Parkplatzgespräche
Parkplatzgespräche
Hallo meine lieben Leser,
hier folgt mein 36. Beitrag zur Wochen-Challenge.
Der 36. Prompt lautete wie folgt:
Kalenderwoche 36 von - Leela -
Dein Charakter kommt mit einer oder mehreren Personen (Freunde, Bekannte, Familie…) zusammen auf dem Parkplatz an, wo ihre Autos geparkt stehen. Dort bekommen sie durch Zufall mit, wie ihre Autos zusammen über die anderen Autos lästern.
Vielen Dank Damien Black für dieses schöne Projekt!
Ich wünsche euch nun viel Spaß beim Lesen! Ich hatte viel Freude beim Schreiben!
Viele Grüße
Hira
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Parkplatzgespräche
Der Unterricht war seit einer guten Stunde vorbei und auf dem Parkplatz der kaufmännischen Berufsschule wurde es langsam ruhiger.
Die meisten Schülerinnen und Schüler waren längst nach Hause gefahren. Nur vereinzelt standen noch Autos zwischen den weißen Parkplatzmarkierungen. Einige Lehrkräfte waren ebenfalls noch im Gebäude, andere hatten ihre Taschen längst gepackt und machten sich auf den Heimweg.
Winfried Jakobus gehörte normalerweise zu den Menschen, die ziemlich pünktlich verschwanden.
Zumindest behauptete er das gerne.
In Wahrheit fand sich immer noch irgendeine Kleinigkeit, die erledigt werden musste.
„Nur noch schnell die Klausuren in mein Fach legen“, hatte er sich vor einer halben Stunde gesagt.
Aus dem „schnell“ war schließlich eine halbe Stunde geworden.
Nun trat Winni durch den Seiteneingang der Schule nach draußen. Unter seinem Arm klemmte eine braune Ledertasche, in der sich einige Hefte, sein Kalender und mehrere lose Blätter befanden.
Er trug wie so oft ein auffälliges lila Hemd und eine braune Hose. Das Hemd war ordentlich gebügelt, die Ärmel bis knapp über die Handgelenke reichen gelassen. Die leicht gebräunte Haut seines Gesichts wirkte im warmen Licht der Nachmittagssonne noch etwas dunkler. Seine blauen Augen wanderten über den Parkplatz, während er kurz stehen blieb.
„Na endlich“, murmelte er.
Dann sah er sein Auto.
Es stand dort, wo er es am Morgen abgestellt hatte.
Und direkt daneben stand ein zweites Auto.
Winni erkannte es sofort.
„Hira?“
Er musste lächeln.
Ein schwarzer Wagen stand auf dem Parkplatz und Hira lehnte einige Meter entfernt an der Fahrertür.
Ihre langen schwarzen Haare fielen ihr über die Schultern. Sie hatte die Arme verschränkt und sah offenbar auf ihr Handy.
Als sie Winni bemerkte, hob sie den Kopf. „Da bist du ja.“
„Ich könnte dasselbe von dir behaupten.“
Hira grinste. „Ich war pünktlich.“
„Das bezweifle ich.“
„Frechheit.“
Winni schmunzelte. „Du kennst mich doch.“
„Leider.“
„Das klingt jetzt aber gemein.“
Hira lachte.
Zwischen den beiden herrschte eine Vertrautheit, die sich über viele Jahre entwickelt hatte.
Früher war Winfried Jakobus einfach ihr Deutschlehrer gewesen.
Einer dieser Lehrer, bei denen Hira anfangs nicht genau wusste, was sie von ihm halten sollte.
Er war freundlich gewesen, aber gleichzeitig hatte er auf seine Art klare Grenzen gezogen. Er hatte seine Schülerinnen und Schüler immer gesiezt und darauf bestanden, dass sie ihn ebenfalls respektvoll behandelten.
Doch Hira hatte schnell gemerkt, dass hinter seiner ruhigen Art jemand steckte, der sich tatsächlich für seine Schülerinnen und Schüler interessierte.
Er hatte ihr geholfen, wenn sie bei Aufgaben nicht weiterkam.
Er hatte ihr zugehört, wenn sie Sorgen hatte.
Und manchmal hatte er einfach gemerkt, dass mit ihr etwas nicht stimmte, bevor sie selbst überhaupt darüber gesprochen hatte.
Nach ihrer Schulzeit war der Kontakt nie ganz abgerissen.
Aus gelegentlichen Gesprächen waren längere Gespräche geworden.
Aus Treffen wurden regelmäßige Treffen.
Und irgendwann war aus ehemaligem Lehrer und ehemaliger Schülerin eine tiefe Freundschaft geworden.
Winni ging zu seinem Auto. „Wollen wir?“
„Ja.“
Hira stieß sich von ihrem Wagen ab. „Ich habe übrigens Hunger.“
„Das überrascht mich nicht.“
„Was soll das denn heißen?“
„Du hast dich früher schon nach jeder Doppelstunde über Hunger beschwert.“
„Das war berechtigt.“
„Natürlich.“
Beide stiegen in ihre Autos.
Winni schloss die Fahrertür seines Wagens auf.
Hira öffnete ebenfalls ihre Tür.
Und genau in diesem Moment geschah etwas, das keiner von beiden bemerkte.
Die beiden Autos standen nämlich nicht einfach nur nebeneinander.
Sie kannten sich.
Sehr gut sogar.
Und sie hatten Meinungen.
Viele Meinungen.
***
„Also ich sage es dir“, brummte Winnis Auto.
Hiras Auto antwortete sofort. „Was?“
„Das rote da drüben.“
„Welches rote?“
„Der kleine.“
„Ach, der?“
„Ja.“
„Was ist mit dem?“
Winnis Auto schnaubte innerlich. „Der parkt schon wieder schief.“
Hiras Auto betrachtete den roten Kleinwagen.
Tatsächlich stand er ein gutes Stück über der Parkplatzmarkierung.
„Das ist wirklich schlimm.“
„Danke.“
„Wofür?“
„Dass du meine Meinung teilst.“
„Ich teile nicht deine Meinung. Ich stelle nur fest, dass er schief steht.“
„Das ist dasselbe.“
„Nein.“
„Doch.“
„Nein.“
„Wir sind uns einig.“
„Sind wir nicht.“
Die beiden Autos schwiegen kurz.
Dann sagte Hiras Auto: „Das silberne SUV ist schlimmer.“
Winnis Auto blickte in die entsprechende Richtung. „Oh.“
„Eben.“
„Das steht ja halb auf zwei Parkplätzen.“
„Halb?“
„Gut. Fast ganz.“
„Der hat heute Morgen schon zwei Plätze gebraucht.“
„Vielleicht ist das Auto einfach zu groß.“
„Das ist keine Entschuldigung.“
„Vielleicht hat der Fahrer Angst, dass jemand dagegen fährt.“
„Dann soll er Fahrrad fahren.“
Winnis Auto musste lachen. „Das ist gemein.“
„Aber wahr.“
***
Währenddessen hatte Winni die Fahrertür bereits geöffnet.
Hira war ebenfalls gerade dabei einzusteigen.
„Fahren wir hintereinander?“, fragte sie.
„Meinetwegen.“
„Du fährst aber nicht wieder so langsam.“
Winni sah sie gespielt empört an. „Ich fahre völlig normal.“
„Du fährst wie ein Rentner.“
„Ich bin ein verantwortungsbewusster Autofahrer.“
„Ausrede.“
Winni schüttelte lachend den Kopf. „Na gut. Fahr du vor.“
„Sehr gerne.“
Hira stieg ein.
Winni setzte sich ebenfalls hinter das Lenkrad.
Doch bevor einer der beiden den Motor startete, hörten sie plötzlich etwas.
Ein leises Geräusch.
Nicht von einem Menschen.
Es klang beinahe wie ein gedämpftes Lachen.
Hira hielt inne.
Sie sah zu Winni.
Winni sah zu Hira. „Hast du das gehört?“
„Ja.“
„Was war das?“
„Keine Ahnung.“
Hira runzelte die Stirn. „Vielleicht war das irgendein Geräusch vom Motor.“
„Mein Motor ist noch aus.“
„Stimmt.“
Wieder dieses Geräusch.
„Das kommt von den Autos“, sagte Hira.
Winni sah sie an. „Bitte was?“
„Ich glaube, unsere Autos reden.“
Stille.
Winni blinzelte. „Unsere Autos... reden?“
„Ja.“
„Hira.“
„Was?“
„Ich glaube, du brauchst dringend etwas zu essen.“
„Warum?“
„Weil du anfängst, mit Autos zu sprechen.“
„Ich spreche nicht mit ihnen. Sie sprechen miteinander.“
Winni sah zu den beiden Wagen. „Das macht es natürlich wesentlich normaler.“
Hira musste lachen. „Komm.“
„Wohin?“
„Wir schauen nach.“
„Nach was?“
„Keine Ahnung.“
Hira ging um ihr Auto herum.
Winni folgte ihr.
Beide blieben zwischen den Fahrzeugen stehen.
„Nichts“, sagte Winni.
„Moment.“
Hira legte den Kopf leicht schief. „Da!“
„Was?“
„Sie haben wieder geredet.“
Winni sah sie skeptisch an. „Wer?“
„Unsere Autos.“
„Das haben wir bereits festgestellt.“
„Und sie lästern.“
Winni sah zu seinem Auto. „Oh nein.“
Hira grinste. „Oh doch.“
***
Die beiden blieben einfach stehen.
Sie konnten ihren Ohren kaum trauen.
„Also“, begann Hiras Auto, „ich finde den grünen Wagen eigentlich ganz sympathisch.“
„Den?“
„Ja.“
„Der fährt immer so langsam.“
„Vielleicht ist er vorsichtig.“
„Du findest jeden sympathisch.“
„Nicht jeden.“
„Wen denn nicht?“
Hiras Auto schwieg kurz. „Den schwarzen Kombi.“
„Warum?“
„Der hat mich gestern beim Rückwärtsfahren fast gerammt.“
„Das ist ein gutes Argument.“
Hiras Auto wirkte zufrieden. „Danke.“
Winni musste plötzlich lachen.
Hira sah ihn an. „Was?“
„Nichts.“
„Du lachst.“
„Ich finde nur...“
Winni schüttelte den Kopf. „Das ist absurd.“
„Aber lustig.“
„Sehr.“
„Ich möchte wissen, was mein Auto von dir hält.“
„Das möchte ich lieber nicht wissen.“
„Warum?“
„Weil es vermutlich ehrlicher ist als du.“
„Hey!“
„War nur ein Scherz.“
---
Dann begann Hiras Auto plötzlich über Winnis Auto zu sprechen.
„Dein Fahrer ist aber nett.“
„Meiner?“
„Ja.“
„Der Mann mit dem lila Hemd?“
„Genau.“
„Der ist schon ziemlich auffällig.“
Hiras Auto lachte. „Das Hemd?“
„Vor allem das Hemd.“
„Er trägt fast immer lila.“
„Warum?“
„Keine Ahnung.“
„Vielleicht glaubt er, Lila sei eine Persönlichkeit.“
Hira hob plötzlich eine Augenbraue. „Hast du das gehört?“
Winni sah sie an. „Was?“
„Sie reden über dein Hemd.“
Winni wurde hellhörig. „Was sagen sie?“
Hira grinste. „Dass du auffällig bist.“
„Das wusste ich bereits.“
„Sie glauben, du würdest Lila tragen, weil es eine Persönlichkeit ist.“
Winni starrte sein Auto an. „Das ist beleidigend.“
Hira lachte. „Es hat dich beleidigt.“
„Mein eigenes Auto.“
„Du solltest dir ein neues kaufen.“
„Nach dieser Äußerung definitiv.“
Winnis Auto war empört. „Ich habe nie gesagt, dass er schlecht aussieht!“
Hiras Auto antwortete: „Du hast gesagt, sein Hemd sei auffällig.“
„Auffällig ist nicht schlecht.“
„Na also.“
„Ich finde ihn sympathisch.“
Winni verschränkte die Arme. „Na wenigstens das.“
Hira sah ihn an. „Dein Auto mag dich.“
„Das beruhigt mich.“
***
Dann wurde Hiras Auto plötzlich leiser. „Aber du sorgst dich wirklich um sie, oder?“
Winnis Auto antwortete: „Wen?“
„Hira.“
Winni hörte auf zu lachen.
Hira ebenfalls.
„Ja“, sagte Winnis Auto.
„Mehr als bei den anderen?“
Eine kurze Pause.
„Sie war seine Schülerin.“
„Das weiß ich.“
„Er hat sie schon damals nicht einfach als eine von vielen gesehen.“
Hira wurde still.
Winni sah zu ihr.
Sein Gesicht hatte sich verändert.
Das Lächeln war verschwunden und seine blauen Augen wirkten nachdenklich.
„Was sagen sie?“, fragte er leise.
Hira antwortete nicht sofort. „Sie reden über mich.“
„Was sagen sie?“
Hira sah auf den Boden. „Dass du dich schon früher um mich gekümmert hast.“
Winni schwieg.
Das war nichts Neues.
Trotzdem fühlte es sich seltsam an, das von seinem eigenen Auto zu hören.
Hira strich sich eine Strähne ihres langen schwarzen Haares hinter das Ohr. „Das stimmt ja auch.“
„Natürlich.“
„Du warst damals wirklich ein guter Lehrer.“
Winni lächelte leicht. „Du warst eine anstrengende Schülerin.“
„Ich?“
„Manchmal.“
„Frech.“
„Aber eine gute Schülerin.“
Hira lächelte. „Danke.“
Winni sah sie einen Moment an. „Und heute bist du eine gute Freundin.“
Hira erwiderte seinen Blick. „Du auch.“
***
Auf dem Parkplatz herrschte inzwischen wieder Ruhe.
Die beiden Autos schwiegen.
Zumindest für einige Sekunden.
Dann meldete sich Hiras Auto: „Ich finde übrigens, die beiden sollten jetzt fahren.“
Winnis Auto antwortete: „Warum?“
„Weil ich keine Lust mehr habe, hier herumzustehen.“
„Da stimme ich dir ausnahmsweise zu.“
Hira sah zu ihrem Wagen.
„Ich glaube, sie wollen, dass wir fahren.“
Winni seufzte. „Dann sollten wir ihnen den Gefallen tun.“
„Du meinst, bevor sie noch mehr über uns lästern?“
„Das wäre vermutlich vernünftig.“
Hira öffnete die Fahrertür. „Bis später.“
„Wir fahren doch zusammen.“
„Stimmt.“
„Du bist wirklich manchmal vergesslich.“
„Und du bist wirklich manchmal nervig.“
„Das gehört zu meinem Charme.“
Hira grinste. „Na dann, Herr Jakobus.“
„Bitte?“
„Nichts.“
Sie stieg ein.
Winni setzte sich ebenfalls in sein Auto.
Bevor er die Tür schloss, hörte er noch einmal eine Stimme. „Winni?“
Er erstarrte.
Langsam drehte er sich um.
Niemand war da.
Hira saß bereits in ihrem Auto.
Winni sah auf seinen Wagen.
„Warst du das?“
Keine Antwort.
Er schüttelte den Kopf.
„Ich glaube, ich werde langsam verrückt.“
Dann stieg er ein.
Der Motor sprang an.
Neben ihm startete Hiras Auto.
Beide Wagen rollten langsam vom Parkplatz.
Während Hira vorfuhr, schaute sie noch einmal in den Rückspiegel.
„Bis gleich“, sagte sie.
Winni winkte ihr kurz zu. „Bis gleich.“
Die beiden Autos fuhren hintereinander die Ausfahrt hinunter.
Und kaum waren sie außer Sichtweite der anderen Fahrzeuge, begann das Lästern wieder.
„Also“, sagte Winnis Auto, „ich mag sie.“
„Ich auch.“
„Und er ist wirklich nett.“
„Das habe ich dir doch gesagt.“
„Aber sein Hemd...“
„Jetzt fang nicht wieder damit an.“
„Ich sage ja nur.“
„Es ist lila.“
„Sehr lila.“
„Du bist unmöglich.“
„Danke.“
Hiras Auto lachte.
Und während die beiden Fahrzeuge gemeinsam vom Parkplatz verschwanden, blieb dort nur noch eine Reihe schweigender Autos zurück.
Zumindest äußerlich.
Denn wer genau hinhörte, konnte noch immer ein leises Murmeln hören.
„Der rote steht immer noch schief.“
„Das ist wirklich nicht auszuhalten.“
„Ich sag's dir...“
„Menschen sind schon seltsam.“
„Autos auch.“
„Stimmt.“
„Aber wir sehen wenigstens gut aus.“
„Das bildest du dir ein.“
„Lass mir doch meine Illusion.“
Und damit wurde es wieder still auf dem Parkplatz.