Operation Babybel
Operation Babybel
Hallo meine lieben Leser,
hier folgt mein 29. Beitrag zur Wochen-Challenge.
Der 29. Prompt lautete wie folgt:
Kalenderwoche 29 von Damien Black
Dein Charakter ist schockiert, als er sieht, was sein bester Freund da isst. Einen Babybel inkl. der roten Schicht! Er klärt seinen Freund sofort auf und dieser stellt fest, dass der Babybel nach Jahren endlich käsiger schmeckt.
Vielen Dank Damien Black für dieses schöne Projekt!
Ich wünsche euch nun viel Spaß beim Lesen! Ich hatte viel Freude beim Schreiben!
Viele Grüße
Hira
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Operation Babybel
Winfried Jakobus blieb einen Moment regungslos in der geöffneten Wohnungstür stehen.
„Hallo, Winni!“, rief Hira fröhlich aus der Küche. „Kommen Sie... ach, Quatsch. Komm rein! Die Tür war ja sowieso schon offen.“
Winni lächelte. Obwohl Hira schon seit einigen Jahren nicht mehr seine Schülerin war, musste er sich immer wieder daran erinnern, dass sie sich längst duzten. Während ihrer gemeinsamen Zeit an der kaufmännischen Berufsschule hatte er sie selbstverständlich gesiezt – so wie alle seine Schülerinnen und Schüler. Das gehörte für ihn zu einem respektvollen Umgang im Unterricht. Erst lange nach ihrem Abschluss hatte sich aus dem Lehrer-Schüler-Verhältnis eine enge Freundschaft entwickelt.
„Danke, Hira“, sagte er mit seiner gewohnt ruhigen Stimme.
Wie immer trug er eines seiner auffälligen lila Hemden. Dazu eine braune Stoffhose, die sorgfältig gebügelt war. Sein leicht gebräuntes Gesicht wirkte freundlich und aufmerksam. Seine blauen Augen strahlten Wärme aus und sein leicht zurückgehendes braunes Haar war ordentlich gekämmt.
Hira kam aus der Küche, ihre langen schwarzen Haare zu einem lockeren Zopf gebunden.
„Schön, dass du da bist! Ich wollte gerade einen kleinen Snack essen.“
„Das rieche ich schon“, antwortete Winni schmunzelnd.
Sie gingen gemeinsam in die Küche.
Auf dem Tisch lagen ein Messer, ein Brettchen und mehrere kleine Babybel.
„Bedien dich ruhig“, sagte Hira und griff nach einem der kleinen Käseteilchen.
Winni nickte.
„Gerne.“
Hira entfernte lediglich die durchsichtige Plastikfolie. Dann legte sie sich den gesamten roten Babybel an den Mund.
Winni runzelte leicht die Stirn.
Vielleicht hatte sie ihn nur ungünstig angefasst.
Doch im nächsten Augenblick biss Hira herzhaft hinein.
Krrk.
Winni erstarrte.
Seine Augen wurden immer größer.
„...Hira?“
Sie kaute zufrieden.
Krrk... krrk...
„Hm?“
Winni blinzelte mehrmals.
„Hira...“
„Ja?“
„Was... machst du da?“
„Ich esse einen Babybel.“
„Das... sehe ich.“
Sie kaute unbekümmert weiter.
„Schmeckt gut.“
Winni schaute ungläubig auf den Käse.
Dann wieder zu Hira.
Dann wieder auf den Käse.
„Moment.“
Er hob vorsichtig eine Hand.
„Hira...“
„Ja?“
„Du... hast gerade... die rote Schicht mitgegessen.“
Hira nickte.
„Ja.“
„Absichtlich?“
„Natürlich.“
Winni war sprachlos.
„Seit... wann machst du das?“
Sie zuckte mit den Schultern.
„Eigentlich schon immer.“
Winni musste sich kurz setzen.
„Schon... immer?“
„Ja.“
„Seit deiner Kindheit?“
„Ja.“
„Jeden einzelnen Babybel?“
„Ja.“
Winni sah sie entsetzt an.
„Hira...“
„Was denn?“
Er sprach jetzt besonders ruhig. So ruhig, wie er auch schwierige Grammatikthemen erklärt hatte.
„Die rote Schicht... ist keine essbare Käserinde.“
Hira blinzelte.
„Nicht?“
„Nein.“
„Echt nicht?“
„Nein.“
„Sicher?“
Winni nickte langsam.
„Das ist eine Wachsschicht. Sie schützt den Käse.“
Hira hielt mitten in der Bewegung inne.
„...Moment.“
Sie betrachtete den angebissenen Babybel.
Dann die rote Hülle.
Dann Winni.
„Das... soll man gar nicht essen?“
„Nein.“
„Nie?“
„Nein.“
„Wirklich nie?“
„Wirklich nie.“
„Oh.“
Sie drehte den Käse nachdenklich in der Hand.
„Ich dachte immer, das gehört dazu.“
Winni konnte sich ein kleines Lächeln nicht verkneifen.
„Wie bist du denn darauf gekommen?“
„Keine Ahnung.“
Sie überlegte. „Ich habe als Kind einfach angenommen, dass alles, was unter der Plastikfolie ist, gegessen wird.“
„Und niemand hat etwas gesagt?“
„Offenbar nicht.“
Winni schüttelte langsam den Kopf. „Das erklärt einiges.“
„Was denn?“
„Ich habe mich gerade gefragt, warum das so laut knackt.“
Hira musste lachen. „Stimmt...“
Winni nahm einen neuen Babybel.
„Darf ich?“
„Bitte.“
Er entfernte zunächst die Plastikfolie.
Dann griff er an die kleine Lasche.
Mit ruhigen Bewegungen zog er die rote Wachsschicht Stück für Stück ab.
Der helle Käse kam zum Vorschein.
„So.“
Er hielt ihn hoch.
„Das ist der Teil, den man isst.“
Hira schaute aufmerksam zu.
„Ach...“
„Die rote Hülle ist nur Verpackung.“
„Ich dachte immer, das wäre eine besonders feste Käserinde.“
„Nein.“
„Das erklärt wirklich einiges.“
Winni reichte ihr den geschälten Käse.
„Probier einmal.“
Sie nahm ihn.
„Jetzt ohne Rot.“
„Genau.“
Hira biss hinein.
Ihre Augen wurden plötzlich groß.
Sie kaute langsam.
Dann noch einmal.
Sie schluckte.
„Moment...“
Winni lächelte.
„Und?“
„Der schmeckt ja völlig anders!“
„Ja.“
„Der ist...“
Sie biss noch einmal hinein.
„...viel käsiger!“
Winni nickte grinsend.
„Das wundert mich überhaupt nicht.“
„Unglaublich.“
Sie betrachtete den Käse.
„Ich dachte immer, Babybel schmeckt leicht nach...“
Sie überlegte.
„...Kerzen.“
Winni musste laut lachen.
„Kerzen?“
„Ja!“
„Jetzt weißt du auch, warum.“
Hira hielt sich die Stirn.
„Das ist ja peinlich.“
„Ach.“ Winni winkte freundlich ab. „So etwas passiert.“
„Über Jahre?“
„Nun... das ist zugegeben etwas außergewöhnlich.“
Hira lachte.
„Ich habe ernsthaft geglaubt, alle essen das so.“
„Nein.“
„Niemand?“
„Zumindest kenne ich niemanden.“
Hira sah auf den angebissenen roten Babybel.
„Ich habe bestimmt hunderte davon gegessen.“
Winni schmunzelte.
„Dann hast du heute etwas Neues gelernt.“
„Von meinem ehemaligen Deutschlehrer.“
„Lehrer bleiben manchmal eben Lehrer.“
„Stimmt.“
Sie grinste. „Du hast mich sogar außerhalb des Unterrichts verbessert.“
„Diesmal allerdings nicht bei der Grammatik.“
„Sondern bei Käse.“
„Ganz genau.“
Hira schälte nun sorgfältig den nächsten Babybel.
Sie zog die rote Wachsschicht langsam ab und legte sie ordentlich zur Seite.
Dann biss sie in den Käse.
Sofort lächelte sie.
„Das ist wirklich viel besser.“
„Freut mich.“
„Ich kann gar nicht glauben, dass ich so lange gedacht habe, das müsse so schmecken.“
Winni betrachtete sie mit seinem warmen, fürsorglichen Blick.
Er freute sich ehrlich darüber, dass er ihr – wenn auch auf eine ungewöhnliche Weise – helfen konnte. Schon während ihrer Schulzeit hatte er sich immer gewünscht, dass seine Schülerinnen und Schüler etwas Neues mitnahmen. Offenbar galt das sogar Jahre nach ihrem Abschluss noch.
„Weißt du was?“, sagte Hira schließlich.
„Hm?“
„Ab heute esse ich Babybel richtig.“
„Das halte ich für eine ausgezeichnete Entscheidung.“
Sie grinste.
„Und falls ich irgendwann wieder vergesse, dass man die rote Schicht nicht isst...“
„Dann erinnere ich dich daran.“
„Abgemacht.“
Winni nickte zufrieden.
„Abgemacht.“
Während Hira den nächsten Babybel sorgfältig aus seiner roten Wachshülle befreite, musste sie erneut lachen.
„Ich fasse es immer noch nicht.“
„Was denn?“
„Dass Babybel nach all den Jahren endlich nach Käse schmeckt.“
Winni lächelte herzlich.
„Manchmal reichen ein paar Sekunden Aufklärung, damit etwas Bekanntes plötzlich ganz neu schmeckt.“
Hira hob den geschälten Babybel wie zu einem kleinen Toast.
„Auf den käsigsten Babybel meines Lebens.“
Winni hob lachend seine Kaffeetasse.
„Darauf kann ich anstoßen.“