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Das violette Hemd im Feuerschein

Ein Leben Zwischen Den Zeilen – Sammlung Zur Wochen-Challenge — www.fanfiktion.de · All chapters

Das violette Hemd im Feuerschein

Hallo meine lieben Leser,

hier folgt mein vierzehnter  Beitrag zur Wochen-Challenge.

Der vierzehnte Prompt lautete wie folgt:

Kalenderwoche 14  von Damien Black

Dein Charakter wird von einem guten Bekannten zu einem Osterfeuer eingeladen. Leider war dein Bekannter noch nie bei einem Osterfeuer und ist deshalb reichlich erschrocken, als man ihm das Gesicht färben will. Bleibt dein Charakter trotzdem dabei oder ergreift er die Flucht?

Vielen Dank Damien Black für dieses schöne Projekt!

Ich wünsche euch nun  viel Spaß beim Lesen! Ich hatte viel Freude beim Schreiben!

Viele Grüße

Hira

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Das violette Hemd im Feuerschein

Winfried Jakobus war ein Mann, den man kaum übersah, selbst wenn man es wollte. Nicht etwa wegen seiner Statur – die war eher durchschnittlich –, sondern wegen seines auffallend gepflegten Auftretens und insbesondere seines unverkennbaren Kleidungsstils. An diesem Abend trug er, wie so oft, sein liebstes Hemd: ein leuchtendes, beinahe trotzig wirkendes Lila, das im schwächer werdenden Licht der untergehenden Sonne fast schon zu glimmen schien. Seine braunen Haare waren ordentlich gekämmt, auch wenn sie sich zunehmend aus der Stirn zurückzogen und  seine blauen Augen blickten mit einer Mischung aus Neugier und wohlwollender Geduld auf die Welt – so, als hätte er sich fest vorgenommen, in allem zuerst das Gute zu erkennen.

Als sein Bekannter – ein eher zurückhaltender, schmal gebauter Mann namens Tobias – ihn zu einem Osterfeuer eingeladen hatte, hatte Winfried ohne Zögern zugesagt. „Eine wunderbare Gelegenheit, Brauchtum hautnah zu erleben“, hatte er gesagt und  dabei mit jener warmen Begeisterung gelächelt, die seine Schülerinnen und Schüler gleichermaßen schätzten wie fürchteten, wenn sie mit einer unerwartet tiefgehenden Interpretation eines Gedichts konfrontiert wurden.

Tobias hingegen war bereits auf dem Weg zum Treffpunkt sichtbar nervös. „Ich war noch nie bei so etwas“, hatte er mehrfach betont, während sie gemeinsam den Feldweg entlanggingen, der zu einer großen, offenen Wiese führte. In der Ferne konnte man bereits das Knistern des Feuers hören, begleitet von Stimmen, Gelächter und dem gelegentlichen Auflodern von Funken, die wie kleine, flüchtige Sterne in den dunkler werdenden Himmel stiegen.

„Das ist doch gerade das Schöne“, entgegnete Winfried ruhig. „Das Unbekannte birgt die Möglichkeit der Erkenntnis.“ Er blieb kurz stehen, sah Tobias an und legte ihm eine Hand auf die Schulter. „Und außerdem – ich bin ja bei dir.“

Diese Worte schienen Tobias nur bedingt zu beruhigen, doch er nickte und ging weiter. Als sie schließlich die Wiese erreichten, bot sich ihnen ein lebendiges Bild: Familien, die sich um das große Feuer versammelt hatten, Kinder, die mit leuchtenden Augen umherliefen, der Duft von gegrilltem Brot und Rauch, der sich schwer in die Luft legte. Es war laut, es war ungeordnet und  es war voller Leben.

Winfried sog die Atmosphäre förmlich ein. „Siehst du, Tobias? Gemeinschaft, Wärme, Tradition – ein lebendiges Gedicht!“

Doch Tobias’ Blick hatte sich inzwischen auf etwas ganz anderes gerichtet. Am Rand der Wiese stand eine kleine Gruppe von Leuten, die lachend und mit erstaunlicher Zielstrebigkeit auf Neuankömmlinge zuging. In ihren Händen hielten sie kleine Dosen und Pinsel – und die Gesichter derjenigen, die bereits „behandelt“ worden waren, waren bunt bemalt: mit Streifen, Symbolen oder einfach wilden Farbklecksen.

„Was… machen die da?“, fragte Tobias mit wachsender Besorgnis.

Winfried folgte seinem Blick, legte leicht den Kopf schief und betrachtete die Szene aufmerksam. „Ah“, sagte er schließlich. „Ein offenbar ritualisierter Akt der Initiation. Faszinierend.“

„Die… die kommen auf uns zu“, stammelte Tobias.

Und tatsächlich: Zwei der Bemalenden hatten sie entdeckt und bewegten sich nun mit fröhlicher Entschlossenheit in ihre Richtung. Tobias’ Gesicht wurde blass. „Ich will das nicht“, flüsterte er. „Ich will das wirklich nicht.“

Winfried blieb stehen. Für einen kurzen Moment lag etwas Nachdenkliches in seinem Blick. Dann atmete er tief durch, trat einen halben Schritt vor Tobias und hob beschwichtigend die Hand.

„Einen Augenblick, meine Damen und Herren“, begann er mit ruhiger, aber klarer Stimme, die man auch im Klassenzimmer nicht ignorieren konnte. „Mein Freund hier ist mit den Gepflogenheiten dieses Abends noch nicht vertraut. Wäre es möglich, ihm einen Moment der Akklimatisierung zu gewähren?“

Die beiden hielten tatsächlich inne, überrascht von der höflichen, aber bestimmten Ansprache. Einer von ihnen grinste. „Na gut, der Herr Lehrer hat gesprochen“, sagte er lachend. „Aber ganz ohne Farbe kommt hier keiner davon!“ Dann wandten sie sich vorerst anderen Gästen zu.

Tobias atmete hörbar aus. „Ich dachte, ich müsste jetzt sofort weglaufen“, sagte er leise.

Winfried drehte sich zu ihm um, lächelte und zog ein sauberes Taschentuch aus seiner Hosentasche, mit dem er sich gedankenverloren über die Stirn strich. „Die Flucht ist stets eine Option“, sagte er ruhig. „Doch sie beraubt uns oft der Möglichkeit, unsere Ängste zu überwinden.“

„Und wenn ich das nicht will?“, fragte Tobias.

Winfried schwieg einen Moment. Dann sah er wieder zum Feuer, dessen Licht sich in seinen blauen Augen spiegelte. „Dann gehen wir“, sagte er schließlich. „Gemeinsam.“

Tobias blinzelte überrascht. „Wirklich?“

„Natürlich“, antwortete Winfried ohne Zögern. „Freundschaft bedeutet nicht, jemanden in eine Erfahrung zu drängen, sondern ihn auf seinem Weg zu begleiten – selbst wenn dieser wegführt.“

Doch gerade als sie sich zum Gehen wenden wollten, blieb Tobias stehen. Sein Blick wanderte erneut zu den bemalten Gesichtern, zu dem Lachen, zu dem Feuer. „Warte“, sagte er leise. „Vielleicht… vielleicht bleibe ich doch noch ein bisschen.“

Winfrieds Lächeln wurde ein wenig breiter, fast stolz, aber ohne jede Spur von Druck. „Eine ausgezeichnete Entscheidung – ganz gleich, wie lange sie anhält.“

Und so blieben sie. Als die beiden Bemaler schließlich zurückkehrten, ließ Tobias sich – zögerlich, aber mit einem kleinen Lächeln – einen schmalen blauen Streifen auf die Wange malen. Winfried hingegen erhielt, nach kurzer Überlegung, ein kunstvoll geschwungenes Muster in Violett, das erstaunlich gut zu seinem Hemd passte.

Er betrachtete sich später in der dunklen Scheibe eines parkenden Autos und nickte anerkennend. „Ein interessantes Zusammenspiel von Farbe und Identität“, murmelte er.

Tobias lachte. Und das Feuer knisterte weiter, während die Nacht sich langsam über die Wiese legte.