„Winfried Jakobus – verspätet – unbestimmte Zeit“
„Winfried Jakobus – verspätet – unbestimmte Zeit“
Hallo meine lieben Leser,
hier folgt nun mein vierter Beitrag zur Wochen-Challenge.
Der vierte Prompt lautete wie folgt:
Kalenderwoche 04 von - Leela -
An einer digitalen Busanzeige taucht der Name deines Charakters auf.
Vielen Dank Damien Black für dieses schöne Projekt!
Ich wünsche euch nun viel Spaß beim Lesen! Ich hatte viel Freude beim Schreiben!
Viele Grüße
Hira
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„Winfried Jakobus – verspätet – unbestimmte Zeit“
Der Wind zog in unregelmäßigen Böen durch die kleine Bushaltestelle am Rand von Lebach, ließ Papierfetzen über den Asphalt tanzen und zerrte an den Mänteln der Wartenden. Winfried Jakobus stand leicht abseits, wie er es immer tat, den Rücken gerade, die Hände ordentlich um den Griff seiner Ledertasche gelegt.
Über ihm summte leise die digitale Anzeige.
Ein nüchternes Gerät, rechteckig, schwarz gerahmt, mit flackernden orangefarbenen Buchstaben, die in regelmäßigen Abständen die nächsten Verbindungen ankündigten.
Winfried blickte hinauf.
Nicht aus Ungeduld, sondern aus Gewohnheit. Dinge wollten überprüft werden. Fahrpläne, Zeiten, Abweichungen.
Bus 603 – Saarlouis ZOB – 5 Minuten
Er nickte kaum merklich.
„Planmäßig“, murmelte er.
Neben ihm unterhielten sich zwei Jugendliche lautstark über irgendetwas, das für Winfried keinerlei erkennbare Struktur besaß. Ein älterer Herr scharrte mit dem Fuß, eine Frau tippte auf ihrem Handy. Alles war, wie es sein sollte.
Die Anzeige flackerte.
Ein kurzes, kaum wahrnehmbares Zucken im Licht.
Winfrieds Blick blieb daran hängen.
Die Zeile wechselte.
Bus 607 – Lebach Zentrum – 12 Minuten
Dann wieder ein Flackern.
Ungewöhnlich.
Er runzelte die Stirn.
Elektronische Anzeigen hatten verlässlich zu funktionieren. Das war ihr Zweck. Ihre Existenzberechtigung beruhte auf Klarheit und Präzision.
Ein weiteres Zucken.
Die Buchstaben verschwammen kurz, als würden sie sich neu ordnen müssen.
Und dann—
Winfried blinzelte.
Einmal.
Dann noch einmal.
Die Anzeige stand still.
„Winfried Jakobus – verspätet – unbestimmte Zeit“
Stille.
Nicht die äußere – die Gespräche der Jugendlichen gingen weiter, der Wind wehte unverändert –, sondern eine innere, die sich schlagartig ausbreitete.
Winfried trat einen Schritt näher.
„Das ist… nicht korrekt“, sagte er leise.
Er sah sich um.
Niemand reagierte.
Niemand schien es bemerkt zu haben.
Die Frau tippte weiterhin auf ihr Handy. Der ältere Herr scharrte noch immer mit dem Fuß. Die Jugendlichen lachten.
Winfried blickte wieder nach oben.
Sein Name stand noch da.
Unverändert.
„Winfried Jakobus“, las er nun hörbar.
Es war seine Handschrift nicht, nicht seine Stimme – und doch war es eindeutig.
Sein Name.
Auf einer Busanzeige.
Er räusperte sich.
„Entschuldigen Sie“, sagte er zu dem älteren Herrn neben sich. „Könnten Sie bitte einen Blick auf die Anzeige werfen?“
Der Mann sah träge auf. „Hm?“
„Dort oben“, erklärte Winfried und deutete nach oben. „Was lesen Sie?“
Der Mann kniff die Augen zusammen.
„Bus 603“, sagte er nach kurzem Zögern. „Fünf Minuten.“
Winfried hielt inne.
„Sonst nichts?“
„Nein.“
Er wandte sich wieder ab.
Winfried sah zurück zur Anzeige.
Noch immer: „Winfried Jakobus – verspätet – unbestimmte Zeit“
Ein leichter Druck entstand in seiner Brust. Kein Schmerz – eher eine Art… Gewicht.
„Eine Fehlfunktion“, stellte er fest. „Offensichtlich.“
Und doch.
Die Worte hatten eine merkwürdige… Präzision.
Verspätet.
Unbestimmte Zeit.
Er dachte an seinen Morgen.
Zu spät aufgestanden. Den Kaffee vergessen. Die Unterlagen für den Unterricht nur halb vorbereitet. Kleine Dinge. Unbedeutende Dinge.
Und doch ergaben sie, zusammengenommen, ein Muster.
Verspätet.
Die Anzeige flackerte erneut.
Die Buchstaben verschwammen.
Für einen kurzen Moment glaubte Winfried, sie würden sich verändern.
Er trat noch einen Schritt näher, als könnte er so Einfluss darauf nehmen.
Dann stabilisierte sich das Bild.
„Winfried Jakobus – außer Betrieb“
Er sog scharf die Luft ein.
„Das ist… unangebracht“, sagte er.
Seine Stimme klang nun etwas fester, als wolle er der Situation durch sprachliche Präzision Grenzen setzen.
„Ich bin keineswegs außer Betrieb.“
Er richtete sich auf.
Seine Haltung wurde strenger, definierter.
„Ich befinde mich lediglich in einem Zustand temporärer… Unordnung.“
Die Anzeige reagierte nicht.
Natürlich nicht.
Es war ein Gerät.
Ein fehlerhaftes Gerät.
Und doch konnte er den Blick nicht abwenden.
Außer Betrieb.
Ein Ausdruck, den er aus dem Alltag kannte. Bei Maschinen. Bei Dingen, die nicht mehr funktionierten.
Nicht bei Menschen.
Die Anzeige flackerte erneut.
Länger diesmal.
Die Buchstaben lösten sich fast vollständig auf, als würden sie sich neu zusammensetzen müssen.
Winfrieds Herz schlug ein wenig schneller.
Dann erschien eine neue Zeile.
Langsam.
Buchstabe für Buchstabe.
„Winfried Jakobus – fährt gleich ab“
Der Lehrer erstarrte.
„Ich… fahre?“
Ein leises Zischen kündigte die Ankunft des Busses an. Die Türen öffneten sich mit dem gewohnten mechanischen Geräusch.
Die Menschen um ihn herum begannen sich zu bewegen.
Einsteigen. Vorzeigen. Setzen.
Alltägliche Abläufe.
Winfried blieb stehen.
Sein Blick wanderte von der Anzeige zum Bus.
Und wieder zurück.
„Fährt gleich ab“, wiederholte er leise.
Ein letzter Blick nach oben.
Die Anzeige war wieder normal.
Bus 603 – Saarlouis ZOB – jetzt
Kein Name.
Keine Abweichung.
Nur der Fahrplan.
Winfried stand noch einen Moment.
Dann griff er nach seiner Tasche.
Seine Schritte waren ruhig, aber nicht mehr ganz so selbstverständlich wie zuvor, als er auf den Bus zuging.
Er blieb kurz vor der Tür stehen.
Zögerte.
Und stieg dann ein.
Im Inneren suchte er sich einen Platz am Fenster. Der Bus setzte sich in Bewegung, langsam, gleichmäßig.
Winfried sah hinaus.
Die Haltestelle glitt vorbei. Die Anzeige wurde kleiner, verschwand schließlich ganz.
Er lehnte sich zurück.
„Fährt gleich ab“, murmelte er.
Ein kaum sichtbares Lächeln erschien auf seinem Gesicht.
Vielleicht, dachte er, war es keine Fehlfunktion gewesen.
Vielleicht… war es eine Mitteilung.