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Der schönste unperfekte Tag

Ein Leben Zwischen Den Zeilen – Sammlung Zur Wochen-Challenge — www.fanfiktion.de · All chapters

Der schönste unperfekte Tag

Hallo meine lieben Leser,

hier folgt mein neunzehnter Beitrag zur Wochen-Challenge.

Der neunzehnte  Prompt lautete wie folgt:

Kalenderwoche 19 von Damien Black

Dein Charakter möchte seiner Mutter zum Muttertag einen ganz besonderen Tag gestalten. Leider läuft nicht alles nach Plan und dein Charakter befürchtet schon, dass der Tag eine absolute Katastrophe wird. Baut mindestens zwei Pannen ein, die euren Charakter so denken lassen. Ob der Tag wirklich eine Katastrophe wird, entscheidet ihr dann selber.

Vielen Dank Damien Black für dieses schöne Projekt!

Ich wünsche euch nun  viel Spaß beim Lesen! Ich hatte viel Freude beim Schreiben!

Viele Grüße

Hira

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Der schönste unperfekte Tag

Der Wecker klingelte an diesem Sonntagmorgen bereits um sechs Uhr.

Winfried Jakobus schlug die Augen auf und lächelte sofort. Muttertag. Der wichtigste Sonntag des Jahres – zumindest für ihn.

Winfried war Deutschlehrer mit Leib und Seele. Seine Schüler mochten ihn, weil er geduldig war, weil er niemals jemanden bloßstellte und weil er immer sagte: „Ein guter Satz braucht Zeit. Genau wie ein gutes Leben.“

Heute allerdings wollte er keine Aufsätze korrigieren und keine Gedichte analysieren. Heute wollte er seiner Mutter Gertrud einen perfekten Tag schenken.

Seit Wochen plante er heimlich. Frühstück ans Bett, ein selbstgekochtes Mittagessen, ein Ausflug an den See und am Abend ein kleines Familienfest mit Musik und alten Fotos. Alles sollte wunderschön werden.

Er sprang aus dem Bett, zog sich seinen hellbraunen Pullover über und begann voller Energie mit den Vorbereitungen.

Die erste Überraschung wartete bereits in der Küche.

Winfried hatte am Vorabend extra frische Brötchen bestellt. „Sechs Körnerbrötchen und zwei Croissants für Sonntagmorgen“, hatte er der Bäckereiverkäuferin sorgfältig erklärt.

Nun öffnete er die Tüte.

Stille.

Dann entsetzt: „Das… das sind ja Salzbrezeln!“

Statt der bestellten Frühstücksbrötchen lagen acht riesige Laugenbrezeln in der Tüte.

Winfried starrte sie an, als hätten sie ihn persönlich beleidigt.

„Nein. Nein, nein, nein. Mutter hasst Laugengebäck.“

Panik stieg in ihm auf. Seine Mutter liebte Marmelade und weiche Buttercroissants. Mit Brezeln konnte man kein festliches Frühstück machen.

Kurz überlegte er, noch schnell zur Bäckerei zu fahren, doch sie hatte sonntags erst ab acht Uhr geöffnet. Dafür blieb keine Zeit mehr.

„Gut“, murmelte er und rieb sich die Stirn. „Improvisation. Deutschlehrer können improvisieren.“

Er schnitt die Brezeln auf, toastete sie leicht und arrangierte alles möglichst hübsch auf einem Tablett. Dazu stellte er Erdbeeren, Kaffee und eine kleine Vase mit Tulpen.

Es sah… akzeptabel aus.

Nicht perfekt.

Aber akzeptabel.

Er brachte seiner Mutter das Frühstück ans Bett.

Gertrud setzte ihre Brille auf, betrachtete die Brezeln und sagte überrascht: „Oh! Das gab es ja noch nie.“

Winfried wartete auf Kritik.

Doch sie lächelte plötzlich.

„Wie originell.“

Er atmete erleichtert auf.

Vielleicht wurde der Tag doch noch schön.

Nach dem Frühstück machte sich Winfried an das Mittagessen. Sein Plan war ehrgeizig: Spargel mit Sauce Hollandaise, Kartoffeln und gebratenem Lachs.

„Heute wird gekocht wie im Restaurant“, sagte er entschlossen.

Er summte fröhlich vor sich hin, während er die Sauce vorbereitete. Butter schmelzen, Eigelb schlagen, Zitronensaft dazu…

Dann klingelte plötzlich sein Handy.

Eine Mutter aus seiner Klasse wollte wissen, ob ihr Sohn die Hausaufgaben bis Dienstag nachreichen dürfe.

Winfried war höflich. Sehr höflich. Vielleicht zu höflich.

Denn während er telefonierte, bemerkte er nicht den dünnen Rauchfaden, der langsam aus der Küche aufstieg.

Er roch es erst Sekunden später.

„Oh nein.“

Er rannte zum Herd.

Die Sauce war schwarz.

Nicht dunkelgelb. Nicht goldbraun.

Schwarz.

Aus dem Topf stieg dichter Rauch auf. Der Rauchmelder begann hysterisch zu piepen.

PIEP! PIEP! PIEP!

Winfried sprang auf einen Stuhl und wedelte hektisch mit einem Geschirrtuch.

„Bitte nicht! Nicht heute!“

In diesem Moment kam seine Mutter lachend in die Küche.

„Winfried! Brennt das Haus?“

„Fast“, antwortete er verzweifelt.

Die Küche roch nach verbrannter Butter und gescheiterten Träumen.

Winfried ließ sich auf einen Stuhl sinken.

„Das war’s“, murmelte er. „Der Muttertag ist ruiniert.“

Doch Gertrud legte ihm ruhig eine Hand auf die Schulter.

„Du warst schon als Kind kein guter Koch.“

„Danke für die Unterstützung.“

Sie lachte herzlich.

„Aber du gibst dir Mühe. Das zählt.“

Gemeinsam öffneten sie alle Fenster. Danach beschlossen sie spontan, statt des geplanten Menüs einfach Kartoffelsalat und Würstchen zu machen.

„Wie früher“, sagte Gertrud zufrieden.

Langsam entspannte sich Winfried wieder.

Am Nachmittag wollten sie zum See fahren. Dort hatte Winfried sogar ein kleines Ruderboot gemietet.

Die Sonne schien inzwischen warm vom Himmel und  für einen Moment sah alles endlich nach einem perfekten Muttertag aus.

Bis Winfried bemerkte, dass er den Autoschlüssel nicht finden konnte.

Er durchsuchte seine Jackentaschen.

Dann den Küchentisch.

Dann den Flur.

Nichts.

„Das kann nicht wahr sein“, murmelte er.

Fünf Minuten später kroch er halb unter das Sofa.

Zehn Minuten später stand er völlig zerzaust im Wohnzimmer.

„Ich habe den Schlüssel verloren.“

Jetzt war er wirklich überzeugt, dass der Tag endgültig katastrophal geworden war.

Keine Bootsfahrt. Kein Ausflug. Keine Überraschung.

Er war den Tränen näher, als ihm lieb war.

Doch seine Mutter blieb erstaunlich gelassen.

„Winfried.“

„Ja?“

„Schau mal in den Kühlschrank.“

„Warum sollte der Schlüssel im Kühlschrank sein?“

„Weil du gestern die Milch hineingestellt hast und dabei den Schlüssel in der Hand hattest.“

Winfried öffnete den Kühlschrank.

Tatsächlich.

Direkt neben der Butter lag der Autoschlüssel.

Er starrte ihn fassungslos an.

Dann mussten beide so lachen, dass ihnen die Tränen kamen.

Der Ausflug zum See fand schließlich doch statt. Sie spazierten am Wasser entlang, aßen Eis und erzählten alte Familiengeschichten. Winfried hörte seiner Mutter aufmerksam zu, wie früher als Kind.

Am Abend kamen noch seine Schwester und zwei Nachbarn vorbei. Gemeinsam sahen sie alte Fotoalben an.

Auf einem Bild war der kleine Winfried zu sehen, wie er mit schiefer Zahnlücke und riesigem Schulranzen in die Kamera grinste.

„Du wolltest damals schon Lehrer werden“, sagte seine Mutter schmunzelnd.

„Und du hast immer so getan, als wären meine erfundenen Unterrichtsstunden interessant.“

„Sie waren interessant.“

Später, als die Gäste gegangen waren und die Wohnung still wurde, saßen Winfried und seine Mutter noch gemeinsam auf dem Balkon.

Der Himmel färbte sich langsam orange.

Winfried seufzte.

„Eigentlich wollte ich dir einen perfekten Muttertag schenken.“

Gertrud sah ihn liebevoll an.

„Weißt du, was für mich perfekt ist?“

„Was denn?“

„Dass du da bist.“

Winfried schwieg einen Moment.

Dann lächelte er.

Vielleicht war nicht alles nach Plan gelaufen.

Das Frühstück war falsch gewesen. Die Sauce verbrannt. Der Schlüssel verschwunden.

Und trotzdem war es ein wunderschöner Tag geworden.

„Vielleicht“, dachte Winfried, „mussten perfekte Tage gar nicht perfekt sein.“