanks das Gebilde unter die Nase.

„Guck mal! Diesmal fange ich einen richtig großen Fisch!“

Shanks sah den Ast an. Für einen Moment wirkte es, als müsse er sich daran erinnern, wo er war. Dann fragte er: „Mit Brot?“

„Fische fressen doch!“ Luffy zog an der Schnur und löste damit das Stück Brot, das auf den Boden fiel. Er hob es sofort wieder auf. „Und du musst einen Knoten machen, der hält.“

Shanks streckte die Hand aus, ohne den Anhänger loszulassen. Er hielt inne, als ihm auffiel, dass er dafür beide Hände gebraucht hätte. Benn beobachtete, wie der Junge erwartungsvoll zu ihm aufsah. Shanks hatte Luffy in den vergangenen Wochen unzählige Male beim Angeln geholfen, ihn ausgelacht, mit ihm gestritten und ihm versprochen, beim nächsten Versuch zuzusehen. Heute schien ihm etwas daran Mühe zu machen.

„Ich kann den Knoten machen“, sagte Yasopp und nahm Luffy den Ast ab. „Und wenn du wirklich einen großen Fisch willst, lernst du vorher, das Ende überhaupt dorthin zu werfen, wo du es haben möchtest.“

„Ich kann werfen!“

„Dann zeig's mir. Vom Brunnen aus in den Eimer.“

Luffy überlegte kurz. „Mit Brot?“

„Lieber mit Steinen.“

„Gut! Aber du musst die Augen zumachen, wenn du dran bist.“

Yasopp grinste. „Abgemacht.“ Er nahm den Eimer bei der Tür und legte Shanks beim Hinausgehen kurz eine Hand auf die Schulter. Kein aufmunternder Spruch, kein wissender Blick. Nur eine Berührung, die Benn bei Yasopp selten sah.

Shanks versprach Luffy noch, sich seine Treffer anzusehen. Der Junge eilte hinaus, bereits mit Yasopp über die Größe der erlaubten Steine im Streit. Makino zog die Tür an, ließ sie jedoch nicht ins Schloss fallen. Von draußen konnte man Luffy weiterhin hören.

Benn nahm die Zigarette aus dem Mund. Er wollte wissen, ob Makino irgendetwas über Cinas Aufenthaltsort erfahren hatte, ob Vela einen Brief besaß, ob jemand vor acht Jahren mit dem Kind angekommen war. Shanks kam ihm zuvor.

„Makino.“ Seine Stimme war jetzt ganz ruhig. „Wo lebt sie?“

*

Shanks · Foosha · Partys Bar

Makino ging langsam an ihren Stuhl zurück. Shanks hätte am liebsten gewartet, bis sie sich setzte, wenn er nur gewusst hätte, dass er danach eine Antwort bekam. Stattdessen blieb sie auf der anderen Seite des Tisches stehen.

„Ich kann dir nicht sagen, wo sie wohnt.“

Er brauchte einen Augenblick, um die Worte wirklich aufzunehmen. „Du weißt es aber.“

„Ja.“

„Du warst gestern bei ihr.“

„Ja, Shanks.“

Er blickte zur angelehnten Tür. Draußen war Luffy dabei, Yasopp zu erklären, dass der Eimer zu klein sei. Auf dieser Insel gab es offenbar Straßen, die er seit Wochen entlangging, und irgendwo an einer davon könnte ein Mädchen mit seinen roten Haaren unterwegs sein. Er könnte sie schon gesehen haben, ohne es zu wissen. Der Gedanke brachte ihn halb aus dem Stuhl.

„Ich muss sie nicht vor allen Leuten ansprechen“, sagte er. „Sag mir nur, wo ich sie finde. Ich gehe allein hin.“

Makino schüttelte den Kopf. Nicht ärgerlich. Gerade das machte es schlimmer. „Garp hat sie hierhergebracht, als sie eine Woche alt war. Er hat mir gesagt, dass niemand etwas über ihre Herkunft erfahren darf. Zu ihrer Sicherheit.“

Garp.

Shanks zog die Augenbrauen hoch. Er kannte den Mann aus einer Zeit, in der Roger noch auf dem Deck gestanden und über den nächsten Angriff des Marinehelden gelacht hatte. Garp war so laut gewesen, dass man ihn schon vor seinem Schiff hörte. Shanks erinnerte sich an Fäuste, die Holz splitterten, und an einen Gegner, der selbst dann noch gefährlich war, wenn Roger schon glaubte, ihn abgehängt zu haben. Einen Säugling mit diesem Mann in Verbindung zu bringen gelang ihm nicht.

„Monkey D. Garp?“

„Ja.“

„Warum ausgerechnet er?“

„Das hat er mir nicht erklärt.“ Makino zog den Stuhl zurück und setzte sich nun doch. „Ich habe nach Velas Eltern gefragt. Garp hat nur gesagt, dass er über ihre Herkunft nichts erzählen wird und dass sie sicher sein muss. Danach habe ich die Frage nicht wieder gestellt.“

Shanks strich sich über das Gesicht. Seit einigen Minuten versuchte er, sich auszumalen, wie Vela aussah. Jetzt sah er ungewollt Garp vor sich, der ein winziges Kind in seinen gewaltigen Händen hielt. Acht Jahre lang wusste dieser Mann, dass es sie gab. Acht Jahre, in denen Shanks sie nicht einmal hätte beim Namen rufen können.

„Wer zieht sie auf?“, fragte er. „Garp ist doch ständig auf See.“

Makino wirkte über diese Frage beinahe erleichtert. „Sie lebt bei Leuten, die er seit Langem kennt. Sie kümmern sich um sie. Es ist kein großes Haus und nicht immer besonders ruhig, aber Vela hat dort ein Bett, gutes Essen und Menschen, die sie vermissen würden, wenn sie abends nicht nach Hause käme.“

„Was für Leute?“

Makino zögerte. Ihr Blick fiel auf den Anhänger, den er immer noch hielt. „Menschen, denen ich vertraue.“

„Makino.“ Er hörte die Ungeduld in seiner Stimme und dämpfte sie nicht ganz. „Du verlangst von mir, dass ich einfach glaube, sie sei gut untergebracht. Ich weiß nicht einmal, bei wem.“

„Ich verstehe, dass dir das zu wenig ist. Aber ich kenne dieses Mädchen seit Jahren. Ich habe sie lachen und streiten sehen, ich habe ihre Kleider geflickt und sie nach Hause geschickt, wenn sie sich irgendwo die Knie aufgeschlagen hatte. Sie wird dort geliebt.“ Makino legte eine Hand auf den Tisch. „Ich erzähle dir alles, was ich über sie erzählen darf. Ihre Adresse gehört im Augenblick nicht dazu.“

Sein erster Impuls war, sie zu fragen, wer ihr dieses Recht gegeben hatte. Er musste ihn nicht aussprechen, um zu merken, wie ungerecht die Frage gewesen wäre. Makino war dagewesen, wenn Vela verletzt gewesen war. Er nicht. Nicht, weil er sie verlassen hatte – er hatte ja nicht einmal von ihr gewusst. Aber der Unterschied verschwand dadurch nicht.

„Ich würde ihr nichts antun“, sagte er schließlich, leiser als zuvor.

Makino hob den Kopf. „Das weiß ich.“

„Dann verstehe ich nicht, was dagegen spricht, dass ich sie sehe.“

„Weil ich nicht weiß, wer sie finden könnte, wenn du sie findest.“ Sie sah ihn direkt an. „Du bist Shanks. Es gibt Leute, die dich erkennen, selbst wenn du allein durch ein Dorf gehst. Und Vela hat offenbar deine Haarfarbe. Vielleicht ist das alles ein Zufall. Vielleicht nicht. Aber wenn jemand beobachtet, dass du dich plötzlich für dieses Kind interessierst, kann ich nicht mehr rückgängig machen, was er daraus schließt.“

Das war eine Antwort. Keine, die er hören wollte, aber eine, gegen die sich schlecht mit einem Versprechen argumentieren ließ. Shanks hätte ihr sagen können, dass er sich notfalls gegen jeden stellte, der Vela gefährdete. Er wusste nur noch nicht einmal, gegen wen er sich stellen müsste. Wer ein Baby vor acht Jahren versteckte, hatte Gründe gehabt. Ob diese Gründe heute noch galten, wusste keiner am Tisch.

Was ist mit dir passiert, Cina?

„Ich will ihr nicht sagen, dass ich ihr Vater bin“, sagte er. „Nicht, bevor ich es weiß.“

„Das glaube ich dir. Aber sie ist acht und nicht auf den Kopf gefallen. Sie wird Fragen stellen, wenn plötzlich ein Pirat bei ihrer Familie auftaucht, der ihre Mutter gekannt haben könnte.“ Makino verzog den Mund. „Und ich müsste sie dann anlügen, wenn sie mich fragt, woher er von ihr weiß.“

Shanks wollte widersprechen. Dann dachte er daran, wie Cina ihn angesehen hatte, wenn er versuchte, ihr etwas allzu Offensichtliches als wunderbaren Einfall zu verkaufen. Eine Tochter von ihr würde vermutlich nicht viel geduldiger sein. Er musste trotz allem ganz kurz lächeln. Makino bemerkte es nicht oder ließ ihn damit in Ruhe.

„Ich möchte, dass du sie eines Tages kennenlernen kannst“, sagte sie. „Wenn sie wirklich deine Tochter ist, erst recht. Aber ich will nicht der Grund dafür sein, dass sie ihren sicheren Platz verliert.“

„Du könntest Garp fragen, was dagegen spricht“, sagte Benn.

Shanks wandte sich zu ihm. Benn hatte bis dahin geschwiegen. Jetzt schob er seinen Stuhl näher, nicht zwischen sie, sondern an die Tischkante, an der Shanks' Hand lag. „Er ist der Einzige, der beantworten kann, wovor sie geschützt werden muss. Bevor wir darüber streiten, wen Makino wohin führt, sollten wir herausfinden, was er weiß.“

Shanks gefiel nicht, wie vernünftig das klang. Ihm gefiel noch weniger, dass Benn recht hatte.

„Wann kommt er wieder?“, fragte er Makino.

„Das weiß ich nicht. Manchmal liegt lange kein Marineschiff im Hafen, manchmal taucht er auf, ohne dass jemand Bescheid wusste.“

„Gibt es eine Möglichkeit, ihm eine Nachricht zukommen zu lassen?“

„Vielleicht. Aber seinen Namen mit Velas zu verbinden wäre genau das, was ich vermeiden will.“

Benn nickte. „Dann fragen wir nach Garp, ohne nach Vela zu fragen. Und sehen uns die alten Unterlagen von dem Hafen an, in dem Cina verschwunden ist, noch einmal an.“

Shanks sah ihn an. „Wir haben damals alles durchgesehen.“

„Alles, wonach wir damals gesucht haben.“ Benn sprach ruhig. „Wir haben nach einer Frau gesucht, die eine Reise fortgesetzt haben könnte. Nicht nach jemandem, der Monate später ein Kind geboren hat, das unter anderem Namen verschwunden ist.“

Acht Monate. Ein Kind. Die Vorstellung setzte sich gegen Shanks' Willen in seinem Kopf fest. Vielleicht war Cina damals noch gar nicht sicher gewesen. Vielleicht hatte sie es gewusst und nicht die Gelegenheit gehabt, es ihm zu sagen. Vielleicht hatte der Grund ihres Verschwindens mit der Schwangerschaft überhaupt nichts zu tun. Er wusste es nicht. Wenigstens hatte Benn recht damit, dass die alten Fragen nicht mehr dieselben waren.

„Gut“, sagte er. „Aber kein Wort über das Mädchen außerhalb dieses Tisches. Nicht einmal gegenüber unseren Leuten, solange wir nicht wissen, worum es geht.“

Roux hob die Hand, als hätte Shanks ihn eines Unrechts verdächtigt. „Ich kann schweigen.“

Benn sah zu dem leeren Teller, den Roux seit einer Weile vor sich hatte stehen lassen. „Wenn du den Mund voll hast, sogar besonders gut.“

„Das ist ein bedeutender Vorteil“, murmelte Roux und griff nach dem Brot. Es gelang Shanks, darüber zu schnauben. Ein kleines Stück der Vertrautheit kehrte zurück, ohne dass er die Unruhe verlor.

Makino legte die Hände ineinander. „Ich kann dir von ihrem Leben erzählen. Wenn du möchtest.“

Er hatte geglaubt, er könne sich vor der Frage drücken, indem er einen Weg fand, sofort zu ihr zu gehen. Jetzt wusste er nicht, wo er anfangen sollte. Er wollte hören, wie sie sprach. Er wollte wissen, was sie gern aß und ob sie nachts das Fenster offenließ. Lächerliche Dinge, die ihm vor einer Stunde vollkommen gleichgültig gewesen wären. Er würde heute nicht erfahren, wie sie ihn ansah, wenn er ihren Namen sagte. Er musste mit den Geschichten der Menschen vorliebnehmen, die sie kannten.

„Du hast gesagt, sie lebt bei einer Familie“, begann er. „Sind dort auch andere Kinder?“

„Ja. Ihr Bruder.“

Shanks hielt einen Moment inne. „Ihr Bruder? Sind sie leiblich verwandt?“

„Nein.“ Makino lächelte. „Aber wenn du sie zusammen siehst, zweifelst du keine Sekunde daran, dass sie Geschwister sind. Er ist neun. Gestern hat Vela beim Essen wegen ihrer Lippe kaum einen Bissen herunterbekommen. Ace hat ihr die weichen Stücke seines Brotes zugeschoben, ohne ein Wort darüber zu verlieren.“

Ein Junge. Kein weiteres unbekanntes Kind Cinas, keine zweite Geschichte, die er erst würde begreifen müssen. Shanks schämte sich ein wenig für die Erleichterung, die sich zuerst einstellte. Danach sah er einen Jungen vor sich, der beim Essen aufpasste, dass seine Schwester sich nicht wehtat, und trotzdem kein großes Aufheben darum machte.

„Und der passt auf sie auf?“

„Wenn du ihn fragst, wird er behaupten, dass sie ihn nur aufhält.“ Makino verzog den Mund. „Und wenn du sie fragst, sagt sie wahrscheinlich dasselbe. Aber sobald einer von beiden nicht da ist, weiß der andere erstaunlich genau, wie lange er schon wegbleibt.“

Roux lachte. „Das hört sich nach einer anstrengenden Familie an.“

„Du kennst nicht einmal die Hälfte.“ Makino nahm ihr Brot, biss ab und schob es nach kurzem Zögern wieder beiseite. „Neulich war ein Loch in der Wand. Ich wollte wissen, wie es da hineingekommen ist. Ace hat gesagt, Vela hätte nichts gemacht. Vela hat mir erklärt, Ace sei vollkommen unschuldig. Als ich ihnen gesagt habe, dass sie es gemeinsam reparieren müssen, haben sie zum ersten Mal an diesem Tag nicht widersprochen.“

Shanks lachte, bevor er es verhindern konnte. Er konnte nicht sagen, warum ihn gerade diese Geschichte so traf. Vielleicht, weil Makino sie mit der müden Zuneigung von jemandem erzählte, der den beiden längst nicht mehr glaubte und sie trotzdem gern hatte. Er hätte am liebsten gewusst, wie Vela dabei ausgesehen hatte. Ob sie versucht hatte, ernst zu bleiben, und ob ihre Mundwinkel schließlich doch verräterisch gezuckt hatten.

„Ich hätte ihre Gesichter gern gesehen“, sagte er.

„Ich auch“, antwortete Makino trocken. „Ich war leider nur beim fertigen Loch dabei.“

Er lachte wieder. Diesmal hielt es etwas länger an. Dann fiel sein Blick auf den Vogel, und ihm wurde bewusst, wie selbstverständlich er sich schon eine eigene Erinnerung aus Makinos Geschichte zu machen versuchte. Andere Menschen besaßen die echten.

„Sie klingt glücklich mit ihm“, sagte er.

„Sie liebt ihn. Auch wenn die beiden das nicht dauernd aussprechen.“ Makino zögerte. „Und er ist nicht das Einzige, was sie dort hat. Die Menschen, bei denen sie lebt, sind manchmal laut und nicht immer ordentlich, aber sie haben beide Kinder aufgenommen. Sie wissen, wie Vela ihren Tee mag und wann sie sich nur größer macht, als sie ist. Da muss sie sich nichts verdienen.“

Shanks sah sie an. „Hat sie jemanden, den sie Mama oder Papa nennt?“

Makino schüttelte den Kopf. „Nicht so. Garp ist ihr Opa. Die anderen sind ihre Familie. Ich glaube nicht, dass sie viel darüber nachdenkt, wie man das auf ein Papier schreiben würde.“

Er stellte sich ein Kind vor, das „Opa“ rief, wenn ein Marineschiff im Hafen auftauchte. Es war leichter, sich Garp vorzustellen, wie er einem Gegner seine Meinung über die Marine erklärte, als wie er bei dieser Stimme den Kopf drehte. Trotzdem musste er es acht Jahre lang getan haben. Shanks wusste nicht, ob er dem Alten zuerst danken oder ihn zuerst am Kragen packen wollte. Vermutlich beides. Der Gedanke war nicht besonders vernünftig, aber wenigstens ehrlich.

„Was weiß Vela von ihrer Mutter?“

Makino legte die Hand neben ihr Tuch. „Dass sie sie geliebt hat. Garp hat es ihr selbst gesagt, als sie einmal danach gefragt hat. Er hat ihr erklärt, ihre Mutter habe alles getan, was sie konnte, damit Vela in Sicherheit aufwächst.“

Shanks hatte Cina zuletzt lachend erlebt, mitten in einer viel zu gewöhnlichen Unterhaltung darüber, was sie an der nächsten Küste unternehmen wollten. Jetzt versuchte er, sie sich mit einem neugeborenen Kind vorzustellen, von dem sie sich trennen musste. Er konnte es nicht. Vielleicht, weil er sich zu sehr an den Tag klammerte, an dem sie noch bei ihm gewesen war.

„Und ihr Vater?“ Seine Stimme klang rauer, als er beabsichtigt hatte.

„Sie weiß, dass er nichts von ihr weiß.“

Zuerst war da eine Erleichterung, so plötzlich, dass Shanks einen Atemzug brauchte. Vela glaubte also nicht, ihr Vater habe sie fortgegeben. Sie war nicht damit aufgewachsen, auf einen Mann zu warten, der sich einfach geweigert hatte zu kommen. Dann erreichte ihn die andere Hälfte der Antwort.

Benn stellte seinen Becher ab. „Woher weiß Garp das?“

Makino sah ihn an. „Das hat er mir nicht erklärt.“

Shanks dachte an die Nachricht, die ihn nie erreicht hatte. An all die Inseln, auf denen man seinen Namen kannte. Er hatte nicht verborgen gelebt. Man konnte ihn finden, wenn man wusste, wonach man suchte. Hatte Garp es gewusst? Und falls ja: Warum hatte er den Versuch nicht einmal unternommen? Schon bei dem Gedanken stieg ihm Ärger auf. Aber er hielt sich zurück. Wenn er es wusste.

„Du meinst, er weiß, wer der Vater ist“, sagte Roux.

„Er könnte es wissen“, erwiderte Benn. „Oder er kennt zumindest die Umstände der Trennung.“

„Dann hätte er einen verdammt guten Grund brauchen müssen, um zu schweigen.“ Shanks sah zu Makino. „Hat er gesagt, vor wem er sie versteckt?“

„Nein.“ Sie rieb langsam mit dem Daumen über ihren Handrücken. Ihre Augen blieben auf der Tischplatte, während sie nach Worten suchte. „Ich habe nie erfahren, warum er so vorsichtig ist. Und ich habe ihm damals geglaubt, dass er einen Grund hat.“ Sie hob den Blick wieder. „Wenn ich ihn sehe, werde ich ihn fragen. Nicht nach Dingen, die du mir gerade erzählt hast. Sondern danach, ob die Gefahr für Vela noch besteht.“

Shanks hätte mehr verlangen können. Er war nicht sicher, ob es etwas gebracht hätte. Er wusste inzwischen zumindest, dass Makino ihre Entscheidung nicht aus Bequemlichkeit getroffen hatte. Sie hatte das Kind gekannt und Garp vertraut; sie wollte beides nicht leichtfertig aufs Spiel setzen. Er hatte keinen Grund, ihr diese Vorsicht übelzunehmen. Dass sie ihm im Weg stand, änderte daran leider wenig.

„Du hast gesagt, sie trainiert mit einem Stab“, fragte er nach einer Weile. „Wer hat ihr das beigebracht?“

„Vor allem Garp. Er hat ihr einen geraden Holzstab gegeben, nachdem sie ständig mit irgendwelchen Ästen nach Hause kam. Sie übt auch mit Ace. Und natürlich probiert sie alles, was ihr einfällt, so lange, bis sie überzeugt ist, dass es funktioniert.“ Makino machte eine kleine Pause. „Nur ist Garps Vorstellung von Training nicht unbedingt meine.“

Shanks sah auf. „Was macht er?“

„Er setzt die beiden im Wald ab und lässt sie allein zurechtkommen. Auch dort, wo es Raubtiere gibt. Wenn er mit ihnen kämpft, geht er nicht gerade vorsichtig mit ihnen um.“

„Wie bitte?“ Shanks beugte sich vor. „Wie alt waren sie, als er damit angefangen hat?“

„Das weiß ich nicht. Ich habe nicht alles selbst gesehen. Einiges hat er mir beim Essen erzählt, als wäre es die selbstverständlichste Sache der Welt. Ich habe ihm gesagt, was ich davon halte.“

Shanks hatte Garp kämpfen gesehen. Er kannte den Unterschied zwischen einem Mann, der einen Gegner überwältigte, und einem, der dafür das halbe Schiff zerlegte. Beim Gedanken an ein achtjähriges Mädchen, das gegen ihn bestehen sollte, wurde ihm heiß. „Und kommt sie dabei zu Schaden?“

„Sie hat manchmal Beulen oder Kratzer. Und einmal war ihr Arm eine Weile blau. Aber sie ist nicht hilflos, Shanks. Das sage ich nicht, um Garp zu verteidigen. Ich habe sie selbst üben sehen. Sie weiß, wann sie ausweichen muss, und sie kann verdammt schnell sein.“

„Das macht einen Wald voller Raubtiere nicht ungefährlich.“

„Nein.“ Makino widersprach ihm nicht. „Deshalb ärgere ich mich ja auch darüber.“

Er lehnte sich zurück. Garp hatte offenbar ein Talent dafür, Menschen zu beschützen und sie gleichzeitig auf eine Weise in Gefahr zu bringen, die sie für den Rest ihres Lebens stark machen sollte. Shanks konnte den Nutzen harten Trainings verstehen. Auf Rogers Schiff hatte er früh gelernt, wie wenig Rücksicht ein Kampf auf das Alter nahm. Aber er erinnerte sich auch an Erwachsene, die eingegriffen hatten, wenn ein Kampf zu groß für einen Jungen wurde. Er wollte wissen, ob bei Garp jemand eingriff. Makino konnte ihm diese Frage nicht beantworten, und das verstärkte seinen Ärger nur.

„Was sagt Vela dazu?“

„Dass sie ihm beim nächsten Mal ausweichen wird.“ Makino lächelte widerwillig. „Sie zeigt mir die Beule und erklärt, was sie falsch gemacht hat. Wenn ich ihr sage, sie solle für heute genug haben, will sie wissen, ob sie wenigstens noch einmal den Griff üben darf.“

Roux schnaubte. „Klingt nach einem bestimmten Mädchen.“

Shanks sah zu ihm, und für einen Moment musste er an Cina denken, die Benn niemals eine schlechte Buchkritik hatte durchgehen lassen. Seine Mundwinkel zuckten. Dann dachte er wieder an die Beule und fragte sich, wie viel Schmerz Vela als notwendig hinnahm, nur weil Garp ihr eingeredet hatte, dass Stärke etwas war, das man sich verdienen musste.

„Sie scheint ziemlich wenig Angst zu haben“, sagte Benn.

Makino legte das Brot endgültig beiseite. „Wenig ist noch freundlich ausgedrückt. Ich habe lange gedacht, sie wäre einfach ungewöhnlich mutig. Aber sie kennt das Gefühl nicht.“

Shanks runzelte die Stirn. „Was heißt, sie kennt es nicht?“

„Sie weiß, dass sie verletzt werden kann. Wenn sie zu hoch klettert, weiß sie, was ein Sturz anrichten würde. Aber das Zittern, die Angst davor – sie kann damit nichts anfangen.“ Makino sah einen Moment aus dem Fenster. „Ich kenne sie, seit sie klein ist. Bei Gewitter, bei den Tieren im Wald, wenn jemand wütend vor ihr stand: Sie hat sich nie so gefürchtet, wie ich es bei anderen Kindern erlebt habe. Manchmal wird sie wütend. Manchmal zieht sie sich zurück. Aber nicht aus Angst.“

„Und woran merkst du, dass sie überhaupt weiß, wie du dich dabei fühlst?“, fragte Benn.

„Weil sie fragt.“ Makino erzählte von der Leiter, die vor ihrem Haus auf dem unebenen Boden gestanden hatte. Vela war hinaufwollen, obwohl Makino selbst kaum Halt gefunden hatte. Als Makino sie scharf angefahren hatte, war das Mädchen sofort stehen geblieben. Nicht erschrocken – verwundert. Später hatte sie Makino gefragt, warum deren Hände gezittert hätten, ob das ein Schmerz sei oder so ähnlich wie Hunger. Makino hatte versucht, es ihr zu erklären. Vela hatte sich alles angehört und anschließend die Leiter festgehalten, bis Makino wieder unten war.

Shanks konnte sich die Szene vorstellen: ein rothaariges Mädchen, das aufmerksam zu einer Erwachsenen aufsah, deren Angst sie nicht verstand, aber trotzdem ernst nahm. Er wollte sie dafür loben. Im nächsten Augenblick wollte er sie von jeder wackligen Leiter der Welt herunterholen. Beides war widersprüchlich, und er fand keinen Grund, sich für eines der Gefühle zu entscheiden.

„Wenn sie merkt, dass sie verlieren wird“, fragte er, „geht sie dann weg?“

„Ja. Sie schimpft nur fürchterlich darüber.“

„Immerhin.“ Er atmete aus. Das beantwortete nicht alle Fragen, aber eine wichtige. Vela hielt sich also nicht für unverwundbar. Sie erkannte Grenzen, auch wenn sie das Gefühl nicht kannte, das andere Menschen davon abhielt, sie auszutesten. Wie oft musstest du dir erst wehtun, bis du es gelernt hast? Er wusste nicht, ob er die Antwort hören wollte.

„Und sie will zur See?“, fragte Roux, der Makinos Erwähnung von Garps Schiff offenbar noch im Kopf hatte.

Makino lachte auf. „Am liebsten sofort. Garp soll sie irgendwann mitnehmen. Danach möchte sie ein eigenes.“

„Ein Piratenschiff?“, fragte Roux.

„Ein Marineschiff. Sie will Vizeadmirälin werden.“

Shanks starrte sie an. Dann lachte er, erst kurz, danach so herzlich, dass sogar Makino mitlachen musste. „Ausgerechnet! Natürlich will sie Vizeadmirälin werden!“

Benn hob eine Augenbraue. „Garp dürfte seinen Einfluss kaum verschwiegen haben.“

„Der Alte hat ihr bestimmt schon erklärt, wie man Piraten jagt“, sagte Shanks. Er sah zu Makino. „Hat sie wenigstens gesagt, wen sie zuerst verhaften will?“

„Nein. Sie findet, dass sie vorher noch sehr viel lernen muss.“

„Das ist beruhigend. Ich hätte ungern Ärger mit einer Achtjährigen.“

Roux grinste. „Wart ab, bis sie dich erkennt.“

Das Lachen war noch in Shanks' Brust, als ihn der Satz erreichte. Er stellte sich vor, wie ein Mädchen in einer viel zu großen Marineuniform vor ihm stand und ihm befahl, die Hände zu heben. Er könnte darüber lachen. Vielleicht würde sie sogar mitlachen. Aber da war noch eine andere Möglichkeit: Sie könnte ihn überhaupt nicht kennen. Er könnte vor ihr stehen, und für sie wäre er nur ein weiterer Pirat, den Garp nicht leiden konnte.

Er musste nicht aufhören zu lächeln, um zu merken, wie sehr ihn das traf.

„Warum will sie das?“, fragte er.

Makino sah ihn genauer an. „Weil sie stark genug werden möchte, um Menschen zu beschützen. Sie hat mir einmal erklärt, dass irgendjemand dazwischengehen muss, wenn ein Stärkerer einem Schwächeren etwas antut. Garp könne das. Also wolle sie es auch.“

Shanks schwieg einen Moment. Er mochte ihre Antwort. Sehr sogar. Der Wunsch, sich vor andere zu stellen, war nichts, worüber er sich lustig machen konnte. Er kannte ihn selbst, auch wenn er auf einem anderen Schiff segelte und andere Entscheidungen getroffen hatte. Vielleicht war das die erste Sache an Vela, die ihm vertraut vorkam, ohne dass Makino von Haaren oder Augen sprach.

„Dann soll sie es versuchen“, sagte er. „Und Garp soll ihr gefälligst zeigen, wie man stark wird, ohne dabei dauernd die Knochen zu zählen.“

„Viel Glück dabei“, murmelte Benn.

Roux grinste über seinen Becher hinweg. „Cina hätte Garp gefragt, ob er auch damit zurechtkommt, wenn Vela irgendwann besser ist als er.“

Shanks musste sofort wieder an sie denken. An ihren ernsten Blick, wenn jemand ihr erklären wollte, weshalb etwas unmöglich sei. „Sie hätte ihn nicht damit durchkommen lassen, bloß über das Mädchen zu lachen“, sagte er.

„Mich hat sie beim Angeln jedenfalls nicht davonkommen lassen“, erwiderte Roux. Er erzählte von dem Nachmittag, an dem er ihr so viele Anweisungen gegeben hatte, dass Cina sich schließlich mit ausgesuchter Höflichkeit nach einem eigenen Versuch erkundigt hatte. Den ersten Fisch hatte sie verloren, den zweiten selbst gefangen. Hinterher hatte sie Roux das größere Stück angeboten, weil sein Schweigen vermutlich anstrengender gewesen sei als ihr Warten.

Shanks lachte an den richtigen Stellen. Er konnte beinahe hören, wie Cina das gesagt hatte. Benn warf ein, dass sie vorher mindestens zweimal erklärt hatte, Roux verscheuche mit seinem Reden die Fische; Roux behauptete, das sei nie bewiesen worden. Für ein paar Minuten erzählten sie durcheinander, und die Bar klang wieder wie ein Ort, an dem sie alle zusammen frühstückten.

Dann sagte Roux, mehr zu sich selbst als zu den anderen: „Wir wollten an der nächsten Insel noch einmal raus. Sie hatte sich schon eine Stelle ausgesucht.“

Niemand machte einen Witz darüber.

Shanks erinnerte sich an jenen Morgen am Markt, an den kleinen Vogel an Cinas Hals und die warme Haut unter seiner Hand, als er ihr die Haare zurückgestrichen hatte. Sie hatte von einer Bucht gesprochen, von der Benn nur eine ungenaue Karte besaß. Sie wollte hin. Sie hatte ihn ausgelacht, weil er behauptet hatte, er würde sie ohne Karte finden. Und er hatte ihr gesagt, sie solle nicht zu lange an Land bleiben.

Als sie nicht zurückgekommen war, hatte er gesucht. Mit Benn, mit Roux, später mit jedem Kontakt, den sie in der Gegend hatten. Sie waren noch einmal in diesen Hafen gefahren. Er hatte an Türen geklopft, an denen man ihn beim zweiten Besuch schon kannte. Er hatte nicht einfach beschlossen, Cina sei fort und damit sei die Sache erledigt. Irgendwann waren nur keine Fragen mehr übrig geblieben, auf die irgendjemand hätte antworten können.

Jetzt saß er wieder an einem Tisch und bekam Antworten, um die er nie gebeten hatte, weil ihm damals das Wichtigste gefehlt hatte: der Gedanke, nach einem Kind zu suchen.

„Sie hat sich nicht verabschiedet“, sagte Benn leise. „Nicht von einem von uns.“

„Ich weiß.“

„Und sie hatte keine Sachen mitgenommen, als würde sie uns für immer verlassen.“

Shanks sah seinen Freund an. „Du glaubst, jemand hat sie festgehalten.“

„Ich glaube, wir hatten damals zu wenig Informationen, um zu wissen, was passiert ist.“ Benn schob die Zigarette im Aschenbecher zurecht, ohne sie wieder anzuzünden. „Das ist etwas anderes.“

Shanks nickte. Er war seinem Freund dankbar für die Unterscheidung. Die Vorstellung, Cina sei gegen ihren Willen verschwunden, machte ihn wütend. Aber noch wusste er nicht, ob sie stimmte. Er konnte es sich nicht leisten, aus seinem Wunsch nach einer Erklärung eine Wahrheit zu machen.

„Wenn Vela ihre Tochter ist“, sagte er, „dann hat sie nach unserem Abschied noch Monate gelebt. Mindestens bis zu ihrer Geburt.“ Er hatte nie geglaubt, einmal Trost darin zu finden, einen so winzigen Teil von Cinas möglichem Leben zu kennen. „Jemand muss bei ihr gewesen sein.“

„Und jemand hat das Baby zu Garp gebracht“, ergänzte Benn.

Makino saß still da. Shanks sah, dass sie keine Antwort hatte, und diesmal fragte er sie nicht danach. Sie konnte ihm erzählen, wie Vela aussah. Sie konnte nicht erklären, was mit Cina geschehen war. Die Unterscheidung war schmerzhaft, aber klar.

Draußen begann Luffy zu jubeln. Ein Stein hatte offenbar endlich den Eimer getroffen. Yasopp erklärte laut, es habe nur deshalb geklappt, weil er den Eimer inzwischen auf die Hälfte der Entfernung gestellt hatte. Luffy widersprach ihm mit solcher Entrüstung, dass Roux unwillkürlich lachte.

Shanks sah zum Fenster. Er hatte Luffy gestern noch dabei zugesehen, wie der Junge mit einer verbeulten Blechschüssel einen Seekönig fangen wollte. Er wusste, wie Luffy lachte, wenn er etwas ausgeheckt hatte, und wie seine Stimme klang, wenn er sich ungerecht behandelt fühlte. Irgendwo auf dieser Insel gab es ein anderes Kind, dessen Lachen er nicht erkannt hätte. Vielleicht begegnete er ihm morgen auf dem Weg zum Hafen. Vielleicht wäre sie längst vorbei, bevor ihm auffiel, dass es sie war.

„Ich werde mich an deine Bitte halten“, sagte er zu Makino.

Sie hob den Kopf.

„Ich gehe nicht auf eigene Faust zu ihr. Und keiner meiner Leute spricht über sie, als wäre das eine Neuigkeit, die man in der nächsten Taverne weitererzählt.“ Er hielt kurz inne. „Aber ich werde auch nicht einfach warten, bis Garp irgendwann zufällig hier anlegt.“

„Das verlange ich nicht.“

„Wir finden heraus, wann er erreichbar ist“, sagte Shanks. „Benn sieht nach, welche Verbindungen wir noch in dem Hafen haben, in dem Cina verschwunden ist. Ohne Velas Namen zu nennen. Und wenn Garp mir sagen kann, wovor sie geschützt werden muss, dann soll er es mir ins Gesicht sagen.“

Benn nickte. Er musste nicht erst gefragt werden, ob er mitmachen würde.

Makino zog den Daumen über ihren Handrücken. „Ich hoffe, dass er mit dir redet.“

„Das wird er.“ Shanks wusste, wie viel zuversichtlicher er klang, als er sich fühlte. Der Garp, den er kannte, ließ sich nicht einschüchtern und schon gar nicht zu etwas zwingen, das er für falsch hielt. Aber Shanks musste zumindest die Gelegenheit bekommen, ihn zu fragen. „Und wenn er gute Gründe hat, höre ich sie mir an.“

Roux lehnte sich zurück. „Das will ich sehen.“

„Ich auch“, sagte Benn trocken.

Shanks schnaubte. Es tat gut, sich über etwas ärgern zu dürfen, das nicht schmerzte. Er blickte wieder zu Makino. Sie hatte die Kette noch nicht zurückgenommen. Der Vogel lag zwischen seinen Fingern, als hätte er ihn vor einer Ewigkeit zuletzt gesehen und doch eben erst aus der Hand gegeben.

„Sie braucht ihn wieder“, sagte er und hielt Makino den Anhänger hin.

Sie nahm ihn vorsichtig, prüfte den verbogenen Verschluss und legte ihn auf das Taschentuch. „Ich werde ihn heute noch zum Goldschmied bringen. Sie hat mich gestern dreimal gefragt, ob ich auch wirklich daran denke.“

„Hartnäckig“, murmelte Benn.

„Du hast keine Ahnung.“ Makino lächelte. „Wenn ihr etwas wichtig ist, kann sie warten, bis man selbst vergisst, weshalb man überhaupt Nein gesagt hat.“

Shanks musste an Cina denken, die genau das bei ihm geschafft hatte, mehr als einmal. Er wollte fragen, ob Vela die Angewohnheit ebenfalls hatte, ihren Gegenüber so lange anzusehen, bis der sich selbst widersprach. Aber vielleicht würde er sie eines Tages kennenlernen, statt die Antwort von Makino zu brauchen.

Er stellte sich ein Mädchen vor, das seinen Anhänger zurückbekam, ihn ohne Zögern umlegte und anschließend davonlief, weil Ace draußen auf sie wartete. Es tat weh, dass dieses Bild für Makino eine Erinnerung hätte sein können, für ihn aber nur eine Vorstellung war. Zugleich lag etwas Tröstliches darin, dass Vela nicht allein irgendwo auf ihn warten musste.

„Makino?“

„Ja?“

Er hatte viel gefragt und noch weniger Antworten bekommen, als ihm genügt hätte. Die nächste Frage war einfacher. Sie machte ihm nur mehr Angst als die meisten anderen.

„Ist sie glücklich?“

Makino musste nicht überlegen. „Ja.“ Sie schob den reparaturbedürftigen Vogel tiefer in die Falte des Tuchs. „Sie hat ein Zuhause. Sie wird geliebt. Wenn sie Blödsinn macht, gibt es Ärger. Wenn sie krank ist, bleibt jemand bei ihr, bis es ihr besser geht. Und wenn Ace und sie sich abends darüber streiten, wer mehr Platz braucht, schlafen sie manchmal mitten im Streit ein.“ Sie lächelte bei der Erinnerung. „Du musst nicht glauben, dass es ihr an Liebe gefehlt hat, nur weil ihr ihre Eltern fehlen.“

Shanks schluckte. Das war die Antwort, auf die er gehofft hatte. Und sie nahm ihm nichts von dem Wunsch, sie zu sehen. Acht Jahre ließen sich nicht nachholen, indem er morgen vor einer Tür stand. Auch nicht dadurch, dass er Garp endlich zur Rede stellte. Er würde ein Kind kennenlernen müssen, das längst ein eigenes Leben besaß, mit Menschen, die ihm wichtig waren. Vielleicht würde sie ihn mögen. Vielleicht hätte sie erst einmal überhaupt keine Verwendung für einen fremden Mann, der viel zu spät Antworten mitbrachte.

Er wollte ihr die Wahl lassen. Nicht, weil es ihm leichtfiel, sondern weil sie etwas anderes verdient hatte als noch einen Erwachsenen, der über ihren Kopf hinweg entschied.

Makino wartete. Shanks sah, wie sie das Tuch sorgfältig um den Vogel schlug, damit der Verschluss den Stoff nicht weiter beschädigte. Er erinnerte sich, wie Cina den Anhänger einst in die offene Hand genommen hatte und darüber gelacht hatte, dass der Vogel keine einzige Feder besaß. Er konnte sich plötzlich auch ein zweites Paar Hände vorstellen, viel kleiner, das ihn später ebenso vorsichtig halten würde.

„Danke“, sagte er.

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Nachwort

Puh, das war diesmal ein ziemlich emotionales Kapitel!

Shanks erfährt endlich mehr über das Mädchen, das möglicherweise seine Tochter ist. Acht Jahre, von denen er nichts wusste, und plötzlich steht die Möglichkeit im Raum, dass er all diese Zeit Vater gewesen sein könnte.

Besonders am Herzen lag mir dabei seine letzte Frage: „Ist sie glücklich?“

Denn bei all den offenen Fragen und der verständlichen Sehnsucht, Vela kennenzulernen, geht es letztendlich auch darum, was für sie selbst das Beste ist.

Und ich glaube, Makino hat ziemlich deutlich gemacht, dass sie ihre kleine Vela nicht einfach irgendwem anvertrauen wird. Nicht einmal Shanks. ;)

Noch eine kleine Anmerkung zur Altersfreigabe:

Mich hat per PN die Frage erreicht, warum diese Fanfiction bereits ab 18 eingestuft ist, obwohl die bisherigen Kapitel doch recht harmlos ausfallen.

Das möchte ich gerne kurz erklären: Auch wenn wir momentan noch viel Kindheitschaos, Humor und herzerwärmende Momente erleben, wird das nicht immer so bleiben. Im weiteren Verlauf wird die Geschichte stellenweise sehr düster, grausam und brutal . Es wird Szenen und Themen geben, die ausdrücklich nicht für jüngere Leser geeignet sind.

Deshalb habe ich mich bewusst dafür entschieden, die Geschichte von Anfang an mit einer Altersfreigabe ab 18 zu versehen. Ich möchte niemanden erst nach vielen Kapiteln mit Inhalten überraschen, auf die er oder sie nicht vorbereitet war.

Aber keine Sorge, das bedeutet natürlich nicht, dass Humor, Freundschaft und die schönen Momente irgendwann verschwinden. Schließlich befinden wir uns immer noch in der Welt von One Piece! <3

Und jetzt würde ich wirklich gerne eure Meinung hören!

Wie fandet ihr Shanks' Reaktion? Könnt ihr Makinos Zurückhaltung nachvollziehen? Und was wünscht ihr euch für das erste Aufeinandertreffen zwischen Vater und Tochter?

Über eure Reviews freue ich mich wie immer riesig! Auch ein paar kurze Worte bedeuten mir unglaublich viel. <3

Bis zum nächsten Kapitel!

Eure LastMemory <3