Die rätselhafte Stadt
Die rätselhafte Stadt
Hallo meine lieben Leser,
hier folgt mein 23. Beitrag zur Wochen-Challenge.
Der 23. Prompt lautete wie folgt:
Kalenderwoche 23 von Damien Black
Dein Charakter beschließt in eine kleine, verschlafene Stadt zu ziehen. Dort gibt es neben einem Rathaus, einem Gasthaus, einer Bibliothek und einem Einkaufsladen nur etwa 30 Wohnhäuser. Dein Charakter meldet sich im Rathaus bei einer freundlichen, alten Dame an. Als er am Abend etwas essen möchte, steht die gleiche alte Dame hinter der Theke des Gasthauses. Und auch in der Bibliothek stellt sie sich als Bibliothekarin vor. Dein Charakter trifft immer wieder nur auf sie, sieht aber sonst keinen anderen Bewohner. Wie kann das sein?
Vielen Dank Damien Black für dieses schöne Projekt!
Ich wünsche euch nun viel Spaß beim Lesen! Ich hatte viel Freude beim Schreiben!
Viele Grüße
Hira
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Die rätselhafte Stadt
Winfried Jakobus war ein freundlicher, hilfsbereiter Deutschlehrer, der sein Leben während der Arbeit immer in großen Klassenzimmern, lauten Lehrerzimmern und zwischen hektischen Pausenhöfen verbracht hatte. Als er in die großen Sommerferien ging, sehnte er sich nicht nach Großstadttrubel oder langen Reisen, sondern nach etwas anderem: Ruhe. Stille. Einen Ort, an dem die Zeit ein wenig langsamer lief.
So kam es, dass er vorübergehend in eine kleine saarländische Stadt zog – tief im Grünen, irgendwo zwischen sanften Hügeln und alten Steinmauern im Saarland.
Die Stadt wirkte auf den ersten Blick genauso, wie er sie sich erträumt hatte. Ein kleines Rathaus mit verblasster Fassade, ein Gasthaus mit Holzschild, eine winzige Bibliothek, ein einfacher Einkaufsladen und vielleicht drei Dutzend Wohnhäuser, die sich wie zufällig um den Marktplatz scharten. Alles wirkte friedlich, beinahe schläfrig. Selbst die Luft schien langsamer zu atmen.
Am ersten Morgen ging Winfried ins Rathaus, um sich anzumelden. Hinter dem hohen, aber erstaunlich leeren Empfangstresen saß eine ältere Dame mit silbergrauem Dutt, randloser Brille und einem Lächeln, das zugleich warm und unaufdringlich war.
„Guten Tag, mein Name ist Winfried Jakobus , ich bin hier, um meinen Wohnsitz in diesen Ferien anzumelden“, sagte Winfried höflich.
Die Frau nickte freundlich. „Natürlich. Willkommen in unserer kleinen Stadt. Wir haben nicht oft neue Gesichter.“
Sie erledigte alles schnell, effizient, mit einer fast mütterlichen Ruhe. Winfried dachte sich nichts weiter dabei.
Am Abend wollte er essen gehen. Das Gasthaus war klein, gemütlich und fast leer. Als er eintrat, schlug ihm der Duft von Suppe und frischem Brot entgegen. Hinter der Theke stand – dieselbe Frau.
Diesmal trug sie eine Schürze.
„Guten Abend“, sagte sie, als wäre es das Normalste der Welt, ihn hier zu sehen. „Sie müssen der neue Herr Jakobus sein. Was darf es sein?“
Winfried blinzelte. „Sie… arbeiten hier auch?“
Sie lächelte nur. „In einer kleinen Stadt muss man eben vielseitig sein.“
Er bestellte verwirrt sein Essen, das erstaunlich gut schmeckte und ging später etwas nachdenklich zurück in sein neues Haus.
Am nächsten Tag wollte er die Bibliothek besuchen. Er hoffte auf etwas Normalität: Bücher, Stille, vielleicht einen anderen Menschen.
Doch hinter dem Ausleihtresen saß wieder sie.
Diesmal mit einem Strickpullover und einer Lesebrille, die an einer dünnen Kette hing.
„Ah, Herr Jakobus“, sagte sie, ohne aufzusehen. „Ich habe schon auf Sie gewartet. Sie mögen sicherlich gute deutsche Literatur?“
Winfried setzte sich langsam auf einen Stuhl. „Entschuldigen Sie aber… arbeiteten Sie nicht gestern im Rathaus und im Gasthaus?“
Die Frau legte den Kopf schief. „Ich arbeite dort auch. Und noch an ein paar anderen Stellen.“
„Aber… warum? Wo sind denn die anderen Leute?“
Sie lächelte wieder dieses ruhige, beinahe geheimnisvolle Lächeln. „Die anderen? Die kommen selten raus. Die meisten Dinge erledige ich lieber selbst. Geht schneller.“
In den folgenden Tagen wurde es nicht besser. Oder eher: nicht anders.
Im Einkaufsladen war sie die Verkäuferin.
Beim kleinen Postschalter war sie die Beamtin. Sogar als Winfried eines Morgens durch die Straßen ging und einem Bauarbeiter begegnen wollte, hob dieser kurz den Kopf – und es war wieder dieselbe Frau, diesmal mit Helm und Warnweste.
Immer dieselbe Stimme.
Immer dieselben ruhigen Augen.
Immer dieses unerschütterliche Lächeln.
Winfried begann, die Stadt anders wahrzunehmen. Die Häuser wirkten zu ordentlich, die Straßen zu sauber, die Fenster zu gleichmäßig beleuchtet. Und vor allem: Es war still. Zu still.
Eines Abends hielt er es nicht mehr aus und ging zurück zum Rathaus. Die Frau saß dort wie am ersten Tag.
„Ich verstehe das nicht“, sagte er. „Warum bin ich immer nur Ihnen begegnet? Wo sind die anderen Menschen?“
Sie sah ihn lange an, als würde sie eine alte, oft gestellte Frage hören.
Dann lehnte sie sich zurück.
„Herr Jakobus“, sagte sie sanft, „unsere Stadt ist klein. Und die meisten Aufgaben sind… redundant geworden.“
„Redundant?“
Sie nickte. „Früher lebten hier viele Menschen. Heute reicht einer, der sich um alles kümmert.“
Winfried schwieg.
Die Frau fuhr fort, fast freundlich erklärend: „Ich bin das Rathaus. Das Gasthaus. Die Bibliothek. Der Laden. Die Verwaltung. Die Versorgung. Und manchmal auch die Gesellschaft.“
Ein kalter Schauer kroch Winfried den Rücken herunter. „Sie wollen sagen… Sie sind die einzige Person hier?“
Sie lächelte, diesmal etwas müder als zuvor.
„Ich bin die einzige, die geblieben ist.“
Draußen fiel der Abend über die kleine Stadt. Kein Hund bellte. Kein Fenster schlug. Kein Schritt hallte über das Pflaster.
Nur Stille.
Winfried stand langsam auf. „Und ich?“
Die Frau sah ihn an, lange, ruhig. „Sie sind der erste seit vielen Jahren, der wieder, auch nur vorübergehend, hierhergezogen ist.“
Er schluckte. „Und die anderen Häuser?“
„Leer“, sagte sie schlicht. „Oder Erinnerungen.“
Winfried trat ans Fenster. Die Straße lag im fahlen Licht. Und zum ersten Mal fiel ihm auf, dass in keinem einzigen Haus wirklich Bewegung war. Keine Schatten. Kein Flackern von Leben.
Nur eine einzige Gestalt, die sich im Spiegel des Glases leicht verzerrt spiegelte – die alte Frau, die gleichzeitig hinter ihm stand, hinter dem Rathauspult saß und irgendwo draußen vor dem Gasthaus stand.
„Warum tun Sie das alles allein?“, fragte er leise.
Sie trat neben ihn. „Weil sonst niemand mehr da ist, der die Stadt zusammenhält.“ Eine Pause entstand. Dann fügte sie hinzu: „Und weil es einfacher ist, als nichts zu tun.“
Winfried Jakobus blieb lange am Fenster stehen. Und während die Dunkelheit die kleine Stadt verschluckte, begann er zu verstehen, dass es nicht die Frage war, warum er immer nur ihr begegnete.
Sondern warum die Stadt ihn überhaupt noch empfangen hatte.
Nach den Ferien zog er wieder in sein gewohntes, altes Haus zurück. Aber diese Stadt mit der alten Dame, würde er in seinem ganzen Leben nie mehr vergessen.