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Ein Missverständnis von erheblicher Tragweite

Ein Leben Zwischen Den Zeilen – Sammlung Zur Wochen-Challenge — www.fanfiktion.de · All chapters

Ein Missverständnis von erheblicher Tragweite

Hallo meine lieben Leser,

hier folgt nun mein dritter Beitrag zur Wochen-Challenge.

Der dritte  Prompt lautete wie folgt:

Kalenderwoche 03 von Damien Black

Eine gute Bekannte deines Charakters bittet diesen sie zum Frauenarzt zu bringen, da sie der Meinung ist, dass sie schwanger sei. Auf dem Weg beklagt sie sich darüber, dass ihr Freund nicht aufgepasst hat. „Er hat mir einfach ins Gesicht geniest!“ Wie reagiert euer Charakter auf diese Aussage und ihre Naivität, was das Schwanger werden angeht?

Vielen Dank Damien Black für dieses schöne Projekt!

Ich wünsche euch nun  viel Spaß beim Lesen! Ich hatte viel Freude beim Schreiben!

Viele Grüße

Hira

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Ein Missverständnis von erheblicher Tragweite

Winfried Jakobus stand vor dem Spiegel und band sich mit ruhigen, geübten Bewegungen seine Krawatte. Lila Hemd, wie so oft. Die Farbe hatte für ihn nie etwas Gewagtes gehabt – sie war schlicht eine Konstante, ein verlässlicher Bestandteil eines ansonsten wenig spektakulären Alltags.

Er war gerade dabei, den Knoten zu korrigieren, als sein Telefon klingelte.

Ein Blick auf das Display.

„Ute Schneider“, las er leise. Eine Arbeitskollegin.

Er zögerte einen Moment, bevor er abhob. Nicht aus Unwillen, sondern aus Gewohnheit. Gespräche wollten bei ihm innerlich vorbereitet werden.

„Winfried.“

„Winfried! Gut, dass du rangehst!“ Ihre Stimme war hastig, atemlos. „Du musst mir helfen!“

Er richtete sich ein wenig auf. „Inwiefern?“

„Ich glaube, ich bin schwanger.“

Eine Pause entstand.

Nicht lang.

Aber lang genug.

„Ich verstehe“, sagte er schließlich in einem Tonfall, der erkennen ließ, dass er noch gar nichts verstand. „Und… wie kann ich dir behilflich sein?“

„Du musst mich zum Frauenarzt fahren. Sofort. Ich kann da jetzt nicht alleine hin.“

Winfrieds Blick glitt zur Uhr. Der Unterricht begann in einer Stunde.

Er sah wieder in den Spiegel. Sein eigenes Gesicht blickte ihm entgegen, ruhig, kontrolliert.

„Selbstverständlich“, sagte er dann. „Ich bin in zehn Minuten bei dir.“

Ute wartete bereits vor dem Haus, nervös von einem Fuß auf den anderen tretend. Sie trug eine viel zu dünne Jacke für das Wetter und hielt ihre Handtasche so fest umklammert, als hinge ihr Gleichgewicht davon ab.

„Endlich!“, rief sie, als Winfrieds Wagen vorfuhr.

Er stieg aus, nickte knapp. „Guten Morgen.“

„Das ist kein guter Morgen, Winfried, das ist ein absolut katastrophaler Morgen!“

Er öffnete ihr die Beifahrertür. „Steig bitte ein.“

Kaum saßen sie im Auto, begann sie zu sprechen. Ohne Einleitung, ohne Struktur – ein Strom aus Worten, der offenbar schon seit Stunden angestaut war.

„Ich meine, wir waren doch vorsichtig! Also eigentlich! Naja, mehr oder weniger! Aber das kann doch trotzdem nicht einfach passieren, oder?!“

Winfried startete den Motor.

„Was genau lässt dich zu dieser Annahme gelangen?“, fragte er ruhig, während er den Wagen in Bewegung setzte.

„Na ja, mir ist schlecht. Und ich hab gestern zweimal geniest. Und im Internet stand, das können Anzeichen sein.“

„Im Internet“, wiederholte Winfried.

„Ja! Und außerdem…“ Sie zögerte kurz, als würde sie sich zu etwas durchringen. „Außerdem hat er nicht aufgepasst.“

Winfried bog in die nächste Straße ein. „Dein… Partner?“

„Ja! Also wirklich, Winfried, ich dachte, Männer in unserem Alter wären vernünftiger! Aber nein!“ Sie warf die Hände in die Luft. „Er hat mir einfach ins Gesicht geniest!“

Der Wagen verlangsamte sich.

Nicht abrupt.

Aber merklich.

Winfried blinzelte.

Einmal.

Dann noch einmal.

„Ich… bitte um Wiederholung“, sagte er schließlich.

„Er hat mir ins Gesicht geniest! Direkt! Ohne Vorwarnung!“

Stille.

Das Geräusch des Motors wurde plötzlich sehr präsent.

Winfrieds Hände lagen fest am Lenkrad. Seine Haltung war unverändert aufrecht, doch etwas in seinem Blick hatte sich verschoben. Eine Art vorsichtige Irritation, die er nicht sofort einordnen konnte.

„Und…“, begann er langsam, „du führst diesen Umstand in einen kausalen Zusammenhang mit einer möglichen Schwangerschaft?“

„Ja natürlich! Wie denn sonst?!“

Winfried atmete ein.

Und wieder aus.

Sehr bewusst.

„Ute“, sagte er schließlich mit der ruhigen, präzisen Stimme, die er sonst im Unterricht verwendete, wenn es darum ging, fundamentale Missverständnisse aufzuklären. „Ich halte es für geboten, an dieser Stelle eine kurze, jedoch grundlegende Erläuterung einzufügen.“

„Winfried, ich hab gerade wirklich keine Nerven für Vorträge—“

„Es wird ein kurzer Vortrag“, unterbrach er sanft, aber bestimmt.

Er hielt an einer roten Ampel.

Drehte leicht den Kopf zu ihr.

„Die Entstehung einer Schwangerschaft“, begann er, „setzt spezifische biologische Voraussetzungen voraus, die – ich formuliere es bewusst allgemeinverständlich – durch den von dir geschilderten Vorgang des Niesens nicht erfüllt werden.“

Ute starrte ihn an. „Wie bitte?“

Die Ampel sprang auf Grün.

Winfried fuhr weiter.

„Ein Niesen“, fuhr er fort, „ist ein reflexartiger Vorgang zur Reinigung der oberen Atemwege. Es hat keinerlei reproduktive Funktion.“

„Aber…“ Sie runzelte die Stirn. „Aber irgendwas muss doch passiert sein!“

„Das ist durchaus möglich“, räumte Winfried ein. „Jedoch nicht im Sinne deiner aktuellen Befürchtung.“

Sie schwieg.

Für etwa fünf Sekunden.

Dann sagte sie leise: „Du willst mir sagen… ich bin gar nicht schwanger?“

Winfried hob leicht die Schultern. „Ich möchte dir sagen, dass die Wahrscheinlichkeit, durch einen Niesvorgang deines Partners schwanger geworden zu sein, gegen null tendiert.“

„Gegen null?“

„Mathematisch betrachtet.“

Eine weitere Pause.

Dann lehnte sie sich langsam im Sitz zurück.

„Das heißt… ich hab mich komplett umsonst verrückt gemacht?“

Winfried dachte kurz nach.

„Nicht vollständig umsonst“, sagte er schließlich. „Du hast eine Hypothese aufgestellt und diese nun einer Überprüfung unterzogen.“

Sie sah ihn an.

Dann begann sie zu lachen.

Zuerst leise.

Dann lauter.

„Oh mein Gott, Winfried… das erzähl ich niemandem.“

„Das erscheint mir eine kluge Entscheidung.“

Als sie vor der Praxis ankamen, blieb sie noch einen Moment sitzen.

„Trotzdem geh ich kurz rein“, sagte sie. „Nur zur Sicherheit.“

Winfried nickte. „Ein rational nachvollziehbarer Schritt.“

Sie öffnete die Tür, hielt inne und sah noch einmal zu ihm.

„Danke, dass du mich gefahren hast.“

Er neigte leicht den Kopf. „Gern geschehen.“

Dann stieg sie aus.

Winfried blieb im Auto zurück, die Hände ruhig im Schoß gefaltet. Er blickte nach vorne, als würde er noch einmal den gesamten Gesprächsverlauf rekonstruieren.

„Ein Missverständnis“, murmelte er.

Dann startete er den Motor erneut.

Und fuhr zur Schule.