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Wenn ein freundlicher Deutschlehrer auf eine Grille trifft…

Ein Leben Zwischen Den Zeilen – Sammlung Zur Wochen-Challenge — www.fanfiktion.de · All chapters

Wenn ein freundlicher Deutschlehrer auf eine Grille trifft…

Hallo meine lieben Leser,

hier folgt mein 24. Beitrag zur Wochen-Challenge.

Der 24. Prompt lautete wie folgt:

Kalenderwoche 24 von - Leela -

Eine Grille hat sich in das Gebäude verirrt und zirpt sich die Seele aus dem Leib. Was tut dein Charakter, um sie zu finden, bevor er wahnsinnig wird?

Vielen Dank Damien Black für dieses schöne Projekt!

Ich wünsche euch nun  viel Spaß beim Lesen! Ich hatte viel Freude beim Schreiben!

Viele Grüße

Hira

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Wenn ein freundlicher Deutschlehrer auf eine Grille trifft…

Winfried Jakobus war ein Mann, der an die Kraft der Sprache glaubte. Seit fünfundzwanzig Jahren unterrichtete er Deutsch an einer kaufmännischen Berufsschule und selbst die widerspenstigsten Schüler hatten irgendwann gelernt, dass man sich vor seinen roten Korrekturstiften weniger fürchten musste als vor seinen langen, geduldigen Vorträgen über Nebensätze und die Schönheit eines gut gesetzten Semikolons.

Er war ein freundlicher Mensch. So freundlich, dass er Fliegen mit einem Glas einfing und nach draußen brachte. So freundlich, dass er sogar die Spinnen in seiner Wohnung beim Namen kannte. Die kleine Winkelspinne im Badezimmer hieß Hildegard.

An einem Dienstagabend, kurz nachdem er sich eine Tasse Kräutertee aufgebrüht und es sich mit einem Roman von Thomas Mann bequem gemacht hatte, hörte er es.

Zirp.

Winfried hob den Kopf.

Zirp.

Er lächelte.

„Ach“, sagte er. „Ein Grillchen.“

Er nahm einen Schluck Tee und las weiter.

Zirp.

Zirp.

Zirp.

Das Tier musste sich irgendwo in das Mehrfamilienhaus verirrt haben. Wahrscheinlich war es harmlos. Es würde schon wieder hinausfinden.

Dachte er.

Um halb elf lag Winfried im Bett.

Zirp.

Er öffnete die Augen.

Zirp.

Das Geräusch schien direkt neben seinem Ohr zu sein.

Er setzte sich auf.

„Mein kleiner Freund“, murmelte er in die Dunkelheit. „Es wäre jetzt wirklich an der Zeit, die Nachtruhe einzuhalten.“

Zirp.

Er knipste die Nachttischlampe an.

Stille.

Winfried wartete.

Nichts.

Er legte sich wieder hin.

Zirp.

Er fuhr hoch.

„Aha!“

Licht an.

Stille.

Licht aus.

Zirp.

„Das gibt es doch nicht.“

Bis zwei Uhr morgens spielte er mit der Grille eine Art absurdes Versteckspiel. Immer wenn er das Licht einschaltete, schwieg sie. Sobald er sich hinlegte, begann sie erneut.

***

Am nächsten Morgen erschien er mit Augenringen im Lehrerzimmer.

„Schlecht geschlafen?“, fragte seine Kollegin Frau Krämer.

„Eine Grille.“

„Im Garten?“

„Im Gebäude.“

„Dann lass sie doch.“

Winfried nickte langsam.

„Das war gestern Abend auch mein Gedanke.“

***

In der zweiten Nacht wurde die Angelegenheit ernster.

Winfried begann, das Geräusch zu kartieren.

Mit einem Notizblock wanderte er durch die Wohnung.

Zirp.

„Wohnzimmer.“

Er machte ein Kreuz.

Zirp.

„Nein, Schlafzimmer.“

Neues Kreuz.

Zirp.

„Oder doch Flur?“

Bald sah sein Grundriss aus wie die Ermittlungsunterlagen einer besonders verwirrenden Kriminalpolizei.

***

Am dritten Tag stand er im Baumarkt und kaufte eine Taschenlampe, obwohl er bereits drei besaß.

„Große Motten?“, fragte der Verkäufer.

„Grille.“

„Eine?“

„Hoffentlich.“

Der Verkäufer nickte verständnislos.

***

In der Nacht zum Freitag begann Winfried, mit dem Tier zu sprechen.

„Hör mal“, sagte er freundlich in den Flur hinein. „Ich möchte dir nichts tun. Ich möchte lediglich wissen, wo du bist.“

Zirp.

„Ausgezeichnet. Kommunikation ist der erste Schritt.“

Zirp.

„Aber etwas präziser wäre hilfreich.“

Seine Nachbarin Frau Schuster begegnete ihm am nächsten Morgen im Treppenhaus.

„Herr Jakobus, haben Sie nachts Selbstgespräche geführt?“

„Verhandlungen.“

„Mit wem?“

Winfried schwieg einen Moment.

„Mit einer Grille.“

Frau Schuster blinzelte.

„Natürlich.“

***

Am Samstag war seine Geduld beinahe erschöpft.

Er schlich wie ein Naturforscher durch die Wohnung. Er bewegte sich langsam. Er hielt den Atem an.

Zirp.

Da!

Aus der Küche!

Er stürzte hinein.

Stille.

„Du kleines Genie“, sagte Winfried.

Er kniete sich hin. Er leuchtete unter den Kühlschrank.

Nichts.

Hinter den Mülleimer.

Nichts.

Zwischen die Kochbücher.

Nichts.

Zirp.

Jetzt schien das Geräusch plötzlich aus dem Flur zu kommen.

Winfried stand reglos da.

„Entweder bist du sehr beweglich“, sagte er, „oder ich verliere den Verstand.“

Hildegard, die Badezimmer-Spinne, schwieg dazu.

***

In der fünften Nacht erreichte die Situation ihren Höhepunkt.

Um drei Uhr morgens saß Winfried im Schlafanzug auf einem Küchenstuhl und starrte mit geröteten Augen ins Leere.

Zirp.

„Ja, ich höre dich.“

Zirp.

„Sehr schön.“

Zirp.

„Du hast gewonnen.“

Dann geschah etwas Merkwürdiges.

Zwischen zwei Zirplauten hörte er ein leises Klirren.

Winfried runzelte die Stirn.

Klirr.

Zirp.

Er stand auf.

Langsam.

Ganz langsam.

Das Geräusch kam nicht aus der Küche.

Nicht aus dem Schlafzimmer.

Es kam aus dem Flur.

Genauer gesagt aus der alten Standuhr, die er von seinem Großvater geerbt hatte.

Winfried öffnete vorsichtig die Glastür.

Zirp!

Da saß sie.

Eine kleine braune Grille, zwischen Pendel und Messinggewichten, als hätte sie dort eine Eigentumswohnung bezogen.

Winfried sah sie an.

Die Grille sah zurück.

Für einen Augenblick herrschte Frieden.

Dann zirpte sie erneut.

„Natürlich“, sagte Winfried. „Du wohnst in einer Uhr. Das ist literarisch beinahe zu schön.“

Er holte behutsam ein Glas und ein Stück Karton.

„Keine Sorge. Ich bin Deutschlehrer. Ich habe schon deutlich schwierigere Geschöpfe aus engen Situationen befreit.“

Nach mehreren Minuten geduldiger Überredung und einigen höflichen Bitten gelang es ihm tatsächlich, die Grille einzufangen.

Im Morgengrauen trat Winfried auf den Hof hinaus.

„Da wären wir.“

Er setzte das Glas ins Gras.

Die Grille sprang hinaus.

Und schwieg.

Winfried atmete tief durch.

„Mach's gut, mein Freund. Und such dir künftig einen Baum. Uhren sind für euch akustisch einfach zu effizient.“

***

Am Montag betrat Winfried ausgeruht das Klassenzimmer.

„Guten Morgen“, sagte er fröhlich.

„Sie sehen ja richtig glücklich aus“, bemerkte ein Schüler.

Winfried lächelte. „Leute, manchmal besteht das größte Abenteuer des Lebens darin, ein sieben Zentimeter großes Problem zu lösen.“

„Sieben Zentimeter?“, fragte ein Schüler.

„Nun“, sagte Winfried nachdenklich. „Vielleicht eher drei. Aber Schlafmangel übertreibt bekanntlich.“

Und während die Klasse lachte, dachte Winfried mit einer gewissen Zuneigung an seinen nächtlichen Widersacher zurück.

Er hoffte nur, dass die Grille nicht lesen konnte.

Denn falls sie eines Tages Deutsch lernte, würde sie vielleicht erfahren, dass sie beinahe einen freundlichen Deutschlehrer in den Wahnsinn gezirpt hatte.