Ein Datum voller Schweigen
Ein Datum voller Schweigen
Hallo meine lieben Leser,
hier folgt mein 37. Beitrag zur Wochen-Challenge.
Der 37. Prompt lautete wie folgt:
Kalenderwoche 37 von Damien Black
In der Familie deines Charakters gibt es ein Datum, welches seine Familie gerne aus dem Kalender streichen würde. An diesem Tag darf nichts gemacht werden. Keine Hochzeit. Keine Feier. Kein Termin. Einfach nichts. Als dein Charakter nach vielen Jahren den Grund dafür erfährt, ist er fassungslos. Was das für ein Grund ist und ob sich euer Charakter weiter an diese Regelung hält, ist euch überlassen.
Es wurde sehr emotional heute!
Vielen Dank Damien Black für dieses schöne Projekt!
Ich wünsche euch nun viel Spaß beim Lesen! Ich hatte viel Freude beim Schreiben!
Viele Grüße
Hira
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Ein Datum voller Schweigen
Winfried Jakobus hatte schon als Kind gelernt, dass es in seiner Familie einen Tag gab, an dem nichts geschah.
Nicht im übertragenen Sinne.
Es war tatsächlich so gemeint.
An diesem einen Tag im Jahr wurde nichts geplant.
Keine Hochzeit.
Keine Geburtstagsfeier.
Keine Taufe.
Keine große Familienfeier.
Kein Ausflug.
Kein gemeinsames Essen in einem Restaurant.
Nicht einmal ein wichtiger Termin wurde auf diesen Tag gelegt, wenn es sich irgendwie vermeiden ließ.
Der Tag war einfach da.
Und gleichzeitig war er in der Familie Jakobus so gut wie nicht vorhanden.
Winfried hatte lange gebraucht, um überhaupt zu verstehen, dass diese Regel existierte.
Als kleiner Junge war ihm zunächst nur aufgefallen, dass seine Mutter bestimmte Tage im Kalender besonders markierte. Geburtstage waren natürlich eingetragen. Weihnachten. Ostern. Arzttermine. Schulferien. Familienfeiern.
Und dann gab es diesen einen Tag.
Bei ihm zu Hause stand er jedes Jahr einfach leer.
Nicht einmal ein kleiner Vermerk befand sich dort.
Keine Notiz.
Kein Name.
Kein Geburtstag.
Nichts.
Winfried hatte irgendwann, als er ungefähr sieben Jahre alt gewesen war, seine Mutter danach gefragt.
„Mama?“
„Ja, Winfried?“
„Warum ist der 17. Oktober immer leer?“
Seine Mutter hatte damals innegehalten.
Nur ganz kurz.
Für einen siebenjährigen Jungen wäre es wahrscheinlich kaum bemerkbar gewesen, wenn er nicht ohnehin ein sehr aufmerksames Kind gewesen wäre.
Doch Winfried bemerkte es.
Seine Mutter hatte den Stift, mit dem sie gerade einen anderen Termin in den Kalender eingetragen hatte, langsam auf den Tisch gelegt.
„Weil wir an diesem Tag nichts planen.“
Winfried hatte sie verwundert angesehen. „Warum?“
Seine Mutter hatte kurz gelächelt.
Es war kein richtiges Lächeln gewesen.
Eher der Versuch, ein Lächeln entstehen zu lassen.
„Das ist eine alte Familienregel.“
„Warum?“
„Weil es so ist.“
Winfried hatte die Stirn gerunzelt.
Das war für ihn keine zufriedenstellende Antwort gewesen.
„Aber warum?“
Seine Mutter hatte ihm über die Haare gestrichen. „Manche Dinge macht man einfach nicht.“
„Aber was darf man nicht machen?“
„An diesem Tag heiraten.“
„Warum?“
„Winfried.“
„Ja?“
„Frag bitte nicht weiter.“
Er hatte damals tatsächlich nicht weiter gefragt.
Zumindest nicht an diesem Tag.
Doch vergessen hatte er die Sache nicht.
Im Gegenteil.
Sie hatte sich irgendwo in seinem Kopf festgesetzt.
Und je älter er wurde, desto merkwürdiger erschien ihm die Regel.
In der Familie schien jeder davon zu wissen.
Sein Großvater wusste davon.
Seine Großmutter wusste davon.
Seine Mutter wusste davon.
Sein Vater wusste davon.
Seine Tanten wussten davon.
Und alle hielten sich daran.
Niemand erklärte ihm jedoch, warum.
Wenn Winfried irgendwann fragte, bekam er immer dieselbe Art von Antwort: „Das ist Familientradition.“
Oder: „Das war schon immer so.“
Oder „An diesem Tag macht man eben nichts.“
Einmal fragte Winfried seine Großmutter.
Er war inzwischen zehn Jahre alt.
Sie saß in der Küche und schälte Äpfel, während Winfried ihr gegenüber am Tisch saß.
„Oma?“
„Ja?“
„Warum darf man am 17. Oktober nicht heiraten?“
Das Messer blieb mitten in der Bewegung stehen.
Seine Großmutter sah ihn an. „Wer hat dir gesagt, dass man an dem Tag nicht heiraten darf?“
„Mama.“
„Ach.“
Mehr sagte sie zunächst nicht.
Winfried wartete. „Und warum?“
Seine Großmutter legte das Messer beiseite. „Weil es kein guter Tag für unsere Familie ist.“
„Warum?“
„Weil an diesem Tag einmal etwas Schlimmes passiert ist.“
Winfried wurde sofort aufmerksam. „Was?“
Seine Großmutter sah ihn lange an. „Das wirst du irgendwann erfahren.“
„Wann?“
„Wenn du älter bist.“
„Wie alt?“
Sie lächelte traurig. „Alt genug.“
Winfried gab sich damit nicht zufrieden. „Wie alt ist alt genug?“
„Älter als zehn.“
„Elf?“
Seine Großmutter musste trotz allem ein wenig lachen. „Vielleicht.“
Doch als Winfried elf wurde und erneut fragte, bekam er keine Antwort.
Mit zwölf ebenfalls nicht.
Mit dreizehn auch nicht.
Mit vierzehn begann er langsam zu akzeptieren, dass seine Familie ihm den Grund nicht sagen wollte.
Er fand das ausgesprochen frustrierend.
Gerade weil er selbst ein Mensch war, der Dinge verstehen wollte.
Winfried war schon als Kind freundlich und hilfsbereit gewesen. Er hatte selten Streit gesucht und war meistens derjenige, der anderen half, wenn sie etwas nicht verstanden. Später war daraus eine echte Leidenschaft für Sprache geworden.
Er liebte Bücher.
Er liebte Geschichten.
Er liebte es, wenn aus einzelnen Worten etwas entstand, das einen Menschen zum Nachdenken brachte.
Vielleicht war es deshalb nur konsequent gewesen, dass er später Deutschlehrer wurde.
Winfried Jakobus unterrichtete an einer kaufmännischen Berufsschule.
Er war bei seinen Schülern bekannt dafür, dass er freundlich war.
Nicht aufgesetzt freundlich.
Nicht so, dass man sofort merkte, dass ein Lehrer versuchte, beliebt zu sein.
Winfried war einfach ein ruhiger, höflicher Mensch.
Er hörte zu.
Er erklärte Dinge notfalls dreimal.
Wenn ein Schüler eine Aufgabe nicht verstanden hatte, wurde er nicht ungeduldig.
„Versuchen wir es noch einmal“, sagte er dann.
Und wenn jemand nach dem Unterricht zu ihm kam, weil er Schwierigkeiten mit einer Bewerbung, einem Anschreiben oder einer Präsentation hatte, nahm Winfried sich Zeit.
Er siezte seine Schüler grundsätzlich.
Auch wenn einige seiner Schüler nur wenige Jahre jünger waren als er.
„Herr Jakobus, könnten Sie mir vielleicht noch einmal erklären, was genau in die Einleitung gehört?“
„Natürlich. Setzen Sie sich ruhig noch einmal. Wir schauen uns das gemeinsam an.“
Sein Erscheinungsbild war dabei nicht ganz so unauffällig wie sein Wesen.
Winfried trug gerne auffällige lila Hemden.
Sehr gerne sogar.
Während andere Lehrer eher gedeckte Farben bevorzugten, tauchte Winfried regelmäßig in einem kräftigen Violett im Lehrerzimmer auf.
Dazu trug er meist eine braune Hose.
Seine leicht gebräunte Haut, die blauen Augen und das braune, inzwischen leicht zurückgehende Haar gaben ihm ein freundliches und sympathisches Aussehen.
Wenn ein Schüler einmal scherzte, dass Herr Jakobus wahrscheinlich mehr lila Hemden besitze als normale Hemden, grinste Winfried nur.
„Das könnte durchaus sein.“
„Wie viele haben Sie denn?“
„Das verrate ich nicht.“
„Mindestens zehn!“
„Sie sollten sich lieber auf Ihre Klausur vorbereiten.“
„Also mehr als zehn.“
Winfried lachte.
So war er.
Ruhig.
Freundlich.
Hilfsbereit.
Und doch gab es diesen einen Tag, an dem er anders war.
Den 17. Oktober.
Als Winfried etwas älter geworden war, hielt er sich zunächst selbstverständlich an die Familienregel.
Nicht, weil er den Grund kannte.
Sondern weil er es gewohnt war.
Wenn seine Freunde eine Geburtstagsfeier für diesen Tag planten, sagte er ab.
Wenn ein Kollege ihn einmal fragte, ob er an diesem Datum bei einer Feier dabei sein könne, musste er überlegen.
„Leider nicht.“
„Warum?“
Winfried zuckte mit den Schultern. „Familientradition.“
Er konnte damals selbst nicht erklären, warum er sich so strikt daran hielt.
Es war einfach etwas, das man in seiner Familie tat.
Als er ungefähr Mitte zwanzig war, begann er jedoch, die Regel zunehmend merkwürdig zu finden.
Er war erwachsen.
Er konnte selbst entscheiden.
Warum sollte er sich an ein Verbot halten, dessen Grund ihm niemand nennen wollte?
Eines Tages saß er mit seiner Mutter am Küchentisch.
„Mama.“
„Hm?“
„Ich möchte dich etwas fragen.“
„Das klingt ernst.“
„Es geht um den 17. Oktober.“
Seine Mutter wurde still.
Winfried sah es sofort. „Ich bin inzwischen alt genug, oder?“
Sie blickte auf ihre Hände. „Wofür?“
„Um zu erfahren, warum wir diesen Tag aus unserem Kalender streichen.“
Seine Mutter antwortete nicht.
Winfried wartete. „Ich bin kein Kind mehr.“
„Das weiß ich.“
„Dann sag es mir.“
Seine Mutter seufzte. „Ich kann nicht.“
„Warum nicht?“
„Weil ich es deinem Großvater versprochen habe.“
Winfried lehnte sich zurück. „Was hast du ihm versprochen?“
„Dass ich dir den Grund nicht erzählen werde.“
„Warum?“
„Weil er wollte, dass du es selbst irgendwann erfährst.“
Winfried runzelte die Stirn. „Das ergibt überhaupt keinen Sinn.“
„Ich weiß.“
„Wer soll es mir denn erzählen?“
Seine Mutter sah ihn an. „Dein Großvater.“
Winfried schwieg.
Sein Großvater war zu diesem Zeitpunkt bereits alt.
Sehr alt.
Und gesundheitlich ging es ihm nicht mehr besonders gut.
„Warum hat er es mir dann noch nicht erzählt?“
„Vielleicht wartet er auf den richtigen Zeitpunkt.“
Winfried schüttelte den Kopf. „Ihr macht daraus ein Geheimnis.“
„Ja.“
„Warum?“
„Weil es für ihn sehr schwer ist.“
Diese Antwort ließ Winfried erstmals wirklich nachdenklich werden.
Bis dahin hatte er geglaubt, seine Familie würde ihm etwas vorenthalten, weil es irgendeine merkwürdige alte Tradition war.
Vielleicht ein Aberglaube.
Vielleicht eine Geschichte, die irgendwann einmal entstanden war und von Generation zu Generation weitergegeben wurde.
Doch nun verstand er, dass etwas dahintersteckte.
Etwas, das weh tat.
Einige Jahre vergingen.
Winfried arbeitet bereits als Lehrer.
Er war inzwischen aus seinem Elternhaus ausgezogen.
Lebte sein eigenes Leben.
Er unterrichtete an der Berufsschule, kümmerte sich um seine Schüler und führte ein ruhiges Leben.
Der 17. Oktober blieb trotzdem unangetastet.
Er plante an diesem Tag nichts.
Wenn jemand ihn fragte, sagte er: „Da habe ich grundsätzlich keinen Termin.“
Manchmal wurde er dafür belächelt. „Sie glauben doch nicht wirklich an so etwas?“
Winfried lächelte dann. „Es geht nicht ums Glauben.“
„Sondern?“
„Um Respekt.“
Damals wusste er selbst noch nicht genau, wem dieser Respekt galt.
Dann kam der Herbst, in dem sein Großvater sehr schwer erkrankte.
Winfried besuchte ihn häufiger.
Eines Abends saß er neben seinem Bett.
Draußen regnete es.
Winfried trug an diesem Abend natürlich kein lila Hemd.
Er hatte seinem Großvater zuliebe ein schlichtes Hemd angezogen.
Der alte Mann lag ruhig da.
Eine Weile sagten beide nichts.
Dann öffnete der Großvater die Augen. „Winfried.“
„Ja?“
„Weißt du noch, welcher Tag bald kommt?“
Winfried musste nicht überlegen. „Der 17. Oktober.“
Sein Großvater nickte. „Du hältst dich immer noch daran.“
„Natürlich.“
„Warum?“
Winfried lächelte schwach. „Weil es unsere Regel ist.“
Der Großvater sah ihn lange an.
Dann sagte er: „Nein.“
Winfried verstummte. „Was?“
„Es ist nicht unsere Regel.“
„Aber natürlich ist es das.“
„Nein.“
Der alte Mann atmete schwer. „Es ist unser Versprechen.“
Winfried spürte plötzlich einen Kloß im Hals. „Was ist am 17. Oktober passiert?“
Sein Großvater schloss die Augen.
Lange antwortete er nicht.
Dann sagte er: „Dein Onkel ist an diesem Tag gestorben.“
Winfried wusste, dass er einen Onkel hatte, über den in der Familie kaum gesprochen wurde.
Aber er hatte ihn nie kennengelernt.
Sein Onkel war vor seiner Geburt gestorben.
Winfried wusste lediglich seinen Namen.
Matthias.
Mehr nicht.
„Wie?“
Sein Großvater schwieg.
„Opa?“
Der alte Mann öffnete die Augen. „Bei einem Autounfall.“
Winfried senkte den Blick. „Das wusste ich nicht.“
„Du solltest es auch nicht wissen.“
„Warum?“
Der Großvater sah aus dem Fenster. „Weil die Wahrheit schlimmer ist.“
Winfried sagte nichts.
Der Regen prasselte gegen die Scheibe.
„Es war kein normaler Unfall“, sagte sein Großvater schließlich.
Winfried hob langsam den Kopf. „Was meinst du damit?“
„Matthias wurde absichtlich angefahren.“
Winfried glaubte zunächst, er hätte sich verhört. „Was?“
„Ein anderes Auto ist absichtlich in seines gefahren.“
Winfried wurde bleich. „Absichtlich?“
Sein Großvater nickte. „Ja.“
„Warum?“
„Das weiß niemand mit Sicherheit.“
„Aber wer war der Fahrer?“
„Die Polizei hat ermittelt.“
„Und?“
Der alte Mann schüttelte langsam den Kopf. „Es gab vieles, was nie geklärt wurde.“
Winfried war nun blass.
Er musste sich setzen.
Er hatte das Gefühl, dass der Raum plötzlich kleiner geworden war.
„Wie alt war er?“
„Einunddreißig.“
Winfried schluckte.
Einunddreißig.
Ein Mensch.
Ein Sohn.
Ein Bruder.
Ein Onkel, den Winfried nie kennenlernen durfte.
„Was ist genau passiert?“
Sein Großvater erzählte ihm die Geschichte.
Matthias war an diesem Tag nach der Arbeit nach Hause gefahren.
Es war ein gewöhnlicher Herbsttag gewesen.
Nichts hatte darauf hingedeutet, dass sich das Leben der Familie innerhalb weniger Minuten verändern würde.
Matthias fuhr mit seinem Wagen auf einer Landstraße.
Es war kurz nach Feierabend.
Er war allein.
Ein anderes Fahrzeug näherte sich ihm.
Zunächst sah alles normal aus.
Doch dann wechselte der andere Wagen plötzlich die Spur.
Nicht versehentlich.
Nicht wegen Glätte.
Nicht weil der Fahrer die Kontrolle verloren hatte.
Er fuhr direkt auf Matthias zu.
Matthias versuchte noch auszuweichen.
Doch es war zu spät.
Die Fahrzeuge kollidierten.
Der Aufprall war so heftig, dass Matthias schwer verletzt wurde.
Er starb noch am Unfallort.
Winfried saß vollkommen regungslos da. „Warum?“
Sein Großvater sah ihn an. „Wir wissen es nicht.“
„Aber warum sollte jemand meinen Onkel töten wollen?“
„Das haben wir uns alle gefragt.“
„Und der andere Fahrer?“
„Er hat überlebt.“
Winfried schluckte. „Was ist mit ihm passiert?“
Sein Großvater erzählte ihm, dass die Ermittlungen lange gedauert hatten.
Es hatte Hinweise gegeben.
Aussagen.
Widersprüchliche Erklärungen.
Vermutungen.
Doch vieles ließ sich nicht eindeutig beweisen.
Und für die Familie war am Ende nur eines sicher geblieben:
Matthias war tot.
Und der 17. Oktober war von diesem Moment an für immer mit seinem Tod verbunden.
Winfried starrte seinen Großvater an.
„Und deshalb darf an diesem Tag nichts stattfinden?“
„Ja.“
„Keine Hochzeit?“
„Keine Hochzeit.“
„Keine Feier?“
„Keine Feier.“
„Keine Termine?“
„Wenn es sich vermeiden lässt, nein.“
Winfried schloss die Augen. „Aber warum wurde mir das nie erzählt?“
Sein Großvater antwortete leise: „Weil deine Mutter und dein Vater dich schützen wollten.“
„Wovor?“
„Vor dem Wissen, dass jemand einen Menschen aus unserer Familie absichtlich aus dem Leben gerissen hat.“
Winfried wusste nicht, was er darauf sagen sollte.
Er saß einfach da.
Minutenlang.
Dann fragte er: „Warum hast du mir jetzt davon erzählt?“
Sein Großvater sah ihn an. „Weil ich nicht weiß, wie viele 17. Oktober ich noch erleben werde.“
Diese Worte trafen Winfried besonders hart.
Er nahm die Hand seines Großvaters. „Opa.“
„Du musst die Regel nicht mehr befolgen, wenn du nicht willst.“
Winfried schüttelte sofort den Kopf. „Doch.“
Sein Großvater sah ihn überrascht an. „Du willst?“
Winfried nickte. „Ja.“
„Warum?“
Winfried sah auf die Hand seines Großvaters. „Weil ich jetzt weiß, warum.“
Seine Stimme wurde leiser. „Und weil Matthias sonst niemanden mehr hat, der sich an ihn erinnert.“
Sein Großvater sagte nichts.
Eine Träne lief über seine Wange.
Winfried tat so, als hätte er sie nicht gesehen.
Aber er hielt die Hand seines Großvaters fester.
Am nächsten 17. Oktober stand Winfried früh auf.
Es war ein grauer Herbstmorgen.
Er zog sich langsam an.
Ausgerechnet an diesem Tag lag eines seiner auffälligen lila Hemden auf dem Stuhl.
Er betrachtete es.
Normalerweise hätte er es sofort angezogen.
Doch an diesem Morgen nahm er stattdessen ein schlichtes Hemd.
Er machte sich einen Kaffee.
Frühstückte.
Und setzte sich anschließend an den Küchentisch.
Vor ihm lag der Kalender.
Der 17. Oktober.
Leer.
Winfried nahm einen Stift.
Er hielt ihn über das Feld.
Dann legte er ihn wieder weg.
Er schrieb nichts hinein.
Das Datum blieb leer.
Nicht, weil es nicht existierte.
Sondern weil er inzwischen wusste, dass es einmal einen Menschen gegeben hatte, dessen Leben an diesem Tag beendet worden war.
Später fuhr Winfried zum Friedhof.
Er hatte das Grab seines Onkels schon einige Male gesehen.
Aber noch nie hatte er dort wirklich verstanden, wer dort lag.
Nun stand er davor.
Matthias Jakobus.
Ein Name.
Ein Geburtsdatum.
Ein Sterbedatum.
31 Jahre.
Winfried legte Blumen nieder.
Eine ganze Weile sagte er nichts.
Dann begann er leise zu sprechen. „Hallo, Matthias.“
Er fühlte sich zunächst etwas merkwürdig dabei.
Schließlich hatte er nie mit seinem Onkel gesprochen.
Er hatte ihn nie gesehen.
Er wusste nicht, wie seine Stimme geklungen hatte.
Er wusste nicht, welche Bücher er mochte.
Nicht, welchen Humor er hatte.
Nicht, ob er gerne Musik hörte.
Nicht, ob er Kaffee oder Tee bevorzugte.
Er wusste nur, dass er existiert hatte.
Und dass er viel zu früh gestorben war.
„Ich kenne Sie leider nicht.“
Winfried lächelte traurig. „Aber ich habe kürzlich von Ihnen erfahren.“
Der Wind bewegte die Blätter.
„Und ich werde mich an Sie erinnern.“
Danach stand er noch lange dort.
Von diesem Tag an bekam der 17. Oktober für Winfried eine andere Bedeutung.
Er war kein geheimnisvoller Familientag mehr.
Er war ein Gedenktag.
Ein stiller Tag.
Ein Tag, an dem Winfried sich bewusst daran erinnerte, dass hinter einem Datum ein Mensch stehen konnte.
Er hielt sich weiterhin an die Regel.
Wenn möglich, plante er an diesem Tag nichts.
Keine Hochzeit.
Keine Feier.
Keinen unnötigen Termin.
Nicht, weil er glaubte, dass an diesem Tag etwas Schlimmes passieren würde.
Nicht, weil er abergläubisch war.
Und auch nicht, weil er glaubte, eine alte Familienregel blind befolgen zu müssen.
Er tat es aus Respekt.
Als einige Jahre später eine Kollegin ihn fragte, ob er am 17. Oktober zu ihrer Geburtstagsfeier kommen könne, lächelte Winfried freundlich.
„Vielen Dank für die Einladung.“
„Aber?“
„Ich kann leider nicht.“
„Warum?“
Winfried überlegte kurz.
Früher hätte er einfach gesagt: „Familientradition.“
Nun tat er das nicht mehr.
„An diesem Tag ist mein Onkel gestorben.“
Die Kollegin wurde sofort still. „Oh.“
Winfried nickte. „Er wurde bei einem Autounfall getötet.“
„Das tut mir leid.“
„Danke.“
Mehr musste nicht gesagt werden.
Doch Winfried merkte, dass sich etwas verändert hatte.
Er schämte sich nicht mehr für die Regel.
Er versteckte sie nicht mehr.
Er erklärte sie.
Wenn jemand fragte.
Nicht immer.
Aber wenn es wichtig war.
Auch an der Berufsschule wussten einige Kollegen irgendwann davon.
Die Schüler erfuhren es nur selten.
Eines Tages bemerkte jedoch ein Schüler, dass Winfried am 17. Oktober besonders still war.
„Herr Jakobus?“
„Ja?“
„Ist heute etwas?“
Winfried sah ihn an. „Wie meinen Sie das?“
„Sie sind heute irgendwie anders.“
Winfried lächelte schwach. „Das kann sein.“
Der Schüler zögerte. „Ist etwas passiert?“
Winfried sah kurz aus dem Fenster.
Dann antwortete er: „Heute ist der Todestag eines Menschen aus meiner Familie.“
Der Schüler wurde verlegen. „Oh. Entschuldigen Sie.“
„Dafür müssen Sie sich nicht entschuldigen.“
„Ich wollte nicht neugierig sein.“
„Das waren Sie auch nicht.“
Winfried nahm seine Unterlagen.
„Aber jetzt sollten wir uns wieder Ihrem Aufsatz widmen.“
Der Schüler musste lachen. „Ja, Herr Jakobus.“
„Und bitte achten Sie diesmal auf die Kommasetzung.“
„Das ist jetzt aber hart.“
„Das Leben ist manchmal hart.“
Winfried lächelte.
Der Schüler grinste.
Und der Unterricht ging weiter.
Am Abend dieses Tages ging Winfried wieder zum Friedhof.
Es war mittlerweile eine feste Gewohnheit geworden.
Er brachte Blumen mit.
Manchmal auch eine Kerze.
Er erzählte Matthias von seinem Alltag.
Von seiner Arbeit.
Von seinen Schülern.
Von lustigen Situationen.
Von schwierigen Tagen.
Von seinem Leben.
Es war seltsam.
Und gleichzeitig tat es gut.
„Heute hat einer meiner Schüler behauptet, er könne eine Bewerbung ohne Anschreiben verschicken.“
Winfried schüttelte lachend den Kopf. „Ich habe ihm erklärt, dass ich davon dringend abrate.“
Der Friedhof blieb still.
„Und ich habe heute wieder ein lila Hemd getragen.“
Er grinste. „Das hätte Ihnen vielleicht gefallen.“
Dann wurde sein Gesicht ernster. „Ich frage mich manchmal, wer Sie gewesen wären, wenn Sie weitergelebt hätten.“
Er legte die Hand auf den kalten Stein. „Sie hätten vielleicht geheiratet.“
Er schwieg. „Vielleicht hätten Sie Kinder bekommen.“
Noch ein Schweigen. „Vielleicht wären Sie irgendwann alt geworden.“
Winfried schluckte. „Und niemand kann das wissen.“
Er blieb dort.
Lange.
Dann sagte er: „Aber eines weiß ich.“
Er sah auf den Namen. „Sie sind nicht vergessen.“
Das war für Winfried der wichtigste Grund, warum er die Regel weiterhin befolgte.
Der 17. Oktober sollte kein Tag sein, vor dem man Angst hatte.
Er sollte auch kein Tag sein, an dem man glaubte, dass Hochzeiten oder Feiern Unglück bringen würden.
Winfried wollte nicht, dass aus dem Tod seines Onkels Aberglaube entstand.
Er wollte Erinnerung.
Mehr nicht.
Und so blieb der 17. Oktober in seinem Kalender leer.
Jahr für Jahr.
Nicht, weil an diesem Tag nichts geschehen durfte.
Sondern weil an diesem Tag bereits etwas geschehen war, das niemals vergessen werden sollte.
Manchmal öffnete Winfried am Abend seinen Kalender und sah auf das leere Feld.
Dann dachte er an seinen Onkel.
An einen Menschen, den er nie kennenlernen durfte.
An einen Mann, dessen Leben durch die absichtliche Tat eines anderen Menschen beendet worden war.
Und jedes Mal dachte Winfried denselben Gedanken: „Vielleicht kann man einen Menschen nicht zurückholen. Vielleicht kann man die Vergangenheit nicht verändern. Vielleicht kann man einen Unfall nicht ungeschehen machen. Aber man kann verhindern, dass jemand völlig vergessen wird.“
Deshalb blieb das Datum leer.
Und Winfried hielt sich weiterhin daran.
Nicht aus Angst.
Nicht aus Aberglauben.
Sondern aus Liebe zu einem Menschen, den er selbst nie kennenlernen durfte.
Und aus Respekt vor seiner Familie, die diesen Verlust jahrzehntelang mit sich getragen hatte.
Der 17. Oktober war für Winfried Jakobus deshalb kein Tag, den man aus dem Kalender streichen musste.
Er war ein Tag, den man niemals vergessen durfte.