Der verborgene Name
Der verborgene Name
Hallo meine lieben Leser,
hier folgt mein siebzehnter Beitrag zur Wochen-Challenge.
Der siebzehnter Prompt lautete wie folgt:
Kalenderwoche 17 von - Leela -
Dein Charakter findet heraus, daß er einen zweiten Vornamen hat, von dem er noch nie gewußt hat und vor allem, der ihn einigermaßen erstaunt.
Vielen Dank Damien Black für dieses schöne Projekt!
Ich wünsche euch nun viel Spaß beim Lesen! Ich hatte viel Freude beim Schreiben!
Viele Grüße
Hira
________________________________________________________________
Der verborgene Name
Es war ein milder Nachmittag, an dem die Sonne in schrägen Streifen durch die hohen Fenster von Winfried Jakobus’ Wohnzimmer fiel. Der Duft von frisch aufgebrühtem Kaffee lag in der Luft, vermischt mit dem leichten Geruch alter Bücher. Winfried – von den meisten nur „Winni“ genannt – saß wie so oft in seinem Lieblingssessel, ein lila Hemd ordentlich gebügelt, dazu seine vertrauten braunen Hosen. Seine blauen Augen ruhten auf einem aufgeschlagenen Notizbuch, doch seine Gedanken waren weit entfernt.
Ein leises Klopfen an der Tür riss ihn aus seiner Versunkenheit.
„Herein!“, rief er.
Die Tür öffnete sich und Hira trat ein. Ihr langes, schwarzes Haar fiel ihr über die Schultern und ein warmes Lächeln huschte über ihr Gesicht.
„Du siehst aus, als würdest du über das Leben selbst nachdenken“, sagte sie und stellte ihre Tasche ab.
Winni lächelte sanft. „Manchmal kommt man nicht drum herum.“
Hira setzte sich ihm gegenüber. Zwischen ihnen herrschte diese besondere Vertrautheit, die sich nicht erklären ließ – gewachsen aus Jahren, aus Gesprächen, aus gemeinsamem Schweigen. Was einst als Lehrer-Schülerin-Verhältnis begonnen hatte, war längst zu einer tiefen Freundschaft geworden.
„Ich habe etwas Interessantes gefunden“, sagte Hira schließlich und zog ein altes, leicht vergilbtes Dokument aus ihrer Tasche.
Winni hob eine Augenbraue. „Das klingt gefährlich.“
„Nicht gefährlich“, entgegnete sie schmunzelnd, „eher… überraschend.“
Sie reichte ihm das Papier.
Winni nahm es entgegen, setzte seine Brille auf und begann zu lesen. Es war eine Kopie seiner Geburtsurkunde. Seine Stirn legte sich in Falten.
„Das… das ist doch meine Geburtsurkunde“, murmelte er.
„Ja“, sagte Hira ruhig. „Ich habe sie im Archiv gefunden. Ich war dort wegen eines ganz anderen Projekts… und dann ist mir dein Name aufgefallen.“
Winni las erneut. Langsam. Sorgfältig.
Sein Blick blieb an einer Stelle hängen.
Er blinzelte.
Dann noch einmal.
„Das… das kann nicht sein“, sagte er leise.
Hira lehnte sich vor. „Doch.“
Winni sah sie an, seine blauen Augen weit geöffnet. „Merlin?“
Hira nickte. „Winfried Merlin Jakobus.“
Stille erfüllte den Raum.
Winni ließ sich langsam zurück in den Sessel sinken, als hätte ihn die Erkenntnis körperlich getroffen.
„Merlin…“, wiederholte er, fast flüsternd.
Er fuhr sich durch sein zurückgehendes braunes Haar, ein nervöser Reflex, den Hira gut kannte.
„Mein ganzes Leben…“, begann er, „und ich wusste nichts davon.“
Hira beobachtete ihn aufmerksam. „Erstaunt?“
Winni lachte leise – ein ungläubiges, warmes Lachen. „Das ist wohl die Untertreibung des Jahrhunderts.“
Er sah wieder auf das Dokument. „Merlin… wie der Zauberer.“
„Vielleicht erklärt das einiges“, sagte Hira mit einem schelmischen Grinsen.
Winni hob den Blick. „Was genau soll das erklären?“
„Deine Geduld. Deine Art, Dinge zu sehen. Wie du immer Worte findest, wenn andere keine haben.“
Er schüttelte den Kopf, doch ein leichtes Lächeln lag auf seinen Lippen. „Das ist kein Zauber, Hira. Das ist Erfahrung… und wahrscheinlich zu viel Nachdenken.“
„Oder eben doch ein bisschen Magie“, entgegnete sie leise.
Winni schwieg einen Moment. Dann sagte er: „Warum hat mir das nie jemand gesagt?“
Hira zuckte mit den Schultern. „Vielleicht hielt es niemand für wichtig. Oder es ist einfach… verloren gegangen.“
Er sah wieder auf das Papier, als könnte es ihm Antworten geben.
„Winfried Merlin Jakobus…“, sprach er langsam aus, als würde er den Namen zum ersten Mal wirklich hören.
Es lag etwas Fremdes darin. Aber auch etwas Faszinierendes.
„Weißt du“, sagte er nachdenklich, „ich habe mich mein Leben lang mit Sprache beschäftigt. Mit Namen, mit Bedeutung. Und jetzt… entdecke ich meinen eigenen Namen neu.“
Hira lächelte sanft. „Und? Gefällt er dir?“
Winni zögerte.
Dann nickte er langsam.
„Ja“, sagte er schließlich. „Er überrascht mich. Aber… auf eine gute Weise.“
Er sah zu Hira, seine Augen weicher geworden.
„Danke, dass du mir das gezeigt hast.“
„Immer“, antwortete sie.
Ein ruhiger Moment entstand zwischen ihnen. Die Sonne war inzwischen weitergewandert, tauchte den Raum in ein wärmeres Licht.
„Also“, sagte Hira schließlich, „wie soll ich dich jetzt nennen?“
Winni hob eine Augenbraue.
„Bloß nicht Merlin im Alltag“, sagte er trocken. „Das würde meinem Ruf schaden.“
Hira lachte.
„Aber…“, fügte er hinzu, ein leichtes Funkeln in den Augen, „es ist gut zu wissen, dass er da ist.“
„Wie ein verborgenes Kapitel“, sagte Hira.
„Oder ein zweiter Anfang“, ergänzte Winni.
Sie sahen sich an – verbunden durch etwas, das über Worte hinausging.
Und irgendwo zwischen Vergangenheit und Gegenwart, zwischen Lehrer und Schülerin, zwischen Winfried und Merlin, lag ein stilles Versprechen:
Dass man nie ganz aufhört, sich selbst neu zu entdecken.