Vom Regen in die Traufe
Vom Regen in die Traufe
Hallo meine lieben Leser,
hier folgt mein sechzehnter Beitrag zur Wochen-Challenge.
Der sechzehnte Prompt lautete wie folgt:
Kalenderwoche 16 von Damien Black
Es regnet in Strömen und dein Charakter findet einfach seinen Regenschirm nicht. Er ist aber auch so schon zu spät dran, dass er sich etwas anderes ausdenken muss, um halbwegs trocken zu seinem Termin zu kommen. Was genau das sein wird? Das entscheidet ihr.
Vielen Dank Damien Black für dieses schöne Projekt!
Ich wünsche euch nun viel Spaß beim Lesen! Ich hatte viel Freude beim Schreiben!
Viele Grüße
Hira
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Vom Regen in die Traufe
Der Regen prasselte gegen die Fensterscheiben, als hätte der Himmel beschlossen, sämtliche aufgestauten Wolken genau über Dillingen auszuleeren. Winfried Jakobus stand mitten in seiner kleinen, ordentlich eingerichteten Wohnung und hielt inne. Sein Blick wanderte vom Garderobenständer zur Kommode, dann zurück zur Garderobe. Leer. Kein Regenschirm.
„Das gibt’s doch nicht…“, murmelte er und kniete sich hin, um unter dem Schuhregal nachzusehen. Nichts. Auch hinter der Tür – nichts. Selbst der alte, leicht verbogene Notfallschirm, den er sonst nie benutzte, war verschwunden.
Ein Blick auf die Uhr ließ sein Herz schneller schlagen. Zu spät. Viel zu spät. In zwanzig Minuten begann seine erste Stunde – und ausgerechnet heute hatte er eine wichtige Prüfungsvorbereitung mit seiner Abschlussklasse geplant. Absagen kam nicht infrage.
Winfried richtete sich auf, strich sich durch sein leicht zerzaustes Haar und atmete tief durch. „Gut“, sagte er leise zu sich selbst, „dann eben improvisieren.“
Er war Deutschlehrer. Improvisation gehörte quasi zur Berufsbeschreibung.
Sein Blick fiel auf den Wäscheständer im Wohnzimmer. Ein großes, dunkelblaues Bettlaken hing dort, frisch gewaschen und noch leicht feucht. Daneben ein paar Wäscheklammern. Winfried blinzelte. Dann begann sich ein Plan zu formen.
Zehn Minuten später stand er im Treppenhaus – ausgerüstet mit dem wohl ungewöhnlichsten Regenschutz, den die Nachbarschaft je gesehen hatte. Das Bettlaken hatte er sich wie einen Umhang über die Schultern gelegt und mit Wäscheklammern unter dem Kinn befestigt. Es reichte fast bis zu seinen Knien und bildete eine improvisierte Kapuze, die er mit einer weiteren Klammer in Form hielt.
Er sah aus wie eine Mischung aus mittelalterlichem Pilger und übermotiviertem Heimwerker.
„Na, Herr Jakobus!“, rief Frau Klein aus dem Erdgeschoss, als sie ihn sah. „Gehen Sie unter die Dusche oder zur Arbeit?“
Winfried lächelte verlegen, aber freundlich. „Zur Arbeit – mit erweitertem Wetterschutz, sozusagen.“
„Kreativ!“, kicherte sie. „Viel Glück!“
Draußen empfing ihn der Regen wie eine Wand. Dicke Tropfen trommelten auf das Laken, das erstaunlich gut funktionierte. Zwar sammelte sich das Wasser an einigen Stellen und tropfte dann gebündelt herunter, aber zumindest blieb sein Hemd größtenteils trocken.
Der Weg zur Bushaltestelle war kurz, aber heute fühlte er sich an wie eine kleine Expedition. Autos fuhren durch Pfützen, spritzten Wasser an den Gehweg und der Wind versuchte mehrmals, ihm das Laken vom Kopf zu reißen. Winfried hielt es fest und kämpfte sich entschlossen voran.
An der Haltestelle standen bereits zwei seiner Schüler – Kevin und Aylin. Beide starrten ihn an, als er näher kam.
„Herr Jakobus…?“, begann Kevin zögerlich.
„Ja, Kevin?“
„Ist das… ein Bettlaken?“
Winfried nickte würdevoll. „Ein multifunktionales Textil mit wetterabweisenden Eigenschaften.“
Aylin musste lachen. „Das ist genial.“
„Oder verzweifelt“, ergänzte Kevin.
„Manchmal“, sagte Winfried ruhig, „ist die Grenze zwischen Genialität und Verzweiflung fließend.“
Der Bus kam, Türen zischten auf und Winfried stieg ein – unter den neugierigen Blicken der anderen Fahrgäste. Einige lächelten, andere schüttelten den Kopf. Ein kleiner Junge zeigte mit dem Finger auf ihn und flüsterte seiner Mutter etwas zu.
Winfried setzte sich, legte das tropfende Laken vorsichtig zusammen und spürte, wie sich eine gewisse Wärme in ihm ausbreitete. Nicht nur, weil er es fast trocken geschafft hatte, sondern auch, weil er wusste, dass er später eine großartige Geschichte für den Unterricht haben würde.
Und tatsächlich – als er schließlich, nur leicht durchnässt, das Klassenzimmer betrat, erwartete ihn eine Mischung aus Gelächter und Applaus.
„Guten Morgen“, sagte er und hängte das Laken über einen Stuhl. „Heute beginnen wir mit einem praktischen Beispiel für kreative Problemlösung.“
Er griff nach der Kreide, schrieb in großen Buchstaben an die Tafel:
„Improvisation – wenn Sprache allein nicht reicht.“
Dann drehte er sich um, lächelte und fügte hinzu: „Und jetzt: Wer kann mir eine Kurzgeschichte über einen Lehrer schreiben, der seinen Regenschirm verloren hat?“
Die Hände gingen schneller hoch als sonst.
Der Regen draußen prasselte weiter. Doch im Klassenzimmer war es plötzlich ganz hell.