Die unbekannte Acht
Die unbekannte Acht
Hallo meine lieben Leser,
hier folgt mein 42. Beitrag zur Wochen-Challenge.
Der 42. Prompt lautete wie folgt:
Kalenderwoche 42 von - Leela -
In deiner Geschichte gibt es jemanden, der noch nie etwas von der Zahl 8 gehört hat. Wie gestaltet sich das für deinen Charakter?
Um mir einen kleinen Witz zu erlauben heißt einer von Winfrieds Schülern sowohl mit Vornamen als auch mit Nachnamen gleich.^^
Vielen Dank Damien Black für dieses schöne Projekt!
Ich wünsche euch nun viel Spaß beim Lesen! Ich hatte viel Freude beim Schreiben!
Viele Grüße
Hira
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Die unbekannte Acht
Der Montagmorgen begann an der kaufmännischen Berufsschule wie jeder andere. Auf den Fluren herrschte reges Treiben. Schülerinnen und Schüler unterhielten sich, lachten, suchten ihre Klassenräume oder versuchten, in letzter Minute noch einen Blick auf ihre Hausaufgaben zu werfen. Türen klappten, Schritte hallten über den Boden und aus einem der Klassenzimmer drang das leise Surren eines Beamers.
Im zweiten Stock, im Raum 212, bereitete sich Winfried Jakobus auf seinen Deutschunterricht vor.
Winfried war ein Lehrer, den viele seiner Schülerinnen und Schüler mochten. Er war freundlich, hilfsbereit und hatte ein offenes Ohr für die Sorgen anderer. Wenn jemand Schwierigkeiten mit einer Aufgabe hatte, nahm er sich Zeit, um sie zu erklären. Wenn ein Schüler eine schlechte Note bekam, bedeutete das für ihn nicht automatisch, dass dieser Mensch unfähig war. Vielmehr wollte Winfried herausfinden, woran es gelegen hatte und wie man es beim nächsten Mal besser machen konnte.
Er unterrichtete Deutsch an der kaufmännischen Berufsschule und wusste, dass seine Klassen aus ganz unterschiedlichen Menschen bestanden. Einige hatten ihre Schullaufbahn ohne größere Schwierigkeiten gemeistert. Andere kämpften mit der deutschen Sprache, mit persönlichen Problemen oder mit der Frage, welchen Weg sie in ihrem Leben einschlagen wollten.
Winfried begegnete ihnen allen mit Respekt.
An diesem Morgen trug er eines seiner auffälligsten Hemden: ein kräftig lila Hemd, das schon von Weitem ins Auge fiel. Dazu hatte er eine braune Hose angezogen. Seine leicht gebräunte Haut, seine blauen Augen und sein braunes Haar, das an den Schläfen bereits etwas zurückging, verliehen ihm ein unverwechselbares Aussehen.
Er stand vor der Tafel und schrieb das Datum darauf.
„Montag, den 19. Oktober“, murmelte er, während er den letzten Buchstaben sorgfältig unterstrich.
Dann legte er seine Kreide auf das Pult, sortierte einige Arbeitsblätter und blickte auf die Uhr.
Noch zwei Minuten.
Kurz darauf öffnete sich die Tür.
„Guten Morgen, Herr Jakobus!“, rief ein Schüler, der den Klassenraum betrat.
„Guten Morgen, Herr Schneider. Schön, dass Sie da sind.“
Nach und nach füllte sich das Zimmer. Stühle wurden gerückt, Taschen unter den Tischen verstaut und Gespräche geführt. Winfried wartete geduldig, bis die Klasse einigermaßen zur Ruhe gekommen war.
„So, meine Damen und Herren“, begann er schließlich mit seiner freundlichen, aber bestimmten Stimme. „Ich hoffe, Sie hatten ein angenehmes Wochenende. Heute wollen wir uns mit einem Thema beschäftigen, das Ihnen im Berufsleben immer wieder begegnen wird: Zahlen in der deutschen Sprache.“
Einige Schüler stöhnten leise.
Winfried hob eine Augenbraue und lächelte.
„Ich sehe schon. Zahlen sind nicht gerade Ihr Lieblingsthema. Aber keine Sorge. Ich verspreche Ihnen, dass wir heute nicht den ganzen Vormittag rechnen werden. Dafür sind schließlich Ihre Kolleginnen und Kollegen aus dem Fach Mathematik zuständig.“
Die Klasse lachte.
„Wir beschäftigen uns vielmehr damit, wie Zahlen in Texten verwendet werden, wie man sie richtig schreibt und welche Bedeutung sie in Redewendungen haben können.“
Er drehte sich zur Tafel und schrieb: Eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs, sieben, acht, neun, zehn.
„Wer von Ihnen kann mir sagen, was Ihnen an dieser Reihe auffällt?“
Mehrere Hände gingen nach oben.
„Ja, Frau Müller?“
„Die Zahlen stehen in der richtigen Reihenfolge.“
„Sehr gut. Und was noch?“
„Sie werden ausgeschrieben“, antwortete ein anderer Schüler.
„Richtig. Wir haben die Zahlen nicht als Ziffern geschrieben, sondern als Wörter. Das ist im Deutschen eine wichtige Unterscheidung, gerade wenn Sie später Geschäftsbriefe, Berichte oder andere Texte verfassen.“
Winfried zeigte mit dem Zeigestock auf die Tafel. „Nehmen wir zum Beispiel die Zahl acht. Sie wird mit a, c, h und t geschrieben. Vier Buchstaben, ein Wort. Ganz einfach.“
In diesem Moment bemerkte er, dass einer seiner Schüler ungewöhnlich still geworden war.
Der junge Mann saß in der dritten Reihe am Fenster. Sein Name war Amir. Er war vor einiger Zeit nach Deutschland gekommen und besuchte die kaufmännische Berufsschule, um sich auf eine berufliche Zukunft vorzubereiten. Er lernte fleißig Deutsch, machte sich sorgfältig Notizen und bemühte sich, den Unterricht zu verstehen. Allerdings fiel es ihm manchmal schwer, Fragen zu stellen, wenn er etwas nicht verstand.
An diesem Morgen blickte Amir auf die Tafel, als hätte Winfried dort etwas vollkommen Unverständliches geschrieben.
Er bewegte die Lippen, ohne ein Wort zu sagen. Dann schaute er auf sein Heft und wieder nach vorne.
Winfried kannte diesen Gesichtsausdruck. Es war der Blick eines Menschen, der etwas nicht verstand, sich aber nicht traute, es offen zuzugeben.
„Herr Amir?“, fragte er behutsam.
Der junge Mann zuckte zusammen. „Ja, Herr Jakobus?“
„Sie sehen so aus, als hätten Sie eine Frage. Ist Ihnen etwas unklar?“
Amir zögerte. „Herr Jakobus, darf ich etwas fragen?“
„Selbstverständlich. Dafür sind wir schließlich hier.“
Der Schüler deutete auf die Tafel. „Was bedeutet … acht?“
Im Klassenraum wurde es still.
Winfried blinzelte überrascht. „Wie bitte?“
„Die Zahl acht“, wiederholte Amir. „Was ist das?“
Einige Mitschüler drehten sich zu ihm um. Einer wollte bereits etwas sagen, doch Winfried hob ruhig die Hand. Er wollte nicht, dass jemand über Amir lachte.
„Einen Augenblick“, sagte er freundlich. „Herr Amir, meinen Sie, dass Sie nicht wissen, wie man das Wort schreibt? Oder meinen Sie, dass Sie nicht wissen, was die Zahl bedeutet?“
Amir senkte den Blick. „Ich weiß nicht, was die Zahl bedeutet.“
Winfried schwieg für einen Moment.
Er hatte schon viele Fragen in seinem Unterricht gehört. Manche waren kompliziert gewesen, andere überraschend einfach. Doch dass ein Schüler die Zahl acht nicht kannte, hatte er bisher noch nie erlebt.
„Sie kennen die Zahl acht nicht?“, fragte er vorsichtig.
Amir schüttelte den Kopf. „Nein, Herr Jakobus.“
Winfried legte den Zeigestock auf das Pult. Er wollte vermeiden, dass seine Überraschung wie Ungeduld wirkte. „Darf ich fragen, wie es dazu kommt?“
Amir rutschte auf seinem Stuhl hin und her.
„In meiner Schule früher … wir haben nicht so gelernt. Ich kenne andere Zahlen, aber diese hier …“ Er deutete erneut auf die Tafel. „Ich weiß nicht, was sie bedeutet. Ich habe sie vielleicht schon gesehen, aber niemand hat sie mir erklärt.“
Ein paar Schüler schauten einander verwundert an.
Winfried nickte langsam. „Danke, dass Sie mir das sagen, Herr Amir.“
Er wandte sich an die gesamte Klasse.
„Meine Damen und Herren, bevor wir weitermachen, möchte ich etwas klarstellen. Nicht jeder Mensch bringt dieselben Kenntnisse mit. Wir alle haben unterschiedliche Erfahrungen gemacht und unterschiedliche Dinge gelernt. Was für den einen selbstverständlich ist, kann für den anderen völlig neu sein.“
Er ließ seinen Blick durch den Raum wandern.
„Und genau deshalb sind wir hier: um zu lernen. Niemand muss sich dafür schämen, etwas nicht zu wissen.“
Amir hob vorsichtig den Kopf.
Winfried lächelte ihm aufmunternd zu.
„Also gut. Dann wollen wir gemeinsam herausfinden, was die Acht ist.“
Er nahm ein neues Blatt Papier und zeichnete darauf eine große, geschwungene Form.
Zuerst einen kleinen Kreis, dann einen zweiten darunter, beide miteinander verbunden.
„Sehen Sie sich diese Form an, Herr Amir. Kennen Sie dieses Zeichen?“
Amir betrachtete die Zeichnung. „Nein.“
„Das ist die Ziffer 8. Wir sprechen von der Zahl acht, wenn wir den Wert meinen und von der Ziffer 8, wenn wir dieses Zeichen meinen.“
Er schrieb daneben:
8 = acht
„Im Deutschen gibt es verschiedene Möglichkeiten, Zahlen darzustellen. Wir können die Ziffer schreiben oder das Wort ausschreiben. Beides bezeichnet dieselbe Zahl.“
Amir betrachtete die Tafel aufmerksam.
„Aber … wie viel ist das?“, fragte er.
Das war die entscheidende Frage.
Winfried lächelte. „Eine ausgezeichnete Frage. Wir wollen es nicht nur aufschreiben. Wir wollen es sehen.“
Er ging zum Lehrerpult, öffnete eine Schublade und suchte nach etwas. Nach kurzem Kramen fand er eine Schachtel mit bunten Büroklammern, die er gelegentlich für Unterrichtsbeispiele verwendete.
Er stellte die Schachtel auf einen Tisch und nahm eine Büroklammer heraus.
„Wie viel ist das?“
„Eins“, antwortete Amir.
Winfried legte eine zweite daneben.
„Und jetzt?“
„Zwei.“
Er fügte eine dritte, eine vierte und eine fünfte Büroklammer hinzu. Amir zählte leise mit.
„Drei. Vier. Fünf.“
Winfried legte eine sechste und eine siebte Büroklammer auf den Tisch. „Und wie viele sind es jetzt?“
„Sieben“, antwortete Amir sicher.
„Richtig.“
Nun nahm Winfried eine achte Büroklammer aus der Schachtel und legte sie zu den anderen.
„Und jetzt?“
Amir öffnete den Mund, schloss ihn wieder und begann von vorne zu zählen. Er berührte jede Büroklammer vorsichtig mit dem Zeigefinger.
„Eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs, sieben … acht.“
Er hielt inne. „Acht?“
„Ganz genau“, sagte Winfried. „Jetzt haben wir acht Büroklammern.“
Amir schaute auf die kleinen Metallstücke, als hätten sie ihm gerade ein Geheimnis verraten.
„Also ist acht … wenn es sieben ist und noch eins dazu?“
„Ja“, erklärte Winfried. „Sieben plus eins ergibt acht.“
Er schrieb die Rechnung an die Tafel: 7 + 1 = 8
Darunter zeichnete er acht kleine Kreise.
„Und wenn Sie acht Dinge zählen, können Sie sie mit dieser Ziffer darstellen. Oder Sie schreiben das Wort aus: acht.“
Amir betrachtete die Tafel lange. Dann begann er, in seinem Heft mitzuschreiben.
„Sieben plus eins ist acht“, wiederholte er leise.
„Sehr gut.“
Winfried wollte gerade zur nächsten Erklärung übergehen, als Amir erneut die Hand hob.
„Herr Jakobus?“
„Ja, bitte.“
„Warum sieht die Acht so aus? Warum sind das zwei Kreise?“
Winfried musste lächeln. Diese Frage hatte er sich selbst noch nie gestellt. Für ihn war die Form der Ziffer so selbstverständlich gewesen wie das Alphabet oder die Form eines Stuhls.
„Das ist eine interessante Frage“, sagte er. „Die Ziffern, die wir heute verwenden, haben eine lange Geschichte. Ihre Formen haben sich über viele Jahrhunderte entwickelt. Die Acht ist nicht einfach deshalb acht, weil sie aus zwei Kreisen besteht. Wir haben uns an dieses Zeichen gewöhnt, um den Wert acht darzustellen.“
Er hielt kurz inne.
„Man könnte sich vorstellen, dass die Dinge in einer anderen Schrift ganz anders aussehen. Entscheidend ist, dass wir uns darauf verständigt haben, welches Zeichen für welchen Wert steht.“
Amir nickte langsam. „Also … Menschen haben gelernt, dass das Zeichen acht bedeutet?“
„Genau. Und jetzt lernen Sie es ebenfalls.“
Ein Lächeln huschte über Amirs Gesicht.
Es war ein kleines Lächeln, aber Winfried bemerkte es sofort.
Er wandte sich wieder der Klasse zu.
„Ich schlage vor, wir machen aus dieser Frage eine gemeinsame Übung. Wer kann mir acht Gegenstände nennen, die man in einem Büro finden könnte?“
„Acht Stifte!“, rief jemand.
„Gut. Was noch?“
„Acht Aktenordner.“
„Sehr schön.“
„Acht Tassen“, sagte Frau Müller.
Winfried schrieb die Beispiele an die Tafel.
„Wir können also zählen, rechnen und die Zahl in unserem Alltag verwenden. Und nun möchte ich Ihnen noch etwas zeigen.“
Er schrieb eine neue Zeile auf die Tafel:
Acht Stunden arbeiten.
„Herr Amir, wenn Sie später in einem Unternehmen arbeiten und jemand sagt, dass Sie acht Stunden arbeiten, was könnte das bedeuten?“
Amir dachte nach. „Sie arbeiten lange?“
„Das kann sein. Genauer gesagt, bedeutet es, dass Ihre Arbeitszeit acht Stunden beträgt. Ob das lang ist, hängt vom Zusammenhang ab. Im Berufsleben ist es wichtig, solche Angaben zu verstehen.“
Winfried schrieb ein zweites Beispiel darunter:
Der Bus kommt um acht Uhr.
„Und was bedeutet das?“
Amir schaute auf die Wörter.
„Der Bus kommt … um acht?“
„Richtig. Wenn Sie eine Uhr sehen und die Zeiger auf acht Uhr stehen, dann wissen Sie, wann der Bus kommt.“
Er zeichnete eine einfache Uhr an die Tafel und setzte den Stundenzeiger auf die Acht.
Amir betrachtete die Zeichnung aufmerksam.
„Dann muss ich wissen, was acht bedeutet, damit ich den Bus nicht verpasse.“
„Ganz genau“, sagte Winfried. „Sie sehen, die Zahlen begegnen uns überall: bei der Uhrzeit, beim Geld, beim Einkaufen, bei Telefonnummern und bei vielen anderen Dingen.“
Ein Schüler in der letzten Reihe meldete sich.
„Herr Jakobus, wenn Amir die Acht nicht kennt, wie konnte er dann bisher einkaufen?“
Winfried sah ihn freundlich, aber ernst an.
„Eine berechtigte Frage. Aber wir sollten nicht vorschnell annehmen, dass wir alles über einen Menschen wissen, nur weil wir eine einzelne Sache über ihn erfahren haben. Herr Amir hat in seinem bisherigen Leben viele andere Dinge gelernt. Vielleicht kennt er sich in Bereichen aus, in denen Sie noch viel lernen müssen.“
Dann wandte er sich an Amir. „Herr Amir, darf ich Sie etwas fragen? Sie müssen natürlich nur antworten, wenn Sie möchten.“
„Ja, Herr Jakobus.“
„Welche Dinge haben Sie früher gelernt, die Ihnen heute helfen?“
Amir überlegte. „Ich kann gut mit Werkzeugen umgehen. Mein Vater hat mir viel gezeigt. Und ich kann Dinge reparieren. Auch Fahrräder.“
„Das ist eine wertvolle Fähigkeit“, sagte Winfried anerkennend. „Ich selbst wäre wahrscheinlich schon froh, wenn ich bei einer Fahrradreparatur nicht mehr kaputt machen würde, als ich reparieren möchte.“
Die Klasse lachte und auch Amir musste lachen.
Die anfängliche Anspannung löste sich ein wenig.
Winfried war zufrieden. Er wollte nicht, dass Amir sich wie jemand fühlte, der vor der gesamten Klasse vorgeführt worden war. Er sollte vielmehr erleben, dass seine Frage ernst genommen wurde.
„Wissen Sie, Herr Amir“, sagte er, während er sich wieder an seinen Tisch setzte, „ich unterrichte seit einigen Jahren Deutsch. Ich erkläre meinen Schülerinnen und Schülern Wörter, Grammatik, Rechtschreibung und Texte. Manchmal glaube ich, ich kenne mich mit Sprache ganz gut aus.“
Er blickte auf die acht Büroklammern.
„Aber heute haben Sie mich daran erinnert, dass ich Dinge, die für mich selbstverständlich sind, manchmal genauer erklären muss. Ich habe Ihnen gesagt, dass die Acht einfach ist. Für mich ist sie das auch. Aber das bedeutet nicht, dass sie für jeden Menschen selbstverständlich sein muss.“
Amir schaute ihn aufmerksam an.
„Sie sind nicht böse, Herr Jakobus?“
Winfried runzelte überrascht die Stirn.
„Böse? Warum sollte ich böse sein?“
„Weil ich etwas nicht weiß, das alle anderen wissen.“
Für einen Augenblick wurde Winfrieds Gesicht ernst. Er legte den Stift aus der Hand und sah Amir direkt an.
„Herr Amir, niemand weiß alles. Und niemand ist weniger wert, nur weil ihm Wissen fehlt. Wenn Sie etwas nicht verstehen, dürfen Sie jederzeit fragen. Das gilt für Sie genauso wie für jeden anderen Schüler in diesem Raum.“
Er machte eine kurze Pause.
„Wissen Sie, was mich als Lehrer wirklich ärgern würde?“
Amir schüttelte den Kopf.
„Wenn jemand eine Frage hat, sich aber aus Angst vor dem Lachen der anderen nicht traut, sie zu stellen. Dann bleibt ein Mensch unwissend, obwohl er lernen könnte. Und das wäre schade.“
Amir nickte langsam.
„Danke, Herr Jakobus.“
„Gern geschehen.“
Winfried klatschte einmal in die Hände.
„So, meine Damen und Herren. Jetzt möchte ich, dass Sie selbst tätig werden. Schreiben Sie bitte die Zahlen von eins bis zehn in Ihr Heft. Daneben notieren Sie jeweils die Ziffer und ein Beispiel aus dem Alltag. Und Herr Amir …“
Der junge Mann blickte auf. „Sie dürfen die Büroklammern gern noch einmal zum Zählen verwenden. Wenn Sie möchten, helfe ich Ihnen dabei.“
„Nein, Herr Jakobus“, antwortete Amir diesmal mit einem Lächeln. „Ich glaube, ich kann das.“
Er nahm seinen Stift und schrieb: 7 + 1 = 8
Dann zeichnete er die Ziffer sorgfältig darunter.
Zunächst sah sie etwas schief aus. Der obere Kreis war kleiner als der untere und die Linien waren nicht ganz gleichmäßig. Amir betrachtete sein Werk, radierte es aus und versuchte es erneut.
Beim zweiten Mal gelang es besser.
Winfried ging währenddessen durch die Reihen und half den anderen Schülern. Hier erklärte er eine Rechtschreibregel, dort korrigierte er eine Formulierung. Als er wieder bei Amir vorbeikam, blieb er stehen.
„Das sieht schon sehr gut aus.“
Amir zeigte stolz auf sein Heft.
„Acht Büroklammern. Acht Stunden. Acht Uhr.“
„Ausgezeichnet. Sie haben die Zahl verstanden und bereits drei Beispiele gefunden.“
Amir blickte auf die Zeichnung der Uhr, die er neben seine Notizen gesetzt hatte.
„Herr Jakobus, darf ich noch etwas fragen?“
„Natürlich.“
„Wenn ich jetzt acht sehe, dann weiß ich, was es bedeutet. Aber was ist, wenn ich eine andere Zahl nicht kenne?“
Winfried lächelte. „Dann machen wir es genauso wie heute. Sie fragen und wir finden gemeinsam eine Erklärung.“
Amir nickte zufrieden und schrieb weiter.
Der Unterricht verging schneller, als Winfried erwartet hatte. Die Klasse beschäftigte sich mit Zahlen in Texten, mit Uhrzeiten und mit einfachen Rechenbeispielen. Dabei stellte Amir noch mehrere Fragen, die Winfried geduldig beantwortete.
Als schließlich die Schulglocke ertönte, begannen die Schüler ihre Sachen zusammenzupacken.
„Vergessen Sie bitte nicht, Ihre Übung bis zur nächsten Stunde fertigzustellen“, erinnerte Winfried sie. „Und wenn Sie Schwierigkeiten haben, schreiben Sie mir eine E-Mail oder sprechen Sie mich an.“
„Ja, Herr Jakobus!“, riefen mehrere Schüler.
Amir blieb noch einen Moment sitzen. Während seine Mitschüler den Raum verließen, betrachtete er ein letztes Mal seine Notizen.
Dann stand er auf und ging nach vorne zum Lehrerpult. „Herr Jakobus?“
Winfried, der gerade seine Unterlagen ordnete, blickte auf. „Ja, Herr Amir?“
„Ich wollte mich noch einmal bedanken. Heute Morgen hatte ich Angst, dass die anderen mich auslachen würden.“
„Das kann ich verstehen.“
„Aber Sie haben mir geholfen. Jetzt kenne ich die Acht.“
Winfried lächelte herzlich. „Und ich freue mich darüber, Herr Amir. Sie haben heute etwas Neues gelernt.“
Der Schüler zögerte kurz. „Und Sie auch, Herr Jakobus?“
Winfried hielt inne. „Ich? Was habe ich denn gelernt?“
Amir lächelte.
„Dass man etwas erklären muss, wenn jemand es nicht kennt. Auch wenn es für einen selbst einfach ist.“
Winfried schwieg einen Moment. Dann nickte er. „Da haben Sie recht, Herr Amir. Das habe ich tatsächlich gelernt.“
Er streckte dem jungen Mann freundlich die Hand entgegen.
„Dann wünsche ich Ihnen einen schönen Tag. Bis zur nächsten Deutschstunde.“
„Auf Wiedersehen, Herr Jakobus.“
„Auf Wiedersehen.“
Amir verließ den Klassenraum.
Winfried blieb noch einen Augenblick am Pult stehen. Durch das Fenster fiel das helle Licht des Vormittags und auf der Tafel waren noch immer die Zahlen von eins bis zehn zu sehen. Besonders die Acht fiel ihm auf. Er nahm einen Schwamm und wollte sie gerade wegwischen, als er innehielt.
Dann legte er den Schwamm wieder beiseite.
Die Acht sollte noch ein wenig stehen bleiben.
Nicht, weil sie eine besonders schwierige Zahl war. Sondern weil sie ihn an einen Unterrichtsmoment erinnerte, den er so schnell nicht vergessen würde.
Er dachte an Amir, an dessen vorsichtige Frage und an das Lächeln, das sich auf dem Gesicht des jungen Mannes gezeigt hatte, als er endlich verstanden hatte, was die Acht bedeutete.
Winfried hatte an diesem Morgen eine Zahl erklärt. Doch eigentlich war es um etwas viel Größeres gegangen.
Es ging darum, Fragen stellen zu dürfen, ohne sich schämen zu müssen. Es ging darum, anderen Menschen mit Geduld und Respekt zu begegnen. Und es ging darum, zu verstehen, dass Wissen nicht bei allen Menschen an derselben Stelle beginnt.
Er griff nach seiner Tasche, warf einen letzten Blick auf die Tafel und lächelte.
„Acht“, murmelte er leise.
Dann verließ er den Klassenraum.
Und während er den Flur entlangging, wurde ihm bewusst, dass eine einzige unbekannte Zahl manchmal ausreichte, um einem Menschen etwas Wichtiges über das Leben beizubringen.
Denn ein guter Lehrer vermittelt nicht nur Wissen. Er sorgt auch dafür, dass sich niemand schämen muss, es noch nicht zu besitzen.