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Damit du niemals gehst

Ein Leben Zwischen Den Zeilen – Sammlung Zur Wochen-Challenge — www.fanfiktion.de · All chapters

Damit du niemals gehst

Hallo meine lieben Leser,

hier folgt mein 33. Beitrag zur Wochen-Challenge.

Der 33. Prompt lautete wie folgt:

Kalenderwoche 33 von Damien Black

Dein Charakter steht kurz vor seiner Hochzeit. Zu diesem Zweck will er mit seinem Verlobten/seiner Verlobten noch einmal die Unterlagen durchgehen. Dabei entdeckt dein Charakter, dass sein Verlobter/seine Verlobte Schulden (400k+) hat. Als Erklärung für diese hohen Schulden, bekommt dein Charakter eine verstörende Aussage. Was diese Erklärung ist und ob es überhaupt noch zur Hochzeit kommt, dürft ihr entscheiden.[Inspiration durch ein YouTube Short]

Da weder Winni noch Hira so richtig zu diesem Prompt gepasst hatten, da eine Hochzeit zu den beiden Charakteren mit einem Verlobten / einer Verlobten (und auch nicht miteinander!) nicht gepasst hätte,  bin ich etwas kreativ geworden.

Vielen Dank Damien Black für dieses schöne Projekt!

Ich wünsche euch nun  viel Spaß beim Lesen! Ich hatte viel Freude beim Schreiben!

Viele Grüße

Hira

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Damit du niemals gehst

Die  saarländische Stadt war an diesem Nachmittag ungewöhnlich voll.

Winfried Jakobus hatte eigentlich nur ein paar Besorgungen machen wollen. Nichts Besonderes. Ein paar Lebensmittel, ein neues Notizbuch, vielleicht noch einen Kaffee, bevor er sich wieder auf den Heimweg machte.

Er schlenderte deshalb ohne Eile durch die Fußgängerzone.

Wie so oft trug er eines seiner auffälligen lila Hemden. Dazu eine braune Hose und bequeme Schuhe. Seine leicht gebräunte Haut ließ ihn jünger wirken, als er tatsächlich war und seine blauen Augen wanderten aufmerksam über die Schaufenster. Das braune Haar war an den Schläfen bereits etwas dünner geworden und zog sich langsam zurück, was Winfried allerdings mit einer Gelassenheit hinnahm, die man ihm manchmal gar nicht zutraute.

Er blieb vor einem Schaufenster stehen.

Nicht, weil ihn die ausgestellten Sachen besonders interessierten.

Er hatte lediglich jemanden gesehen, den er kannte.

„Herr Jakobus?“

Winfried drehte sich um.

Eine junge Frau stand einige Meter hinter ihm.

Für einen kurzen Moment musste er überlegen.

Dann erkannte er sie.

„Frau Demir?“

Das Gesicht der jungen Frau hellte sich auf.

„Sie kennen mich noch?“

Winfried lächelte. „Natürlich.“

„Nach so langer Zeit?“

„Ich bin Deutschlehrer“, sagte Winfried mit einem leichten Schmunzeln. „Es wäre doch äußerst peinlich, wenn ich mich nicht an ehemalige Schüler erinnern würde.“

Sie lachte. „Das klingt sehr nach Ihnen.“

„Das hoffe ich.“

Sie kam näher. „Wie geht es Ihnen denn?“

„Sehr gut. Danke. Und Ihnen?“

„Auch gut.“

Sie sah kurz auf Winfried hinab und grinste. „Sie tragen immer noch diese lila Hemden.“

Winfried blickte an sich herunter. „Ich habe mehrere davon.“

„Das war mir klar.“

„Warum?“

„Weil Sie damals schon ungefähr jeden zweiten Tag eins getragen haben.“

Winfried hob eine Augenbraue. „Das ist eine maßlose Übertreibung.“

„Nein.“

„Doch.“

„Herr Jakobus.“

„Frau Demir.“

Sie sahen sich einige Sekunden an.

Dann mussten beide lachen.

Es war diese Art von Begegnung, die Winfried mochte.

Keine Förmlichkeit, keine peinliche Stille, sondern einfach ein unerwartetes Wiedersehen mit einem Menschen, den man lange nicht gesehen hatte.

Sie unterhielten sich über die Schule.

Über Lehrer, die noch dort arbeiteten.

Über Lehrer, die inzwischen pensioniert waren.

Über Veränderungen im Gebäude.

Über die Tatsache, dass sich manche Dinge offenbar nie änderten.

Und irgendwann fiel Winfried auf, dass seine ehemalige Schülerin immer wieder auf ihre linke Hand sah.

Dort glänzte ein Ring.

Winfried bemerkte es schließlich. „Sie tragen einen Ring.“

Sie blickte auf ihre Hand.

Sofort wurde ihr Gesicht etwas weicher. „Ach.“

Sie lächelte. „Ja.“

„Verlobungsring?“

„Ja.“

Winfried lächelte ehrlich. „Herzlichen Glückwunsch.“

„Danke.“

„Dann darf ich vermutlich auch gratulieren.“

„Sehr gerne.“

„Wann ist die Hochzeit?“

Sie biss sich kurz auf die Unterlippe. „In drei Wochen.“

Winfried staunte.

„Das ist ja schon bald.“

„Sehr bald.“

„Dann sind Sie wahrscheinlich mitten in den Vorbereitungen.“

„Mitten drin? Ich glaube, ich bin schon darüber hinaus.“

„Was bedeutet das?“

„Ich habe keine Ahnung, was ich eigentlich noch alles erledigen muss.“

Winfried lachte. „Das klingt nicht besonders beruhigend.“

„Ist es auch nicht.“

Sie erzählte ihm von der Location.

Von den Einladungen.

Von der Sitzordnung.

Von der Musik.

Von der Gästeliste.

Von den Blumen.

Von der Frage, ob man überhaupt eine Hochzeitstorte brauche oder ob mehrere kleine Desserts nicht viel sinnvoller wären.

Winfried hörte aufmerksam zu.

Er stellte Fragen.

Nicht aus Neugier um der Neugier willen, sondern weil er sich ehrlich für das Leben seiner ehemaligen Schülerin interessierte.

„Und Ihr Verlobter?“, fragte er schließlich.

Sie lächelte. „Er ist großartig.“

„Das freut mich.“

„Wirklich.“

Sie sah auf den Ring. „Wir sind jetzt seit fast vier Jahren zusammen.“

„Dann kennen Sie sich vermutlich ziemlich gut.“

„Ja.“

Sie machte eine kurze Pause. „Zumindest dachte ich das.“

Winfried bemerkte die Veränderung sofort.

Das Lächeln war noch da.

Aber es war schwächer geworden.

„Ist alles in Ordnung?“

Sie sah ihn an. „Ja.“

Winfried wartete.

Sie wusste offenbar selbst nicht, ob sie weiterreden wollte.

Dann atmete sie tief durch.

„Eigentlich wollte ich Ihnen etwas erzählen.“

„Wenn Sie möchten.“

„Es ist nur...“

Sie blickte zur Seite. „Ich weiß nicht, warum ich ausgerechnet Ihnen das erzähle.“

Winfried lächelte sanft. „Manchmal erzählt man Dinge ausgerechnet den Menschen, bei denen man das Gefühl hat, dass sie zuhören.“

Sie sah ihn an.

Ihre Augen wurden etwas feucht.

„Das haben Sie schon früher gemacht.“

„Was?“

„Zugehört.“

Winfried sagte nichts.

„Jedenfalls“, fuhr sie fort, „haben wir gestern angefangen, die letzten Unterlagen für die Hochzeit durchzugehen.“

„Das klingt vernünftig.“

„Wir wollten prüfen, ob alles geregelt ist.“

Sie schluckte. „Standesamt. Versicherungen. Mietvertrag. Bankunterlagen. Solche Sachen.“

„Natürlich.“

„Und dann habe ich etwas entdeckt.“

Winfried wartete.

„Etwas über meinen Verlobten.“

„Was denn?“

Sie sah auf ihre Hände. „Schulden.“

Winfried runzelte die Stirn. „Schulden?“

„Ja.“

„Wie hoch?“

Sie schwieg.

Dann sagte sie: „Vierhunderttausend.“

Winfried glaubte zunächst, sich verhört zu haben. „Vierhunderttausend Euro?“

Sie nickte. „Und ein bisschen mehr.“

Winfried sah sie lange an. „Ein bisschen mehr?“

„Vierhundertdreiundzwanzigtausend.“

Er sagte nichts.

Der Lärm der Fußgängerzone schien plötzlich weit entfernt.

Menschen liefen an ihnen vorbei.

Autos fuhren in einiger Entfernung.

Jemand lachte.

Eine Straßenbahn klingelte.

Und trotzdem hatte Winfried das Gefühl, als wäre es plötzlich still geworden.

„Wussten Sie davon?“, fragte er vorsichtig.

Sie schüttelte den Kopf. „Nein.“

„Er hat Ihnen nichts gesagt?“

„Nein.“

„Und Sie sind seit vier Jahren zusammen?“

„Ja.“

Winfried atmete langsam aus. „Das muss ein Schock gewesen sein.“

„Das war es.“

Sie rieb sich über die Augen. „Ich dachte zuerst, es wäre ein Fehler.“

„Natürlich.“

„Ich dachte, vielleicht hätte ich eine Zahl falsch gelesen.“

„Und?“

„Ich habe die Unterlagen noch einmal angesehen.“

Sie lachte kurz.

Es war kein fröhliches Lachen.

„Dann noch einmal.“

Sie schüttelte den Kopf.

„Und dann habe ich ihn gefragt.“

Winfried sagte nichts.

„Ich habe ihn gefragt, was das soll.“

„Was hat er gesagt?“

Sie sah Winfried an. „Das ist der verstörende Teil.“

Winfried wartete.

„Er sagte, die Schulden seien gar nicht das Schlimmste.“

Winfried bekam ein ungutes Gefühl. „Was meinte er damit?“

Sie schwieg.

Dann sagte sie leise: „Er sagte, er habe die Schulden absichtlich gemacht.“

Winfried blinzelte. „Absichtlich?“

„Ja.“

„Warum?“

Sie sah ihn direkt an. „Weil er mich heiraten wollte.“

Winfried verstand den Zusammenhang nicht. „Entschuldigung, aber...“

Er schüttelte langsam den Kopf. „Das ergibt keinen Sinn.“

„Das habe ich auch gesagt.“

Sie zog ihr Handy aus der Tasche. „Ich habe ihn gefragt, warum er wegen einer Hochzeit Schulden in dieser Höhe macht.“

„Und?“

„Er hat mir gesagt, dass er das Geld nicht für die Hochzeit ausgegeben hat.“

Winfried wurde noch aufmerksamer. „Wofür dann?“

Ihre Finger zitterten leicht. „Für mich.“

Winfried sah sie verwirrt an. „Für Sie?“

„Ja.“

„Was soll das bedeuten?“

Sie schluckte.„Er hat all diese Kredite aufgenommen, weil er überzeugt war, dass ich ihn irgendwann verlassen würde.“

Winfried sagte nichts.

„Er wollte verhindern, dass ich ihn verlasse.“

„Wie soll das funktionieren?“

„Das habe ich ihn auch gefragt.“

Sie blickte wieder auf den Ring. „Er sagte, wenn wir verheiratet wären und gemeinsam Schulden hätten, könnte ich nicht einfach gehen.“

Winfried wurde blass. „Das ist...“ Er suchte nach einem Wort. „Das ist keine normale Vorstellung von Ehe.“

„Nein.“

„Das ist Kontrolle.“

Sie nickte. „Ich weiß.“

„Und er hat Ihnen das einfach so gesagt?“

„Ja.“

„Ohne sich zu schämen?“

Sie schüttelte den Kopf. „Er war sogar überzeugt davon, dass es romantisch sei.“

Winfried starrte sie an. „Romantisch?“

„Er meinte, er hätte alles getan, um sicherzustellen, dass wir für immer zusammenbleiben.“

Winfried sah sie fassungslos an. „Indem er Sie finanziell abhängig macht.“

„Ja.“

„Das ist nicht Liebe.“

Ihre Augen füllten sich nun endgültig mit Tränen. „Ich weiß.“

Winfried ließ ihr Zeit.

Er sagte nicht sofort etwas.

Manchmal gab es Situationen, in denen man nicht einfach irgendeinen tröstenden Satz sagen durfte.

Sie musste erst selbst durch das Gesagte hindurch.

Nach einer Weile fragte er: „Was passiert jetzt mit der Hochzeit?“

Sie sah ihn an. „Ich weiß es nicht.“

„Haben Sie sie abgesagt?“

„Noch nicht.“

Winfried war überrascht. „Warum nicht?“

Sie sah auf ihren Ring. „Weil ich ihn liebe.“

Winfried nickte langsam. „Das glaube ich Ihnen.“

„Und genau das macht es so schwer.“

Sie wischte sich eine Träne aus dem Gesicht. „Wenn er einfach fremdgegangen wäre, wäre es vielleicht leichter.“

Winfried sagte nichts.

„Wenn er mich angelogen hätte, weil er Angst hatte, mich zu verlieren...“

Sie brach ab. „Aber er hat etwas getan, das mein ganzes Leben verändern kann.“

„Ja.“

„Und trotzdem sitzt ein Teil von mir da und denkt: ´Vielleicht hat er nur Angst.´“

Winfried sah sie ruhig an. „Angst kann erklären, warum jemand etwas tut.“

Sie sah ihn an.

„Aber sie entschuldigt nicht alles.“

Sie nickte. „Das hat meine Mutter auch gesagt.“

„Ihre Mutter weiß davon?“

„Ja.“

„Und Ihre Familie?“

„Meine Eltern. Meine Schwester.“

„Was sagen sie?“

Sie lachte bitter. „Sie sagen alle, ich soll nicht heiraten.“

Winfried schwieg.

Dann fragte seine Schülerin: „Und Sie?“

„Ich?“

„Was würden Sie tun?“

Winfried dachte lange darüber nach. „Ich würde nicht heute heiraten.“

Sie sah ihn überrascht an. „Nicht heute?“

„Nein.“

„Auch nicht in drei Wochen?“

Winfried sah sie ernst an. „Nicht, bevor ich verstanden hätte, warum Ihr Verlobter glaubt, dass er Sie durch Schulden an sich binden darf.“

Sie nickte langsam. „Ich glaube, genau das ist das Problem.“

„Was meinen Sie?“

„Er glaubt wirklich, dass er mich liebt.“

Winfried seufzte. „Vielleicht tut er das sogar.“

Sie sah ihn an.

Der Deutschlehrer erklärte: „Aber Liebe bedeutet nicht, dass man dem anderen seine Freiheit nimmt.“

Ihre Augen wurden wieder feucht. „Danke.“

„Wofür?“

„Dass Sie das sagen.“

Winfried lächelte schwach. „Ich bin Lehrer. Ich kann nicht anders, als Dinge erklären zu wollen.“

Sie musste trotz allem lachen. „Das ist wirklich typisch für Sie.“

„Das wurde mir schon öfter vorgeworfen.“

„Herr Jakobus?“

„Ja?“

„Darf ich Ihnen etwas sagen?“

„Natürlich.“

Sie sah ihn lange an. „Ich glaube, ich werde die Hochzeit absagen.“

Winfried sagte nichts.

Er wollte ihr die Entscheidung nicht abnehmen.

Sie musste selbst entscheiden.

Nach einigen Sekunden nahm sie ihren Verlobungsring ab.

Sie betrachtete ihn.

Dann schloss sie ihre Hand darum.

„Ich dachte immer, eine Hochzeit bedeutet, dass zwei Menschen sich entscheiden, zusammenzubleiben.“

Sie sah Winfried an. „Aber jetzt weiß ich, dass ich jemanden heiraten wollte, der mich freiwillig bei sich haben wollte.“

Winfried nickte. „Das ist ein großer Unterschied.“

Sie steckte den Ring wieder ein.

Nicht an den Finger.

In ihre Tasche.

„Ich werde ihn heute noch einmal treffen.“

„Passen Sie auf sich auf.“

„Das werde ich.“

Sie lächelte schwach. „Und vielleicht komme ich irgendwann vorbei.“

„In der Schule?“

„Vielleicht.“

„Dann freue ich mich.“

Sie verabschiedeten sich.

Winfried blieb noch einige Sekunden stehen und sah ihr nach.

Er wusste nicht, wie die Geschichte ausgehen würde.

Aber eines wusste er. Eine Hochzeit sollte kein Gefängnis sein.

Und vierhunderttausend Euro Schulden konnten niemals das Versprechen ersetzen, das zwei Menschen einander eigentlich geben sollten: freiwillig füreinander da zu sein.

Winfried steckte schließlich die Hände in die Hosentaschen und ging weiter.

Sein lila Hemd leuchtete zwischen den Menschen hervor.

Und während er langsam die Straße hinunterging, dachte er noch einmal über die letzten Worte seiner ehemaligen Schülerin nach.

Vielleicht war die wichtigste Entscheidung vor einer Hochzeit nicht die Frage, ob man genügend Blumen bestellt hatte.

Nicht, ob die Sitzordnung stimmte.

Nicht, ob die Torte groß genug war.

Sondern die viel einfachere Frage: „Kann ich diesem Menschen mein Leben anvertrauen?“

Bei einer Summe von 423.000 Euro hatte seine ehemalige Schülerin darauf offenbar eine Antwort gefunden.

Nur leider war es nicht die Antwort gewesen, die sie sich vor ihrer Hochzeit, den Verrat, gewünscht hatte.