Winfried Jakobus und das Toast-Paradoxon
Winfried Jakobus und das Toast-Paradoxon
Hallo meine lieben Leser,
hier folgt mein 27. Beitrag zur Wochen-Challenge.
Der 27. Prompt lautete wie folgt:
Kalenderwoche 27 von Damien Black
Dein Charakter passt auf das 4Jährige Kind eines guten Freundes auf. Dieses hat einen ungewöhnlichen Wunsch, was das Essen angeht und dieser lässt deinen Charakter ziemlich verzweifeln. Es möchte Toastbrot mit Butter und Salami, getoastet, kalt, ohne Salami haben.
Vielen Dank Damien Black für dieses schöne Projekt!
Ich wünsche euch nun viel Spaß beim Lesen! Ich hatte viel Freude beim Schreiben!
Viele Grüße
Hira
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Winfried Jakobus und das Toast-Paradoxon
Winfried Jakobus war ein Mensch, den so schnell nichts aus der Ruhe brachte. Wer ihn an der kaufmännischen Berufsschule kannte, wusste, dass er selbst den unkonzentriertesten Montagmorgen mit einem freundlichen Lächeln beginnen konnte. Während andere Lehrkräfte schon bei der zweiten vergessenen Hausuafgabe seufzten, blieb Winfried geduldig. Er erklärte Grammatik zum dritten, vierten oder auch zehnten Mal, ohne dabei jemals die Freundlichkeit zu verlieren.
Sein Markenzeichen war ebenso bekannt wie seine ruhige Art: seine auffallenden lila Hemden. Heute trug er ein besonders kräftig violettes Exemplar, das perfekt gebügelt war. Dazu eine schlichte braune Hose und gepflegte graue Turnschuhe Seine leicht gebräunte Haut verlieh ihm ein gesundes Aussehen, seine blauen Augen wirkten aufmerksam und warmherzig und sein braunes Haar zeigte bereits einen leicht zurückgehenden Haaransatz, den er mit Humor nahm.
An diesem Samstag hatte Winfried jedoch keine Klassenarbeiten zu korrigieren und auch keine Unterrichtsvorbereitung geplant.
Ein guter Freund hatte ihn um einen Gefallen gebeten.
„Kannst du bitte zwei oder drei Stunden auf Tim aufpassen? Wir müssen dringend zu einem Termin.“
Winfried hatte selbstverständlich zugesagt.
„Aber natürlich. Das kriegen wir schon hin.“
Tim war vier Jahre alt.
Neugierig.
Freundlich.
Sehr gesprächig.
Und – wie Winfried nach etwa zwanzig Minuten feststellen sollte – ausgestattet mit einer ganz eigenen Vorstellung davon, wie ein perfektes Abendbrot auszusehen hatte.
***
Anfangs verlief alles ausgesprochen harmonisch.
Sie bauten mit Bauklötzen einen möglichst hohen Turm.
Sie malten Dinosaurier, die aussahen wie große Kartoffeln mit Zähnen.
Winfried las zwei Bilderbücher vor und ließ sich geduldig erklären, warum ein grüner Drache selbstverständlich schneller fliegen konnte als ein roter.
„Weil Grün schneller ist.“
„Ach so?“, fragte Winfried schmunzelnd.
„Ja.“
„Dann ergibt das natürlich Sinn.“
Tim nickte zufrieden.
***
Nach einiger Zeit meldete sich jedoch der Hunger.
„Ich möchte Toast!“
„Das lässt sich machen“, sagte Winfried gut gelaunt.
Er ging mit Tim in die Küche. „Was möchtest du denn auf den Toast haben?“
Tim antwortete ohne jedes Zögern: „Butter und Salami.“
„Sehr gut.“
Winfried holte das Toastbrot hervor, bestrich zwei Scheiben sorgfältig mit Butter und belegte sie mit Salamischeiben.
„Soll ich den Toast zusammenklappen?“
„Ja.“
„Und dann toasten?“
„Ja!“
Winfried legte den belegten Toast vorsichtig in einen Sandwich-Toaster.
Während das Gerät leise vor sich hin brutzelte, freute er sich darüber, wie unkompliziert alles verlief.
„Das läuft ja hervorragend“, dachte er.
Ein leises Klicken ertönte.
Der Toast war fertig.
Winfried legte ihn auf einen Teller.
„Vorsicht, der ist noch heiß.“
Tim schaute den Teller an.
Dann schüttelte er energisch den Kopf.
„Nein.“
„Nein?“
„Der muss kalt sein.“
Winfried blinzelte.
„Kalt?“
„Ja.“
„Obwohl er gerade getoastet wurde?“
„Ja.“
„Na gut.“
Er stellte den Teller einige Minuten auf die Arbeitsplatte.
Tim wartete geduldig.
Nach einer Weile prüfte Winfried vorsichtig die Temperatur.
„Jetzt ist er nur noch leicht warm.“
„Noch kälter.“
Also warteten sie weiter.
Schließlich fühlte sich der Toast vollständig abgekühlt an.
„Jetzt müsste er kalt sein.“
Tim nickte.
„Ja.“
Winfried lächelte erleichtert.
„Na also.“
Doch kaum stellte er den Teller vor Tim ab, runzelte der Junge erneut die Stirn.
„Nein.“
Winfried wurde langsam unsicher.
„Was stimmt denn jetzt nicht?“
Tim sah ihn völlig selbstverständlich an.
„Ohne Salami.“
Winfried blickte auf den Toast.
Dann auf Tim.
Dann wieder auf den Toast.
„Moment...“
Er sprach langsam, als müsse er seine eigenen Gedanken sortieren.
„Du hast doch gerade gesagt: Toast mit Butter und Salami.“
„Ja.“
„Den habe ich gemacht.“
„Ja.“
„Getoastet.“
„Ja.“
„Abgekühlt.“
„Ja.“
„Und jetzt möchtest du ihn ohne Salami?“
„Ja.“
Winfried lächelte höflich.
Innerlich begann jedoch ein kleines Räderwerk aus Fragezeichen zu arbeiten.
„Also...“
Der Lehrer überlegte.
„Meinst du, dass ich die Salami jetzt einfach herunternehme?“
„Ja.“
„Nachdem sie mitgetoastet wurde?“
„Ja.“
„Und dann essen?“
„Ja!“
Winfried nahm vorsichtig den Toast auseinander.
Die Salamischeiben hatten ihre Aufgabe beim Toasten erfüllt und ließen sich problemlos entfernen.
Er legte sie auf einen kleinen Teller.
Nun blieb tatsächlich genau das übrig, was Tim bestellt hatte:
Toastbrot. Mit Butter. Getoastet. Kalt. Ohne Salami.
Winfried betrachtete das Ergebnis lange. „Das... ist tatsächlich genau das, was gewünscht wurde.“
Tim strahlte. „Ja!“
Der Junge biss genüsslich hinein.
„Lecker!“
Winfried setzte sich ihm gegenüber. „Darf ich etwas fragen?“
„Ja.“
„Warum sollte denn überhaupt Salami draufliegen, wenn sie hinterher wieder heruntergenommen wird?“
Tim kaute in aller Ruhe.
Dann antwortete er mit der Selbstverständlichkeit eines Vierjährigen: „Weil das besser schmeckt.“
„Obwohl die Salami gar nicht mehr drauf ist?“
„Ja.“
„Sie war aber vorher drauf.“
„Genau.“
Winfried dachte einen Augenblick nach.
Aus sprachlicher Sicht war die Bestellung vollkommen korrekt gewesen.
Aus kulinarischer Sicht stellte sie allerdings eine kleine Herausforderung dar.
***
Später spielten sie weiter.
Winfried musste jedoch immer wieder an den Toast denken.
Er versuchte sogar, das Ganze mit den Augen eines Deutschlehrers zu betrachten.
„Die Formulierung war eindeutig“, murmelte er.
„Toastbrot mit Butter und Salami, getoastet, kalt, ohne Salami.“ Er lachte leise. „Eigentlich war jeder einzelne Teil der Anweisung logisch.“
Als die Eltern zurückkamen, begrüßte Tim sie fröhlich.
„Ich hab Toast gegessen!“
„Ach schön“, sagte seine Mutter.
„Hat alles geklappt?“
Winfried lächelte.
„Ja... am Ende schon.“
„Gab es Probleme?“
„Nun...“
Er musste selbst lachen. „Ich habe heute etwas Neues gelernt.“
„Und zwar?“
„Dass man einen Toast mit Butter und Salami zubereiten, toasten, vollständig abkühlen lassen und anschließend die Salami wieder entfernen kann... weil genau das offenbar den gewünschten Geschmack ergibt.“
Die Eltern sahen sich an.
Dann lachten beide. „Ach so!“
„Das macht Tim tatsächlich manchmal“, sagte der Vater.
Winfried lehnte sich schmunzelnd zurück.
„Wissen Sie... nach Jahren als Deutschlehrer dachte ich, ich hätte schon jede ungewöhnliche Formulierung gehört. Aber heute habe ich gelernt, dass eine Bestellung gleichzeitig vollkommen eindeutig und trotzdem überraschend sein kann.“
Tim grinste zufrieden. „Kannst du das das nächstes Mal wieder machen?“
Winfried lächelte warmherzig. „Natürlich.“
Er hob den Zeigefinger und spielte den Lehrer. „Aber diesmal schreibe ich mir die Bestellung vorher auf.“
Tim nickte ernst. „Sonst vergisst du wieder das Ohne-Salami.“
„Ganz genau“, antwortete Winfried lachend. „Und das wäre bei diesem Rezept nun wirklich der wichtigste Schritt.“
Winfried freute sich jetzt schon darauf, sehr bald erneut auf Tim aufzupassen.