Was bleibt, wenn man es sich nicht nehmen lässt
Was bleibt, wenn man es sich nicht nehmen lässt
Hallo meine lieben Leser,
hier folgt nun mein zweiter Beitrag zur Wochen-Challenge.
Der zweite Prompt lautete wie folgt:
Kalenderwoche 2 von - Leela –
Bringe folgendes Zitat unter: „Was du heute kannst genießen, laß dir von anderen nicht vermiesen.“
Vielen Dank Damien Black für dieses schöne Projekt!
Ich wünsche euch nun viel Spaß beim Lesen! Ich hatte viel Freude beim Schreiben!
Viele Grüße
Hira
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Was bleibt, wenn man es sich nicht nehmen lässt
Winfried Jakobus saß an seinem Schreibtisch, die Hände ordentlich gefaltet, als würde er gleich eine Klassenarbeit austeilen. Vor ihm lag jedoch kein Stapel Hefte, sondern eine einzelne Postkarte.
Sie war unscheinbar. Ein leicht vergilbtes Stück Karton mit einem Motiv, das vermutlich einmal ein Sonnenuntergang gewesen war. Jetzt wirkte es eher wie eine Erinnerung daran, dass es irgendwo Farben gab, die mehr konnten als Grau.
Er hatte sie am Morgen im Briefkasten gefunden.
Ohne Absender.
Ohne Datum.
Nur ein Satz stand darauf, in sauberer, fast altmodischer Handschrift: „Was du heute kannst genießen, laß dir von anderen nicht vermiesen.“
Winfried hatte die Karte zunächst beiseitegelegt. Nicht aus Geringschätzung, sondern aus Gewohnheit. Dinge wollten bei ihm eingeordnet werden. Erst verstehen, dann fühlen – so war die Reihenfolge.
Doch die Worte hatten sich nicht ablegen lassen.
Sie waren geblieben.
Jetzt, Stunden später, saß er noch immer davor.
„Ein Imperativsatz“, murmelte er leise. „Mit Binnenreim.“
Er lehnte sich zurück, betrachtete die Karte aus der Distanz, als könnte sich ihre Bedeutung verändern, wenn man nur weit genug wegging.
Genießen.
Ein Wort, das er verstand. Natürlich verstand er es. Er war Deutschlehrer. Worte waren sein tägliches Werkzeug, sein Terrain.
Und doch.
Es blieb hängen.
Ein Klopfen riss ihn aus seinen Gedanken.
„Herein“, sagte er automatisch.
Die Tür öffnete sich und einer seiner Schüler steckte den Kopf herein. „Herr Jakobus? Haben Sie kurz Zeit wegen der Hausaufgabe?“
Winfried nickte, fast dankbar für die Unterbrechung. „Selbstverständlich.“
Der Schüler trat ein, stellte eine Frage, erhielt eine präzise, wohlformulierte Antwort. Es war ein vertrauter Ablauf. Sicher. Kontrollierbar.
Als die Tür sich wieder schloss, blieb die Stille zurück.
Und die Karte.
Winfried blickte erneut darauf.
„Was du heute kannst genießen…“
Er stand auf.
Langsam.
Es war ein ungewöhnlicher Entschluss – das wusste er selbst. Seine Tage folgten normalerweise einer klaren Struktur. Unterricht, Vorbereitung, Korrekturen, vielleicht ein Buch am Abend. Ordnung war kein Zwang für ihn, sondern ein Zustand, in dem Dinge Sinn ergaben.
Doch heute…
Er griff nach seinem schwarzen Mantel.
Draußen empfing ihn die kühle Luft eines späten Nachmittags. Kein strenger Winter, kein wirklicher Frühling – ein Dazwischen. Die Straßen von Lebach waren ruhig, die Menschen vereinzelt, jeder in seinem eigenen Rhythmus unterwegs.
Winfried ging ohne konkretes Ziel.
Das war neu.
Seine Schritte waren zunächst zögerlich, fast vorsichtig, als müsste er erst lernen, wie man sich bewegt, wenn man nichts vorhat.
Er kam an einer kleinen Bäckerei vorbei. Der Duft von frischem Brot und süßem Gebäck wehte ihm entgegen. Unwillkürlich blieb er stehen.
„Nicht notwendig“, murmelte er.
Und doch trat er ein.
Die Wärme im Inneren umfing ihn sofort, eine angenehme, ehrliche Wärme, die nichts von ihm verlangte. Hinter der Theke lächelte eine Verkäuferin.
„Was darf’s sein?“
Winfried zögerte.
Dann sagte er, fast überrascht von sich selbst: „Ein Stück Apfelkuchen, bitte.“
Er setzte sich ans Fenster, die Gabel in der Hand und betrachtete das Gebäck vor sich, als wäre es ein Studienobjekt.
„Genießen“, sagte er leise.
Der erste Bissen war… unerwartet.
Süß, aber nicht zu sehr. Warm. Vertraut.
Er kaute langsam.
Und dann, ganz unmerklich, veränderte sich etwas.
Nicht groß. Nicht dramatisch. Eher wie ein leises Verschieben. Als hätte jemand ein Fenster geöffnet, das lange geschlossen gewesen war – und plötzlich war da Luft.
Winfried lehnte sich zurück.
Die Welt draußen lief weiter. Menschen gingen vorbei, sprachen, lachten vielleicht. Er konnte es nicht hören, aber er konnte es sehen.
Und er saß hier.
Aß Kuchen.
Ohne Zweck.
Ohne Ziel.
Ein zweiter Bissen. Dann ein dritter.
Er stellte fest, dass er nicht darüber nachdachte, wie lange er bleiben würde.
Zum ersten Mal seit langer Zeit.
Die Worte auf der Karte tauchten wieder auf.
„…laß dir von anderen nicht vermiesen.“
Er dachte an die vielen kleinen Stimmen. Nicht unbedingt Menschen, sondern eher Gewohnheiten. Sätze, die man sich selbst sagte.
„Dafür hast du keine Zeit.“
„Das ist unnötig.“
„Das gehört sich nicht.“
Winfried sah auf seinen Teller.
Fast leer.
Er nahm den letzten Bissen.
„Unbegründet“, sagte er schließlich.
Ein leises Lächeln huschte über sein Gesicht. Kein breites, kein auffälliges – eher ein vorsichtiges.
Als er die Bäckerei verließ, war es bereits später geworden. Das Licht hatte sich verändert, war weicher geworden, fast golden.
Er ging weiter.
Langsamer jetzt.
Bewusster.
An einem kleinen Park blieb er stehen. Die Bäume waren noch kahl, aber in den Zweigen lag eine Ahnung von etwas Kommendem. Er setzte sich auf eine Bank.
Nichts geschah.
Und doch war es genug.
Winfried atmete ein.
Und aus.
„Was du heute kannst genießen…“, wiederholte er.
Er dachte nicht weiter darüber nach.
Er musste es nicht mehr analysieren, nicht mehr einordnen. Es war da. Und das genügte.
Die Postkarte lag noch immer auf seinem Schreibtisch, als er später nach Hause zurückkehrte.
Doch sie hatte ihre Arbeit bereits getan.