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Die letzten Wünsche

Ein Leben Zwischen Den Zeilen – Sammlung Zur Wochen-Challenge — www.fanfiktion.de · All chapters

Die letzten Wünsche

Hallo meine lieben Leser,

hier folgt mein 39. Beitrag zur Wochen-Challenge.

Der 39. Prompt lautete wie folgt:

Kalenderwoche 39 von Damien Black

Dein Charakter wacht eines morgens auf und ist von etlichen Geistern umgeben. Ihm wird mitgeteilt, dass er jedem einzelnen davon bei seinem letzten Wunsch/der letzten Aufgabe helfen muss. Ein Geist stellt ihn dabei vor eine extreme Herausforderung. Was das ist und ob es dein Charakter trotzdem schafft, diesem Geist zu helfen, ist euch überlassen.

Vielen Dank Damien Black für dieses schöne Projekt!

Ich wünsche euch nun  viel Spaß beim Lesen! Ich hatte viel Freude beim Schreiben!

Viele Grüße

Hira

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Die letzten Wünsche

Als Winfried Jakobus an diesem Morgen die Augen öffnete, wusste er zunächst nicht, was ihn geweckt hatte.

Es war kein lauter Knall gewesen. Kein Telefon, das auf dem Nachttisch vibrierte. Kein Wecker, der ihn mit seinem schrillen Klingeln aus dem Schlaf riss. Auch das vertraute Geräusch des Regens gegen die Fensterscheibe, das ihn in den vergangenen Tagen mehrmals geweckt hatte, war nicht zu hören.

Stattdessen herrschte eine ungewöhnliche Stille.

Winfried blinzelte.

Für einen kurzen Moment sah er verschwommen die Decke seines Schlafzimmers. Das vertraute, leicht cremefarbene Weiß, an dem er seit Jahren jeden Morgen vorbei sah. Daneben zeichnete sich das Fenster ab. Draußen musste bereits heller Morgen sein, denn durch die Vorhänge drang ein schmaler Streifen Tageslicht.

Er wollte sich umdrehen.

Dann sah er den ersten Geist.

Winfried erstarrte.

Eine Gestalt schwebte direkt neben seinem Bett.

Sie war durchsichtig.

Nicht vollständig durchsichtig – eher so, als bestünde ihr Körper aus einem dünnen, silbrigen Nebel. Winfried konnte die Konturen eines älteren Mannes erkennen, der vielleicht Ende sechzig gewesen war. Der Mann trug einen dunklen Mantel und hatte die Hände hinter dem Rücken verschränkt.

Winfried sagte nichts.

Der Geist sagte ebenfalls nichts.

Beide sahen sich an.

Dann blinzelte Winfried noch einmal.

Der Geist blieb.

„Ähm …“

Mehr brachte Winfried zunächst nicht heraus.

Er richtete sich langsam im Bett auf.

Der Geist hob eine Augenbraue.

„Guten Morgen, Herr Jakobus.“

Winfried starrte ihn an. „Sie … können mich sehen?“

„Natürlich.“

Winfried schluckte.

Er sah zur anderen Seite seines Bettes.

Dort stand eine Frau.

Dann entdeckte er einen Jungen.

Hinter dem Jungen einen älteren Herrn.

Neben dem Kleiderschrank eine junge Frau.

Auf seinem Schreibtisch saß jemand, dessen Beine einfach durch die Tischplatte hindurchgingen.

Und plötzlich bemerkte Winfried, dass sein Schlafzimmer nicht mehr sein Schlafzimmer war.

Es war voller Menschen.

Geister.

Mindestens zwanzig.

Vielleicht dreißig.

Vielleicht noch mehr.

Sie standen überall.

Einige schwebten. Andere standen scheinbar auf dem Boden. Manche waren halb durchsichtig, andere fast vollständig sichtbar. Einige wirkten traurig, andere genervt, manche neugierig. Ein kleiner Junge hielt sogar einen alten Stoffhasen im Arm.

Winfried zog die Bettdecke bis knapp unter sein Kinn. „Ich … glaube, ich schlafe noch.“

„Das tun Sie nicht“, sagte die ältere Frau neben dem Fenster.

„Das ist beruhigend“, murmelte Winfried.

Einige Geister grinsten.

Winfried rieb sich über das Gesicht. „Gut.“

Er atmete tief durch. „Dann brauche ich vermutlich einen Kaffee.“

Der Geist auf dem Schreibtisch lachte. „Das ist wahrscheinlich die vernünftigste Reaktion.“

Winfried schwang vorsichtig die Beine aus dem Bett.

Er war Lehrer.

Er hatte schon vieles erlebt.

Schüler, die ihre Hausaufgaben vergessen hatten.

Schüler, die behaupteten, ihr Drucker habe genau fünf Minuten vor Unterrichtsbeginn beschlossen, nie wieder zu funktionieren.

Prüfungen, bei denen sich ganze Klassen plötzlich nicht mehr an Dinge erinnern konnten, die sie am Tag zuvor noch problemlos gewusst hatten.

Elterngespräche.

Konferenzen.

Fortbildungen.

Technische Probleme.

Beamer, die grundsätzlich dann nicht funktionierten, wenn man sie am dringendsten brauchte.

Aber eine Horde Geister in seinem Schlafzimmer war neu.

Sehr neu.

Winfried stand auf.

Er zog sich an.

Wie jeden Morgen entschied er sich für eines seiner auffälligeren lila Hemden. Es war ein kräftiges, dunkles Violett, das ihm schon mehrfach Kommentare von Kollegen eingebracht hatte.

„Das ist doch Absicht, oder?“, hatte eine Kollegin einmal gefragt.

„Was?“

„Dass man Sie auf fünfzig Meter erkennt.“

Winfried hatte gelächelt. „Vielleicht.“

Dazu zog er eine braune Hose an.

Die Geister beobachteten ihn dabei.

„Sie machen einfach weiter?“, fragte der junge Mann neben dem Fenster.

Winfried knöpfte sein Hemd zu. „Was soll ich sonst machen?“

„Keine Ahnung. Schreien?“

Winfried sah ihn an. „Das würde vermutlich nichts ändern.“

Der Geist grinste. „Stimmt.“

Winfried ging ins Badezimmer.

Die Geister folgten ihm.

Er putzte sich die Zähne.

Sie standen hinter ihm.

Er wusch sich das Gesicht.

Sie standen neben ihm.

Er sah in den Spiegel.

Und zum ersten Mal bemerkte er etwas, das ihm wirklich Angst machte.

Im Spiegel waren die Geister nicht zu sehen.

Nur er.

Sein leicht gebräuntes Gesicht.

Die blauen Augen.

Das leicht zurückgehende braune Haar.

Das vertraute Gesicht, das er jeden Morgen sah.

Winfried legte die Hände auf das Waschbecken. „Das kann nicht sein.“

„Was?“, fragte die ältere Frau.

„Dass ich Sie sehe.“

„Warum nicht?“

„Weil …“

Er brach ab.

Er hatte keine Erklärung.

Keine logische.

Keine vernünftige.

Und Winfried mochte vernünftige Erklärungen.

Sehr sogar.

Er ging in die Küche.

Die Geister schwebten hinter ihm her.

Winfried setzte Wasser auf.

„Also“, sagte er schließlich. „Ich nehme an, Sie möchten mir etwas erklären.“

Der ältere Mann vom Bett nickte. „Ja.“

„Dann bitte.“

Winfried stellte eine Tasse auf den Tisch. „Wer sind Sie?“

„Menschen, die gestorben sind.“

Winfried hielt inne. „Das hatte ich bereits vermutet.“

„Und wir sind hier, weil wir noch etwas zu erledigen haben.“

Winfried sah ihn an. „Was genau?“

Der Mann schwieg.

Dann sagte er: „Unsere letzten Wünsche.“

Winfried blinzelte. „Bitte was?“

„Jeder von uns hat einen letzten Wunsch. Eine letzte Aufgabe. Etwas, das wir zu Lebzeiten nicht mehr vollenden konnten.“

Winfried stellte den Wasserkocher ab. „Und warum erzählen Sie mir das?“

Die Geister sahen einander an.

Dann trat die ältere Frau vor. „Weil wir Ihre Hilfe brauchen.“

Winfried schwieg.

Dann fragte er: „Meine?“

„Ja.“

„Warum?“

„Weil Sie helfen.“

Winfried runzelte die Stirn. „Das ist eine ziemlich allgemeine Begründung.“

„Sie helfen Menschen.“

„Ich bin Lehrer.“

„Genau.“

„Das erklärt nicht—“

„Sie hören zu.“

Winfried schwieg.

„Sie helfen, wenn jemand nicht weiterweiß.“

Er sah die Geister an. „Und deshalb soll ich …“

Der ältere Mann vollendete den Satz: „Jedem von uns helfen.“

Winfried nahm einen Schluck Kaffee.

Er verschluckte sich fast. „Jedem?“

„Jedem.“

Er stellte die Tasse ab.

„Wie viele sind Sie?“

Ein Geist hob die Hand. „Siebenundzwanzig.“

Winfried starrte ihn an. „Siebenundzwanzig?“

„Im Moment.“

„Im Moment?“

„Es können noch welche dazukommen.“

Winfried schloss kurz die Augen.

Dann öffnete er sie wieder.

Die Geister waren immer noch da.

„Und was passiert, wenn ich Ihnen nicht helfe?“

Niemand antwortete sofort.

Schließlich sagte die ältere Frau: „Dann können wir nicht weiter.“

„Wohin?“

„Dorthin, wohin die Toten gehen.“

Winfried wurde still.

Er sah die Gesichter vor sich.

Plötzlich waren sie nicht mehr einfach Geister.

Es waren Menschen.

Menschen mit Geschichten.

Mit Familien.

Mit Fehlern.

Mit Dingen, die sie bereut hatten.

Mit Dingen, die sie noch sagen wollten.

Mit Dingen, die sie nie wieder tun konnten.

Winfried atmete langsam aus. „Gut.“

Der ältere Mann sah ihn überrascht an. „Gut?“

„Ich helfe Ihnen.“

„Allen?“

Winfried nickte. „Allen.“

Ein leises Raunen ging durch den Raum.

„Aber“, fügte Winfried hinzu, „Sie müssen mir versprechen, dass Sie mir die Wahrheit sagen.“

„Welche Wahrheit?“

„Was Sie wollen. Warum es wichtig ist. Und wenn etwas unmöglich ist, sagen Sie mir das.“

Die Geister sahen einander an.

Dann nickte der ältere Mann. „Einverstanden.“

Damit begann der ungewöhnlichste Tag im Leben von Winfried Jakobus.

Der erste Wunsch war noch einfach.

Eine ältere Frau wollte, dass Winfried einen Brief zu ihrer Tochter brachte.

Die Tochter lebte nur wenige Straßen entfernt.

Der Brief lag seit fast zwanzig Jahren in einer Schublade.

Winfried fand die Adresse.

Er fuhr hin.

Die Tochter war inzwischen selbst eine ältere Frau.

Als Winfried ihr den Brief gab, begann sie zu weinen.

„Woher haben Sie den?“

Winfried erklärte es nicht.

Er sagte nur: „Ihre Mutter wollte, dass Sie ihn bekommen.“

Die Frau setzte sich.

Sie las.

Dann legte sie den Brief an ihre Brust.

„Ich habe so lange gedacht, sie hätte mich vergessen.“

Winfried sagte nichts.

Manchmal war Schweigen hilfreicher als jede Antwort.

Als er wieder nach Hause kam, war der Geist der Frau verschwunden.

Zum ersten Mal verstand Winfried, was die Geister gemeint hatten.

Der zweite Wunsch war schwieriger.

Ein Mann wollte, dass Winfried eine alte Taschenuhr fand.

Der dritte wollte, dass Winfried eine ehemalige Freundin ausfindig machte.

Der vierte wollte, dass Winfried ein Kind davon überzeugte, wieder Klavier zu spielen.

Der fünfte wollte, dass Winfried einen Streit zwischen zwei Geschwistern beendete.

Der sechste wollte, dass er an einem bestimmten Ort einen Stein vergrub.

Der siebte wollte, dass Winfried einem ehemaligen Kollegen sagte, dass er ihm vergeben hatte.

Und so ging es weiter.

Winfried lief.

Er fuhr.

Er telefonierte.

Er suchte.

Er hörte zu.

Er vermittelte.

Er erklärte.

Er tröstete.

Er entschuldigte sich für Dinge, für die er selbst keine Verantwortung trug.

Und immer wieder verschwanden Geister.

Einer nach dem anderen.

Am Abend waren nur noch drei übrig.

Winfried war erschöpft.

Er saß auf seinem Sofa.

Sein lila Hemd war inzwischen zerknittert.

Seine Haare standen etwas durcheinander.

„Ich kann nicht mehr“, sagte er.

Der junge Geist neben ihm lächelte. „Sie haben heute viele Leben berührt.“

Winfried sah ihn an.

„Ich habe nicht viele  Leben gerettet.“

„Nein.“

Der Geist schüttelte den Kopf. „Aber Sie haben vielen Menschen geholfen, loszulassen.“

Winfried schwieg.

Dann sah er zu den letzten drei Geistern.

„Und Sie?“

Der junge Geist senkte den Blick.

„Ich bin der Letzte.“

Winfried richtete sich etwas auf. „Was ist Ihr Wunsch?“

Der Geist antwortete nicht.

„Was muss ich tun?“

„Sie können es nicht.“

Winfried sah ihn lange an. „Das entscheiden Sie nicht.“

„Doch.“

Der Geist blickte auf seine Hände. „Ich will, dass Sie mich nach Hause bringen.“

„Wo ist Ihr Zuhause?“

„In einem Haus.“

„Das lässt sich einrichten.“

Der Geist schüttelte den Kopf. „Es existiert nicht mehr.“

Winfried wurde still. „Was meinen Sie?“

„Mein Zuhause ist abgebrannt.“

„Dann wollen Sie dorthin?“

„Nein.“

Der Geist sah ihn an. „Ich will, dass Sie meine Tochter finden.“

Winfried atmete aus. „Wo lebt sie?“

„Ich weiß es nicht.“

„Ihr Name?“

„Anna.“

„Nachname?“

Der Geist schwieg. „Das wird schwierig.“

„Sie war fünf.“

Winfried sah ihn erschrocken an. „Als Sie gestorben sind?“

Der Geist nickte. „Sie ist jetzt …“

„Dreiundzwanzig.“

Winfried stand auf. „Dann finden wir sie.“

Die Suche begann.

Sie dauerte Tage.

Winfried musste arbeiten.

Unterrichten.

Korrigieren.

Leben.

Und gleichzeitig suchte er nach Anna.

Er fand zunächst nichts.

Dann einen Hinweis.

Eine alte Adresse.

Eine Schule.

Ein ehemaliger Nachbar.

Eine Fotografie.

Ein Name.

Noch ein Name.

Schließlich fand er sie.

Anna lebte in einer anderen Stadt.

Sie arbeitete in einem kleinen Buchladen.

Winfried fuhr hin.

Der Geist saß neben ihm im Auto.

Er sagte während der gesamten Fahrt kein Wort.

Vor dem Buchladen blieb Winfried stehen. „Sind Sie sicher?“

Der Geist nickte.

Winfried betrat das Geschäft.

Eine junge Frau stand hinter dem Tresen.

Braunes Haar.

Grüne Augen.

Ein ruhiges Gesicht.

Sie sah auf. „Kann ich Ihnen helfen?“

Winfried nickte. „Ich hoffe es.“

Er erzählte ihr, wer er war.

Nicht alles.

Nicht sofort.

Er wollte sie nicht erschrecken.

Er sagte nur, dass er einen Brief für sie habe.

Anna wurde blass. „Von wem?“

Winfried legte den Umschlag auf den Tresen.

Ihre Hände zitterten.

Auf dem Umschlag stand nur: Anna.

Sie öffnete ihn.

Der Geist stand hinter ihr.

Und Winfried sah, wie sich sein Gesicht veränderte.

Zum ersten Mal wirkte er nicht mehr wie ein Geist.

Er wirkte wie ein Vater.

Anna las.

Eine Träne fiel auf das Papier.

Dann noch eine.

„Warum hat er mir nie geschrieben?“

Winfried sah zu dem Geist.

Er konnte nicht antworten.

Anna las weiter.

Dann sagte sie: „Ich hätte ihm vergeben.“

Winfried schluckte.

Der Geist trat näher.

Er wollte sie berühren.

Seine Hand ging durch ihre Schulter.

Anna bemerkte nichts.

Winfried schon.

Er sah den Geist an.

Der Mann weinte.

„Sie weiß es jetzt“, sagte Winfried leise.

„Ja.“

„Reicht das?“

Der Geist nickte. „Fast.“

„Was fehlt?“

Der Geist sah zu seiner Tochter. „Sie muss wissen, dass ich stolz auf sie bin.“

Winfried ging zu Anna. „Er war stolz auf Sie.“

Anna sah ihn an.

„Woher wissen Sie das?“

Winfried antwortete: „Weil ich es Ihnen sagen sollte.“

Sie weinte.

Und dann lächelte sie.

Ein kleines, unsicheres Lächeln. „Danke.“

Winfried nickte.

Als er sich umdrehte, war der Geist verschwunden.

Nur ein feiner Lichtschein blieb für einen Moment in der Luft.

Dann war auch dieser verschwunden.

Winfried stand lange still.

Er dachte, nun sei alles vorbei.

Doch als er am nächsten Morgen erwachte, stand ein weiterer Geist neben seinem Bett.

Winfried setzte sich auf. „Nein.“

Der Geist sah ihn überrascht an. „Nein?“

„Ich habe Ihnen geholfen.“

„Ich weiß.“

„Dann sind Sie also  wirklich der letzte?“

Der Geist nickte. „Ja.“

Winfried seufzte. „Was möchten Sie?“

Der Geist schwieg.

Dann sagte er: „Ich möchte, dass Sie etwas tun, das Sie selbst für unmöglich halten.“

Winfried sah ihn aufmerksam an. „Was?“

„Ich möchte, dass Sie jemanden zurückbringen.“

Winfried wurde blass. „Von den Toten?“

„Ja.“

„Das kann ich nicht.“

„Genau.“

Der Geist lächelte traurig. „Das ist die Herausforderung.“

Winfried stand auf. „Wen?“

Der Geist zeigte auf die Tür.

Dort stand plötzlich eine Gestalt.

Winfried erstarrte.

Er kannte sie.

Es war jemand, den Winfried seit Jahren vermisst hatte.

Jemand, dessen Tod er nie vollständig akzeptiert hatte.

Jemand, dessen Stimme er sofort erkannt hätte.

„Das …“

Seine Stimme versagte.

Der Geist sagte: „Sie dürfen ihn nicht einfach zurückholen.“

Winfried sah ihn verwirrt an. „Was soll ich dann tun?“

„Sie müssen verstehen, warum er gehen musste.“

Winfried schwieg.

„Und wenn Sie das verstehen“, fuhr der Geist fort, „müssen Sie ihm seinen letzten Wunsch erfüllen.“

„Welchen?“

Der Geist antwortete: „Er möchte, dass Sie weiterleben.“

Winfried schloss die Augen.

Das war schwieriger als alle Aufgaben zuvor.

Denn plötzlich ging es nicht mehr darum, einen Brief zu übergeben.

Nicht darum, jemanden zu finden.

Nicht darum, einen Streit zu schlichten.

Es ging um ihn selbst.

Um seine eigene Vergangenheit.

Um seine Trauer.

Um Dinge, über die er nie gesprochen hatte.

Winfried setzte sich.

Der Geist blieb bei ihm.

Stundenlang redeten sie.

Winfried erzählte.

Zum ersten Mal seit langer Zeit.

Von den Menschen, die er verloren hatte.

Von den Entscheidungen, die er bereute.

Von den Dingen, die er nie gesagt hatte.

Von der Angst, jemanden zu verlieren.

Von seiner Arbeit.

Von seinen Schülern.

Davon, warum er immer wieder half.

Warum er selbst selten um Hilfe bat.

Und irgendwann sagte Winfried: „Vielleicht dachte ich immer, dass ich stark sein muss.“

Der Geist lächelte. „Das müssen Sie nicht.“

Winfried sah ihn an. „Was muss ich dann?“

„Mensch sein.“

Winfried lachte leise.

Zum ersten Mal seit langer Zeit.

Dann weinte er.

Nicht laut.

Nicht verzweifelt.

Einfach nur Tränen.

Der Geist setzte sich neben ihn.

Und diesmal konnte Winfried seine Hand spüren.

Warm.

Fest.

Vertraut.

„Ich wollte Sie zurückholen“, sagte Winfried.

„Ich weiß.“

„Aber das geht nicht.“

„Nein.“

„Und das ist in Ordnung?“

Der Geist nickte. „Ja.“

Winfried wischte sich über das Gesicht. „Dann habe ich Ihren Wunsch erfüllt?“

„Noch nicht.“

Winfried sah ihn fragend an.

Der Geist deutete auf das Fenster.

Draußen ging langsam die Sonne auf.

„Gehen Sie hinaus.“

Winfried stand auf.

Er zog seine Schuhe an.

Er ging zur Haustür.

Der Geist folgte ihm.

Draußen war die Luft kühl.

Die Stadt erwachte.

Menschen gingen zur Arbeit.

Autos fuhren vorbei.

Ein Bäcker öffnete seinen Laden.

Ein Schüler lief mit einem Rucksack über die Straße.

Winfried sah all das.

Und plötzlich begriff er.

Der letzte Wunsch war nicht gewesen, jemanden zurückzubringen.

Der letzte Wunsch war gewesen, dass Winfried selbst zurück ins Leben fand.

Er drehte sich um.

Der Geist stand hinter ihm.

„Danke“, sagte Winfried.

Der Geist lächelte.

„Nein.“

Winfried runzelte die Stirn. „Nein?“

„Ich danke Ihnen.“

Dann begann der Geist zu verblassen.

„Warten Sie“, sagte Winfried.

„Was?“

„Werden die anderen …“

„Sie sind alle dort, wo sie sein müssen.“

„Und Sie?“

Der Geist lächelte. „Jetzt auch.“

Ein heller Schimmer entstand.

Dann war er verschwunden.

Winfried stand allein auf dem Gehweg.

Zum ersten Mal seit Tagen.

Nein.

Zum ersten Mal seit Jahren.

Allein.

Aber nicht einsam.

Er ging zurück in seine Wohnung.

Er machte sich Frühstück.

Er zog seine schwarze Jacke an.

Er nahm seine Tasche.

Dann blieb er vor dem Spiegel stehen.

Das lila Hemd fiel ihm ins Auge.

Er lächelte. „Na dann.“

Er griff nach seiner Tasche.

Und ging zur Arbeit.

Später am Vormittag stand Winfried Jakobus vor seiner Klasse.

Die Schüler redeten.

Jemand suchte noch nach einem Stift.

Jemand anderes hatte das Buch vergessen.

Ein Schüler kam zu spät herein.

„Entschuldigen Sie die Verspätung.“

Winfried sah ihn an.

Dann lächelte er. „Setzen Sie sich. Wir haben gerade erst angefangen.“

Der Schüler nickte und setzte sich.

Winfried wandte sich der Tafel zu.

Er schrieb das Datum darauf.

Dann drehte er sich wieder zu seinen Schülern.

„Heute“, sagte er ruhig, „beschäftigen wir uns mit einer interessanten Frage.“

Ein Schüler hob die Hand. „Welche?“

Winfried lächelte. „Was bedeutet es eigentlich, wenn man etwas wirklich loslassen kann?“

Für einen Moment war es still.

Dann begann der Unterricht.

Und irgendwo, weit jenseits dessen, was Menschen sehen konnten, schien ein leises Lachen durch die Welt zu gehen.

Als hätten siebenundzwanzig und noch einige mehr Menschen gerade erfahren, dass ihr letzter Wunsch erfüllt worden war.