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Du warst nie wirklich fort

Ein Leben Zwischen Den Zeilen – Sammlung Zur Wochen-Challenge — www.fanfiktion.de · All chapters

Du warst nie wirklich fort

Hallo meine lieben Leser,

hier folgt nun mein zwölfter  Beitrag zur Wochen-Challenge.

Der zwölfte  Prompt lautete wie folgt:

Kalenderwoche 12 von - Leela -

In deiner Geschichte sollen Fußspuren eine elementare Rolle spielen. Ob drinnen oder draußen ist ganz egal, auch wie sie aussehen und wie sie sich zeigen. Aber sie sollen ein Rätsel aufgeben. Was hat es mit den Fußspuren auf sich?

Vielen Dank Damien Black für dieses schöne Projekt!

Ich wünsche euch nun  viel Spaß beim Lesen! Ich hatte viel Freude beim Schreiben!

Viele Grüße

Hira

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Du warst nie wirklich fort

Als Hira an diesem späten Nachmittag vor Winnis Haus stand, zögerte sie einen Moment. Es war lange her, seit sie das letzte Mal hier gewesen war. Der Garten wirkte vertraut und doch irgendwie… verändert. Der Kiesweg knirschte unter ihren Schuhen und genau da bemerkte sie es zum ersten Mal.

Fußspuren.

Sie hielt inne.

Es hatte seit Tagen nicht geregnet, der Boden war trocken und dennoch zeichneten sich deutlich Spuren im feinen Staub des Weges ab. Barfuß. Schmal. Fast zart. Und sie führten direkt zur Haustür.

Hira runzelte die Stirn.

„Winni läuft doch nicht barfuß draußen herum…“, murmelte sie leise.

Sie folgte den Spuren mit den Augen. Sie begannen nicht am Gartentor. Sie waren einfach… da. Als wären sie plötzlich entstanden.

Ein leichtes Unbehagen kroch in ihr hoch, doch sie schob es beiseite und klingelte.

Die Tür öffnete sich fast sofort.

Winni stand vor ihr – wie immer in einem lila Hemd und braunen Hosen, die ihm eine gewisse ruhige Eleganz verliehen. Seine blauen Augen leuchteten auf, als er sie sah.

„Hira!“

Seine Stimme klang warm, ehrlich erfreut.

„Winni“, antwortete sie und lächelte.

Für einen Moment war alles wie früher. Seine freundliche, nachdenkliche Art, die Art, wie er sie ansah – als würde er wirklich zuhören, selbst wenn sie noch gar nichts gesagt hatte.

Doch dann erinnerte sie sich.

„Sag mal… bist du gerade draußen barfuß gewesen?“

Winni blinzelte überrascht.

„Barfuß? Nein… warum?“

Hira deutete auf den Boden.

Winni trat einen Schritt hinaus und sah die Spuren. Sein Lächeln verschwand langsam.

„Das… ist seltsam.“

Sie gingen gemeinsam hinein.

Drinnen war es warm, nach Tee und alten Büchern duftend. Alles war ordentlich, fast schon sorgfältig arrangiert. Doch kaum hatte Hira die Schwelle überschritten, blieb sie erneut stehen.

„Winni…“

Er folgte ihrem Blick.

Auf dem Holzboden im Flur waren wieder Fußspuren.

Diesmal deutlicher.

Und… feucht.

Als hätte jemand mit nassen Füßen das Haus betreten.

Doch die Tür war die ganze Zeit geschlossen gewesen.

Die Spuren führten weiter. Tiefer ins Haus hinein.

Winni wirkte jetzt ernst.

„Ich habe sie vorher nicht gesehen“, sagte er leise.

Hira spürte, wie sich eine Mischung aus Neugier und Unruhe in ihr ausbreitete. Genau diese Art von Rätsel hätte sie früher begeistert – damals im Unterricht, wenn Winni mit ihr Texte analysierte und versteckte Bedeutungen suchte.

„Dann lass uns nachsehen“, sagte sie.

Er nickte.

Langsam folgten sie den Spuren. Schritt für Schritt. Raum für Raum.

Im Wohnzimmer wurden sie schwächer… fast so, als würden sie verblassen. Doch dann, plötzlich, wurden sie wieder klarer – diesmal auf dem Teppich, als dunklere Abdrücke, die eigentlich gar nicht möglich sein sollten.

„Das ergibt keinen Sinn“, murmelte Hira.

Winni kniete sich hin und betrachtete eine Spur genauer.

„Sie sind immer gleich groß“, sagte er nachdenklich. „Und der Abstand… konstant. Jemand geht ruhig. Ohne Eile.“

„Aber wer?“

Keine Antwort.

Die Spuren führten weiter – zur Treppe.

Hira spürte, wie ihr Herz schneller schlug.

„Warst du heute oben?“

„Nein“, antwortete Winni.

Sie sahen sich kurz an.

Dann stiegen sie hinauf.

Die Stufen knarrten leise unter ihrem Gewicht. Und dort – mitten auf der Treppe – änderte sich etwas.

Die Fußspuren hörten plötzlich auf.

Einfach so.

Hira blieb stehen.

„Das ist doch unmöglich…“

Winni sagte nichts.

Er sah nur auf die letzte Spur – genau auf halber Höhe der Treppe.

Dann hob er langsam den Blick.

„Oder… sie sind gar nicht verschwunden.“

„Was meinst du?“

Er zeigte nach oben.

Und Hira verstand.

Oben auf dem Flur – an der Wand – waren Spuren.

Doch diesmal keine Füße.

Sondern… Abdrücke, als hätte jemand mit nassen Händen die Wand berührt.

Eine Spur. Dann noch eine. Höher und höher.

Als wäre jemand… die Wand hinaufgestiegen.

Hira trat unwillkürlich einen Schritt zurück.

„Das ist nicht mehr witzig, Winni.“

„Ich mache keine Witze.“

Seine Stimme war ruhig, aber angespannt.

Sie gingen weiter nach oben.

Die Luft fühlte sich plötzlich kühler an.

Die Spuren an der Wand führten bis zur Decke… und dort endeten sie.

Direkt über einer Tür.

Winnis Arbeitszimmer.

Hira schluckte.

„War die Tür offen?“

„Nein.“

Er griff nach der Klinke. Zögerte.

Dann öffnete er.

Der Raum war still. Zu still.

Und dort, auf dem Boden… waren wieder Fußspuren.

Diesmal trocken. Staubig. Deutlich.

Sie führten mitten in den Raum und endeten vor dem großen Schreibtisch.

Hira trat langsam näher.

Ihr Blick fiel auf die Oberfläche des Tisches.

Dort lag ein Blatt Papier.

Alt. Vergilbt.

Und darauf… Fußabdrücke.

Klein. Fein.

Wie die draußen.

Winni nahm das Blatt vorsichtig in die Hand.

Sein Gesicht veränderte sich.

„Das…“

„Was ist?“

Er sah sie an. Seine blauen Augen wirkten plötzlich… erschüttert.

„Das ist ein alter Aufsatz.“

Hira runzelte die Stirn.

„Von mir?“

Er nickte langsam.

„Du hast ihn damals geschrieben… über Spuren. Über Erinnerungen, die bleiben.“

Hira trat näher.

Und dann erinnerte sie sich.

Vage. Wie ein Traum.

„Ich habe geschrieben… dass Menschen Spuren hinterlassen… auch wenn sie gehen.“

Winni nickte.

„Und dass man ihnen folgen kann… wenn man genau hinsieht.“

Stille.

Hira sah auf die Fußabdrücke.

„Aber warum jetzt?“

Winni antwortete nicht sofort.

Dann sagte er leise: „Vielleicht… weil du lange nicht hier warst.“

Sie sah ihn an.

„Oder weil etwas wollte, dass du zurückkommst.“

Ein leises Geräusch ließ sie beide zusammenzucken.

Hinter ihnen.

Sie drehten sich um.

Auf dem Boden… erschien eine neue Spur.

Direkt vor ihren Augen.

Ein Abdruck.

Dann noch einer.

Langsam.

Schritt für Schritt.

Als würde jemand Unsichtbares durch den Raum gehen.

Hira hielt den Atem an.

Die Spuren führten… auf sie zu.

Und blieben direkt vor ihr stehen.

Ganz nah.

So nah, dass sie meinte, eine kalte Präsenz zu spüren.

Dann…

Stille.

Die Spuren verblassten.

Einfach so.

Als wären sie nie da gewesen.

Hira stand regungslos.

Winni legte vorsichtig eine Hand auf ihre Schulter.

„Vielleicht“, sagte er leise, „sind es keine fremden Spuren.“

Sie sah ihn an.

„Sondern deine.“

Hira spürte, wie sich etwas in ihr verschob.

Ein Gefühl.

Eine Erinnerung.

All die Gespräche. Die Stunden. Die Verbindung.

„Du meinst…?“

Winni lächelte schwach.

„Manche Wege hört man nie auf zu gehen.“

Hira blickte noch einmal auf das Blatt Papier.

Dann auf den Boden.

Keine Spuren mehr.

Und doch hatte sie das Gefühl, dass sie da waren.

Immer noch.

Unsichtbar.

Und dass sie ein Rätsel nicht nur gestellt hatten… sondern beantwortet.