Der Aushilfslehrer
Der Aushilfslehrer
Hallo meine lieben Leser,
hier folgt mein 21. Beitrag zur Wochen-Challenge.
Der 21. Prompt lautete wie folgt:
Kalenderwoche 21 von Damien Black
Dein Charakter beschließt sich beruflich zu verändern und tritt eine Stelle als Aushilfslehrer an. Die Klasse, die ihm zugeteilt wird, besteht ausschließlich aus Rebellen und hat in ihrer Zeit an der Schule schon mehr als zehn Aushilfslehrer zur Kündigung getrieben. Doch schon nach kurzer Zeit schafft es dein Charakter sich den Respekt dieser Klasse zu holen. Wie? Das entscheidet ihr.
Vielen Dank Damien Black für dieses schöne Projekt!
Ich wünsche euch nun viel Spaß beim Lesen! Ich hatte viel Freude beim Schreiben!
Viele Grüße
Hira
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Der Aushilfslehrer
An einem verregneten Montagmorgen im frühen November stand Winfried Jakobus mit einem viel zu dünnen Mantel vor dem grauen Hauptgebäude der Gesamtschule in Saarlouis. Der Wind peitschte feinen Regen über den Schulhof, auf dem verstreut kleine Gruppen von Jugendlichen standen, rauchten, lachten oder sich lautstark stritten. Einige Fenster waren mit Graffiti beschmiert, an einer Wand stand in roter Farbe: „HIER REGIERT DIE 10C“.
Winfried hielt seine braune Ledertasche etwas fester.
Er war siebenundvierzig Jahre alt, trug ein auffallendes lila Hemd, eine braune Hose und besaß braunes, zurückgehendes Haar und hatte die Angewohnheit, beim Nachdenken leicht an seinem Ärmel zu zupfen. Eigentlich unterrichtete er seit fast zwanzig Jahren Deutsch und Wirtschaftskommunikation an einer kaufmännischen Berufsschule in Dillingen. Dort war sein Alltag geordnet gewesen: angehende Industriekaufleute, Büromanagement-Klassen, höfliche Diskussionen über Bewerbungsanschreiben und gelegentlich ein verschlafener Schüler in der letzten Reihe.
Aber nach mehreren Sparmaßnahmen war seine Stelle gekürzt worden. Nicht vollständig — doch genug, um ihn zu zwingen, sich zusätzlich als Aushilfslehrer zu melden.
Und nun stand er hier.
An einer Schule, die selbst unter Lehrern einen Ruf hatte.
Vor allem wegen der 10C.
„Sie sind Herr Jakobus?“
Winfried drehte sich um. Eine erschöpfte Frau Mitte fünfzig kam ihm entgegen. Die Schulleiterin, Frau Brenner. Tiefe Augenringe, ein Stapel Akten unter dem Arm.
„Ja“, antwortete Winfried freundlich und reichte ihr die Hand. „Winfried Jakobus. Freut mich.“
Sie schüttelte seine Hand kurz und musterte ihn dabei mit einem Blick, der irgendwo zwischen Mitleid und Hoffnung lag.
„Ich will ehrlich sein“, sagte sie sofort. „Sie können noch ablehnen.“
Winfried lächelte unsicher.
„Das klingt nicht sonderlich beruhigend.“
„Die 10C hat in den letzten anderthalb Jahren elf Vertretungslehrer vergrault.“
„Elf?“
„Einer hat nach zwei Stunden gekündigt.“
Sie gingen durch den langen Flur. Von irgendwoher knallte eine Tür. Lautes Gelächter hallte durch das Gebäude.
„Die Klasse ist intelligent“, erklärte Frau Brenner. „Sehr intelligent sogar. Aber sie akzeptieren keine Autoritäten. Sobald sie Schwäche riechen, zerstören sie einen.“
Winfried schwieg einen Moment.
„Und warum glauben Sie, dass ich das schaffe?“
Frau Brenner blieb kurz stehen.
„Offen gesagt? Glaube ich nicht.“
Sie setzte den Weg fort.
„Aber Sie waren der Einzige, der den Auftrag angenommen hat.“
***
Vor der Tür mit der Aufschrift „10C“ blieb Winfried stehen.
Schon draußen hörte man Musik.
Bass vibrierte durch das Holz.
Frau Brenner öffnete die Tür.
Chaos.
Papier flog durch die Luft. Zwei Jungen lieferten sich ein Wettrennen mit Bürostühlen. Hinten saß ein Mädchen auf einem Tisch und lackierte sich die Nägel. Irgendwo klapperte eine Bluetooth-Box aggressiven Deutschrap durch den Raum.
Niemand bemerkte den neuen Lehrer.
Oder sie taten nur so.
Frau Brenner hob die Stimme: „Ruhe!“
Kurz wurde es leiser.
„Das ist Herr Jakobus. Ihr neuer Deutschlehrer.“
Ein Junge mit abrasierten Seiten und Kapuzenpulli grinste breit. „Wie lange diesmal? Drei Tage?“
Gelächter.
Ein anderer rief: „Wetten laufen schon!“
„Ich geb ihm bis Mittwoch!“
Frau Brenner ignorierte es.
„Viel Erfolg.“
Dann ging sie.
Die Tür fiel zu.
Und sofort begann der Lärm erneut.
Winfried stellte ruhig seine Tasche auf das Pult.
Niemand hörte ihm zu.
Er wartete.
Eine Minute.
Zwei Minuten.
Dann nahm er wortlos ein Stück Kreide und schrieb in großen Buchstaben an die Tafel: „Warum hasst ihr Lehrer?“
Das sorgte tatsächlich für Unruhe.
Mehrere Köpfe drehten sich.
Der Junge mit dem Kapuzenpulli lachte. „Digga, was ist das denn? Therapie?“
Winfried nickte. „Vielleicht.“
„Wir müssen keinen Scheiß beantworten.“
„Müsst ihr nicht.“
Er setzte sich einfach auf die Tischkante.
Ganz ruhig.
„Aber ich habe eine Vermutung.“
Jetzt hörten tatsächlich einige zu.
„Ihr testet Lehrer nicht, weil ihr böse seid.“
Ein Mädchen mit grünen Haaren verschränkte die Arme. „Sondern?“
„Weil ihr wissen wollt, wer echt ist.“
Stille.
Winfried sah durch die Klasse.
„Die meisten Erwachsenen behandeln Jugendliche wie Probleme. Besonders solche Klassen wie euch.“
Niemand lachte mehr.
„Sie kommen rein, spielen Autorität und denken, Lautstärke sei Respekt.“
Er deutete auf die Tafel. „Aber Hass entsteht selten grundlos.“
Der Junge im Hoodie lehnte sich zurück. „Und jetzt? Willst du unser Freund werden?“
„Nein“, sagte Winfried ruhig. „Ich bin euer Lehrer.“
Dann fügte er hinzu: „Aber ich werde euch respektieren. Und ich erwarte dasselbe.“
Hinten schnaubte jemand. „Respekt muss man sich verdienen.“
Winfried nickte. „Richtig.“
Er stand auf.
„Dann fangen wir damit an.“
***
Die ersten Tage waren ein Krieg aus kleinen Provokationen.
Versteckte Handys.
Absichtliches Zuspätkommen.
Beleidigungen, halb im Scherz.
Ständige Tests.
Einmal fand Winfried Sekundenkleber auf seinem Stuhl.
Ein anderes Mal lief plötzlich Schweinchenmusik aus dem Lautsprecher, sobald er zu reden begann.
Doch etwas war merkwürdig:
Er wurde nie laut.
Nie.
Wenn jemand störte, ging er ruhig zu der Person.
Fragte nach dem Grund.
Hörte zu.
Das verwirrte die Klasse mehr als jede Strafe.
Denn sie waren Konflikte gewohnt.
Geschrei.
Drohungen.
Machtspiele.
Aber nicht Geduld.
Besonders einer fiel Winfried schnell auf: Deniz Karaman.
Groß, sportlich, ständig provozierend.
Der inoffizielle Anführer der Klasse.
Wenn Deniz schwieg, schwieg die Klasse.
Wenn Deniz lachte, lachte die Klasse.
Und Deniz hasste Lehrer.
Eines Tages kam Winfried früher in den Raum und fand Deniz allein dort vor. Der Junge saß am Fenster und starrte hinaus.
„Morgen“, sagte Winfried.
Keine Antwort.
Winfried stellte seine Tasche ab.
„Du bist heute früh.“
„Bus kam zu früh.“
„Hm.“
Wieder Schweigen.
Dann bemerkte Winfried die blauen Flecken an Deniz’ Handknöcheln.
„Schlägerei?“
Deniz sah ihn sofort scharf an.
„Geht Sie nichts an.“
„Stimmt.“
Winfried setzte sich an einen Tisch.
„Ich hab früher geboxt.“
Das überraschte Deniz sichtbar.
„Sie?“
„Vor sehr langer Zeit.“
Ein kleines Grinsen huschte über Deniz’ Gesicht. „Glaub ich nicht.“
„War auch nicht besonders gut.“
Zum ersten Mal wirkte Deniz nicht aggressiv.
Nur vorsichtig.
Dann kamen die anderen Schüler hinein und die Stimmung kippte sofort wieder ins Chaotische.
Aber etwas hatte sich verändert.
***
Zwei Wochen später eskalierte die Situation.
Während des Unterrichts begann plötzlich ein heftiger Streit zwischen zwei Schülern. Beleidigungen flogen durch den Raum. Einer sprang auf, stieß einen Tisch um.
Die Klasse johlte sofort.
„Kloppt euch!“
Innerhalb von Sekunden stand einer der Jungen mit erhobener Faust da.
Und alle warteten darauf, dass der Lehrer die Kontrolle verlor.
Winfried stellte sich einfach zwischen die beiden.
Nicht aggressiv.
Nicht schreiend.
Nur da.
„Setzt euch.“
„Verpiss dich!“, brüllte einer.
Winfried wich keinen Zentimeter zurück.
„Nein.“
Seine Stimme war ruhig.
Aber fest.
Der Junge schubste ihn gegen die Schulter.
Die Klasse wurde still.
„Jetzt“, dachten sie, „passiert es.“
Doch Winfried sah den Jungen nur an.
„Du bist wütend“, sagte er leise. „Aber wenn du jetzt zuschlägst, bestimmst nicht mehr du über dein Leben. Sondern deine Wut.“
Der Junge atmete schwer.
Niemand sagte etwas.
Dann ließ er langsam die Faust sinken.
Und setzte sich.
Zum ersten Mal seit langer Zeit war die 10C vollkommen still.
***
Der eigentliche Wendepunkt kam jedoch einige Tage später.
Es war Freitagnachmittag.
Letzte Stunde.
Die Stimmung war gereizt.
Müde.
Aggressiv.
Plötzlich ging der Feueralarm los.
Sofort brach Chaos aus.
Schüler schrien, lachten, warfen Taschen herum.
Einige wollten einfach das Gebäude verlassen und verschwinden.
Doch im Gedränge bemerkte Winfried etwas: Mira Voss, das stille Mädchen aus der letzten Reihe, bekam eine Panikattacke.
Sie sackte zitternd an der Wand zusammen, rang nach Luft.
Niemand bemerkte es.
Niemand außer Winfried.
Während der Alarm heulte und die anderen aus dem Raum drängten, kniete er sich sofort zu ihr.
„Mira.“
Keine Reaktion.
„Hör mir zu.“
Er nahm ruhig ihre Hände. „Atmen.“
Sie hyperventilierte.
„Nicht auf den Alarm konzentrieren. Nur auf meine Stimme.“
Die Klasse blieb langsam stehen.
Deniz beobachtete die Szene.
Winfried blieb bei ihr.
Mehrere Minuten.
Bis ihr Zittern langsam nachließ.
Er verließ den Raum erst, als Mira wieder gehen konnte.
Draußen auf dem Schulhof standen die Schüler frierend im Regen.
Und zum ersten Mal sah die 10C ihren Lehrer anders.
Nicht als Gegner.
Nicht als Aufpasser.
Sondern als jemanden, der blieb, wenn es schwierig wurde.
***
Am Montag danach war der Klassenraum ungewöhnlich ruhig.
Winfried betrat den Raum.
Keine Musik.
Keine Papierkugeln.
Nur erwartungsvolle Stille.
Dann stand Deniz langsam auf.
Er ging nach vorne.
Und legte etwas auf das Pult.
Eine neue Packung Kreide.
„Die alte war leer“, murmelte er.
Winfried verstand sofort.
Es war keine Kreide.
Es war ein Friedensangebot.
Winfried nickte nur leicht. „Danke.“
Deniz setzte sich wieder.
Und plötzlich begann der Unterricht.
Einfach so.
Nicht perfekt.
Natürlich nicht.
Es gab weiterhin Streit.
Provokationen.
Schlechte Tage.
Aber etwas Grundlegendes hatte sich verändert.
Die Klasse hatte beschlossen, ihn zu akzeptieren.
Nicht weil er der Lauteste war.
Nicht weil er Strafen verteilte.
Sondern weil er keine Angst vor ihnen hatte.
Und weil er sie wie Menschen behandelte, als viele andere längst aufgegeben hatten.
***
Einige Tage später fragte Frau Brenner Winfried im Lehrerzimmer: „Wie haben Sie das geschafft?“
Winfried dachte lange nach.
Dann lächelte er müde. „Die wollten nie jemanden zerstören.“
„Sondern?“
Er blickte aus dem Fenster auf den Schulhof, wo die 10C laut lachend herumstand.
„Sie wollten wissen, ob jemand bleibt.“
Und das tat Winfried auch – bis zum Ende des ersten Halbjahres. Dann konnte er wieder vollständig an seiner kaufmännischen Berufsschule in Dillingen unterrichten.
Doch Winfried hatte eine wertvolle Lektion gelernt, die er so schnell nicht vergessen würde.