Die Schleife, die ich vergaß
Die Schleife, die ich vergaß
Hallo meine lieben Leser,
hier folgt mein 34. Beitrag zur Wochen-Challenge.
Der 34. Prompt lautete wie folgt:
Kalenderwoche 34 von - Leela -
Dein Charakter hat verlernt, wie man eine Schleife bindet…
Vielen Dank Damien Black für dieses schöne Projekt!
Ich wünsche euch nun viel Spaß beim Lesen! Ich hatte viel Freude beim Schreiben!
Viele Grüße
Hira
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Die Schleife, die ich vergaß
Hira stand vor dem Spiegel und betrachtete ihre Schuhe.
Es waren eigentlich ganz gewöhnliche Schuhe. Schwarze Schuhe, schlicht, bequem, nichts Besonderes. Dazu trug sie eine dunkle Hose und eine helle Bluse. Ihre langen schwarzen Haare fielen ihr über die Schultern.
Eigentlich hätte sie längst fertig sein können.
Nur die Schleife wollte einfach nicht gelingen.
Hira zog an einem der beiden Bänder.
Der Knoten wurde schief.
Sie löste ihn wieder.
Noch einmal.
Eine Schlaufe.
Dann die andere.
Sie zog.
Das Band rutschte heraus.
„Ach, komm schon ...“
Sie seufzte.
Es war lächerlich.
Früher hatte sie das gekonnt. Natürlich hatte sie das gekonnt. Als Kind hatte sie Schleifen gebunden, ohne darüber nachzudenken. Später waren es Schuhe gewesen, Geschenkverpackungen, Bänder an Kleidern – nichts, worüber sie sich Gedanken gemacht hatte.
Aber irgendwann hatte sie es verlernt.
Nicht bewusst.
Es war einfach passiert.
Eine Fähigkeit nach der anderen verschwand aus dem Alltag, wenn man sie lange nicht mehr brauchte.
Hira nahm beide Bänder in die Hände und versuchte es erneut.
„Eine Schlaufe ...“
Sie hielt inne.
„Dann ...“
Sie wusste nicht mehr weiter.
Frustriert ließ sie die Hände sinken.
Genau in diesem Moment klingelte es.
Hira sah zur Tür.
Sie wusste sofort, wer es war.
Winfried.
Winfried Jakobus.
Ihr ehemaliger Deutschlehrer.
Und inzwischen jemand, der längst viel mehr für sie war als nur ein Lehrer aus ihrer Schulzeit.
Sie ging zur Tür und öffnete.
„Guten Morgen.“
Da stand er.
Wie so oft in einem seiner auffälligen lila Hemden, dazu eine braune Hose. Seine leicht gebräunte Haut wirkte im Tageslicht noch etwas dunkler. Die blauen Augen sahen sie freundlich an. Sein braunes Haar war leicht zurückgehend, was ihm inzwischen ein charakteristisches Aussehen verlieh.
„Guten Morgen, Hira.“
Er lächelte.
„Ich hoffe, ich störe nicht.“
„Nein. Natürlich nicht.“
Winfried trat ein.
Er sah sich kurz um, dann blieb sein Blick an Hira hängen.
„Du siehst aus, als hättest du ein Problem.“
Hira musste lachen. „So offensichtlich?“
„Ein wenig.“
„Es ist nur ...“
Sie blickte zu ihren Schuhen.
Winfried folgte ihrem Blick. „Die Schleife?“
Hira nickte. „Ich kann sie nicht mehr.“
Er hob leicht die Augenbrauen. „Du kannst keine Schleife mehr binden?“
„Nein.“
„Seit wann?“
„Keine Ahnung.“
Winfried lächelte amüsiert, aber nicht spöttisch. „Das ist interessant.“
„Ich finde es eher peinlich.“
„Warum denn?“
„Weil ich es früher konnte.“
Winfried ging ein paar Schritte näher. „Dann hast du es nicht vergessen.“
Hira sah ihn fragend an. „Wie meinst du das?“
„Du hast es nur lange nicht mehr gemacht.“
Er sagte es ganz selbstverständlich.
Als wäre es das Normalste der Welt.
Hira sah wieder auf ihren Schuh. „Ich weiß trotzdem nicht mehr, wie es geht.“
„Dann bringen wir es dir wieder bei.“
Sie sah ihn an. „Du willst es mir beibringen?“
„Natürlich ich.“
„Du kannst Schleifen binden?“
Winfried legte eine Hand auf seine Brust. „Och, Hira, ich bin Deutschlehrer. Ich beschäftige mich täglich mit komplizierten Dingen.“
Hira musste lachen. „Eine Schleife ist also kompliziert?“
„Für dich im Moment offenbar schon.“
„Danke.“
„Gern geschehen.“
Sie lachte erneut.
Winfried kniete sich vor sie. „Zeig mal.“
Hira stellte ihren Fuß etwas nach vorne.
Winfried betrachtete die beiden Bänder. „Gut. Wir machen es ganz langsam.“
„Ich fühle mich gerade wie ein kleines Kind.“
„Das musst du nicht.“ Seine Stimme wurde etwas ruhiger. „Es ist keine Schande, etwas vergessen zu haben.“
Hira schwieg.
Winfried nahm eines der Bänder vorsichtig zwischen Daumen und Zeigefinger.
„Schau genau hin.“
Hira beugte sich etwas nach unten.
„Zuerst machen wir einen normalen Knoten.“
Er führte das eine Band unter dem anderen hindurch und zog es leicht fest. „Bis hierhin kennst du es noch?“
„Ja.“
„Sehr gut.“
Er zeigte auf die beiden Enden. „Jetzt nimmst du eine Seite und machst daraus eine Schlaufe.“
Hira versuchte es. „So?“
„Genau.“
„Und jetzt?“
„Die andere Seite kommt darüber.“
Hira machte es nach.
Das Band rutschte weg.
„Oh.“
„Kein Problem.“
Winfried hob das Band wieder auf. „Noch einmal.“
„Ich schaffe das nicht.“
„Doch.“
Er sagte es so ruhig, dass Hira ihn automatisch ansah. „Du musst nicht alles beim ersten Versuch können.“
Hira lächelte schwach. „Das sagst du immer.“
„Weil es stimmt.“
Er zeigte es erneut.
Langsam.
Schritt für Schritt.
„Eine Schlaufe.“
Hira machte eine.
„Die zweite darüber.“
Sie machte die zweite.
„Und jetzt durch die Öffnung.“
Sie zog.
Die Schleife entstand.
Nicht besonders schön.
Aber sie war da.
Hira starrte darauf. „Ich habe es geschafft.“
Winfried lächelte. „Siehst du.“
„Die ist schief.“
„Das ist eine Schleife, kein mathematischer Beweis.“
Hira lachte. „Als Deutschlehrer müsstest du doch Wert auf Genauigkeit legen.“
„Bei Aufsätzen durchaus.“
Er stand wieder auf. „Bei Schleifen darf man großzügiger sein.“
Hira betrachtete ihre Schuhe.
Dann löste sie die Schleife wieder.
Hira sagte entschlossen: „Noch einmal.“
Winfried sah sie überrascht an. „Willst du das wirklich?“
„Ja.“
„Gut.“ Er trat wieder neben sie. „Dann machst du es selbst.“
Hira nahm die Bänder.
Sie wiederholte die Schritte.
Knoten.
Schlaufe.
Zweite Schlaufe.
Durchziehen.
Ziehen.
Die Schleife war wieder da.
Diesmal etwas gleichmäßiger.
Winfried nickte zufrieden. „Sehr gut.“
Hira grinste. „Ich kann es wieder.“
„Das sieht so aus.“
Sie betrachtete die Schleife noch eine Weile.
Dann wurde ihr Gesicht plötzlich nachdenklich.
„Komisch.“
„Was?“
„Dass ich so etwas Einfaches vergessen habe.“
Winfried setzte sich auf einen Stuhl in ihrer Nähe.
„Manchmal vergessen wir Dinge, die wir lange nicht brauchen. Und dann braucht man plötzlich jemanden, der es einem wieder zeigt.“
„Ja“, stimmt Hira ihm zu. Dann sah Hira Winfried an. „Du hast mir das schon oft gesagt.“
„Was?“
„Dass man nicht alles allein schaffen muss.“
Winfried schwieg einen Moment.
Dann lächelte er. „Das habe ich vermutlich.“
Hira setzte sich ihm gegenüber.
Für einen Moment war es still.
Draußen war der Morgen inzwischen heller geworden.
„Ich finde es schön“, sagte Hira plötzlich.
Winfried sah sie an. „Was?“
„Dass du noch da bist.“
Er antwortete nicht sofort.
Sein Blick wurde nachdenklich. „Ich bin doch nicht einfach verschwunden.“
„Manche Menschen tun das.“
„Ja.“
„Aber du nicht.“
Winfried senkte kurz den Blick. „Vielleicht liegt das daran, dass mir manche Menschen wichtig sind.“
Hira lächelte. „Bin ich eine davon?“
Er sah sie direkt an. „Natürlich.“
Die Antwort kam ohne Zögern.
Hira sagte nichts.
Sie musste auch nichts sagen.
Sie sah nur auf ihre Schuhe.
Auf die Schleife.
Dieses kleine Ding, das vor einer halben Stunde noch unmöglich gewesen war.
Jetzt war sie wieder da.
Nicht perfekt.
Aber fest.
„Weißt du“, sagte Winfried, „vielleicht ist das mit dem Vergessen gar nicht so schlimm.“
„Nein?“
„Nein.“ Er deutete auf die Schleife. „Du hast es vergessen. Dann hast du jemanden gefragt. Ich habe es dir gezeigt. Und jetzt kannst du es wieder.“
Hira nickte langsam. „Stimmt.“
„Und beim nächsten Mal brauchst du mich wahrscheinlich gar nicht mehr.“
„Vielleicht.“
„Vielleicht?“
„Vielleicht möchte ich trotzdem, dass du es noch einmal zeigst.“
Winfried musste lachen. „Das ist natürlich eine ausgezeichnete Ausrede.“
„Ich habe nie gesagt, dass ich keine Ausreden kann.“
„Das habe ich mir schon gedacht.“
Hira stand auf.
Sie ging ein paar Schritte und betrachtete die Schleife im Spiegel.
„Sie ist wirklich nicht perfekt.“
„Das musst du noch lernen.“
„Was?“
„Dass nicht alles perfekt sein muss.“
Hira sah ihn im Spiegel an.
Winfried stand hinter ihr, die Hände locker in den Hosentaschen.
Sein lila Hemd fiel sofort ins Auge.
„Und wenn ich sie morgen wieder vergessen habe?“
„Dann bindest du sie wieder.“
„Und wenn ich es wieder nicht kann?“
„Dann übst du.“
„Und wenn ich es nach zehn Versuchen immer noch nicht kann?“
Winfried lächelte. „Dann rufst du mich an.“
Hira drehte sich zu ihm um. „Darf ich das dann wirklich?“
„Wirklich.“
Sie lächelte. „Danke, Winni.“
Er nickte. „Gern.“
Hira blickte noch einmal auf ihre Schuhe.
Die Schleife hielt.
Ganz einfach.
Ganz unspektakulär.
Und trotzdem fühlte es sich für sie nach etwas Größerem an.
Nicht, weil sie eine Schleife gebunden hatte.
Sondern weil sie wieder einmal erfahren hatte, dass Vergessen kein Versagen bedeutete.
Manchmal bedeutete es einfach nur, dass man etwas neu lernen musste.
Und manchmal stand dann jemand neben einem, der geduldig genug war, die Hände hinzuhalten und zu sagen: „Noch einmal. Ganz langsam.“
Und genau das hatte Winfried getan.
Er hatte ihr nicht einfach die Schleife gebunden.
Er hatte ihr gezeigt, dass sie es selbst wieder konnte.
Hira lächelte. „Ich glaube, jetzt kann ich es.“
Winfried griff nach seiner Jacke. „Dann habe ich meine Arbeit ja erledigt.“
„Deutschlehrer und Schleifenlehrer.“
„Eine interessante Kombination.“
„Und ziemlich selten.“
„Zum Glück.“
Hira lachte.
Winfried öffnete die Tür.
Bevor er ging, drehte er sich noch einmal um. „Und Hira?“
„Ja?“
„Nicht vergessen.“
„Was?“
Er deutete auf ihre Schuhe. „Wenn die Schleife morgen wieder nicht klappt: nicht verzweifeln.“
Hira grinste. „Ich weiß.“
„Gut.“
„Noch einmal versuchen.“
Winfried nickte. „Genau.“
Dann ging er.
Hira blieb in der Tür stehen und sah ihm nach.
An ihren Schuhen waren zwei kleine, etwas ungleichmäßige Schleifen.
Aber sie hielten.
Und irgendwie fand Hira, dass sie genau so richtig waren.