Ein kleiner Flügelschlag
Ein kleiner Flügelschlag
Hallo meine lieben Leser,
hier folgt mein 35. Beitrag zur Wochen-Challenge.
Der 35. Prompt lautete wie folgt:
Kalenderwoche 35 von Damien Black
In dieser Geschichte soll ein Schmetterling eine wichtige Rolle spielen. Ob es ein echter Schmetterling, ein Plüschtier oder etwas anderes ist, dürft ihr selber entscheiden.
Vielen Dank Damien Black für dieses schöne Projekt!
Ich wünsche euch nun viel Spaß beim Lesen! Ich hatte viel Freude beim Schreiben!
Viele Grüße
Hira
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Ein kleiner Flügelschlag
Montagmorgen.
Winfried Jakobus stand vor dem Spiegel in seinem Badezimmer und betrachtete sich mit einem leicht skeptischen Blick.
„Na, dann wollen wir mal“, murmelte er.
Er strich sich über das braune Haar, das an den Schläfen inzwischen etwas dünner geworden war. Ein paar Strähnen standen störrisch ab und ließen sich auch nach mehreren Versuchen nicht davon überzeugen, sich ordentlich hinzulegen.
Winfried seufzte, musste dann aber über sich selbst lachen.
„Ist ja nur Montag.“
Er griff nach seinem Hemd.
Es war lila.
Nicht dezent lila. Nicht ein bisschen lila. Es war auffällig lila.
Winfried liebte dieses Hemd.
Dazu trug er seine braune Hose, die er besonders bequem fand. Er zog seine Schuhe an, schnappte sich seine Tasche und verließ die Wohnung.
Wenig später betrat er das Schulgebäude.
Wie jeden Morgen herrschte auf den Fluren bereits reges Treiben. Schülerinnen und Schüler liefen zu ihren Klassenräumen, unterhielten sich, lachten oder standen mit einem Kaffee in der Hand vor den Fenstern.
„Guten Morgen, Herr Jakobus!“
Winfried drehte sich um.
„Guten Morgen.“
„Cooles Hemd!“
Winfried blickte an sich herunter.
„Danke. Das ist mein Montagshemd.“
„Haben Sie für jeden Wochentag ein anderes?“
„Natürlich nicht.“
Er machte eine kurze Pause. „Für Dienstag habe ich drei.“
Die Schülerin lachte.
Winfried ging weiter.
Er war Deutschlehrer an einer kaufmännischen Berufsschule und unterrichtete schon seit einigen Jahren. Viele seiner Schüler kannten ihn als ruhigen, freundlichen Lehrer. Er war jemand, der zuhörte. Wenn jemand ein Problem hatte, nahm er sich Zeit. Wenn jemand etwas nicht verstand, erklärte er es noch einmal.
Und wenn jemand nach einer schlechten Note besonders niedergeschlagen war, konnte es durchaus passieren, dass Winfried nach dem Unterricht noch ein paar Minuten mit ihm sprach.
An diesem Montag ahnte er allerdings noch nicht, dass ausgerechnet ein kleiner Schmetterling seine gesamte Woche verändern würde.
Die erste Unterrichtsstunde begann völlig normal.
Winfried stand vor der Klasse und schrieb einen Satz an die Tafel.
„Wir beschäftigen uns heute mit einer Textanalyse. Bitte öffnen Sie Ihre Unterlagen auf Seite 42.“
Ein allgemeines Blättern setzte ein.
Winfried blickte durch den Raum.
„Herr Schneider, Sie haben doch nicht etwa schon wieder Ihr Buch vergessen?“
Der Schüler sah ihn ertappt an. „Ähm … vielleicht.“
„Vielleicht?“
„Ja.“
Winfried schüttelte lächelnd den Kopf. „Dann müssen wir wohl gemeinsam herausfinden, wie ein Buch den Weg von Ihrem Rucksack nach Hause gefunden hat.“
Ein paar Schüler lachten.
Der Unterricht nahm seinen Lauf.
Doch während Winfried gerade eine Textstelle erklärte, bewegte sich etwas am Fenster.
Ein kleiner Schatten.
Winfried hielt mitten im Satz inne.
Ein Schmetterling saß auf der Fensterscheibe.
Er war gelb und schwarz gemustert und bewegte langsam seine Flügel.
Die Schüler bemerkten ihn ebenfalls.
„Ist der echt?“, fragte jemand.
Winfried trat näher. „Sieht ganz danach aus.“
„Wie kommt der denn hier rein?“
„Das weiß ich auch nicht.“
Der Schmetterling flatterte plötzlich auf.
Er flog eine kleine Runde durch den Klassenraum.
Einige Schüler duckten sich lachend weg.
„Herr Jakobus, machen Sie was!“
Winfried hob beide Hände. „Was soll ich denn machen? Ihm einen Platz zuweisen?“
Der Schmetterling setzte sich auf die Tafel.
Winfried betrachtete ihn. „Vielleicht möchte er am Unterricht teilnehmen.“
„Dann bekommt er aber keine Note“, sagte ein Schüler.
„Das entscheidet sich noch.“
Wieder lachten alle.
Schließlich öffnete Winfried das Fenster. Nach einigen Sekunden flog der Schmetterling hinaus.
Winfried schloss das Fenster. „So. Und jetzt zurück zum Thema.“
Er dachte nicht weiter darüber nach.
Noch nicht.
Am Dienstagmorgen bemerkte Winfried auf seinem Schreibtisch einen kleinen Umschlag.
Darauf stand:
Für Herrn Jakobus.
Er öffnete ihn.
Darin befand sich ein Schmetterling aus Papier.
Sorgfältig ausgeschnitten und bunt bemalt.
Auf der Rückseite stand: „Manchmal muss man loslassen, damit etwas Schönes entstehen kann.“
Winfried runzelte die Stirn.
Er sah sich im Lehrerzimmer um.
„Sehr interessant.“
Seine Kollegin Frau Berger blickte von ihrem Kaffee auf.
„Was haben Sie?“
Winfried hielt ihr den Papier-Schmetterling hin.
„Der lag auf meinem Tisch.“
„Von wem?“
„Keine Ahnung.“
„Vielleicht ein Schüler?“
„Möglich.“
Frau Berger betrachtete das Papier. „Ist doch nett.“
„Ja.“
Winfried legte den Schmetterling neben seinen Computer.
Er musste zugeben, dass er ihm gefiel.
Während der nächsten Stunden fiel ihm allerdings auf, dass der Schmetterling nicht der einzige war.
In seinem Unterricht lag plötzlich ein kleiner Schmetterling aus Holz auf dem Lehrerpult.
Am Mittwoch hing ein Schmetterlingsaufkleber an seiner Tafel.
Und am Donnerstag fand er in seinem Fach eine kleine blaue Karte.
Darauf war wieder ein Schmetterling gezeichnet.
Diesmal stand darunter: „Sie helfen vielen Menschen. Vergessen Sie sich selbst dabei nicht.“
Winfried wurde still.
Er las den Satz noch einmal.
Dann steckte er die Karte vorsichtig in seine Tasche.
Der Satz beschäftigte ihn.
Er war tatsächlich jemand, der gerne half.
Wenn Kollegen Unterstützung brauchten, half er.
Wenn Schüler Fragen hatten, nahm er sich Zeit.
Wenn jemand Schwierigkeiten hatte, versuchte er, eine Lösung zu finden.
Aber wann hatte er zuletzt eigentlich etwas nur für sich selbst gemacht?
Er wusste es nicht.
Am Donnerstag nach dem Unterricht blieb er noch lange im Klassenraum sitzen.
Draußen wurde es langsam dunkel.
Winfried saß am Lehrerpult und korrigierte Klassenarbeiten.
Da hörte er plötzlich ein leises Geräusch.
Flattern.
Er blickte auf.
Ein Schmetterling saß am Fenster.
Winfried stand auf.
Er ging langsam hinüber.
„Du schon wieder.“
Der Schmetterling bewegte seine Flügel.
Winfried öffnete das Fenster.
Doch diesmal flog das Tier nicht hinaus.
Stattdessen landete es auf seinem Arm.
Winfried blieb vollkommen still. „Na?“
Er betrachtete ihn.
Die feinen Flügel bewegten sich langsam.
„Was willst du mir sagen?“
Natürlich bekam er keine Antwort.
Trotzdem musste Winfried lächeln.
Er ging zurück zu seinem Schreibtisch.
Der Schmetterling flog hinterher.
Er landete auf einem Stapel Klassenarbeiten.
„Nein“, sagte Winfried. „Die sind nicht für dich.“
Der Schmetterling blieb sitzen.
„Das ist wirklich keine geeignete Lektüre.“
Winfried lachte leise.
Dann bemerkte er etwas.
Eine der Klassenarbeiten gehörte zu einem Schüler, der in letzter Zeit sehr still gewesen war.
Die Arbeit war schlecht.
Sehr schlecht.
Winfried hatte bereits eine Rückmeldung geschrieben.
Doch jetzt dachte er darüber nach.
Vielleicht brauchte der Schüler nicht nur eine schlechte Note und ein paar Korrekturen.
Vielleicht brauchte er jemanden, der mit ihm sprach.
Am nächsten Morgen suchte Winfried ihn nach dem Unterricht auf.
„Herr Meier, hätten Sie kurz Zeit?“
Der Schüler sah ihn unsicher an. „Hab ich was gemacht?“
„Nein.“
„Wegen der Arbeit?“
Winfried nickte. „Auch.“
Der Schüler setzte sich.
Winfried setzte sich ihm gegenüber. „Ihre Leistung ist im Moment deutlich schlechter als sonst.“
Der Schüler schwieg.
„Möchten Sie mir erzählen, woran das liegt?“
Eine Weile kam keine Antwort.
Dann sagte der Schüler leise: „Zu Hause ist gerade ziemlich viel los.“
Winfried hörte zu.
Er unterbrach ihn nicht.
Der Schüler erzählte.
Nicht alles.
Aber genug.
Als das Gespräch vorbei war, sagte Winfried: „Danke, dass Sie mir das erzählt haben.“
Der Schüler nickte.
„Und ich möchte, dass Sie wissen: Eine schlechte Arbeit definiert Sie nicht.“
Der Schüler sah ihn an.
„Okay.“
„Wir schauen gemeinsam, wie es weitergeht.“
Zum ersten Mal seit Tagen lächelte der Schüler.
Als Winfried später zurück ins Lehrerzimmer kam, entdeckte er auf seinem Schreibtisch einen weiteren Papier-Schmetterling.
Diesmal war er größer.
Und auf seiner Rückseite stand nur ein Wort: „Danke.“
Winfried setzte sich.
Er betrachtete den Schmetterling lange.
Dann nahm er ihn und stellte ihn neben die anderen.
Freitag.
Die letzte Stunde der Woche.
Winfried betrat den Klassenraum.
„Guten Morgen zusammen.“
„Guten Morgen, Herr Jakobus.“
Er stellte seine Tasche ab.
Dann bemerkte er etwas.
Auf jedem Tisch lag ein kleiner Schmetterling.
Bunte Papier-Schmetterlinge.
Gelb.
Blau.
Grün.
Rot.
Und auf seinem eigenen Tisch lag ein besonders großer.
Die Klasse war ungewöhnlich still.
Winfried sah die Schüler an. „Was ist denn hier los?“
Eine Schülerin stand auf.
„Wir wollten Ihnen etwas sagen.“
„Mir?“
Sie nickte. „Ja.“
Ein anderer Schüler sagte: „Sie helfen uns ziemlich oft.“
„Das gehört zu meinem Beruf.“
„Trotzdem.“
Eine weitere Schülerin sagte: „Wir finden, dass Sie ein guter Lehrer sind.“
Winfried wusste nicht recht, was er antworten sollte.
„Danke.“
Die Schülerin zeigte auf den großen Schmetterling.
„Der ist für Sie.“
Winfried nahm ihn.
Auf der Rückseite stand: „Danke, dass Sie zuhören.“
Winfried schluckte.
Für einen Moment sagte er gar nichts.
Dann lächelte er. „Das ist … sehr schön.“
Er blickte auf die vielen Schmetterlinge. „Aber wissen Sie was?“
Die Klasse wartete.
„Ich glaube, ich habe diese Woche auch etwas gelernt.“
„Was denn?“
Winfried hielt den großen Schmetterling hoch.
„Dass man manchmal selbst daran erinnert werden muss, warum man etwas tut.“
Es wurde still.
„Und dass kleine Dinge eine ziemlich große Wirkung haben können.“
Die Schülerin, die den großen Schmetterling gebastelt hatte, lächelte.
Winfried setzte sich.
„Dann machen wir heute keinen normalen Unterricht.“
Ein Schüler hob überrascht den Kopf. „Echt?“
„Natürlich machen wir Unterricht.“
Enttäuschtes Stöhnen.
Winfried grinste. „Aber wir machen ihn ein bisschen anders.“
Er schrieb einen Satz an die Tafel: „Was kann ein kleiner Schritt verändern?“
Die Schüler begannen zu diskutieren.
Winfried hörte zu.
Und während er so dastand, fiel durch das gekippte Fenster ein Sonnenstrahl.
Draußen flatterte ein Schmetterling vorbei.
Gelb und schwarz.
Genau wie am Montag.
Winfried bemerkte ihn.
Er lächelte.
Vielleicht war es derselbe.
Vielleicht auch nicht.
Es spielte keine Rolle.
Als die Stunde vorbei war, verließen die Schüler den Raum.
Winfried blieb noch einen Moment zurück.
Er nahm die vielen kleinen Schmetterlinge von den Tischen und legte sie vorsichtig zusammen.
Dann steckte er sie in eine Schachtel.
Den großen behielt er in der Hand.
Er wollte ihn in seinem Klassenraum aufhängen.
Nicht als Dekoration.
Sondern als Erinnerung.
Daran, dass Zuhören manchmal wichtiger war als jede perfekte Unterrichtsstunde.
Daran, dass ein freundliches Wort jemanden durch einen schwierigen Tag bringen konnte.
Und daran, dass auch ein kleiner Schmetterling etwas verändern konnte.
Winfried schloss das Fenster.
Er nahm seine Tasche.
Auf dem Weg zum Lehrerzimmer blieb er plötzlich stehen.
An der Wand neben seinem Fach klebte ein letzter kleiner Schmetterling.
Darunter stand: „Bis nächste Woche.“
Winfried lachte. „Na schön.“
Er nahm den Schmetterling nicht ab.
Er ließ ihn dort hängen.
Und als er wenig später das Schulgebäude verließ, war die Kalenderwoche 35 vorbei.
Doch der Schmetterling blieb.
Und irgendwie hatte Winfried das Gefühl, dass auch die kommende Woche etwas Besonderes bereithalten würde.