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Farben hinter Glas

Ein Leben Zwischen Den Zeilen – Sammlung Zur Wochen-Challenge — www.fanfiktion.de · All chapters

Farben hinter Glas

Hallo meine lieben Leser,

hier folgt mein zwanzigster Beitrag zur Wochen-Challenge.

Der zwanzigste  Prompt lautete wie folgt:

Kalenderwoche 20 von - Leela -

Dein Charakter findet einen Regenbogen, wo er es nie in seinem Leben vermutet hätte.

Vielen Dank Damien Black für dieses schöne Projekt!

Ich wünsche euch nun  viel Spaß beim Lesen! Ich hatte viel Freude beim Schreiben!

Viele Grüße

Hira

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Farben hinter Glas

Winfried Jakobus war Deutschlehrer aus Überzeugung, nicht aus Routine.

Er war einer dieser Menschen, die Korrekturränder ernst nahmen, nicht als Pflichtfläche, sondern als Gespräch zwischen Text und Gedanken. Seine Schülerinnen und Schüler sagten oft, er könne selbst aus einem schlechten Aufsatz noch etwas Menschliches herauslesen. Und vielleicht stimmte das. Vielleicht lag es daran, dass er jeden Satz so behandelte, als hätte ihn jemand in einer stillen Stunde wirklich gemeint.

An diesem Dienstagmorgen begann alles wie immer.

Der Himmel über dem kleinen Ort im Saarland war schwer, aber nicht bedrohlich. Eher wie eine graue Decke, die jemand achtlos über die Welt gelegt hatte, bevor er sie ordentlich glattstrich. Winfried Jakobus ging zu Fuß zur Schule, wie er es seit Jahren tat. Der Regenschirm war eigentlich nur eine Gewohnheit – er hatte ihn in der Hand, obwohl es nicht regnete.

In der Tasche: Deutschaufsätze der FO11A1. Thema: „Ein Moment, der mein Leben verändert hat“.

Er lächelte bei dem Gedanken. Die meisten würden schreiben über Handys, Streit mit Eltern oder den ersten Liebeskummer. Aber er hoffte immer auf einen Satz, der unerwartet war. Einer, der sich nicht wie Pflicht, sondern wie Wahrheit anfühlte.

Die Schule lag am Rand des Ortes, ein funktionaler Bau aus Beton und Glas, der morgens immer ein bisschen aussah, als würde er noch schlafen. Im Lehrerzimmer roch es nach Filterkaffee und nassen Jacken. Alles war vertraut, vorhersehbar, sicher.

Bis zur dritten Stunde.

In der dritten Stunde passierte etwas, das Winfried Jakobus später nie vollständig erklären konnte.

Es begann ganz unscheinbar.

Er hatte die Klasse gebeten, leise zu arbeiten. Nur Schreiben, nur Denken. Draußen hatte es begonnen zu regnen, ein feiner, fast vorsichtiger Regen, der an die Fenster klopfte, als wolle er sich entschuldigen.

Winfried ging zwischen den Tischen hindurch, blieb hier und da stehen, nickte, korrigierte eine Rechtschreibung mit dem Finger in der Luft, ohne den Stift zu zücken. Die Welt war normal.

Bis er an einem Satz hängen blieb.

Nicht wegen eines Fehlers. Sondern wegen eines Gefühls.

„Ein Moment, der mein Leben verändert hat, war der Tag, an dem ich verstanden habe, dass Dinge sich nicht immer dort zeigen, wo man sie erwartet.“

Er wusste nicht, welcher Schüler das geschrieben hatte. Aber etwas an diesem Satz zog ihn kurz aus der Zeit heraus. Als hätte jemand ein Fenster in eine andere Schicht der Realität geöffnet.

In genau diesem Moment flackerte das Licht im Klassenzimmer.

Nicht stark. Nur ein kurzes Zucken, als würde das Gebäude kurz überlegen, ob es noch Teil der bekannten Welt sein wollte.

Die Schüler hoben kaum die Köpfe.

Dann kam ein Geräusch.

Kein Donner. Kein Knall. Eher ein leises, tiefes Verschieben, als würde Luft selbst ihre Struktur ändern.

Winfried Jakobus drehte sich zur Fensterfront.

Und da war er.

Ein Regenbogen.

Nicht draußen.

Nicht am Himmel.

Sondern im Inneren des Schulgebäudes.

Er spannte sich quer durch den Raum, vom hintersten linken Fenster bis zur gegenüberliegenden Wand, wo normalerweise ein Plakat über Gedichtanalysen hing. Farben, klar und unmöglich intensiv, als hätte jemand Licht in Stoff verwandelt und quer durch die Luft gespannt.

Rot lag wie eine warme Linie über den Tischkanten. Orange glitt über die Rucksäcke der Schüler. Gelb berührte die Tafel, ohne sie zu beschmutzen. Grün stand still in der Luft wie ein Gedanke. Blau und Violett verschwammen an der Decke, als würden sie dort wohnen.

Niemand schrie.

Das war das Seltsamste.

Die Klasse war still, aber nicht aus Angst. Eher aus einer Art kollektivem Nichtverstehen. Als hätte das Gehirn beschlossen, diese Information erst später zu verarbeiten.

Winfried Jakobus trat einen Schritt näher.

Er spürte nichts Physisches. Kein Wärmefeld, keine Feuchtigkeit. Nur Licht, das sich verhielt, als hätte es eine Absicht.

„Das… kann nicht sein“, murmelte er.

Eine Schülerin flüsterte: „Ist das… echt?“

Niemand antwortete ihr.

Der Regenbogen bewegte sich leicht. Nicht wie ein Objekt im Raum, sondern wie ein Gedanke, der sich neu sortiert.

Winfried hob vorsichtig die Hand.

Und als seine Fingerspitzen das Licht berührten, geschah etwas Unerwartetes: Er hörte Stimmen.

Nicht laut. Nicht deutlich. Eher wie Erinnerungen, die nicht seine waren.

Ein Kind lachte. Jemand schrieb einen Brief. Eine ältere Frau sagte einen Satz, den er nicht verstand, aber dessen Bedeutung er fühlte: „Manchmal ist das, was fehlt, nur woanders sichtbar.“

Er zog die Hand zurück.

Sein Herz schlug schneller.

„Bleiben Sie sitzen“, sagte er automatisch, obwohl niemand sich bewegt hatte.

Er ging langsam durch den Raum, näher an die Mitte des Regenbogens heran. Je näher er kam, desto stärker veränderte sich sein Gefühl für den Raum. Die Wände schienen weiter weg, die Geräusche gedämpfter, die Luft dichter, aber nicht schwer.

Er dachte kurz an Physikunterricht. Lichtbrechung. Winkel. Regen. Sonne.

Aber hier war kein Fenster, das das erklären konnte. Kein Sonnenstrahl, der sich rechtfertigte.

Der Regenbogen stand einfach da, als wäre er schon immer Teil dieses Klassenzimmers gewesen und man hätte ihn nur nie bemerkt.

Dann sah er etwas im Violett.

Ein kleines Flimmern, fast wie ein Riss.

Und dahinter – ein Bild.

Nicht klar, eher wie eine Erinnerung, die jemand vergessen hatte zurückzugeben: er selbst, Jahre jünger, als Referendar, unsicher vor einer Klasse und ein Schüler, der ihm nach dem Unterricht sagte: „Sie erklären Dinge so, dass sie plötzlich Sinn machen.“

Winfried blinzelte.

Das Bild war weg.

Er trat zurück.

„Herr Jakobus?“ fragte jemand aus der Klasse.

Er drehte sich langsam um. „Ja?“

„Was ist das?“

Er wusste keine Antwort.

Und das war neu für ihn.

Er, der sonst für alles eine sprachliche Form fand, stand plötzlich vor etwas, das sich jeder Beschreibung entzog.

Der Regenbogen begann sich zu verändern.

Die Farben wurden heller, dann feiner, als würden sie sich auflösen. Nicht verschwinden – eher zurückziehen. Als hätten sie ihre Aufgabe erfüllt.

Winfried spürte, dass etwas zu Ende ging, bevor es begonnen hatte.

Er sagte leise, fast mehr zu sich selbst: „Vielleicht ist das ein Satz, den die Welt gerade schreibt.“

Die Schüler schauten ihn an, als hätten sie diesen Satz verstanden, ohne ihn zu verstehen.

Und dann war es vorbei.

Keine Explosion. Kein Effekt.

Nur ein Klassenzimmer, wieder normal. Graue Wände, feuchte Luft vom Regen draußen, das Summen der Neonlampen, die sich entschieden hatten, weiterzumachen wie bisher.

Der Regenbogen war verschwunden.

Als wäre er nie da gewesen.

Aber Winfried Jakobus stand noch lange still.

Seine Hand war noch halb erhoben.

Und zum ersten Mal in seinem Leben dachte er nicht darüber nach, wie er etwas erklären könnte.

Sondern darüber, dass es Dinge gibt, die nicht erklärt werden wollen.

Nach der Stunde gingen die Schüler wie gewohnt hinaus, redeten durcheinander, lachten unsicher, suchten nach Worten, die nicht passten.

Winfried blieb im Raum.

Er sah auf die leere Luft zwischen den Tischen.

Und ihm fiel der Aufsatz wieder ein.

„Ein Moment, der mein Leben verändert hat…“

Er lächelte langsam.

Dann nahm er einen Stift und schrieb unter die Arbeit der 10b, in sauberer Handschrift: „Manchmal zeigt sich Veränderung dort, wo man sie nie vermutet. Und manchmal reicht es, stehenzubleiben, um sie zu sehen.“