Die Lücke im Koffer
Die Lücke im Koffer
Hallo meine lieben Leser,
hier folgt mein achtzehnter Beitrag zur Wochen-Challenge.
Der achtzehnte Prompt lautete wie folgt:
Kalenderwoche 18 von CarlisleVolturi
Dein Charakter steht mit gepackten Koffern am Hafen/Flughafen/vor seinem Hotel/am Urlaubsort und hat dieses Gefühl, etwas vergessen zu haben. Was hat er beim Packen vergessen und was hat ihn beim Packen möglicherweise abgelenkt?
Vielen Dank Damien Black für dieses schöne Projekt!
Ich wünsche euch nun viel Spaß beim Lesen! Ich hatte viel Freude beim Schreiben!
Viele Grüße
Hira
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Die Lücke im Koffer
Winfried Jakobus stand am Flughafen Saarbrücken/Ensheim und spürte dieses leise, aber hartnäckige Ziehen in der Magengegend, das sich nicht mit einem Blick auf die Abflugtafel beruhigen ließ. Es war kein gewöhnliches Lampenfieber vor einer Reise, kein flüchtiger Gedanke, der kam und ging. Es war dieses Gefühl – dumpf, drängend, unerquicklich –, dass etwas nicht stimmte.
Neben ihm stand sein dunkelblauer Rollkoffer, geschniegelt und geschniegelt wie ein Musterschüler. Sorgfältig gepackt, mehrfach kontrolliert, mit einer Checkliste versehen, die er am Abend zuvor gewissenhaft abgearbeitet hatte. Winfried war Deutschlehrer an der kaufmännischen Berufsschule in Dillingen an der Saar, ein Mann der Struktur, der Listen, der klaren Sprache. „Ordnung ist die halbe Miete“, pflegte er seinen Schülern zu sagen, wenn sie wieder einmal ihre Unterlagen verlegt hatten.
Und doch.
Er zog den Griff seines Koffers ein Stück heraus, ließ ihn wieder einrasten. Sein Blick wanderte über die Menschen um ihn herum: Familien mit übermüdeten Kindern, Geschäftsreisende mit angespannten Gesichtern, junge Paare, die sich lachend Selfies machten. Alle wirkten sie entschlossen, zielgerichtet, als hätten sie nichts vergessen.
„Das kann doch nicht sein“, murmelte Winfried leise vor sich hin.
Er griff in die Innentasche seiner Jacke. Reisepass – da. Bordkarte – da. Geldbeutel – ebenfalls da, fein säuberlich sortiert. Sogar ein kleines Notizbuch hatte er eingepackt, für „literarische Einfälle während der Reise“, wie er es nannte. Seine Kollegen hätten vermutlich geschmunzelt, hätten sie ihn so gesehen.
Doch das Gefühl blieb.
Unwillkürlich glitt sein Geist zurück in den gestrigen Abend.
Die Wohnung war still gewesen, fast zu still. Winfried hatte sich nach dem Abendessen – ein schlichtes Butterbrot mit Käse und Gurken – an seinen Esstisch gesetzt, um zu packen. Die Checkliste lag neben ihm, sauber mit Lineal unterteilt: Kleidung, Dokumente, Hygieneartikel, „Sonstiges“.
Er hatte Hemden gefaltet, sorgfältig, fast zeremoniell. Jedes Stück Kleidung schien eine eigene Geschichte zu tragen, doch er hatte sie nüchtern verstaut, als wären sie bloße Objekte.
Dann hatte das Telefon geklingelt.
Er hatte gezögert. Eigentlich mochte er es nicht, beim Packen unterbrochen zu werden. Doch ein Blick auf das Display zeigte den Namen: Karin Lenz.
Eine Kollegin. Deutsch und Geschichte. Lebhaft, manchmal etwas zu impulsiv, aber mit einem scharfen Verstand und einem feinen Gespür für Sprache. Sie hatten in den letzten Wochen öfter zusammengearbeitet, Unterrichtsmaterial ausgetauscht, über Interpretationen diskutiert.
„Winni?“ Ihre Stimme war leicht außer Atem gewesen. „Ich hoffe, ich störe nicht.“
„Nein, nein“, hatte er geantwortet, obwohl er gerade dabei gewesen war, seine Socken nach Farben zu sortieren.
Das Gespräch hatte sich gezogen.
Zunächst ging es um eine Klassenarbeit, dann um einen Schüler, der Schwierigkeiten hatte, dann plötzlich – fast beiläufig – um Literatur. Um Vergessen. Um das Motiv der Lücke, des Unausgesprochenen.
„Manchmal“, hatte Karin Lenz gesagt, „ist das, was fehlt, viel bedeutender als das, was da ist.“
Winfried hatte geschwiegen. Der Satz hatte sich in ihm festgesetzt, wie ein Haken.
Sie hatten gelacht, diskutiert, sich widersprochen. Es war ein ungewöhnlich lebendiges Gespräch gewesen, eines, das ihn aus seiner gewohnten, geordneten Bahn geworfen hatte. Als sie schließlich auflegten, war es bereits spät.
Er hatte weitergepackt, mechanisch, weniger konzentriert. Die Checkliste hatte er noch einmal überflogen, ein paar Häkchen gesetzt, ohne genauer hinzusehen. Dann hatte er den Koffer geschlossen.
Mit einem leisen Klick.
Jetzt, am Flughafen, kehrte Winfried in die Gegenwart zurück. Das Klick hallte in seinem Kopf nach.
„Was fehlt?“, flüsterte er.
Er öffnete den Koffer.
Zwischen sauber gefalteten Hemden, ordentlich gerollten T-Shirts und akkurat platzierten Schuhen lag alles an seinem Platz. Fast alles.
Sein Blick blieb an einem kleinen, leeren Fach hängen. Ein Fach, das eigentlich für etwas Bestimmtes vorgesehen war. Etwas Wichtiges.
Und plötzlich wusste er es.
Sein Buch.
Nicht irgendein Buch. Sondern jenes Exemplar von Goethes „Faust“, das er seit Jahren mit sich herumtrug. Randnotizen, Unterstreichungen, Eselsohren – es war mehr als ein Buch, es war ein Begleiter, ein stiller Dialogpartner. Auf Reisen hatte er es immer dabei, als Anker, als vertraute Stimme.
Er hatte es gestern Abend aus dem Regal genommen.
Er erinnerte sich genau: Er hatte es auf den Tisch gelegt, neben die Checkliste. Dann hatte das Telefon geklingelt.
Und danach…
War es dort liegen geblieben.
Winfried schloss langsam den Koffer.
Ein seltsames Gefühl breitete sich in ihm aus. Zunächst war da Ärger über sich selbst, über diese Nachlässigkeit. Dann aber mischte sich etwas anderes hinein. Etwas, das schwerer zu benennen war.
Er dachte an Karin Lenz.
An ihr Gespräch. An den Satz über das Fehlende.
„Manchmal ist das, was fehlt, viel bedeutender als das, was da ist.“
Winfried lächelte schwach.
Vielleicht war es kein Zufall.
Vielleicht war diese Lücke im Koffer mehr als nur ein Versäumnis. Vielleicht war sie ein kleiner Bruch in seiner sonst so makellosen Ordnung. Ein Raum für etwas Neues, Ungeplantes.
Er richtete sich auf, zog den Griff seines Koffers heraus und blickte zur Anzeigetafel.
Sein Flug wurde zum Boarding aufgerufen.
Ohne „Faust“.
Aber mit einer leisen, ungewohnten Neugier.
Und während er sich in die Schlange einreihte, fragte sich Winfried Jakobus zum ersten Mal seit langer Zeit nicht, was er vergessen hatte.
Sondern, was ihn wohl erwarten würde.