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Ein Drache kommt selten allein

Ein Leben Zwischen Den Zeilen – Sammlung Zur Wochen-Challenge — www.fanfiktion.de · All chapters

Ein Drache kommt selten allein

Hallo meine lieben Leser,

hier folgt mein 28. Beitrag zur Wochen-Challenge.

Der 28. Prompt lautete wie folgt:

Kalenderwoche 28 von - Leela -

Es gibt den Drachen (das Tier) und es gibt den Drachen (das Spiel- und Sportgerät). Beides sollte man nicht verwechseln…

Vielen Dank Damien Black für dieses schöne Projekt!

Ich wünsche euch nun  viel Spaß beim Lesen! Ich hatte viel Freude beim Schreiben!

Viele Grüße

Hira

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Ein Drache kommt selten allein

Es gibt den Drachen – das sagenumwobene Fabelwesen mit Schuppen, Klauen und gewaltigen Flügeln. Und es gibt den Drachen – das bunte Spiel- und Sportgerät, das an einer langen Schnur durch den Wind getragen wird. Beides trägt denselben Namen, hat aber so gut wie nichts miteinander zu tun. Dass man diese beiden Bedeutungen besser nicht verwechselt, sollte eigentlich selbstverständlich sein. Eigentlich.

Winfried Jakobus war Deutschlehrer an einer kaufmännischen Berufsschule. Wer ihn zum ersten Mal sah, bemerkte sofort sein auffallendes Äußeres. Er trug fast jeden Tag ein lila Hemd – nicht irgendein Lila, sondern ein kräftiges, leuchtendes Violett, das man schon von weitem erkennen konnte. Dazu kombinierte er stets eine schlichte braune Stoffhose. Seine leicht gebräunte Haut verlieh ihm ein gesundes Aussehen, seine blauen Augen blickten freundlich und aufmerksam in die Runde und sein braunes Haar begann sich langsam etwas zurückzuziehen. Darüber machte er jedoch niemals ein Geheimnis. „Die Haare werden weniger, aber die Grammatik bleibt“, sagte er gelegentlich schmunzelnd.

Winfried war bei seinen Schülerinnen und Schülern beliebt. Er war ruhig, geduldig und ausgesprochen hilfsbereit. Niemals wurde er laut. Er behandelte alle mit Respekt und siezte seine Klassen grundsätzlich.

„Guten Morgen, meine Damen und Herren“, begrüßte er seine Klassen jede Unterrichtsstunde.

„Guten Morgen, Herr Jakobus“, antwortete die Klasse.

„Ich hoffe, Sie hatten ein angenehmes Wochenende.“

„Ja, danke.“

„Das freut mich.“

An diesem Dienstag stand das Thema „Mehrdeutigkeit von Wörtern“ auf dem Stundenplan. Winfried  schrieb mit sauberer Handschrift ein einziges Wort an die Tafel: „Drachen“

Dann drehte er sich lächelnd um. „Wer kann mir sagen, welche Bedeutungen dieses Wort besitzt?“

Sofort gingen mehrere Hände nach oben.

„Herr Schneider, bitte.“

„Ein Drache ist ein großes Fabelwesen. Meistens speit er Feuer.“

„Sehr schön. Das ist eine Bedeutung. Vielen Dank.“

Er schrieb daneben: „Drache= Fabelwesen“

„Eine weitere Bedeutung? Frau Becker?“

„Ein Drache ist das Ding, das Kinder steigen lassen.“

„Ganz genau.“

Winfried ergänzte: „Drache = Spiel- und Sportgerät“

„Nun sehen Sie“, erklärte der Deutschlehrer „dass ein einziges Wort mehrere Bedeutungen besitzen kann. Im Deutschen nennt man solche Wörter mehrdeutig.“

Die Klasse nickte.

„Damit das Ganze etwas anschaulicher wird, möchte ich, dass Sie gleich paarweise kurze Dialoge schreiben. In diesen Dialogen soll das Wort 'Drache' vorkommen. Anschließend lesen Sie Ihre Text der gesamten Klasse laut vor.“

Die Schülerinnen und Schüler machten sich an die Arbeit.

Im Klassenraum wurde geflüstert, gelacht und diskutiert.

Nach etwa zwanzig Minuten bat Winfried wieder um Aufmerksamkeit.

„Wer möchte beginnen?“

Ein Schüler meldeten sich.

„Bitte“, erteilte Winfried ihm das Wort.

Der Schüler begann vorzulesen. „Gestern habe ich einen riesigen Drachen gesehen.“

„Ach wirklich?“, hakte Winfried nach.

„Ja. Er war bestimmt zwanzig Meter lang.“

„Hat er Feuer gespuckt?“

„Nein.“

„Warum nicht?“

„Weil kein Wind war.“

Die Klasse schwieg für einen kurzen Moment.

Dann brach schallendes Gelächter aus.

Winfried musste ebenfalls lachen. „Sehr schön. Genau das ist eine Verwechslung der beiden Bedeutungen. Ein feuerspeiendes Fabelwesen benötigt selbstverständlich keinen Wind, um sich fortzubewegen. Ein Flugdrachen dagegen schon.“

Der Schüler grinste. „Das war Absicht, Herr Jakobus.“

„Das habe ich mir gedacht.“

Als Nächstes meldete sich jemand aus einer anderen Gruppe.

Die Schülerin aus der Gruppe las vor: „Ein Ritter kämpfte tapfer gegen den Drachen.“

Winfried fragte: „Und? Hat er gewonnen?“

„Nein.“

„Warum nicht?“

„Die Schnur ist gerissen.“

Nun lachte die gesamte Klasse noch lauter.

Sogar Winfried  musste sich kurz die Stirn abwischen. „Auch das ist hervorragend gelungen.“

Winfried ging langsam vor der Tafel auf und ab.

„Sie erkennen, dass unser Gehirn automatisch entscheidet, welche Bedeutung eines Wortes gemeint ist. Erst der Zusammenhang sorgt dafür, dass wir das richtige Bild im Kopf entstehen lassen.“

Ein Schüler hob die Hand. „Herr Jakobus?“

„Ja, bitte.“

„Wenn ich sage: 'Der Drache hängt im Baum', weiß man sofort, dass ich keinen feuerspeienden Drachen meine.“

„Ganz genau. Es wäre zwar eine interessante Vorstellung, wenn ein riesiges Fabelwesen in einer Eiche festhängen würde, aber deutlich wahrscheinlicher ist das Spielgerät.“

Die Klasse lachte erneut.

Winfried lächelte freundlich. „Nun versuchen wir einmal das Gegenteil. Ich lese Ihnen einen kurzen Satz vor und Sie sagen mir, welche Bedeutung gemeint ist.“

Er blickte in seine Unterlagen.

„Der Drache flog majestätisch über die Burg.“

Einige riefen sofort: „Das Tier!“

Andere meinten: „Vielleicht ein Lenkdrachen!“

Herr Jakobus nickte.

„Genau. Dieser Satz ist ohne weiteren Zusammenhang tatsächlich mehrdeutig.“ Winfried ergänzte: „Der Drache flog majestätisch über die Burg und spuckte Feuer.“

„Das Tier!“

„Richtig“, lobte der Deutschlehrer.

Dann las Winfried: „Der Drache stieg immer höher, bis die Schnur kaum noch zu sehen war.“

„Das Spielgerät!“

„Ganz genau.“

Nun hatte Winfried eine Idee.

„Wir machen ein kleines Sprachspiel. Jeder von Ihnen nennt einen Satz mit dem Wort 'Drache'. Die nächste Person muss daraus die andere Bedeutung machen.“

Die Übung entwickelte sich zu einem kleinen Wettbewerb.

„Der Drache fraß eine Kuh.“

„Der Drache verschluckte versehentlich einen Fußball.“

„Moment“, sagte Winfried lachend. „Ein Spieldrache verschluckt nichts.“

„Stimmt.“

„Versuchen Sie es noch einmal.“

„Der Drache verfing sich auf der Kuhweide.“

„Das passt.“

Ein anderer Schüler sagte: „Der Ritter zog sein Schwert.“

Sein Nachbar antwortete: „Der Vater holte die Ersatzschnur.“

Die Klasse lachte wieder.

Nach jeder gelungenen Lösung nickte Winfried  anerkennend.

„Sehr gut.“-„Das war kreativ.“ -„Eine schöne Formulierung.“-„Genau so funktioniert Sprache.“

Am Ende der Stunde fasste Winfried alles zusammen. „Heute haben Sie gesehen, wie wichtig der Zusammenhang eines Wortes ist. Sprache besteht nicht nur aus einzelnen Wörtern. Erst der Kontext entscheidet über die richtige Bedeutung. Wenn jemand erzählt, er habe einen Drachen gesehen, sollten Sie also zunächst überlegen, ob dieser Drache Feuer speit oder lediglich im Wind fliegt.“ Er legte die Kreide zur Seite. „Andernfalls könnte es passieren, dass Sie einem Ritter empfehlen, eine stärkere Schnur mitzunehmen.“

Die Klasse lachte ein letztes Mal.

Auch Winfried musste herzlich schmunzeln.

Mit einem freundlichen Blick sagte er: „Ich danke Ihnen für Ihre engagierte Mitarbeit. Ich wünsche Ihnen noch eine schöne Woche.“

„Danke, Herr Jakobus.“

„Auf Wiedersehen.“

„Auf Wiedersehen.“

Als die Schülerinnen und Schüler den Klassenraum verließen, unterhielten sie sich noch lange über die lustigen Verwechslungen. Viele hatten an diesem Morgen nicht nur gelacht, sondern auch verstanden, wie spannend die deutsche Sprache sein konnte. Und jedes Mal, wenn später irgendwo das Wort „Drache“ fiel, dachte wohl jeder von ihnen zunächst einen Augenblick nach – bevor er entschied, ob gerade ein majestätisches Fabelwesen gemeint war oder doch nur ein bunter Drache, der hoch über einer Wiese im Wind tanzte.

Winfried lächelte und machte sich ebenfalls für die Pause fertig. Er würde noch lange an diese Unterrichtsstunde zurückdenken - dessen war er sich sicher.