Die Stäbchen-Katastrophe
Die Stäbchen-Katastrophe
Hallo meine lieben Leser,
hier folgt mein 32. Beitrag zur Wochen-Challenge.
Der 32. Prompt lautete wie folgt:
Kalenderwoche 32 von - Leela -
Dein Charakter geht mit Freunden / Familie / o.ä. chinesisch essen. Warum nur ist er der einzige, der nicht mit Stäbchen essen kann…?
Vielen Dank Damien Black für dieses schöne Projekt!
Ich wünsche euch nun viel Spaß beim Lesen! Ich hatte viel Freude beim Schreiben!
Viele Grüße
Hira
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Die Stäbchen-Katastrophe
Es war ein Freitagabend, an dem Winfried Jakobus eigentlich nichts Besonderes mehr vorgehabt hatte.
Nach einer langen Woche an der kaufmännischen Berufsschule hatte er seinen Schreibtisch im Lehrerzimmer aufgeräumt, die letzten Unterlagen in seine Tasche gesteckt und sich vorgenommen, den Abend ruhig ausklingen zu lassen.
Kein Korrigieren.
Keine E-Mails.
Keine Gedanken darüber, ob er morgen noch schnell irgendwelche Arbeitsblätter vorbereiten musste.
Einfach nur essen gehen.
Und genau deshalb hatte er sich gefreut, als Hira vorgeschlagen hatte, gemeinsam chinesisch essen zu gehen.
„Du warst doch schon einmal in diesem Restaurant, oder?“, hatte Hira am Nachmittag gefragt.
„Ja“, hatte Winni geantwortet. „Allerdings ist das schon eine ganze Weile her.“
„Dann gehen wir heute hin.“
Winni hatte gelächelt. „Gerne.“
Und nun saß er dort.
In einem gemütlichen chinesischen Restaurant, an einem kleinen Tisch für zwei Personen.
Winni trug natürlich eines seiner auffälligeren lila Hemden. Dazu eine braune Hose, die er wie immer ordentlich gebügelt hatte. Seine leicht gebräunte Haut hob sich von dem kräftigen Farbton des Hemdes ab. Sein braunes Haar war, wie Hira es schon seit Jahren kannte, leicht zurückgehend.
Seine blauen Augen wanderten interessiert durch den Raum.
Das Restaurant war gut besucht.
An fast jedem Tisch saßen Menschen, die sich unterhielten, lachten und gemeinsam aßen.
Und dann bemerkte Winni etwas.
Etwas, das ihm zunächst völlig nebensächlich erschien.
Stäbchen.
Überall.
An jedem Tisch.
Hira saß ihm gegenüber und hatte bereits ihre Speisekarte geschlossen.
„Ich glaube, ich weiß schon, was ich nehme“, sagte sie.
„So schnell?“
„Ich kenne die Speisekarte inzwischen.“
„Das ist natürlich praktisch.“
Winni nahm ebenfalls seine Speisekarte.
Doch bevor er sie öffnete, legte ein Kellner bereits zwei Paar Essstäbchen auf den Tisch.
Winni betrachtete sie.
Dann betrachtete er Hira.
Dann wieder die Stäbchen.
Hira bemerkte seinen Blick. „Was ist?“
„Nichts.“
„Winni.“
„Es ist wirklich nichts.“
Hira grinste. „Du kannst nicht mit Stäbchen essen.“
Winni hob leicht die Augenbrauen. „Wie kommst du denn darauf?“
„Weil du sie gerade ansiehst, als wären sie ein kompliziertes technisches Gerät.“
Winni nahm eines der Stäbchen vorsichtig in die Hand. „Ich habe lediglich versucht, die Konstruktion zu verstehen.“
Hira musste lachen. „Die Konstruktion?“
„Ja.“
„Das sind Essstäbchen.“
„Das ist mir bewusst.“
Er nahm das zweite Stäbchen dazu.
Hira beobachtete ihn.
Winni hielt beide Stäbchen zunächst parallel nebeneinander.
„Also“, murmelte er. „Das Prinzip dürfte eigentlich nicht besonders kompliziert sein.“
„Eigentlich.“
„Genau.“
Er versuchte, die Stäbchen zu bewegen.
Das obere Stäbchen rutschte weg.
Er fing es gerade noch auf.
Hira biss sich auf die Lippe.
„Nicht lachen.“
„Ich lache nicht.“
„Du lachst innerlich.“
„Sehr stark sogar.“
Winni seufzte. „Das habe ich befürchtet.“
Hira nahm ihre eigenen Stäbchen. „Schau.“
Mit einer völlig selbstverständlichen Bewegung legte sie das untere Stäbchen zwischen Daumen und Ringfinger, während sie das obere mit Daumen, Zeige- und Mittelfinger bewegte.
Sie öffnete und schloss die Stäbchen mühelos.
Winni sah ihr aufmerksam zu.
„Das sieht bei dir erschreckend einfach aus.“
„Weil es einfach ist.“
„Das sagst du nur, weil du es kannst.“
„Du bist Deutschlehrer. Du kannst komplizierte Grammatik erklären.“
„Das ist etwas anderes.“
„Warum?“
Winni überlegte. „Bei Grammatik gibt es Regeln.“
Hira sah ihn einige Sekunden lang an. „Für Stäbchen gibt es auch Regeln.“
„Welche?“
„Nicht fallen lassen.“
Winni musste lachen. „Das ist eine sehr überschaubare Regel.“
„Und trotzdem hast du Schwierigkeiten damit.“
„Noch.“
Hira grinste. „Noch?“
Winni richtete sich ein wenig auf. „Ich gebe nicht auf.“
„Das klingt nach einer Herausforderung.“
„Das ist es auch.“
***
Wenig später kam das Essen.
Für Hira war die Situation völlig unkompliziert.
Sie nahm ihre Stäbchen und begann zu essen.
Winni hingegen betrachtete sein Essen.
Dann die Stäbchen.
Dann wieder sein Essen.
An einem Tisch neben ihnen saßen vier Personen.
Alle vier aßen mit Stäbchen.
Winni sah kurz hin.
Der Mann am Tisch nahm problemlos ein Stück Fleisch.
Die Frau daneben griff nach Nudeln.
Das Kind auf der anderen Seite des Tisches hielt sogar mehrere Nudeln gleichzeitig fest.
Winni sah wieder auf seine eigenen Stäbchen. „Das kann doch nicht so schwer sein.“
Hira hörte ihn. „Was?“
„Nichts.“
„Du hast es laut gesagt.“
„Ich habe laut gedacht.“
„Das ist bei dir gefährlich.“
Winni lächelte.
Dann nahm er die Stäbchen erneut.
Diesmal konzentrierte er sich.
Sehr.
Er legte das untere Stäbchen richtig an.
Dann das obere.
Er bewegte den Zeigefinger.
Nichts.
Er bewegte den Mittelfinger.
Das obere Stäbchen sprang plötzlich zur Seite.
„Oh.“
Hira hielt inne. „Alles in Ordnung?“
„Ja.“
Er versuchte es erneut.
Diesmal gelang es ihm tatsächlich, ein Stück Gemüse zu greifen.
Winni erstarrte.
Er hatte es.
Tatsächlich.
Ein kleines Stück Gemüse hing zwischen den Stäbchen.
Hiras Augen wurden groß. „Du hast es!“
Winni sah sie triumphierend an. „Natürlich.“
„Du hast es wirklich!“
„Ich sagte doch, dass ich es noch lernen werde.“
Er bewegte die Hand langsam in Richtung Mund.
Das Gemüse war ungefähr drei Zentimeter von seinem Mund entfernt.
Dann rutschte es heraus.
Plopp.
Es fiel zurück auf den Teller.
Stille.
Hira sah ihn an.
Winni sah den Teller an.
Dann sah er Hira an.
„Das war Absicht.“
Hira konnte sich nicht mehr halten.
Sie lachte.
„Natürlich.“
„Ich wollte nur testen, wie stabil die Verbindung ist.“
„Die Verbindung?“
„Zwischen Stäbchen und Nahrung.“
Hira legte eine Hand vor den Mund. „Du bist unglaublich.“
„Vielen Dank.“
***
Einige Minuten später hatte Winni einen neuen Plan. „Ich nehme einfach etwas Größeres.“
„Warum?“
„Das kann nicht so leicht herausfallen.“
Hira hob skeptisch eine Augenbraue. „Das ist wissenschaftlich nicht bewiesen.“
„Ich werde es herausfinden.“
Winni griff nach einem größeren Stück Gemüse.
Es gelang.
Er hielt es fest.
Hira beobachtete ihn. „Sehr gut.“
„Danke.“
„Jetzt langsam.“
„Ich weiß.“
Winni führte das Essen zum Mund.
Diesmal war er beinahe angekommen.
Doch genau in diesem Moment bewegte sich das Stäbchen ein kleines Stück.
Das Gemüse flog durch die Luft.
Hira sah ihm hinterher.
Das Stück landete auf dem Tisch.
Winni schloss kurz die Augen. „Ich glaube, die Stäbchen mögen mich nicht.“
Hira lachte erneut. „Vielleicht brauchen sie einfach Zeit, um dich kennenzulernen.“
„Das beruht auf Gegenseitigkeit.“
***
Winni blickte sich erneut um.
Es war fast schon irritierend.
Jeder schien es zu können.
Ein älteres Ehepaar am Fenster aß völlig entspannt.
Eine Gruppe Jugendlicher am anderen Tisch unterhielt sich, während sie nebenbei Nudeln mit Stäbchen aufnahm.
Ein kleines Kind versuchte, etwas mit den Stäbchen zu greifen.
Und selbst das Kind schien erfolgreicher zu sein als Winni.
Winni lehnte sich zurück. „Das ist erniedrigend.“
Hira grinste. „Du bist nicht der Einzige.“
„Ich habe gerade ein Kind beobachtet, das besser mit Stäbchen umgehen kann als ich.“
„Vielleicht ist das Kind einfach talentierter.“
Winni sah sie gespielt empört an. „Das war jetzt unnötig.“
„Aber wahr.“
„Ich bin Deutschlehrer.“
„Das weiß ich.“
„Ich erkläre schon jahrelang Schülern Dinge.“
„Auch das weiß ich.“
„Und jetzt scheitere ich an zwei Holzstäbchen.“
Hira lächelte. „Du scheiterst nicht.“
„Nein?“
„Du lernst.“
Winni sah sie an.
Für einen Moment wurde sein Gesicht ruhiger.
„Das ist eine schöne Formulierung.“
„Danke.“
„Vielleicht sollte ich das meinen Schülern auch einmal sagen.“
„Mach das.“
Winni lächelte. „Werde ich.“
***
Dann kam Hiras große Tat.
Sie sagte: „Ich kann dir ja zeigen, wie es richtig geht.“
Winni sah sie an. „Bitte.“
Hira nahm ein zweites Paar Stäbchen. „Pass auf.“
Sie zeigte ihm noch einmal langsam die Technik.
„Das hier bleibt unten.“
Winni nickte.
„Und das hier bewegt sich.“
„Richtig.“
„Und der Daumen?“
„Der hält.“
„Der Zeigefinger?“
„Bewegt.“
„Der Mittelfinger?“
„Hilft.“
Winni nickte ernst. „Das ist komplizierter als ein Nebensatz.“
Hira lachte. „Jetzt du.“
Winni nahm die Stäbchen.
Er positionierte seine Finger.
Hira korrigierte ihn. „Ein bisschen weiter.“
Winni bewegte den Finger.
„So?“
„Ja.“
„Und jetzt?“
„Jetzt schließen.“
Winni schloss die Stäbchen.
Sie griffen tatsächlich etwas.
Hira strahlte. „Ja! Genau so!“
Winni sah auf seine Hand. „Ich habe es.“
„Du hast es.“
„Ich kann es.“
„Du kannst es.“
Winni grinste stolz.
Dann versuchte er, das Essen hochzuheben.
Es funktionierte.
Er brachte es zum Mund.
Diesmal schaffte er es.
Er kaute.
Hira applaudierte leise. „Bravo.“
Winni schluckte. „Vielen Dank.“
„Jetzt kannst du chinesisch essen.“
„Ich kann chinesisch essen.“
„Mit Stäbchen.“
Winni blickte auf seine Stäbchen. „Mit Stäbchen.“
Er wirkte plötzlich ausgesprochen zufrieden mit sich.
***
Doch bereits beim nächsten Stück ging alles wieder schief.
Das Essen rutschte heraus.
Winni sah Hira an.
Hira sah Winni an.
Dann mussten beide gleichzeitig lachen.
„Na gut“, sagte Winni schließlich. „Ich brauche wohl noch etwas Übung.“
„Definitiv.“
„Aber ich werde nicht aufgeben.“
„Das habe ich auch nicht erwartet.“
Winni legte die Stäbchen kurz auf den Tisch.
„Und wenn alles nichts hilft …“
„Ja?“
Er nahm demonstrativ seine Gabel.
„… gibt es glücklicherweise noch Plan B.“
Hira lachte. „Du bist wirklich der einzige Mensch in diesem Restaurant, der mit einer Gabel chinesisch isst.“
Winni sah sich um.
Tatsächlich.
An jedem Tisch bewegten sich Stäbchen.
Nur bei ihm lag eine Gabel.
Er betrachtete sie.
„Dann falle ich wenigstens auf.“
Hira sah auf sein lila Hemd. „Das tust du sowieso.“
Winni blickte an sich hinunter.
Dann musste er lachen. „Stimmt.“
Und so saßen die beiden noch lange zusammen.
Hira mit ihren Stäbchen.
Winni abwechselnd mit Stäbchen und Gabel.
Immer wieder versuchte er es.
Immer wieder gelang ihm ein Stück.
Und immer wieder rutschte ihm irgendwann etwas vom Stäbchen.
Aber Hira machte sich nicht wirklich über ihn lustig.
Zumindest nicht böse.
Sie half ihm.
Sie erklärte es ihm noch einmal.
Und Winni nahm die Hilfe mit seinem typischen freundlichen Lächeln an.
Irgendwann, als das Essen fast vorbei war, griff Winni erneut nach einem Stück Gemüse.
Ganz langsam.
Er positionierte die Stäbchen.
Schloss sie.
Hob das Gemüse an.
Und führte es zum Mund.
Diesmal fiel nichts herunter.
Hira sah ihn an. „Na also.“
Winni kaute und nickte zufrieden. „Ich habe es.“
„Endlich.“
„Ich habe doch gesagt, dass ich es lernen werde.“
Hira lächelte. „Ich wusste, dass du es schaffst.“
Winni legte die Stäbchen vorsichtig auf den Teller.
„Weißt du was?“
„Was?“
„Beim nächsten Mal nehme ich wieder Stäbchen.“
Hira grinste. „Wirklich?“
„Ja.“
Eine kurze Pause.
„Aber wir bestellen etwas, das man leichter greifen kann.“
Hira lachte. „Abgemacht.“
Winni lächelte.
Und während an den anderen Tischen weiterhin völlig selbstverständlich mit Stäbchen gegessen wurde, saß er dort in seinem auffälligen lila Hemd und war erstaunlich stolz auf seine kleine Errungenschaft.
Es war keine große Sache.
Kein besonderer Erfolg.
Nur ein Stück Gemüse, das es endlich bis zu seinem Mund geschafft hatte.
Aber manchmal waren es genau diese kleinen Dinge, über die man später am meisten lachen konnte.
Und Hira wusste bereits jetzt: Diese Geschichte würde sie Winni noch sehr lange erzählen.