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Korrektur: Offenes Fenster

Ein Leben Zwischen Den Zeilen – Sammlung Zur Wochen-Challenge — www.fanfiktion.de · All chapters

Korrektur: Offenes Fenster

Hallo meine lieben Leser,

ich habe mich entschieden an dem kreativen Projekt „Wochen-Challenge“ von Damien Black teilzunehmen. (Link: https://forum.fanfiktion.de/t/65883/1 )

Bei diesem Projekt wird jeden Sonntag ein neuer Prompt gepostet, den man als Schreibanregung nutzen kann.

Da ich erst ziemlich spät das Projekt für mich entdeckt habe, liefere ich nun in einem Rutsch die Beiträge für die vorherigen Kalenderwochen nach.

Hauptcharakter ist mein OC Winfried Jakobus  (Hira wird auch gelegentlich auftauchen^^) und ich werde die Prompts in dieser Sammlung hier veröffentlichen.

Der erste Prompt lautete wie folgt:

Kalenderwoche 01 von Damien Black

Dein Charakter kommt nach längerer Abwesenheit nach Hause zurück und stellt mit Schrecken fest, dass er ein Fenster auf Kipp vergessen hat. Und das mitten im Winter. Ob trotzdem alles gut ist? Das entscheidet ihr.

Vielen Dank Damien Black für dieses schöne Projekt!

Ich wünsche euch nun  viel Spaß beim Lesen! Ich hatte viel Freude beim Schreiben!

Viele Grüße

Hira

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Korrektur: Offenes Fenster

Der Schlüssel drehte sich schwer im Schloss, als hätte selbst die Tür vergessen, wie man ihn empfängt.

Winfried Jakobus hielt einen Moment inne, die Hand noch am kalten Metall. Der Flur des Mehrfamilienhauses roch wie immer nach einer Mischung aus Bohnerwachs, nasser Wolle und etwas, das er seit Jahren nicht näher bestimmen konnte. Nichts hatte sich verändert. Und doch fühlte sich alles anders an.

„Na dann“, murmelte er leise, mehr zu sich selbst als zu irgendwem sonst und drückte die Tür auf.

Die Stille seiner Wohnung empfing ihn sofort. Nicht die gewohnte, wohlige Stille eines Sonntagnachmittags, sondern eine andere – eine, die sich wie ein leerer Raum in ihm selbst ausbreitete. Wochen war er weg gewesen. Zu Besuch bei seiner Schwester, hatte er gesagt. Ein Tapetenwechsel. Luftveränderung. Worte, die sich richtig anhörten, solange man sie nicht zu lange betrachtete.

Er trat ein, stellte den Koffer neben die Garderobe und zog die Tür hinter sich zu. Ein leises Klicken. Endgültig.

Und dann spürte er es.

Kälte.

Nicht die übliche, zurückhaltende Winterkälte, die sich höflich an Fenstern und Türen sammelt, sondern eine, die sich ungefragt ausbreitet, die Besitz ergreift. Sie kroch ihm unter den Mantel, biss sich in seine Hände, seine Wangen.

Winfried runzelte die Stirn.

„Das ist… ungewöhnlich.“

Sein Blick wanderte automatisch zum Thermostat an der Wand. Die kleine Nadel stand irgendwo zwischen „Frostschutz“ und „Vergessen“. Er trat näher, zog den schwarzen  Mantel enger um sich.

Und dann hörte er es.

Ein kaum wahrnehmbares Klirren. Ein leises, unregelmäßiges Zittern.

Er drehte sich langsam um.

Das Fenster im Wohnzimmer.

Auf Kipp.

Ein schmaler, unschuldiger Spalt – und doch wirkte er in diesem Moment wie ein offenes Tor. Kalte Luft strömte herein, ließ die dünnen Gardinen zittern, als würden sie frösteln.

Winfried blieb stehen.

„Nein“, sagte er leise.

Ein Wort, das keine Antwort erwartete.

Langsam ging er näher, jeder Schritt vorsichtig, als könnte der Boden unter ihm nachgeben. Sein Blick glitt durch den Raum. Der Teppich wirkte dunkler als sonst. Die Bücher im Regal – unverändert und doch irgendwie fremd. Auf dem Tisch lag noch die Tasse, die er vor seiner Abreise benutzt hatte.

Er erinnerte sich genau.

Ein Freitagmorgen. Hastig. Er hatte den Bus erreichen wollen, hatte noch schnell gelüftet. „Nur kurz“, hatte er gedacht.

Nur kurz.

Seine Hand griff nach dem Fenstergriff, zögerte. Die Kälte, die von dort ausging, war fast greifbar. Dann schloss er es mit einer schnellen Bewegung.

Stille.

Eine andere Stille jetzt. Dichter.

Winfried atmete aus. Sein Atem war sichtbar, ein dünner Schleier, der sich sofort auflöste.

„Gut“, sagte er und versuchte, das Wort mit Überzeugung zu füllen.

Er wandte sich der Heizung zu, drehte sie auf. Ein leises Knacken antwortete ihm, als müsste das Metall selbst erst wieder lernen, sich auszudehnen.

Dann begann er, die Wohnung zu erkunden.

Die Küche zuerst. Gewohnheit. Alles an seinem Platz. Die Fliesen kalt, der Wasserhahn funktionierte, wenn auch mit einem zögerlichen Ruckeln. Keine geplatzten Rohre. Kein Chaos.

„Das ist… positiv“, murmelte er.

Er öffnete den Kühlschrank. Leer, bis auf ein Glas Senf und eine halbvolle Flasche Mineralwasser. Beides wirkte unverändert. Still.

Das Schlafzimmer. Das Bett ordentlich, die Decke noch so gefaltet, wie er sie hinterlassen hatte. Er strich mit der Hand darüber. Kalt, aber trocken.

Zurück ins Wohnzimmer.

Jetzt, da das Fenster geschlossen war, begann die Kälte sich langsam zurückzuziehen, als hätte man ihr die Quelle genommen. Doch sie hatte Spuren hinterlassen.

Winfried trat näher an das Fenster heran.

Und sah es.

Ein feiner Rand aus Eis hatte sich am unteren Teil des Rahmens gebildet. Zart, fast kunstvoll. Kleine, verzweigte Muster, wie Zeichnungen. Für einen Moment vergaß er alles andere und betrachtete sie.

„Wie… Schrift“, murmelte er.

Sein Blick folgte den Linien. Sie erinnerten ihn an etwas. An alte Handschriften vielleicht, an die geschwungenen Buchstaben vergangener Jahrhunderte, die er seinen Schülern manchmal zeigte.

Er hob die Hand, zögerte und berührte das Eis.

Es schmolz sofort unter seiner Wärme, die Linien verschwammen, lösten sich auf.

Ein kleines, unscheinbares Geräusch entwich ihm. Kein richtiges Lachen, aber auch kein Seufzen.

„Vergänglich“, sagte er.

Er trat einen Schritt zurück.

Die Wohnung war noch da. Alles war noch da. Nichts war zerstört, nichts unwiederbringlich verloren. Und doch hatte diese Kälte etwas verändert.

Nicht die Dinge.

Etwas anderes.

Winfried ging zum Regal, strich mit dem Finger über die Buchrücken. Staub hatte sich abgesetzt, dünn, gleichmäßig. Die Zeit hatte ihre eigene Handschrift hinterlassen.

„Man sollte Fenster nicht auf Kipp lassen“, sagte er schließlich, mit der nüchternen Feststellung eines Lehrers, der eine Lektion zusammenfasst.

Dann zog er den Mantel aus.

Langsam.

Er hängte ihn ordentlich auf, stellte den Koffer beiseite und ging zurück ins Wohnzimmer. Die Heizung begann nun spürbar zu arbeiten, ein leises, stetiges Geräusch.

Er setzte sich auf das Sofa.

Für einen Moment tat er nichts. Hörte nur zu. Dem Knacken der Rohre, dem leisen Pfeifen des Windes draußen, dem eigenen Atem.

Dann lehnte er sich zurück.

„Es ist… alles gut“, sagte Winfried.

Und diesmal klang es fast so, als würde er es glauben.