Die falsche Fernbedienung
Die falsche Fernbedienung
Hallo meine lieben Leser,
hier folgt nun mein zehnter Beitrag zur Wochen-Challenge.
Der zehnte Prompt lautete wie folgt:
Kalenderwoche 10 von - Leela -
Dein Charakter findet eine alte Fernbedienung wieder und ist sich sicher zu wissen, zu welchem Gerät sie gehört. Als er sie ausprobiert, aktiviert er damit aber etwas ganz anderes. Wie gestaltet sich das?
Vielen Dank Damien Black für dieses schöne Projekt!
Ich wünsche euch nun viel Spaß beim Lesen! Ich hatte viel Freude beim Schreiben!
Viele Grüße
Hira
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Die falsche Fernbedienung
Winfried Jakobus saß an seinem Schreibtisch, der von einem leisen Chaos aus Büchern, Notizheften und halb ausgefüllten Unterrichtsplanungen umgeben war. Überall lagen Stifte verstreut, Notizzettel, ein altes Lineal und sogar eine vergessene Tasse, die noch nach dem gestrigen Kaffee duftete. Das Licht der Nachmittagssonne fiel schräg durchs Fenster, warf warme Streifen auf die Schreibfläche und ließ Staubpartikel in der Luft wie winzige, schwebende Sterne funkeln.
Zwischen all diesen Dingen lag etwas, das er schon lange nicht mehr gesehen hatte: eine alte Fernbedienung. Sie war abgegriffen, die Tasten an einigen Stellen abgenutzt, das kleine Logo an der Oberseite fast verschwunden. Winfried hob sie vorsichtig auf, drehte sie zwischen den Fingern und prüfte das Gewicht. „Wo hast du dich denn versteckt?“, murmelte er leise, mehr zu sich selbst als zu irgendjemand anderem. „Ich weiß genau, wozu du gehörst.“
Die Erinnerung kam sofort hoch: sein altes Heimkino-System, sorgfältig installiert vor vielen Jahren. Ein DVD-Player, ein Verstärker, ein sperriger Röhrenfernseher – alles längst ausgemustert, ersetzt durch moderne Geräte. Und doch war diese Fernbedienung nie entsorgt worden. Sie fühlte sich noch vertraut an, als könnte sie immer noch die Kontrolle übernehmen, selbst wenn die dazugehörige Technik längst Geschichte war.
Neugierde und Nostalgie überwogen seine Vorsicht. Mit einem leichten Lächeln drückte Winfried den Einschaltknopf.
Stille.
„Hmm“, murmelte er, drückte erneut. Keine Reaktion. Vielleicht waren die Batterien leer. Mit den routinierten Bewegungen eines Lehrers, der jeden Schritt sorgfältig abwägt, öffnete er das Batteriefach, entfernte die alten Zellen und setzte neue ein. Wieder drückte er die Taste – und diesmal geschah etwas.
Nicht auf dem Fernseher. Nicht auf dem DVD-Player.
Ein leises, rhythmisches Surren erfüllte den Raum. Winfrieds Augen weiteten sich, sein Herz begann schneller zu schlagen. Er drehte sich um. Die Lampe in der Ecke flackerte, ging an und aus, als würde sie dem Rhythmus der Knopfdruckfolge folgen. Dann hörte er ein mechanisches Klacken aus dem Wohnzimmer.
„Was…?“ , flüsterte er, während seine Finger noch immer die Fernbedienung umklammerten.
Langsam und vorsichtig folgte er dem Geräusch. Vor ihm stand der alte Deckenventilator, der seit Jahren ungenutzt in der Ecke aufbewahrt wurde. Und nun bewegte er sich, zunächst zögerlich, dann immer schneller. Die Flügel wirbelten durch die Luft, erzeugten ein Rauschen, das fast melodisch wirkte. Der Schatten der rotierenden Flügel tanzte über die Wände, während Winfried einen Schritt zurücktrat.
„Das ist nicht… richtig“, sagte er leise zu sich selbst.
Er drückte weitere Tasten, das Licht flackerte erneut, die kleine Stereoanlage sprang an, ließ leise Musik erklingen. Winfried spürte einen leichten Schauer, als der Raum sich plötzlich, wie ein lebendiges, aufgeregtes Wesen anfühlte. Jedes Gerät reagierte auf die Fernbedienung, außer dem Fernseher, den er ursprünglich einschalten wollte.
Seine Stirn legte sich in Falten. „Ich wollte nur den Fernseher anmachen…“ ,murmelte er, als er versuchte, die Kontrolle zurückzugewinnen. Er drückte die Ein-Aus-Taste mehrmals und langsam hörten die Geräusche auf. Der Ventilator stoppte abrupt, die Lampe flackerte noch ein paar Mal, dann kehrte Ruhe ein. Sein Herz pochte immer noch schneller als normal.
Winfried legte die Fernbedienung vorsichtig auf den Schreibtisch, als handle es sich um eine kleine tickende Bombe. Er betrachtete das Gerät aus mehreren Blickwinkeln, drehte es zwischen den Fingern, prüfte die Tasten, deren Oberfläche glänzend von Gebrauch war. Er konnte fast die Energie spüren, die in diesem kleinen, unscheinbaren Stück Technik steckte.
„Also, du bist nicht das, was ich dachte“, murmelte er leise. „Aber… das könnte interessant werden.“
Er setzte sich wieder, nahm die Fernbedienung in die Hand und begann systematisch, jede Taste auszuprobieren. Langsam, vorsichtig, fast wie ein Wissenschaftler an einem empfindlichen Experiment. Ein Knopfdruck – der Ventilator beginnt leicht zu surren. Ein anderer – das Licht flackert. Ein dritter – die Stereoanlage startet. Die Komplexität des Geräts, seine unvorhersehbaren Reaktionen, machten Winfried gleichzeitig nervös und fasziniert.
Er stellte sich vor, wie es wäre, alle Geräte im Raum gleichzeitig zu steuern, sie nach seinem Willen zum Leben zu erwecken. Ein leises Schmunzeln huschte über sein Gesicht. Die Vorstellung, diese kleine Fernbedienung als echtes Werkzeug zu nutzen, erfüllte ihn mit einem Gefühl von kindlicher Freude.
Winfried lehnte sich in den Stuhl zurück, betrachtete den Raum, wie das Licht auf die Möbel fiel, die Geräusche der Technik, die er nun behutsam aktivieren konnte. „Manchmal entdeckt man alte Dinge“, murmelte er, „und sie überraschen einen mehr, als man je gedacht hätte.“
Langsam drückte er erneut eine Taste – diesmal vorsichtig, mit einem Gefühl der Ehrfurcht. Der Ventilator setzte sich wieder in Bewegung, diesmal nur leicht, kontrolliert. Ein leises, fast erleichtertes Lachen entfuhr ihm.
„Na gut, du und ich… wir werden wohl Freunde werden“, sagte er. Die Fernbedienung, die er für ein Relikt gehalten hatte, war plötzlich zu einem kleinen Werkzeug voller Möglichkeiten geworden. Winfried spürte, dass dies noch viele überraschende Stunden bringen würde – Momente, in denen er die Kontrolle über seine kleinen elektronischen Geräte mit einem einzigen Tastendruck ausüben konnte.
Er lehnte sich zurück, ließ die Fernbedienung locker in der Hand ruhen und dachte an die Stunden, die vor ihm lagen. Er konnte die Geräte langsam aufeinander abstimmen, kleine Experimente durchführen, ihre Reaktionen studieren – ein winziger Mikrokosmos von Chaos und Ordnung, nur durch ihn und dieses kleine, vergessene Gerät gesteuert.
Winfried schloss kurz die Augen, atmete tief durch und ein Lächeln legte sich auf sein Gesicht. „Es sind nicht die großen Dinge, die das Leben interessant machen. Manchmal sind es die kleinen, vergessenen Geräte – und die Momente, in denen sie plötzlich lebendig werden.“
Er drückte noch einmal behutsam einen Knopf – der Ventilator drehte sich, das Licht flackerte sanft, die Stereoanlage spielte leise – und für einen Moment war alles perfekt synchron, kontrolliert, als hätte er die kleine Welt selbst erschaffen. Winfried Jakobus, Lehrer, gewissenhaft, neugierig, voller Staunen, wusste: Dieses alte Stück Technik würde ihn noch lange begleiten – und ihm zeigen, dass selbst die unscheinbarsten Dinge ein kleines Abenteuer verbergen können.