Das Heute von Gestern
Das Heute von Gestern
Hallo meine lieben Leser,
hier folgt mein 30. Beitrag zur Wochen-Challenge.
Der 30. Prompt lautete wie folgt:
Kalenderwoche 30 von - Leela -
Bringe folgende Weisheit in deiner Geschichte unter: Das Heute von Gestern ist das Morgen von Vorgestern.
Vielen Dank Damien Black für dieses schöne Projekt!
Ich wünsche euch nun viel Spaß beim Lesen! Ich hatte viel Freude beim Schreiben!
Viele Grüße
Hira
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Das Heute von Gestern
Der Regen prasselte leise gegen die großen Fenster des alten Schulgebäudes der kaufmännischen Berufsschule. Draußen liefen Schüler mit ihren Taschen über den nassen Schulhof. Einige unterhielten sich über Prüfungen, andere über ihre Ausbildungsbetriebe oder die Pläne für die Zukunft.
Winfried Jakobus öffnete die Tür zu seinem Klassenraum und betrat den Raum mit seinem gewohnt freundlichen Lächeln.
Wie fast jeden Tag trug er ein auffälliges lila Hemd und eine braune Hose. Seine leicht gebräunte Haut, die blauen Augen und sein leicht zurückgehendes braunes Haar gehörten ebenso zu seinem Erscheinungsbild wie seine ruhige, hilfsbereite Art.
„Guten Morgen zusammen“, sagte er.
„Guten Morgen, Herr Jakobus“, antwortete die Klasse.
Winfried stellte seine braune Tasche auf den Tisch und blickte in die Runde. Er kannte seine Schüler. Er wusste, wer besonders motiviert war, wer gerade Schwierigkeiten hatte und wer vielleicht nur jemanden brauchte, der aufmerksam zuhörte.
Für ihn war Unterricht mehr als nur die Vermittlung von Wissen.
Natürlich blieb er im Umgang mit seinen Schülern immer professionell.
„Sie sollten sich merken“, sagte er während der Stunde, „dass Sprache nicht nur aus Regeln besteht. Sprache zeigt, wie Menschen denken und fühlen.“
Ein Schüler hob die Hand.
„Herr Jakobus, kann man aus alten Texten eigentlich etwas für das eigene Leben lernen?“
Winfried lächelte.
„Ja. Oft sogar mehr, als man zunächst denkt. Die Vergangenheit ist nicht dazu da, um uns festzuhalten. Sie kann uns helfen, die Gegenwart besser zu verstehen.“
Nach dem Unterricht blieb Winfried noch im Klassenzimmer. Er korrigierte Arbeiten, bereitete die nächste Stunde vor und räumte seine Unterlagen zusammen.
Dabei musste er an eine ehemalige Schülerin denken.
Hira.
***
Ein paar Jahre zuvor war Hira in seiner Klasse gewesen.
Damals hatte sie noch regelmäßig vor ihm gesessen, ihre langen schwarzen Haare über die Schulter gelegt und aufmerksam seinen Erklärungen zugehört. Sie war eine Schülerin gewesen, die nicht einfach nur auswendig lernen wollte. Sie wollte verstehen, warum etwas so war.
Winfried erinnerte sich besonders daran, dass Hira manchmal an sich selbst gezweifelt hatte.
„Ich weiß nicht, ob ich das schaffe, Herr Jakobus“, hatte sie damals gesagt.
Winfried hatte ihr ruhig geantwortet: „Manchmal ist nicht die Aufgabe das größte Hindernis. Manchmal ist es der Gedanke, dass man sie nicht schaffen kann.“
Diese Gespräche waren ihm in Erinnerung geblieben.
Nach Hiras Schulzeit hatten sie den Kontakt nicht verloren. Aus dem Verhältnis zwischen Lehrer und Schülerin war mit der Zeit eine echte Freundschaft entstanden.
Natürlich hatte sich ihre Beziehung verändert.
Heute war Hira nicht mehr seine Schülerin.
Heute war sie seine platonische Freundin.
***
Einige Tage später trafen sich Winni und Hira in einem kleinen Café in der Stadt.
Winfried saß bereits am Fensterplatz. Natürlich trug er wieder sein lila Hemd und seine braune Hose. Als Hira das Café betrat, entdeckte sie ihn sofort.
„Winni!“
Er drehte sich um und lächelte. „Hira! Schön, dich zu sehen.“
Sie setzte sich zu ihm.
„Du trägst immer noch diese lila Hemden.“
Winfried schaute an sich herunter und grinste.
„Natürlich. Irgendjemand muss doch dafür sorgen, dass die Welt ein bisschen mehr Farbe bekommt.“
Hira lachte. „Deine Schüler müssen sich inzwischen auch daran gewöhnt haben.“
„Ja“, sagte Winfried. „Am Anfang waren manche etwas überrascht. Aber mittlerweile gehört das wohl zu mir.“
Sie bestellten Kaffee und begannen zu erzählen.
Hira berichtete von ihrem Alltag, von ihrer Arbeit, von Entscheidungen, die sie getroffen hatte und von Dingen, die sie manchmal beschäftigten.
Nach einer Weile wurde sie nachdenklicher.
„Manchmal frage ich mich, ob ich früher Dinge anders hätte machen sollen.“
Winfried sah sie aufmerksam an.
„Warum denkst du das?“
Hira blickte aus dem Fenster.
„Weil ich manchmal das Gefühl habe, dass ich Fehler gemacht habe. Dass ich Chancen nicht genutzt habe. Dass ich manche Entscheidungen anders hätte treffen sollen.“
Winfried schwieg einen Moment.
Das war typisch für ihn. Er antwortete nicht sofort. Er wollte erst überlegen, bevor er sprach.
Dann nahm er seine Tasse in die Hand.
„Hira, ich möchte dir etwas sagen, worüber ich schon lange nachdenke.“
Sie sah ihn an.
„Was denn?“
Winfried lächelte leicht.
„Das Heute von Gestern ist das Morgen von Vorgestern.“
Hira runzelte die Stirn.
„Das klingt schön, aber was bedeutet es genau?“
Winfried blickte kurz aus dem Fenster.
„Wir Menschen beurteilen unsere Vergangenheit oft mit dem Wissen, das wir heute haben. Wir schauen zurück und denken: Warum habe ich das damals nicht erkannt? Warum habe ich diese Entscheidung getroffen?“
Er machte eine kurze Pause.
„Aber wir vergessen dabei etwas Wichtiges. Das Gestern, auf das wir heute zurückblicken, war damals unser Heute. Und Vorgestern war damals unser Morgen.“
Hira hörte aufmerksam zu.
„Jeder Mensch trifft Entscheidungen mit dem Wissen, das er in diesem Moment besitzt. Niemand kennt die Zukunft.“
Winfried lächelte.
„Das Heute von Gestern ist das Morgen von Vorgestern. Jeder einzelne Tag unseres Lebens war irgendwann eine Zukunft, die wir erwartet haben. Deshalb sollten wir nicht nur zurückschauen und bereuen. Wir sollten verstehen, lernen und weitergehen.“
Hira senkte kurz den Blick. „Du hast recht.“
„Ich weiß, dass du manchmal sehr streng mit dir bist“, sagte Winfried. „Aber ich sehe nicht nur deine Fehler. Ich sehe auch, wie viel du gelernt hast. Wie sehr du gewachsen bist.“
Hira lächelte. „Du bist immer noch derselbe Lehrer wie früher.“
Winfried hob eine Augenbraue. „Das nehme ich jetzt als Kompliment.“
„Ist es auch.“
Beide lachten.
***
Nach dem Cafébesuch gingen sie gemeinsam durch die Straßen.
Die Sonne hatte inzwischen den Regen vertrieben. Die Stadt wirkte heller als noch am Morgen.
Hira blieb stehen.
„Winni?“
„Ja?“
„Ich bin froh, dass ich dich damals als Lehrer hatte.“
Winfried lächelte.
„Und ich bin froh, dass aus meiner ehemaligen Schülerin eine gute Freundin geworden ist.“
Hira grinste.
„Auch wenn du mich früher immer gesiezt hast?“
Winfried lachte.
„Das war damals richtig. Heute wäre es ziemlich komisch.“
Sie gingen weiter.
Winfried dachte an seine Schüler, die gerade ihre eigenen Wege begannen. Vielleicht würden einige von ihnen Jahre später ebenfalls zurückblicken und erkennen, welche Momente wichtig gewesen waren.
Als Lehrer wusste er nie genau, welche Worte in Erinnerung blieben.
Manchmal war es eine Erklärung im Unterricht.
Manchmal ein Gespräch nach der Stunde.
Manchmal ein einziger Satz.
Und vielleicht würde auch dieser Satz bleiben: Das Heute von Gestern ist das Morgen von Vorgestern.
Denn jeder Mensch trägt seine Vergangenheit in sich.
Aber niemand muss dort stehen bleiben.
Die Zukunft entsteht immer aus dem Moment, in dem man gerade lebt.