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Vierundzwanzig Stunden sind nicht nichts

Ein Leben Zwischen Den Zeilen – Sammlung Zur Wochen-Challenge — www.fanfiktion.de · All chapters

Vierundzwanzig Stunden sind nicht nichts

Hallo meine lieben Leser,

hier folgt mein 25. Beitrag zur Wochen-Challenge.

Der 25. Prompt lautete wie folgt:

Kalenderwoche 25 von Damien Black

Dein Charakter soll ein Buch (500+ Seiten) lesen und darüber eine Präsentation halten. Bis zum Tag der Präsentation hat er 3 Wochen Zeit. Leider ist dein Charakter sehr gut darin, Dinge sehr lange vor sich her zu schieben und so stellt er mit einem Mal fest, dass nur noch knapp 24 Stunden Zeit geblieben sind. Schafft es dein Charakter dennoch, die Präsentation vorstellen zu können? Und wenn ja, wie stellt er das an?

Vielen Dank Damien Black für dieses schöne Projekt!

Ich wünsche euch nun  viel Spaß beim Lesen! Ich hatte viel Freude beim Schreiben!

Viele Grüße

Hira

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Vierundzwanzig Stunden sind nicht nichts

Hira hatte nie gedacht, dass ihr so etwas passieren würde.

Während ihrer Schulzeit war sie immer zuverlässig gewesen. Hausaufgaben wurden pünktlich abgegeben, Referate vorbereitet und für Klassenarbeiten gewissenhaft gelernt. Selbst im Studium war sie meistens gut organisiert. Doch seit einigen Monaten hatte sich vieles verändert. Die Anforderungen waren größer geworden, sie arbeitete nebenbei, hatte wenig Schlaf und war zunehmend gestresst. Immer wieder sagte sie sich: „Morgen fange ich an.“

Und morgen wurde zu übermorgen.

Im Rahmen eines Seminars sollte sie ein über fünfhundert Seiten langes Buch lesen und darüber eine ausführliche Präsentation halten. Dafür waren insgesamt drei Wochen Zeit vorgesehen gewesen. Anfangs hatte Hira gedacht, das sei mehr als genug. Sie wollte jeden Tag ein paar Kapitel lesen, Notizen machen und rechtzeitig eine PowerPoint vorbereiten.

Doch die Tage vergingen.

Zuerst schob sie den Beginn um einen Tag auf. Dann um zwei weitere. Danach kamen andere Aufgaben dazwischen. An manchen Tagen fühlte sie sich einfach zu erschöpft. Immer wieder redete sie sich ein, dass noch genügend Zeit vorhanden sei.

Bis sie eines Abends auf den Kalender sah.

Hira erstarrte.

„Nein…“

Ungläubig starrte sie auf das Datum.

Das Referat war am nächsten Morgen.

Nicht in einer Woche.

Nicht in drei Tagen.

Sondern in weniger als vierundzwanzig Stunden.

Sie sprang vom Schreibtischstuhl auf. „Nein, nein, nein, nein!“

Panik stieg in ihr auf. Das Buch lag noch beinahe unangetastet auf ihrem Tisch. Über fünfhundert Seiten. Keine Notizen. Keine Folien. Nichts.

Sie setzte sich wieder hin und versuchte zu rechnen.

Selbst wenn sie die ganze Nacht durchlesen würde, hätte sie keine Chance.

Tränen stiegen ihr in die Augen.

Zum ersten Mal in ihrem Leben hatte sie etwas wirklich Wichtiges vollkommen verschlafen.

Sie nahm ihr Handy in die Hand.

Es war schon halb acht am Abend.

Einen Moment lang überlegte sie.

Dann schrieb sie eine Nachricht an jemanden, dem sie immer vertraut hatte.

Winfried Jakobus.

Oder einfach: Winni.

Winni war früher ihr Deutschlehrer gewesen.

Schon damals hatte er sich immer Zeit für seine Schülerinnen und Schüler genommen. Er war freundlich, hilfsbereit und nachdenklich. Nach Hiras Schulzeit war der Kontakt nie ganz abgebrochen. Im Laufe der Jahre hatte sich daraus eine tiefe Freundschaft entwickelt.

Winni war mittlerweile Mitte fünfzig. Er trug fast immer seine geliebten lila Hemden und braune Hosen. Sein braunes Haar war im Laufe der Jahre immer weiter zurückgewichen und  seine blauen Augen strahlten eine ruhige Freundlichkeit aus, die Hira schon immer beruhigt hatte.

Als ihre Nachricht bei ihm einging, antwortete er beinahe sofort. „Ist etwas passiert?“

Hira tippte mit zitternden Fingern: „Ich habe Mist gebaut. Riesigen Mist.“

Wenige Sekunden später klingelte ihr Handy. „Hira?“

Schon beim Klang seiner Stimme musste sie weinen.

„Winni… ich hab alles vermasselt.“

„Ganz langsam“, sagte er ruhig. „Was ist los?“

Zwischen Schluchzern erklärte sie ihm die Situation.

Eine kurze Stille entstand.

Hira erwartete Vorwürfe.

Stattdessen sagte Winni ruhig: „Gut.“

„Gut?“

„Ja. Es bringt uns nichts, darüber zu sprechen, was du hättest tun sollen. Die Frage lautet: Was können wir jetzt noch tun?“

„Gar nichts.“

„Unsinn“, erwiderte er. „Vierundzwanzig Stunden sind wenig. Aber sie sind nicht nichts.“

„Das Buch hat über fünfhundert Seiten!“

„Dann werden wir nicht fünfhundert Seiten lesen.“

„Aber—“

„Hira“, unterbrach er sie freundlich. „Vertrau mir.“

Eine Stunde später saß Winni tatsächlich bei ihr in der Wohnung.

Wie immer trug er ein lila Hemd und eine braune Hose. In den Händen hielt er zwei Tüten.

„Erst einmal brauchen wir Verpflegung.“

„Du hast Essen mitgebracht?“

„Natürlich. Niemand rettet ein Referat mit leerem Magen.“

Trotz ihrer Panik musste Hira lachen.

„Wie kannst du so ruhig sein?“

„Erfahrung“, sagte Winni lächelnd.

Um neun Uhr begann ihre Rettungsaktion.

„Wir arbeiten klug“, erklärte Winni.

„Und wie?“

„Nicht das gesamte Buch ist gleich wichtig.“

Er nahm einen Block Papier.

„Zuerst schauen wir uns Inhaltsverzeichnis und Kapitelüberschriften an. Dann lesen wir Einleitung und Schluss. Danach suchen wir die wichtigsten Handlungspunkte und Themen.“

„Das reicht?“

„Für eine Präsentation musst du nicht jede einzelne Seite auswendig kennen. Du musst verstehen, worum es im Kern geht.“

Stundenlang arbeiteten sie.

Winni stellte Fragen.

„Was ist das zentrale Thema?“

„Welche Figuren sind wichtig?“

„Wie verändert sich die Hauptperson?“

„Welche Symbole fallen auf?“

„Welche Botschaft könnte der Autor vermitteln?“

Nach und nach entstand Struktur.

Hira las Schlüsselstellen.

Sie machte Zusammenfassungen.

Winni hörte aufmerksam zu und stellte immer wieder neue Fragen.

Gegen Mitternacht war Hira völlig erschöpft.

„Ich kann nicht mehr.“

Winni stellte zwei Tassen Tee auf den Tisch.

„Pause.“

„Wir haben keine Zeit.“

„Gerade deshalb.“

Er lächelte.

„Weißt du, was ich meinen Schülern immer gesagt habe? Ein müdes Gehirn arbeitet doppelt so langsam.“

Hira lächelte schwach. „Du bist immer noch Lehrer.“

„Gewohnheit.“

Bis drei Uhr morgens hatten sie den Inhalt des Buches erstaunlich gut erfasst.

Danach begann die PowerPoint.

Winni setzte sich neben sie.

„Keine Textwüsten.“

„Keine?“

„Stichpunkte. Große Überschriften. Bilder. Du sollst reden, nicht die Folien.“

Bis sechs Uhr morgens waren sie fertig.

Hira betrachtete die Präsentation ungläubig.

„Das haben wir wirklich geschafft?“

Winni lächelte. „Fast.“

„Fast?“

„Jetzt kommt der wichtigste Teil.“

„Noch wichtiger?“

„Üben.“

Müde, aber konzentriert, hielt Hira ihre Präsentation vor Winni.

Anfangs stockte sie.

Dann verhaspelte sie sich.

„Noch einmal“, sagte Winni geduldig.

Ein weiteres Mal.

Und noch einmal.

„Langsamer.“

„Atmen.“

„Nicht auf den Bildschirm schauen.“

„Das war schon viel besser.“

„Sehr gut.“

Stunde um Stunde übten sie.

Als Hira schließlich zur Universität fuhr, war sie unglaublich nervös.

„Ich werde bestimmt alles vergessen.“

Winni lächelte. „Nein.“

„Woher weißt du das?“

„Weil ich dich kenne.“

„Und wenn ich einen Blackout bekomme?“

„Dann trinkst du einen Schluck Wasser und machst weiter.“

Er lächelte warm. „Du schaffst das.“

Hira umarmte ihn. „Danke.“

„Immer.“

Im Seminarraum zitterten ihre Hände.

Als sie nach vorne gerufen wurde, glaubte sie, keine Luft mehr zu bekommen.

Doch dann erinnerte sie sich an Winnis Worte:

„Langsamer.“

„Atmen.“

„Nicht hetzen.“

Hira begann.

Und nach den ersten Minuten verschwand die Angst.

Die Inhalte kamen zurück. Sie erklärte die Figuren. Sprach über Themen und Motive. Beantwortete Fragen.

Und bemerkte schließlich, dass ihre Professorin immer wieder zustimmend nickte.

Nach zwanzig Minuten war alles vorbei.

„Vielen Dank“, sagte die Professorin. „Das war eine sehr gelungene Präsentation. Besonders die Analyse der Themen und der Figurenentwicklung hat mir gefallen.“

Hira konnte kaum glauben, was sie hörte.

Eine Woche später erhielt sie ihre Note.

1,3.

Sie starrte die Zahl minutenlang an.

Dann griff sie sofort zum Handy. „Winni!“

„Und?“

„Eine Eins Komma drei!“

Am anderen Ende wurde gelacht. „Das freut mich sehr.“

„Das haben wir zusammen geschafft!“

„Nein“, sagte Winni ruhig.

„Du hast es geschafft. Ich habe nur ein bisschen geholfen.“

„Ein bisschen?“

„Na ja“, sagte er schmunzelnd. „Vielleicht etwas mehr als ein bisschen.“

Am Abend trafen sie sich in ihrem Lieblingscafé.

Winni erschien wie immer in einem lila Hemd und braunen Hosen. Seine blauen Augen strahlten vor Freude.

Hira, deren lange schwarze Haare locker über ihre Schultern fielen, stellte ihm ein Stück Kuchen hin.

„Das hast du dir verdient.“

„Und du?“

„Ich habe etwas anderes verdient.“

„Was denn?“

Hira lächelte. „Einen Kalender.“

Winni lachte so herzlich, dass die anderen Gäste zu ihnen herübersahen.

„Eine ausgezeichnete Idee.“

„Und diesmal fange ich rechtzeitig an.“

„Das hoffe ich.“

„Versprochen.“

Winni hob seine Kaffeetasse. „Auf weniger Aufschieben.“

Hira stieß mit ihrer Tasse gegen seine.

„Und auf Freunde, die einen retten, wenn man Unsinn gemacht hat.“

Winni lächelte. „Dafür sind Freunde schließlich da.“

Und obwohl die Nacht vor dem Referat eine der anstrengendsten ihres Lebens gewesen war, würde Hira sich viele Wochen später vor allem an eines erinnern: Nicht an die Panik.

Nicht an den Schlafmangel.

Sondern an einen freundlichen Mann mit zurückgehendem braunen Haar, blauen Augen und einem lila Hemd, der sich in ihrer schwersten Nacht einfach neben sie gesetzt und gesagt hatte:

„Vierundzwanzig Stunden sind wenig. Aber sie sind nicht nichts.“