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Die Sache mit den Grüntönen

Ein Leben Zwischen Den Zeilen – Sammlung Zur Wochen-Challenge — www.fanfiktion.de · All chapters

Die Sache mit den Grüntönen

Hallo meine lieben Leser,

hier folgt mein 40. Beitrag zur Wochen-Challenge.

Der 40. Prompt lautete wie folgt:

Kalenderwoche 40 von - Leela -

Dein Charakter kommt in Erklärungsnotstand über die Unterschiede von: Grasgrün, Flaschengrün, Froschgrün… (und vielleicht fallen euch noch mehr Grüntöne ein, um eure(n) Charakter(e) in den Wahnsinn zu treiben?)

Vielen Dank Damien Black für dieses schöne Projekt!

Ich wünsche euch nun  viel Spaß beim Lesen! Ich hatte viel Freude beim Schreiben!

Viele Grüße

Hira

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Die Sache mit den Grüntönen

Es war einer dieser Vormittage, an denen der Unterricht eigentlich völlig unspektakulär begonnen hatte.

Zumindest hatte Winfried Jakobus das gehofft.

Winfried stand vorne im Klassenzimmer einer Berufsfachschulklasse, in der die Schülerinnen und Schüler auf die Mittlere Reife hinarbeiteten. An der kaufmännischen Berufsschule war er als Deutschlehrer tätig und normalerweise wusste er ziemlich genau, was ihn in einer Unterrichtsstunde erwartete.

Normalerweise.

An diesem Tag trug er eines seiner auffälligeren lila Hemden. Es war ein kräftiges, aber dennoch geschmackvolles Lila, das unter der Beleuchtung des Klassenzimmers beinahe ein wenig dunkler wirkte. Dazu trug er eine braune Hose. Seine leicht gebräunte Haut bildete einen angenehmen Kontrast zu dem Hemd, ebenso seine blauen Augen. Das braune Haar, das an den Schläfen bereits etwas zurückwich, hatte er wie gewöhnlich ordentlich gekämmt.

Er stand mit einem Stück Kreide in der Hand vor der Tafel.

Auf der Tafel standen bereits einige Stichpunkte:

„Farben und ihre Wirkung“

Darunter:

Rot

Blau

Gelb

Grün

Winfried hatte die Stunde eigentlich relativ gewöhnlich geplant.

Es sollte um sprachliche Gestaltung gehen.

Farben spielten in Texten schließlich eine erstaunlich wichtige Rolle. Ein Autor schrieb nicht unbedingt einfach nur: „Der Wald war grün.“

Manchmal schrieb er: „Der Wald leuchtete in sattem Grün.“

Oder: „Dunkle Tannen standen wie eine Wand am Weg.“

Oder: „Das frische Gras schimmerte im Morgenlicht.“

Die Schülerinnen und Schüler sollten erkennen, dass Farben nicht nur Gegenstände beschrieben, sondern auch Stimmungen erzeugen konnten.

Winfried hatte gerade einen Satz an die Tafel geschrieben, als sich eine Hand hob.

Er drehte sich um, da er als aufmerksamer Lehrer natürlich mitbekommen hatte, dass sich jemand gemeldet hatte. „Ja, bitte?“

Ein Schüler aus der zweiten Reihe sah ihn mit einem Gesichtsausdruck an, der bereits verriet, dass die kommende Frage vermutlich nicht ganz dem entsprach, was Winfried vorbereitet hatte.

„Herr Jakobus?“

„Ja?“

„Was ist eigentlich der Unterschied zwischen Grasgrün und Flaschengrün?“

Winfried hielt mitten in der Bewegung inne.

Die Kreide  blieb zwischen seinen Fingern.

Für ungefähr zwei Sekunden sagte er nichts.

Nicht, weil er die Antwort nicht wusste.

Sondern weil er sich gerade fragte, wie genau diese Frage in seine Deutschstunde geraten war.

Er blickte kurz zur Tafel.

Dann wieder zum Schüler.

Winfried fragte nach: „Der Unterschied zwischen Grasgrün und Flaschengrün?“

„Ja.“

„Das ist Ihre Frage?“

„Ja.“

Einige Schülerinnen und Schüler begannen zu grinsen.

Winfried hob leicht die Augenbrauen. „Nun gut.“

Er legte die Kreide auf das Pult. „Das ist tatsächlich eine interessante Frage.“

„Also wissen Sie es?“, fragte eine Schülerin aus der letzten Reihe.

Winfried sah sie an. „Ich habe nicht gesagt, dass ich es nicht weiß.“

Gelächter ging durch die Klasse.

Winfried lächelte. „Allerdings muss ich zugeben, dass ich nicht damit gerechnet habe, dass wir uns heute ausgerechnet mit verschiedenen Grüntönen beschäftigen.“

„Aber wir reden doch über Farben“, meinte der Schüler.

„Das tun wir.“

„Also passt es.“

Winfried nickte langsam. „Das lässt sich schwer bestreiten.“

Er wandte sich wieder der Tafel zu.

Unter das Wort „Grün“ schrieb er: „Grasgrün – Flaschengrün – Froschgrün“

Dann trat er einen Schritt zurück. „Gut. Dann versuchen wir das einmal.“

Die Klasse wurde merklich aufmerksamer.

Offenbar war die Frage ursprünglich eher als spontane Zwischenfrage gedacht gewesen. Nun hatte Winfried sie tatsächlich in den Unterricht eingebaut.

„Beginnen wir mit Grasgrün.“

Er zeigte auf das Wort. „Was stellen Sie sich darunter vor?“

„Gras“, sagte jemand.

Winfried nickte. „Das wäre eine sehr naheliegende Antwort.“

Wieder Gelächter.

„Aber tatsächlich beschreibt der Begriff eine Farbe, die an frisches oder typisches grünes Gras erinnert. Sie ist meistens eher hell bis mittelgrün und wirkt vergleichsweise frisch.“

„Also hellgrün?“

„Nicht unbedingt ausschließlich. Wenn Sie sagen, etwas ist grasgrün, dann verbinden Sie damit vor allem eine bestimmte Vorstellung von natürlichem Grün.“

Er schrieb daneben: „Grasgrün → frisch, natürlich, hell/mittel“

„Und Flaschengrün?“

Jetzt meldete sich eine andere Schülerin. „Dunkelgrün.“

„Richtig.“

„So wie eine grüne Glasflasche.“

Winfried lächelte. „Sehr gut. Daher kommt die Bezeichnung.“

Er schrieb dann an die Tafel: „Flaschengrün → dunkel, tief, gedämpft“

„Wenn Sie sich eine typische grüne Glasflasche vorstellen, beispielsweise eine Weinflasche, dann haben Sie ungefähr die Richtung.“

Ein Schüler hob die Hand. „Aber manche Flaschen sind doch heller.“

„Das stimmt.“

„Dann kann Flaschengrün doch gar keine feste Farbe sein.“

Winfried sah ihn kurz an. „Jetzt wird es interessant.“

Die Klasse lachte.

„Farbnamen sind nämlich nicht immer so exakt, wie wir es bei einer mathematischen Größe erwarten würden. Wenn ich sage, etwas sei zwei Meter lang, können wir ziemlich eindeutig feststellen, was damit gemeint ist. Bei Farbbezeichnungen ist das komplizierter.“

Er tippte mit  seinem Finger gegen die Tafel.

„Farbnamen entstehen häufig aus Vergleichen mit Dingen aus unserer Umwelt. Grasgrün. Himmelblau. Zitronengelb. Kirschrot. Schokoladenbraun.“

Er blickte auf seine eigene Hose. „Braun ist übrigens ebenfalls ein schönes Beispiel. Meine Hose könnte man einfach braun nennen.“

Ein Schüler grinste. „Herr Jakobus, Ihre Hose ist eher…“

Er zögerte.

Winfried sah ihn fragend an. „Eher was?“

„…schokoladenbraun?“

„Dann hoffe ich, dass Sie nicht vorhaben, sie anzubeißen.“

Die Klasse brach in Gelächter aus.

Winfried schmunzelte ebenfalls. „Gut. Dann haben wir zumindest festgestellt, dass Farbbezeichnungen auch Appetit auslösen können.“

Er wandte sich wieder der Tafel zu. „Kommen wir zu Froschgrün.“

„Das ist einfach“, sagte eine Schülerin.

„Ach ja?“

„Grün wie ein Frosch.“

Winfried nickte. „Im Prinzip ja.“

„Also dunkelgrün?“

„Nicht unbedingt.“

„Hellgrün?“

„Auch nicht zwingend.“

Die Schülerin runzelte die Stirn.

Winfried erklärte: „Froschgrün wird häufig für ein kräftiges, auffälliges Grün verwendet. Es kann eher leuchtend wirken. Denken Sie an einen grünen Frosch, wie man ihn sich typischerweise vorstellt.“

„Aber Frösche sind doch unterschiedlich grün.“

Winfried blieb kurz still.

Dann nickte er. „Völlig richtig.“

Er drehte sich zur Klasse.

„Und damit haben Sie gerade das grundlegende Problem unserer gesamten heutigen Diskussion gefunden.“

Er schrieb groß an die Tafel: „WAS IST EIGENTLICH „GRÜN“?“

„Wir benutzen Farbnamen, als wären sie absolut eindeutig. In Wirklichkeit gibt es unzählige Abstufungen.“

Er begann, weitere Begriffe an die Tafel zu schreiben.

„Apfelgrün“

„Limettengrün“

„Mintgrün“

„Olivgrün“

„Moosgrün“

„Tannengrün“

„Smaragdgrün“

„Neongrün“

„Salbeigrün“

„Petrolgrün“

„Jadegrün“

Die Klasse wurde zunehmend amüsierter.

„Herr Jakobus“, sagte ein Schüler, „Sie machen es gerade schlimmer.“

Winfried drehte sich um. „Wie meinen Sie das?“

„Wir wollten eigentlich nur wissen, was Grasgrün und Flaschengrün unterscheidet.“

„Und jetzt haben wir schon zwölf Grüntöne.“

Winfried betrachtete die Tafel. „Das ist korrekt.“

„Und Sie schreiben immer noch weiter.“

Winfried hob den Zeigefinger. „Das ist pädagogische Konsequenz.“

„Das ist Eskalation“, sagte jemand.

Die Klasse lachte.

Winfried konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. „Gut. Dann nennen wir es eine kontrollierte Eskalation.“

Er schrieb noch ein Wort dazu: „Froschgrün“

„Und jetzt“, sagte er, „haben wir ein kleines Problem.“

„Welches?“

„Ich habe noch längst nicht alle genannt.“

Ein kollektives Stöhnen ging durch den Raum.

„Nein!“

„Doch.“

„Wie viele gibt es denn?“

Winfried zuckte mit den Schultern. „Sehr viele.“

„Mehr als zwanzig?“

„Mit Sicherheit.“

„Mehr als fünfzig?“

„Wenn wir verschiedene Farbsysteme, Bezeichnungen aus dem Alltag, Modefarben, Designbegriffe und historische Farbnamen berücksichtigen, kommen wir auf sehr viele Bezeichnungen.“

„Hundert?“

„Durchaus möglich.“

Ein Schüler lehnte sich zurück. „Das ist doch verrückt.“

Winfried lächelte. „Sprache ist manchmal verrückt.“

Er unterstrich das Wort „Sprache“ an der Tafel.

„Und genau deshalb passt das Thema eigentlich hervorragend in den Deutschunterricht.“

Nun wurde es wieder etwas ruhiger.

Winfried ging langsam vor der Tafel entlang, auf und ab.„Überlegen Sie einmal: Wenn ich Ihnen sage: ‚Ein grünes Auto steht vor der Schule‘ – können Sie sich das Auto genau vorstellen?“

„Nein“, sagte jemand.

„Warum nicht?“

„Weil wir nicht wissen, welches Grün.“

„Richtig.“

„Es könnte hellgrün sein.“

„Ja.“

„Oder dunkelgrün.“

„Ja.“

„Oder so ein komisches Grün.“

Winfried hob eine Augenbraue. „Ein ‚komisches Grün‘ ist wissenschaftlich natürlich eine äußerst präzise Farbbezeichnung.“

Die Klasse lachte erneut.

„Aber tatsächlich verwenden Menschen solche ungenauen Begriffe ständig. ‚So ein komisches Grün‘ kann im Gespräch vollkommen ausreichen, wenn alle Beteiligten ungefähr wissen, was gemeint ist.“

Er schrieb an die Tafel: „präzise ↔ ungenau“

„Sprache muss nicht immer mathematisch exakt sein. Sie muss vor allem funktionieren.“

Ein Schüler hob die Hand. „Aber wenn ich sage, das Auto ist smaragdgrün, dann ist es doch genauer.“

„Genau.“

„Und wenn ich sage, es ist grün, dann weniger.“

„Richtig.“

„Dann sind diese ganzen Farbnamen eigentlich dazu da, genauer zu beschreiben.“

„Unter anderem.“

Winfried schrieb an die Tafel: „Farbbezeichnung = sprachliche Präzisierung“

„Aber“, fügte er hinzu, „auch eine Farbbezeichnung wie ‚Smaragdgrün‘ ist nicht vollkommen eindeutig. Stellen Sie sich vor, zehn Menschen stehen vor einem Gegenstand und sollen entscheiden, ob er smaragdgrün ist.“

„Die würden sich streiten.“

„Vermutlich.“

„Einer sagt ja, einer nein.“

„Und spätestens nach fünf Minuten würde jemand sagen: ‚Das ist türkis.‘“

Die Klasse lachte.

„Genau.“ Winfried deutete auf die Tafel. „Und dann beginnt die nächste Diskussion.“

„Ist Türkis nicht eher blau?“

„Oder grün?“

„Oder blaugrün?“

Winfried hielt kurz inne. „Sie sehen, worauf das hinausläuft.“

Er blickte in die Runde. „Farben liegen nicht immer sauber voneinander getrennt vor. Es gibt Übergänge.“

Er nahm eine andere Kreidefarbe und zeichnete eine lange Linie.

Links schrieb er: „Gelb“

Dann: „Gelbgrün“

Dann: „Grün“

Dann: „Blaugrün“

Dann: „Blau“

Der Lehrer fragte schließlich, nachdem er fertig mit dem Aufschreiben war: „Wo genau hört Grün auf?“

Stille.

Die Schülerinnen und Schüler sahen auf die Linie.

„Da“, sagte jemand und zeigte irgendwo zwischen Grün und Blaugrün.

Winfried sah auf die Stelle. „Warum dort?“

„Weil… das für mich noch grün ist.“

„Sehr gut.“

„Für mich vielleicht nicht“, sagte eine andere Schülerin.

Winfried nickte. „Und damit haben wir eine weitere wichtige Erkenntnis.“

Er schrieb noch auf:„Wahrnehmung“

„Menschen nehmen Farben zwar grundsätzlich ähnlich wahr, aber die sprachliche Einordnung kann unterschiedlich sein.“

Ein Schüler betrachtete Winfried plötzlich aufmerksam. „Herr Jakobus?“

„Ja?“

„Welche Farbe hat, eigentlich Ihr Hemd?“

Winfried sah an sich hinunter.

Er trug sein auffälliges lila Hemd.

Er blickte wieder hoch. „Lila.“

„Aber was für ein Lila?“

Die Klasse wurde schlagartig still.

Winfried sah den Schüler an.

Dann sah er auf sein Hemd.

Dann wieder den Schüler.

„Das“, sagte er langsam, „ist eine ausgesprochen gefährliche Frage.“

Die Klasse begann zu lachen.

„Warum?“

„Weil ich nach dem heutigen Verlauf damit rechnen muss, dass wir gleich eine halbe Stunde lang über verschiedene Lilatöne sprechen.“

„Aber Sie tragen doch oft solche Hemden.“

„Das ist richtig.“

„Dann müssten Sie sich doch auskennen.“

Winfried seufzte gespielt. „Ich erkenne die Falle.“

„Welche Falle?“

„Wenn ich jetzt sage, es sei beispielsweise Violett, fragt jemand, warum es nicht Lila ist.“

„Warum ist es nicht Lila?“

Winfried schloss kurz die Augen.

Die Klasse brach in Gelächter aus.

Winfried lächelte. „Sehen Sie? Genau das meine ich.“

Er öffnete wieder die Augen. „Wir bleiben heute beim Grün.“

„Feigling!“, rief jemand scherzhaft.

Winfried grinste. „Ich würde es eher als kluge Unterrichtsplanung bezeichnen.“

Dann nahm er  wieder die Kreide zwischen seine Finger und zeigte auf die Tafel.

„Also. Wir haben bisher Grasgrün, Flaschengrün und Froschgrün.“

„Und Apfelgrün.“

„Richtig.“

„Und Limettengrün.“

„Auch richtig.“

„Und Neongrün.“

„Ja.“

„Und Tannengrün.“

„Ja.“

„Und Moosgrün.“

„Ja.“

„Und Olivgrün.“

Winfried nickte. „Sehr gut.“

Eine Schülerin hob die Hand. „Was ist denn der Unterschied zwischen Moosgrün und Tannengrün?“

Winfried hielt inne.

Er sah sie an.

Dann auf die Tafel.

Dann wieder zu ihr. „Sie möchten es wirklich wissen?“

„Ja.“

„Nun gut.“

Er ging zur Tafel. „Moosgrün ist meist ein eher gedämpftes, natürliches Grün. Tannengrün wird typischerweise mit dem dunkleren Grün von Nadelbäumen verbunden.“

„Also ist Tannengrün dunkler?“

„Tendenziell.“

„Und Moosgrün gelblicher?“

„Kann sein.“

„Kann sein?“

„Ja.“

„Warum können Sie nicht einfach sagen, welche Farbe es ist?“

Winfried lächelte. „Weil Farbnamen keine exakten Naturgesetze sind.“

Ein Schüler meldete sich. „Herr Jakobus, wenn wir eine Klassenarbeit über Farben schreiben müssten, was wäre dann richtig?“

„Das hängt von der Aufgabenstellung ab.“

„Und wenn da steht: ‚Beschreiben Sie die Farbe des Grases‘?“

„Dann könnten Sie beispielsweise ‚grün‘ schreiben.“

„Und wenn ich ‚grasgrün‘ schreibe?“

„Dann ist das ebenfalls möglich, sofern es zum beschriebenen Gegenstand passt.“

„Und wenn das Gras im Schatten dunkelgrün ist?“

„Dann wäre ‚grasgrün‘ möglicherweise weniger passend.“

„Und wenn es vertrocknet ist?“

„Dann würde ich nicht unbedingt von grasgrün sprechen.“

„Dann eher gelb?“

„Oder braun.“

„Braungrün?“

Winfried lächelte. „Jetzt erfinden Sie schon Ihre eigenen Farbnamen.“

„Gibt es Braungrün?“

„Als Beschreibung kann man das natürlich sagen. Ob es als fest etablierter Farbname verwendet wird, ist eine andere Frage.“

Der Schüler nickte ernst. „Verstanden.“

Eine kurze Pause entstand.

Dann hob ein anderer Schüler die Hand. „Herr Jakobus?“

„Ja?“

„Welche Farbe ist eigentlich Froschgrün?“

Winfried sah ihn an.

Die Klasse brach erneut in Gelächter aus.

„Wir hatten das bereits.“

„Ich wollte nur testen, ob Sie noch wissen, was Sie gesagt haben.“

Winfried schüttelte lächelnd den Kopf. „Ich glaube, Sie testen heute eher meine Geduld als mein Wissen.“

„Und?“

Winfried sah durch die Klasse.

Dann antwortete er: „Sie ist noch vorhanden.“

Wieder Gelächter.

Dann wurde Winfried etwas ernster. „Aber wissen Sie was?“

Die Klasse wurde ruhiger.

„Eigentlich ist diese Frage gar nicht so schlecht.“

„Welche?“

„Die Frage nach den Grüntönen.“

Er deutete auf die Tafel.

„Denn Sie haben gerade etwas gemacht, das im Deutschunterricht sehr wichtig ist: Sie haben eine scheinbar einfache Bezeichnung hinterfragt.“

Er schrieb auf: „Was bedeutet ein Wort?“

„Wenn wir ‚grün‘ sagen, denken wir alle ungefähr dasselbe. Aber sobald wir genauer werden wollen, brauchen wir weitere Wörter. Und je genauer wir beschreiben möchten, desto mehr müssen wir darauf achten, welche Wirkung unsere Wörter haben.“

Er schrieb auf:„grün“

Darunter: „grasgrün“

Darunter: „moosgrün“

Darunter: „tannengrün“

Darunter: „neongrün“

„Alle diese Wörter enthalten die Vorstellung von Grün. Aber sie erzeugen unterschiedliche Bilder.“

Er zeigte auf „grasgrün“.

„Das wirkt frisch.“

Auf „tannengrün“.

„Das wirkt dunkel und natürlich.“

Auf „neongrün“.

„Das wirkt grell, auffällig, künstlich oder modern.“

Dann deutete er auf „moosgrün“.

„Das kann etwas Ruhiges, Erdverbundenes oder Natürliches vermitteln.“

Die Schülerinnen und Schüler hörten aufmerksam zu.

„Und genau darum geht es bei sprachlichen Beschreibungen. Ein guter Text sagt nicht einfach nur, was da ist. Er kann auch beeinflussen, wie wir uns etwas vorstellen.“

Ein Schüler hob die Hand. „Dann könnte man in einer Geschichte statt ‚Der Wald war grün‘ auch schreiben: ‚Der Wald lag in dunklem Tannengrün vor ihnen‘.“

Winfried lächelte. „Sehr gut.“

„Und das klingt besser.“

„Das ist eine Geschmacksfrage. Aber es ist auf jeden Fall genauer und erzeugt ein bestimmtes Bild.“

Eine Schülerin ergänzte: „Oder: ‚Das Gras leuchtete grasgrün in der Sonne.‘“

„Auch das funktioniert.“

„Und wenn da steht: ‚Ein froschgrüner Mantel‘?“

„Dann wissen wir sofort, dass der Mantel vermutlich auffällig ist.“

„Und wenn da steht: ‚Ein flaschengrüner Mantel‘?“

„Dann entsteht eher die Vorstellung eines dunklen, gedeckten Grüntons.“

Die Schülerin nickte. „Okay.“

Winfried legte die Kreide  beiseite. „Und damit haben Sie aus einer scheinbar nebensächlichen Frage tatsächlich eine kleine Lektion über Sprache gemacht.“

„Wir?“

„Ja.“

„Sie haben doch alles erklärt.“

„Aber Sie haben die Frage gestellt.“

Ein Schüler grinste. „Dann war ich heute pädagogisch wertvoll.“

„Offenbar.“

„Bekomme ich dafür eine gute Note?“

Winfried sah ihn an. „Für eine Frage?“

„Ja.“

„Nein.“

„Schade.“

„Aber“, fügte Winfried hinzu, „für die heutige Mitarbeit kann ich Ihnen zumindest zugutehalten, dass Sie eine interessante Diskussion ausgelöst haben.“

Der Schüler nickte zufrieden. „Das reicht mir.“

Winfried nahm wieder sein Stück Kreide zwischen seine Finger..

Er sah auf die Tafel.

Die vielen Grüntöne standen dort inzwischen dicht gedrängt.

„Grasgrün“

„Flaschengrün“

„Froschgrün“

„Apfelgrün“

„Limettengrün“

„Mintgrün“

„Moosgrün“

„Tannengrün“

„Olivgrün“

„Smaragdgrün“

„Neongrün“

„Salbeigrün“

„Jadegrün“

„Petrolgrün“

Winfried betrachtete die Liste.

Dann fügte er ganz unten noch ein Wort hinzu: „Grün“

Er setzte einen Punkt dahinter.

„Und jetzt“, sagte er, „kehren wir zu unserem eigentlichen Unterrichtsthema zurück.“

Ein Schüler blickte auf die Tafel. „Aber Herr Jakobus?“

„Ja?“

„Was ist mit Waldgrün?“

Winfried hielt inne.

Ganz langsam drehte er sich um.

Die Klasse wartete gespannt.

Er sah den Schüler an.

Dann die Tafel.

Dann wieder den Schüler.

„Waldgrün.“

„Ja.“

Winfried atmete einmal tief durch. „Eine weitere Farbbezeichnung, die mit einer natürlichen Umgebung verbunden wird.“

Er schrieb sie dazu: „Waldgrün“

„Und jetzt ist Schluss.“

„Aber—“

„Nein.“

„Tannengrün?“

„Haben wir.“

„Birkengrün?“

„Nein.“

Winfried sah ihn mit hochgezogener Augenbraue an. „Und dabei bleibt es.“

Die Klasse lachte.

„Herr Jakobus?“

„Ja?“

„Dschungelgrün?“

Winfried legte  die Kreide wieder hin. „Ich sehe schon, wie diese Stunde endet.“

„Wie?“

Winfried verschränkte die Arme. „Mit einer vollständigen Enzyklopädie der Farbe Grün.“

„Das wäre doch cool.“

„Für Sie vielleicht.“

„Und für Sie?“

Winfried lächelte. „Für mich wäre es ein Grund, morgen eine Deutschstunde über Satzzeichen zu machen.“

Ein Raunen ging durch die Klasse. „Oh nein.“

„Dann lieber Grüntöne.“

„Genau.“

Winfried grinste. „Das dachte ich mir.“

Die Klasse lachte noch einmal.

Und so blieb die Tafel an diesem Vormittag ungewöhnlich grün.

Winfried Jakobus hatte seine Deutschstunde zwar nicht ganz so gehalten, wie er sie geplant hatte.

Aber am Ende hatte er etwas erreicht, was ihm als Lehrer wichtiger war als ein perfekt eingehaltener Unterrichtsplan: Die Schülerinnen und Schüler hatten über Sprache nachgedacht. Sie hatten darüber diskutiert, wie Wörter Bilder erzeugen.

Und sie hatten gelernt, dass selbst eine scheinbar völlig harmlose Frage wie  „Was ist eigentlich der Unterschied zwischen Grasgrün, Flaschengrün und Froschgrün?“

schneller zu einer ernsthaften sprachwissenschaftlichen Diskussion führen konnte, als man zunächst vermuten würde.

Winfried sah noch einmal zur Tafel.

Dann schüttelte er leicht den Kopf.

„Grasgrün, Flaschengrün, Froschgrün …“

Er musste lächeln. „Was für eine Frage.“

Ein Schüler aus der ersten Reihe hörte es. „Herr Jakobus?“

Winfried blickte zu ihm. „Ja?“

„Was ist eigentlich der Unterschied zwischen Lila und Violett?“

Winfried erstarrte.

Die Klasse wurde mucksmäuschenstill.

Ein breites Grinsen ging durch mehrere Gesichter.

Winfried sah langsam an sich herunter.

Auf sein auffälliges lila Hemd.

Dann hob er den Blick.

„Diese Frage“, sagte er schließlich sehr ruhig, „verschieben wir auf eine andere Unterrichtsstunde.“

„Warum?“

„Weil ich heute noch nach Hause möchte und auch gerne mein  heutiges Unterrichtsthema beenden möchte.“

Die Klasse brach in schallendes Gelächter aus.

Und Winfried Jakobus, der freundliche und hilfsbereite Deutschlehrer, konnte schließlich selbst nicht mehr anders, als mitzulachen.