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Mehr als der erste Eindruck

Ein Leben Zwischen Den Zeilen – Sammlung Zur Wochen-Challenge — www.fanfiktion.de · All chapters

Mehr als der erste Eindruck

Hallo meine lieben Leser,

hier folgt mein 31. Beitrag zur Wochen-Challenge.

Der 31. Prompt lautete wie folgt:

Kalenderwoche 31 von Damien Black

Dein Charakter geht das erste Mal in ein Fitnessstudio. Als er den Freihantelbereich betritt, wird er von den Anwesenden belächelt, da er nicht gerade die Statur für diesen Bereich hat. Doch schon nach kurzer Zeit vergeht denen das Lachen.

Vielen Dank Damien Black für dieses schöne Projekt!

Ich wünsche euch nun  viel Spaß beim Lesen! Ich hatte viel Freude beim Schreiben!

Viele Grüße

Hira

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Mehr als der erste Eindruck

Der Sommer hatte das Saarland fest im Griff.

Die Nachmittagssonne spiegelte sich in den großen Fenstern des Fitnessstudios, als Winfried Jakobus etwas zögernd vor dem Eingang stehen blieb.

Er betrachtete das Schild: "Iron Forge Fitness."

„Nun gut“, murmelte er lächelnd. „Irgendwann muss man ja einmal anfangen.“

Mit einer ruhigen Bewegung öffnete er die Tür.

Sofort schlug ihm der typische Geruch entgegen – eine Mischung aus Metall, Gummi, Kreide und Schweiß.

Überall klirrten Gewichte.

Musik dröhnte aus den Lautsprechern.

Menschen liefen auf Laufbändern, trainierten an Maschinen oder stemmten Gewichte, die für Außenstehende kaum vorstellbar wirkten.

Winfried war kein Mann, der sich leicht einschüchtern ließ.

Trotzdem fühlte er sich für einen kurzen Moment fehl am Platz.

Er trug – wie fast immer – eines seiner auffälligen lila Hemden. Allerdings hatte er die Ärmel hochgekrempelt. Dazu eine schlichte braune Sporthose und saubere graue Sportschuhe.

Seine leicht gebräunte Haut, seine blauen Augen und das etwas zurückgehende braune Haar verliehen ihm eher das Aussehen eines sympathischen Lehrers als eines Kraftsportlers.

Und genau das war er.

Deutschlehrer.

An einer kaufmännischen Berufsschule.

Der Mann, der Gedichte erklärte, Aufsätze korrigierte und seine Schülerinnen und Schüler grundsätzlich siezte.

Ein Trainer kam auf ihn zu. „Hallo! Das erste Mal hier?“

„Ja“, antwortete Winfried freundlich.

„Dann zeige ich Ihnen gern alles.“

„Vielen Dank.“

Gemeinsam gingen sie durch das Studio.

Der Trainer erklärte jede Maschine.

Winfried hörte aufmerksam zu.

Er stellte Fragen.

Bedankte sich nach jeder Erklärung.

„Sie sind wirklich höflich“, sagte der Trainer schließlich grinsend.

„Man sollte Menschen stets mit Respekt begegnen.“

„Da haben Sie recht.“

Nach der Einführung verabschiedete sich der Trainer.

„Falls Sie Hilfe brauchen, einfach Bescheid sagen.“

„Vielen Dank.“

Winfried begann mit einigen Übungen an den Geräten.

Ruhig.

Sauber.

Konzentriert.

Niemand schenkte ihm große Beachtung.

Bis er schließlich den Freihantelbereich betrat.

Dort herrschte eine andere Atmosphäre.

Schwere Langhanteln.

Kurzhanteln bis weit über fünfzig Kilogramm.

Massive Kniebeugenständer.

Kreide auf dem Boden.

Hier trainierten die erfahrensten Mitglieder.

Mehrere junge Männer bemerkten Winfried sofort.

Einer stieß seinen Trainingspartner leicht mit dem Ellenbogen an.

„Schau mal.“

„Komischer Typ.“

„Hat der sich verlaufen?“

Ein anderer musterte das lila Hemd. „Vielleicht sucht er den Yogakurs.“

Ein leises Lachen ging durch die Gruppe.

Winfried hörte es.

Natürlich hörte er es.

Er sagte nichts.

Er lächelte lediglich freundlich.

Dann stellte er seine Wasserflasche ab.

Ein junger Mann trat näher. „Kann ich Ihnen helfen?“

„Vielen Dank. Ich komme zurecht.“

„Sind Sie sicher? Das hier ist eher...“ Er suchte nach den richtigen Worten. „...für Fortgeschrittene.“

„Ach so.“

Winfried nickte verständnisvoll.

„Vielen Dank für den Hinweis.“

Die Gruppe grinste. „Nicht, dass Sie sich verletzen.“

„Ein vernünftiger Rat“, sagte Winfried. „Ich werde selbstverständlich vorsichtig sein.“

Die jungen Männer tauschten amüsierte Blicke aus.

Winfried begann jedoch nicht sofort mit schweren Gewichten.

Stattdessen nahm er eine leere Langhantel.

Er führte einige langsame Bewegungen aus.

Seine Haltung war nahezu perfekt.

Gerader Rücken.

Kontrollierte Atmung.

Stabile Füße.

Ein älterer Herr, der seit Jahren Kraftsport betrieb, beobachtete ihn kurz.

Er runzelte die Stirn.

„Interessant...“

Während die anderen weiter kicherten, legte Winfried vorsichtig Gewichtsscheiben auf.

Nicht besonders viel.

Dann begann er mit Kniebeugen.

Langsam.

Tief.

Kontrolliert.

Keine einzige Wiederholung sah anders aus.

Jede Bewegung wirkte wie mit einem Lineal gezogen.

Der ältere Sportler legte seine Hantel ab. „Nicht schlecht.“

Die Jugendlichen hatten den älteren Mann gehört.

„Ach was.“

„Ist doch kaum Gewicht.“

Winfried trainierte weiter.

Nach mehreren sauberen Sätzen erhöhte er das Gewicht.

Immer noch ohne Hast.

Immer noch technisch makellos.

Kein Zittern.

Keine übertriebene Anstrengung.

Nur Konzentration.

Der ältere Herr trat schließlich näher. „Entschuldigung.“

Winfried blickte auf. „Ja?“

„Wie lange trainieren Sie schon?“

Winfried lächelte. „Heute ist mein erster Tag... in diesem Studio.“

Der Mann blinzelte. „...in diesem Studio?“

„Ja.“

„Wo haben Sie denn vorher trainiert?“

„Zu Hause.“

„Seit wann?“

„Seit ungefähr fünfzehn Jahren.“

Der ältere Herr musste lachen. „Das erklärt einiges.“

Die jungen Männer verstummten langsam.

Winfried wechselte nun zur nächsten Übung.

Kreuzheben.

Wieder begann er leicht.

Einige Wiederholungen.

Dann erhöhte er Schritt für Schritt das Gewicht.

Nicht, um jemanden zu beeindrucken.

Sondern weil es zu seinem Trainingsplan gehörte.

Immer wieder kontrollierte er seine Haltung.

Er legte die Hantel ruhig ab.

Kein Werfen.

Kein lautes Aufprallen.

Respekt gegenüber Material und Mitmenschen.

Der Trainer bemerkte inzwischen ebenfalls, was geschah. Er blieb stehen. „Wow.“

Einer der Jugendlichen fragte: „Was ist?“

„Seht euch seine Technik an.“

Nun schauten alle genauer hin.

Plötzlich fiel ihnen auf, was sie zuvor übersehen hatten.

Winfried bewegte jedes Gewicht mit bemerkenswerter Präzision.

Keine unnötigen Bewegungen.

Keine Eitelkeit.

Keine Show.

Nur saubere Arbeit.

Nach einer Weile wechselte er zum Bankdrücken.

Der Trainer stellte sich vorsichtshalber daneben. „Soll ich sichern?“

„Wenn Sie möchten.“

„Gerne.“

Winfried legte sich hin.

Konzentrierte sich.

Atmete tief ein.

Drückte das Gewicht ruhig nach oben.

Mehrfach.

Sauber.

Kontrolliert.

Ohne Hilfe.

Der Trainer hob anerkennend die Augenbrauen. „Das war wirklich stark.“

„Vielen Dank.“

„Vor allem technisch.“

Winfried setzte sich auf. „Ich halte Technik für wichtiger als das Gewicht.“

„Da sprechen Sie mir aus der Seele.“

Inzwischen war das Lachen vollständig verstummt.

Die jungen Männer beobachteten ihn schweigend.

Schließlich fasste sich einer ein Herz. „Entschuldigung?“

Winfried drehte sich um. „Ja?“

Der junge Mann wirkte plötzlich verlegen. „Wir... äh... haben vorhin etwas gelacht.“

„Das habe ich bemerkt.“

„Tut uns leid.“

Winfried lächelte freundlich. „Das ist schon in Ordnung.“

„Wir dachten einfach...“

„...dass ich nicht hierher passe?“

Der Jugendliche nickte. „Ja.“

Winfried schloss seine Trinkflasche.

„Wissen Sie“, begann er ruhig, „ich unterrichte Deutsch.“

„Echt?“

„An einer kaufmännischen Berufsschule.“

„Cool.“

„Dort erlebe ich regelmäßig, wie Menschen vorschnell beurteilt werden.“

Er sah den jungen Mann freundlich an.

„Nach Kleidung. Nach Alter. Nach Noten. Oder nach ihrem Auftreten.“

Er machte eine kurze Pause. „Sehr oft liegen wir mit unserem ersten Eindruck daneben.“

Die Gruppe hörte aufmerksam zu.

„Ein Mensch ist meistens mehr, als man auf den ersten Blick erkennt.“

Es entstand Stille.

Dann sagte einer der Jugendlichen: „Das merken wir gerade.“

Winfried lachte leise. „Das freut mich.“

„Dürfen wir Sie etwas fragen?“

„Selbstverständlich.“

„Könnten Sie uns zeigen, wie Sie beim Kreuzheben den Rücken so stabil halten?“

Winfried nickte sofort. „Sehr gerne.“

Er nahm sich fast zwanzig Minuten Zeit.

Geduldig erklärte er die Ausgangsposition.

Die richtige Atmung.

Die Spannung im Rumpf.

Den Bewegungsablauf.

Er korrigierte freundlich.

Lobte Fortschritte.

Gab kleine Tipps.

Nie belehrend.

Nie überheblich.

Am Ende bedankten sich alle.

„Vielen Dank.“

„Keine Ursache.“

„Kommen Sie wieder?“

„Natürlich.“

„Dann trainieren wir mal zusammen.“

Winfried lächelte. „Sehr gern. Vorausgesetzt, Sie lachen nicht über mein lila Hemd.“

Die gesamte Gruppe musste lachen. „Versprochen.“

„Obwohl... das Hemd ist schon ziemlich auffällig.“

„Das höre ich häufiger“, sagte Winfried schmunzelnd. „Meine Schülerinnen und Schüler erkennen mich daran schon von weitem.“

„Dann behalten Sie das bloß bei.“

„Das habe ich ohnehin vor.“

Als Winfried später das Studio verließ, dachte er an eine Redewendung, die er seiner Klasse oft mit auf den Weg gab:

"Ein gutes Buch erkennt man nicht am Einband."

Heute hatte sie einmal mehr ihre Gültigkeit bewiesen.

„Und vielleicht“, dachte er mit einem zufriedenen Lächeln, „galt das nicht nur für Bücher, sondern auch für Menschen in einem lila Hemd.“