LNCrawler

Der Brief, der nicht verschwinden wollte

Ein Leben Zwischen Den Zeilen – Sammlung Zur Wochen-Challenge — www.fanfiktion.de · All chapters

Der Brief, der nicht verschwinden wollte

Hallo meine lieben Leser,

hier folgt mein 43. Beitrag zur Wochen-Challenge.

Der 43. Prompt lautete wie folgt:

Kalenderwoche 43 von Damien Black

Als dein Charakter am Morgen zur Post schauen möchte, sieht er von weitem schon einen Brief unter den Briefkasten liegen. Als er am Briefkasten ankommt, ist dieser jedoch verschwunden, weshalb dein Charakter zurück geht. Nachdem er sich noch einmal umdreht, ist der Brief wieder da. Wie kann das sein?

Vielen Dank Damien Black für dieses schöne Projekt!

Ich wünsche euch nun  viel Spaß beim Lesen! Ich hatte viel Freude beim Schreiben!

Viele Grüße

Hira

____________________________________________________________________

Der Brief, der nicht verschwinden wollte

Der Morgen begann mit einem Himmel, der aussah, als hätte jemand ein dünnes, graues Tuch über die Welt gelegt. Die Sonne war zwar bereits aufgegangen, doch ihre Strahlen kämpften sich nur mühsam durch die dichten Wolken. Auf den Dächern der Häuser glitzerten die letzten Tropfen des nächtlichen Regens und in den Gärten hingen kleine Perlen aus Wasser an den Grashalmen. Hin und wieder fiel ein Tropfen von einem Ast und zerplatzte lautlos auf dem Gehweg. Die Straßen waren noch ungewöhnlich still. Nur aus der Ferne drang das leise Rauschen eines vorbeifahrenden Autos herüber, während ein einzelner Vogel auf dem Dach eines Nachbarhauses sein morgendliches Lied anstimmte.

Winfried Jakobus stand vor dem Spiegel in seinem Badezimmer und betrachtete nachdenklich sein Spiegelbild. Wie jeden Morgen hatte er sorgfältig seine Haare gekämmt und darauf geachtet, dass sein Hemd ordentlich in seiner Hose steckte. Seine leicht gebräunte Haut verlieh ihm selbst an trüben Tagen ein gesundes Aussehen und seine blauen Augen wirkten freundlich und aufmerksam. Das braune Haar, das sich an den Schläfen und über der Stirn allmählich zurückzog, hatte er längst als unvermeidlichen Begleiter des Älterwerdens akzeptiert. Er gehörte nicht zu den Menschen, die sich über jede kleine Veränderung ihres Äußeren den Kopf zerbrachen. Viel wichtiger war ihm, dass er sich in seiner Kleidung wohlfühlte und seinen Mitmenschen mit einem gepflegten Erscheinungsbild begegnen konnte.

An diesem Morgen hatte er sich für eines seiner auffälligsten Hemden entschieden. Das kräftige Lila hob sich deutlich von der braunen Hose ab, die er dazu trug. Manche seiner Kollegen behaupteten scherzhaft, man könne Winfried schon am anderen Ende des Schulflurs erkennen, wenn er eines seiner farbenfrohen Hemden trug. Er nahm solche Bemerkungen stets mit einem breiten Lächeln entgegen. Warum sollte man sich schließlich in gedeckte Farben kleiden, wenn man die Welt auch ein wenig bunter machen konnte?

Nachdem er sich vergewissert hatte, dass seine Kleidung ordentlich saß, warf er einen Blick auf die Uhr.

Es war kurz nach sieben.

In knapp einer Stunde würde seine erste Unterrichtsstunde an der kaufmännischen Berufsschule beginnen. Dort unterrichtete er Deutsch, ein Fach, das er trotz aller Schwierigkeiten, die es im Schulalltag mit sich brachte, von Herzen liebte. Für ihn bestand Deutschunterricht nicht nur darin, Rechtschreibregeln zu erklären, Aufsätze zu korrigieren oder seinen Schülern den Unterschied zwischen einem Nebensatz und einem Hauptsatz näherzubringen. Er wollte ihnen vermitteln, dass Sprache Türen öffnen konnte. Wer sich verständlich ausdrückte, konnte Missverständnisse vermeiden, andere Menschen überzeugen und sich auch in schwierigen Situationen behaupten.

Nicht jeder seiner Schüler teilte diese Begeisterung. Manche betrachteten den Deutschunterricht als notwendiges Übel, das sie über sich ergehen lassen mussten, bevor sie sich wieder den kaufmännischen Fächern widmen konnten. Andere kämpften mit der Rechtschreibung, hatten Schwierigkeiten beim Verfassen längerer Texte oder trauten sich kaum, vor der Klasse zu sprechen. Winfried kannte diese Probleme nur zu gut. Er begegnete ihnen mit Geduld, erklärte schwierige Sachverhalte notfalls ein zweites oder drittes Mal und versuchte, niemanden bloßzustellen.

Bevor er sich auf den Weg zur Schule machte, wollte er allerdings noch nach seiner Post sehen.

Normalerweise erledigte er das erst, wenn er am Nachmittag nach Hause zurückkehrte. Doch an diesem Morgen erwartete er möglicherweise ein wichtiges Schreiben, auf das er schon seit einigen Tagen hoffte. Es ging um eine Angelegenheit, die er gern vor Beginn der nächsten Schulwoche geklärt hätte. Ob die Antwort bereits eingetroffen war, wusste er nicht. Trotzdem hatte er beim Aufstehen immer wieder daran denken müssen.

Winfried griff nach seiner dunkelbraunen Jacke, steckte sein Mobiltelefon in die Hosentasche und nahm den Schlüssel vom kleinen Holzbrett neben der Wohnungstür. Bevor er das Haus verließ, kontrollierte er ein letztes Mal, ob er alles bei sich hatte. Dann zog er die Tür hinter sich zu und trat in den kühlen Morgen hinaus.

Die frische Luft roch nach feuchter Erde und nassem Asphalt. Winfried atmete tief ein und genoss für einen Augenblick die angenehme Kühle.

Mit gleichmäßigen Schritten ging er den kurzen Weg entlang, der von seinem Haus zur Straße führte. Der Briefkasten befand sich einige Meter vom Eingang entfernt, direkt neben dem niedrigen Gartentor. Er war dunkelgrau, an den Kanten bereits ein wenig verwittert und mit einer schmalen silbernen Klappe versehen.

Als er sich dem Gartentor näherte, fiel ihm etwas auf.

Unter dem Briefkasten lag ein Brief.

Zunächst war es nur ein heller Fleck am unteren Rand seines Blickfeldes. Doch je näher er kam, desto deutlicher erkannte er das rechteckige Stück Papier, das auf dem feuchten Pflaster lag. Es war ein gewöhnlicher Briefumschlag, ungefähr so groß wie die meisten geschäftlichen Schreiben, die er regelmäßig erhielt.

Winfried blieb stehen.

Er runzelte die Stirn und betrachtete den Umschlag aus einigen Metern Entfernung.

Das war merkwürdig.

Wer legte einen Brief unter einen Briefkasten, anstatt ihn hineinzuwerfen? Vielleicht hatte der Postbote ihn versehentlich fallen lassen. Möglicherweise hatte auch jemand aus der Nachbarschaft den Brief dort abgelegt, weil er sich in der Adresse geirrt hatte. Doch weshalb sollte jemand einen Brief ausgerechnet unter seinem Briefkasten liegen lassen?

Winfried blickte die Straße hinauf und hinunter. Niemand war zu sehen. Ein paar Häuser weiter bewegten sich die Vorhänge hinter einem Fenster und irgendwo klapperte eine Mülltonne, die vermutlich gerade an den Straßenrand gezogen wurde. Ansonsten lag die Straße still vor ihm.

Er überlegte, ob er den Brief bereits aus der Entfernung aufheben sollte. Schließlich konnte das Papier durch die Feuchtigkeit beschädigt werden. Außerdem war es nicht ausgeschlossen, dass wichtige Unterlagen darin lagen, die jemand dringend benötigte.

Der Gedanke, dass ein fremder Mensch möglicherweise gerade einen Brief vermisste, genügte ihm, um seine Neugier zu überwinden.

„Na, das wollen wir uns doch einmal ansehen“, murmelte er leise.

Er setzte sich wieder in Bewegung.

Während er auf den Brief zuging, fiel ihm auf, dass dieser vollkommen still auf dem Boden lag.

Winfried blieb noch einmal kurz stehen.

Nur noch wenige Schritte trennten ihn von seinem Briefkasten.

Winfried streckte bereits die Hand aus, um sich nach dem Umschlag zu bücken.

Dann blieb er abrupt stehen.

Der Brief war verschwunden.

Er blinzelte.

Für einen Moment glaubte er, er müsse sich versehen haben. Vielleicht lag der Umschlag etwas weiter links, verborgen hinter dem Pfosten.

Doch als er den Boden genauer betrachtete, fand er nichts.

Das Pflaster war leer.

Winfried beugte sich vor und sah unter den Briefkasten. Er betrachtete den schmalen Zwischenraum zwischen dem Metallpfosten und dem Gartentor. Dann richtete er sich wieder auf und schaute auf die andere Seite des Pfostens.

Nichts.

Er trat einen Schritt zurück und ließ seinen Blick über den gesamten Bereich schweifen.

Der Brief war tatsächlich verschwunden.

„Das ist doch nicht möglich“, sagte er leise.

Seine Stimme klang in der morgendlichen Stille beinahe fremd.

Er ging in die Hocke und untersuchte das Pflaster genauer. Zwischen den Steinen lagen einige kleine Blätter, ein dünner Zweig und ein paar dunkle Sandkörner, aber kein Briefumschlag. Auch unter der unteren Kante des Briefkastens konnte er nichts erkennen.

Winfried richtete sich langsam wieder auf.

Er war Lehrer, kein Mann, der sich leicht von jeder ungewöhnlichen Beobachtung aus der Ruhe bringen ließ. Wenn ein Schüler ihm erklärte, dass eine Aufgabe unmöglich zu lösen sei, suchte er zunächst nach einer anderen Herangehensweise. Wenn ein Kollege behauptete, ein bestimmter Sachverhalt lasse sich nicht erklären, stellte Winfried meist noch ein paar Fragen.

Nun war er selbst mit etwas konfrontiert, das sich seiner unmittelbaren Erklärung entzog.

Er hatte den Brief eindeutig gesehen.

Er hatte ihn während des gesamten Weges beobachtet.

Und jetzt war er weg.

Ein wenig unsicher sah er sich auf der Straße um. Vielleicht hatte jemand hinter einem der geparkten Autos gestanden und den Brief aufgehoben, während Winfried sich näherte.

Die Straße war nach wie vor leer.

Winfried fuhr sich mit der Hand über das leicht zurückgehende braune Haar und atmete langsam aus.

„Gut“, murmelte er. „Dann eben noch einmal von vorn.“

Er beschloss, sich ein paar Schritte von seinem Briefkasten zu entfernen. Vielleicht würde sich die Situation aufklären, wenn er den Ort aus einer anderen Perspektive betrachtete.

Er ging zurück in Richtung seines Hauses.

Dabei drehte er sich nach jedem zweiten Schritt um und kontrollierte den Bereich vor dem Briefkasten. Der Boden blieb leer. Je weiter er sich entfernte, desto absurder kam ihm die ganze Situation vor.

Als er schließlich fast wieder an der Stelle angekommen war, an der ihm der Brief zum ersten Mal aufgefallen war, blieb er stehen.

Langsam wandte er den Kopf.

Und da lag er wieder.

Direkt unter dem Briefkasten.

Der Brief war zurück.

Winfried erstarrte.

Seine blauen Augen weiteten sich, während er den Umschlag anstarrte. Für mehrere Sekunden brachte er kein Wort hervor. Er stand einfach nur da, die Hände leicht gespreizt, als hätte ihm jemand gerade vorgeführt, dass die Gesetze der Wirklichkeit plötzlich nicht mehr galten.

Es war, als hätte sich überhaupt nichts verändert.

Nur dass Winfried genau wusste, dass der Brief verschwunden gewesen war.

Winfried schluckte.

„Also entweder“, sagte er langsam zu sich selbst, „habe ich heute Morgen eindeutig zu wenig Kaffee getrunken oder hier stimmt etwas ganz und gar nicht.“

Er versuchte, über seine Bemerkung zu lächeln, doch das Lächeln wollte ihm nicht recht gelingen.

Diesmal beschloss er, besonders vorsichtig vorzugehen.

Er würde nicht einfach auf den Brief zugehen und sich wieder von ihm überraschen lassen. Stattdessen wollte er genau beobachten, was geschah. Wenn der Umschlag tatsächlich verschwinden konnte, musste es dafür irgendeinen Grund geben. Vielleicht hatte er etwas übersehen. Vielleicht spielte ihm das Licht einen Streich. Vielleicht war die Sache weniger rätselhaft, als sie zunächst erschien.

Winfried verschränkte die Arme vor der Brust und betrachtete den Brief aus der Entfernung.

Eine Minute verging.

Nichts geschah.

Ein weiterer Moment verstrich.

Der Umschlag lag noch immer da.

Winfried hob das Kinn und nickte sich selbst zu.

„Na also. Ganz gewöhnliches Papier.“

Er ging langsam los.

Dieses Mal ließ er den Brief keine Sekunde aus den Augen. spannte.

Doch je näher er kam, desto stärker beschlich ihn das Gefühl, dass etwas nicht stimmte.

Es war nicht die Angst vor einem Fremden. Es war auch nicht das Gefühl, beobachtet zu werden. Vielmehr schien die Umgebung auf eine Weise still zu sein, die er nicht recht beschreiben konnte.

Der Vogel auf dem Nachbardach hatte aufgehört zu singen.

Das leise Rauschen der entfernten Straße war verstummt.

Selbst die Blätter an den Bäumen bewegten sich nicht mehr.

Winfried blieb stehen.

Er sah sich um.

Alles wirkte unverändert und doch schien die Welt für einen winzigen Augenblick den Atem anzuhalten.

Dann hörte er ein leises Geräusch.

Es klang, als würde jemand Papier glattstreichen.

Winfried wandte den Blick nach unten.

Der Brief bewegte sich nicht.

Er hörte das Geräusch erneut.

Diesmal war es deutlicher.

Ein trockenes, kaum wahrnehmbares Rascheln, das direkt aus dem Bereich unter dem Briefkasten zu kommen schien.

Winfried trat einen halben Schritt zurück.

„Hallo?“, fragte er vorsichtig.

Natürlich erhielt er keine Antwort.

Er wartete einige Sekunden und zwang sich, ruhig zu atmen. Vielleicht hatte sich ein Blatt im Wind bewegt. Vielleicht war das Geräusch von irgendwo anders gekommen. Es gab viele mögliche Erklärungen und er wollte sich nicht von seiner eigenen Fantasie in die Irre führen lassen.

Trotzdem war er nun entschlossen, den Umschlag endlich aufzuheben.

Er ging in die Hocke.

Seine Hand näherte sich dem Papier.

Noch wenige Zentimeter.

Dann geschah es.

Der Brief verschwand.

Diesmal sah Winfried es.

Der Umschlag löste sich nicht vom Boden. Er wurde nicht vom Wind erfasst und niemand griff danach. Er war einfach da und im nächsten Augenblick nicht mehr.

Winfried zog die Hand zurück, als hätte er sich an etwas Heißem verbrannt.

„Was zum …?“

Er verstummte.

Sein Blick wanderte hektisch über das Pflaster. Er sah unter den Briefkasten, hinter den Pfosten und in Richtung Gartentor. Nichts.

Doch diesmal war etwas anders.

Auf dem Boden, genau an der Stelle, an der der Brief gelegen hatte, befand sich ein winziger dunkler Fleck. Er war kaum größer als ein Stecknadelkopf und schien sich im feuchten Pflaster abzuzeichnen.

Winfried beugte sich näher.

Der Fleck war nicht schwarz, sondern tiefviolett.

Fast in derselben Farbe wie sein Hemd.

Er runzelte die Stirn und hielt den Kopf schräg. Als er den Blickwinkel veränderte, schien der Fleck schwach zu schimmern. Dann war das Licht wieder verschwunden.

Winfried richtete sich auf.

Sein Herz schlug schneller.

Er war kein abergläubischer Mensch. Er glaubte nicht an Geister, verwunschene Gegenstände oder geheimnisvolle Mächte, die gewöhnlichen Menschen den Alltag erschwerten. Er hielt sich lieber an Tatsachen, Beobachtungen und nachvollziehbare Erklärungen.

Doch gerade hatte er mit eigenen Augen gesehen, wie ein Brief vor ihm verschwunden war.

Und diesmal konnte er sich nicht einreden, dass er sich getäuscht hatte.

Er trat einen Schritt zurück.

Dann noch einen.

Sein Blick blieb auf dem leeren Pflaster haften.

„Das reicht jetzt“, sagte er entschlossen.

Er beschloss, die Sache anders anzugehen. Wenn er den Brief nicht erreichen konnte, indem er sich näherte, dann musste er es eben auf eine andere Weise versuchen.

Er ging zurück zu seinem Haus, ohne den Blick vollständig vom Briefkasten abzuwenden. Als er an der Haustür ankam, blieb er stehen und drehte sich langsam um.

Der Brief lag wieder da.

Winfried spürte, wie ihm ein kalter Schauer über den Rücken lief.

Er stand auf der obersten Stufe seines Hauseingangs. Von hier aus konnte er den Briefkasten deutlich sehen. Der Umschlag lag unter ihm, ruhig und unberührt, als hätte er nur darauf gewartet, dass Winfried sich weit genug entfernte.

In diesem Moment begriff er, dass der Brief nicht einfach zufällig verschwand.

Es musste einen Zusammenhang zwischen seiner Bewegung und dem Verschwinden geben.

Solange er sich näherte, verschwand der Umschlag. Sobald er sich entfernte oder umdrehte, tauchte er wieder auf.

Aber warum?

Winfried dachte angestrengt nach.

Vielleicht handelte es sich um eine optische Täuschung, die durch die Position des Briefkastens verursacht wurde. Möglicherweise verdeckte der Metallpfosten den Umschlag aus einem bestimmten Blickwinkel. Doch das erklärte nicht, weshalb er selbst dann verschwunden war, als er direkt davor gestanden hatte.

Vielleicht war der Brief an einem dünnen Faden befestigt, mit dem jemand ihn unbemerkt wegziehen konnte. Diese Erklärung erschien ihm zunächst plausibel. Ein geschickter Scherz, ausgeführt von einem Nachbarn oder einem seiner Schüler, wäre nicht völlig ausgeschlossen.

Allerdings hätte er den Faden sehen müssen. Außerdem war der Umschlag jedes Mal exakt an dieselbe Stelle zurückgekehrt.

Nein, auch das ergab keinen Sinn.

Winfried schob die Hände in die Taschen seiner braunen Hose und ging einige Schritte auf der Stelle. Dabei dachte er an seine Schüler. In seiner Klasse gab es durchaus einige, die sich einen Scherz erlaubten, wenn sie glaubten, damit für Unterhaltung sorgen zu können. Doch keiner von ihnen wusste, dass er an diesem Morgen nach seiner Post sehen wollte. Und selbst wenn jemand ihn beobachtete, hätte diese Person kaum die Möglichkeit gehabt, den Brief derart schnell verschwinden zu lassen.

Es sei denn, jemand befand sich in einem der Häuser.

Winfried hob den Blick zu den Fenstern der Nachbarhäuser. Hinter keinem der Gläser konnte er eine Bewegung erkennen.

Er atmete tief ein.

Dann kam ihm eine Idee.

Wenn der Brief tatsächlich auf seine Annäherung reagierte, musste es möglich sein, ihn zu beobachten, ohne sich ihm zu nähern. Vielleicht konnte er erkennen, ob er sich veränderte, sobald er den Blick abwandte. Bisher hatte er den Umschlag immer dann aus den Augen verloren, wenn er sich umdrehte oder nach unten beugte.

Was wäre, wenn nicht seine Bewegung entscheidend war, sondern seine Aufmerksamkeit?

Winfried erinnerte sich an ein Experiment, das er einmal in einer Unterrichtsstunde erwähnt hatte. Es ging um Wahrnehmung und darum, wie sehr Erwartungen beeinflussen konnten, was Menschen zu sehen glaubten. Zwei Personen konnten denselben Gegenstand betrachten und dennoch unterschiedliche Dinge wahrnehmen. Das Gehirn ergänzte fehlende Informationen, übersah Details und konstruierte manchmal Zusammenhänge, die gar nicht vorhanden waren.

Vielleicht spielte ihm sein eigener Verstand einen Streich.

Er beschloss, das zu überprüfen.

Langsam ging er wieder auf den Briefkasten zu, hielt aber einige Meter davor an. Er stellte sich so hin, dass er den Umschlag direkt sehen konnte, ohne den Kopf neigen zu müssen.

Dann hob er die rechte Hand.

„Gut, Winfried“, murmelte er. „Jetzt bleib ganz ruhig.“

Er schloss für zwei Sekunden die Augen.

Als er sie wieder öffnete, lag der Brief noch immer dort.

Er wiederholte den Versuch.

Diesmal drehte er den Kopf kurz zur Seite, ohne sich von der Stelle zu bewegen. Als er zurücksah, war der Umschlag verschwunden.

Winfried riss die Augen auf.

Er hatte kaum eine Sekunde weggesehen.

Sofort blickte er wieder auf den Briefkasten.

Der Umschlag lag wieder da.

Ein ungläubiges Lachen entwich seiner Kehle.

„Das kann doch nicht wahr sein!“

Er wiederholte den Versuch ein drittes Mal.

Blick nach unten.

Der Brief verschwand.

Blick zurück.

Der Brief erschien.

Jetzt war es eindeutig.

Der Umschlag verschwand nicht, weil Winfried sich näherte.

Er verschwand, sobald Winfried ihn nicht mehr direkt ansah.

Winfried stand reglos da.

Die Erkenntnis hätte eigentlich beruhigend sein müssen. Schließlich hatte er einen Zusammenhang entdeckt, der sich überprüfen ließ. Doch statt Erleichterung empfand er nun eine Mischung aus Fassungslosigkeit und wachsender Neugier.

Denn eine Frage blieb offen: Wie konnte ein Brief verschwinden, sobald man ihn nicht ansah und wieder auftauchen, sobald man ihn betrachtete?

Winfried dachte an einen Zaubertrick. Vielleicht gab es einen Spiegel, eine versteckte Projektion oder irgendeinen anderen technischen Mechanismus, der ihm einen gewöhnlichen Gegenstand nur vortäuschte. Doch je länger er darüber nachdachte, desto unwahrscheinlicher erschien ihm diese Erklärung.

Er beschloss, den Briefkasten selbst zu untersuchen.

Vorsichtig näherte er sich dem Metallpfosten und betrachtete die Befestigungsschrauben. Er prüfte die Unterseite des Kastens, fuhr mit den Fingern über die Kanten und klopfte sogar leicht gegen das Metall. Alles fühlte sich so gewöhnlich an, wie es sollte.

Dann fiel ihm etwas auf.

An der Innenseite der silbernen Klappe klebte ein schmaler Streifen Papier.

Winfried runzelte die Stirn.

Er hatte diesen Streifen noch nie bemerkt.

Er beugte sich näher und erkannte, dass es sich nicht um Papier handelte, sondern um eine dünne, fast durchsichtige Folie. Darauf waren winzige Zeichen zu sehen, die aussahen wie Buchstaben, Zahlen und kleine geometrische Symbole.

Winfried versuchte, sie zu entziffern.

Die Zeichen ergaben keinen Sinn.

Sie waren weder Teil eines bekannten Alphabets noch erinnerten sie ihn an eine Sprache, die er jemals unterrichtet hatte. Manche sahen aus wie umgedrehte Buchstaben, andere wie ineinander verschlungene Linien. Zwischen ihnen befanden sich kleine Punkte, die im trüben Morgenlicht schwach violett schimmerten.

Er streckte die Hand aus, um die Folie zu berühren.

In dem Augenblick, in dem seine Fingerspitze die Oberfläche erreichte, hörte er ein leises Klicken.

Der Briefkasten vibrierte.

Winfried zog erschrocken die Hand zurück.

Die silberne Klappe bewegte sich ein kleines Stück, obwohl kein Windstoß zu spüren war. Ein schwaches Summen drang aus dem Inneren des Metallkastens, kaum lauter als das Geräusch einer elektrischen Zahnbürste aus dem Badezimmer.

Dann verstummte es.

Winfried starrte den Briefkasten an. „Was um alles in der Welt ist das?“

Er hatte keine Antwort.

Doch bevor er weiter darüber nachdenken konnte, hörte er hinter sich eine Stimme.

„Sie sollten den Brief lieber nicht anfassen.“

Winfried fuhr herum.

Am Gartentor stand ein Mann.

Er war mittelgroß, trug einen langen grauen Mantel und hatte einen schwarzen Regenschirm in der Hand. Obwohl der Regen längst aufgehört hatte, war der Schirm geöffnet. Sein Gesicht war blass, die Haare waren sorgfältig nach hinten gekämmt und seine Augen wirkten ungewöhnlich dunkel.

Winfried hatte den Mann noch nie zuvor gesehen.

„Guten Morgen“, sagte er automatisch, denn selbst in einer derart merkwürdigen Situation vergaß er seine Höflichkeit nicht. „Entschuldigen Sie, aber wer sind Sie? Und woher wissen Sie, dass ich diesen Brief nicht anfassen sollte?“

Der Fremde antwortete nicht sofort.

Stattdessen blickte er auf den Boden.

Der Brief lag wieder unter dem Briefkasten.

„Sie haben ihn also bereits gesehen“, sagte der Mann schließlich.

„Mehr als einmal“, erwiderte Winfried. „Und jedes Mal, wenn ich mich ihm nähere, verschwindet er. Wenn ich mich entferne oder wegsehe, taucht er wieder auf. Ich muss zugeben, dass ich mir dieses Verhalten bislang nicht erklären kann.“

Der Fremde hob langsam den Blick. „Das überrascht mich nicht.“

Winfried spürte, dass ihm diese Antwort überhaupt nicht gefiel. „Dann können Sie mir also erklären, was hier vor sich geht?“

„Vielleicht.“

„Vielleicht?“

„Es kommt darauf an, wie viel Sie wissen möchten.“

Winfried sah ihn verständnislos an.

Normalerweise hätte er über eine derart ausweichende Antwort höflich hinweggesehen. Doch inzwischen hatte er genug von verschwundenen Briefen, geheimnisvollen Folien und rätselhaften Bemerkungen.

„Verzeihen Sie“, sagte er mit jener ruhigen Bestimmtheit, die seine Schüler aus dem Unterricht kannten. „Ich habe gleich Unterricht und ich würde diesen Morgen gern damit verbringen, meinen Schülern die deutsche Sprache näherzubringen, anstatt mit einem Briefkasten zu diskutieren. Wenn Sie wissen, was hier geschieht, wäre ich Ihnen sehr verbunden, wenn Sie es mir erklären könnten.“

Für einen Augenblick schien der Fremde überrascht.

Dann lächelte er.

Es war kein freundliches Lächeln, aber auch kein ausgesprochen feindseliges. Vielmehr wirkte es, als hätte er gerade eine Antwort erhalten, auf die er gewartet hatte.

„Sie sind tatsächlich der Mann, für den ich Sie gehalten habe.“

Winfried hob eine Augenbraue. „Und wer soll das sein?“

„Winfried Jakobus. Deutschlehrer an einer kaufmännischen Berufsschule. Ein Mann, der seinen Schülern Respekt entgegenbringt, ihnen hilft, wenn sie Schwierigkeiten haben und selbst dann freundlich bleibt, wenn andere ihm das Leben unnötig schwer machen.“

Winfried schwieg.

Die Beschreibung war nicht falsch, aber es beunruhigte ihn, dass ein Fremder derart viel über ihn zu wissen schien.

„Woher kennen Sie mich?“, fragte er schließlich.

„Ich kenne nicht Sie persönlich“, antwortete der Mann. „Ich kenne die Geschichten, die man sich über Sie erzählt.“

Winfried musste unwillkürlich lächeln. „Dann hoffe ich, dass wenigstens die besseren darunter sind.“

„Das sind sie.“

Der Fremde deutete auf den Brief.

„Was Sie dort sehen, ist kein gewöhnlicher Brief. Er ist eine Nachricht, die nur von demjenigen wahrgenommen werden kann, an den sie gerichtet ist. Allerdings gibt es eine Besonderheit.“

Winfried verschränkte die Arme. „Und diese wäre?“

„Der Brief kann nur gesehen werden, solange sein Empfänger ihn tatsächlich betrachtet. Sobald Sie Ihren Blick abwenden, verschwindet er aus Ihrer Wahrnehmung. Wenn Sie ihn wieder ansehen, erscheint er erneut.“

Winfried dachte nach. „Sie wollen mir also sagen, dass der Brief die ganze Zeit dort liegt und ich ihn lediglich nicht sehen kann, sobald ich wegschaue?“

„Nicht ganz.“

„Was bedeutet das?“

Der Fremde ließ seinen Blick über den Briefkasten wandern. „Der Brief befindet sich nicht vollständig an diesem Ort. Er existiert gewissermaßen zwischen zwei Zuständen. Solange Sie ihn ansehen, wird er für Sie sichtbar. Sobald Sie wegsehen, zieht er sich aus Ihrer Wahrnehmung zurück.“

Winfried betrachtete ihn schweigend.

Er war Deutschlehrer. Er konnte mit sprachlichen Erklärungen umgehen, mit Metaphern, Gleichnissen und abstrakten Gedanken. Doch diese Erklärung schien ihm weniger eine Antwort als eine besonders kunstvolle Umschreibung des Problems zu sein.

„Ich fürchte, Sie müssen mir das genauer erklären.“

„Das würde ich gern“, sagte der Fremde. „Aber nicht hier.“

„Warum nicht?“

Der Mann sah auf die Uhr. „Weil Sie in wenigen Minuten zur Arbeit aufbrechen müssen. Und weil Sie diesen Brief nicht öffnen sollten, bevor Sie wissen, was er bedeutet.“

Winfried sah ihn scharf an. „Sie erwarten doch nicht ernsthaft, dass ich Ihnen einfach vertraue, nur weil Sie plötzlich an meinem Gartentor stehen und mir erzählen, mein Briefkasten würde sich zwischen verschiedenen Zuständen befinden.“

„Nein“, erwiderte der Fremde ruhig. „Vertrauen erwarte ich nicht. Nur Geduld.“

Er zog eine kleine Karte aus der Innentasche seines Mantels und legte sie auf den Rand des Briefkastens.

„Heute Abend, um achtzehn Uhr. Wenn Sie wirklich wissen möchten, weshalb dieser Brief auf Sie wartet, kommen Sie zu der Adresse auf der Karte.“

Winfried nahm die Karte nicht sofort an sich.

„Und wenn ich nicht komme?“

„Dann wird der Brief morgen verschwunden sein. Für immer.“

Der Fremde wandte sich um. „Einen schönen Tag, Herr Jakobus.“

„Moment!“, rief Winfried.

Doch der Mann war bereits durch das Gartentor gegangen.

Winfried eilte ihm einige Schritte hinterher und blickte die Straße hinunter.

Der graue Mantel war nirgends zu sehen.

Auch der geöffnete Regenschirm war verschwunden.

Winfried stand allein vor seinem Haus.

Er sah zurück zum Briefkasten.

Der Umschlag lag noch immer auf dem Pflaster.

Diesmal wagte er nicht, sich ihm zu nähern.

Stattdessen nahm er die Karte vom Metallkasten und betrachtete sie.

Darauf standen eine Adresse, eine Uhrzeit und ein einzelner Satz, der in sauberer, schwarzer Schrift gedruckt war. „Manche Briefe warten nicht darauf, gelesen zu werden. Sie warten darauf, dass jemand versteht, weshalb sie geschrieben wurden.“

Winfried las den Satz zweimal.

Dann steckte er die Karte in seine Jackentasche, warf einen letzten Blick auf den Brief und machte sich auf den Weg zur Schule.

Während er die Straße entlangging, versuchte er, sich auf den bevorstehenden Unterricht zu konzentrieren. Er dachte an die Arbeitsblätter, die er für seine Klasse vorbereitet hatte, an die Aufsätze, die noch korrigiert werden mussten und an einen Schüler, dem er versprochen hatte, bei der Vorbereitung auf eine wichtige Prüfung zu helfen.

Doch immer wieder kehrte sein Gedanke zu dem geheimnisvollen Umschlag zurück.

Er fragte sich, wer ihn geschrieben hatte.

Er fragte sich, weshalb ausgerechnet er diese Nachricht erhalten sollte.

Und er fragte sich, ob der Brief tatsächlich morgen verschwinden würde, wenn er der Einladung des Fremden nicht folgte.

Als Winfried schließlich das Schulgebäude erreichte, war der Morgen längst in vollem Gange. Schüler unterhielten sich in kleinen Gruppen auf dem Flur, Türen klappten, Schritte hallten über den Boden und aus einem Klassenzimmer drang das Lachen einiger Jugendlicher.

Die vertraute Umgebung wirkte beruhigend.

Hier kannte er sich aus.

Hier gab es klare Regeln, verständliche Aufgaben und Probleme, für die sich meistens eine Lösung finden ließ.

Winfried begrüßte einen Kollegen, der ihm auf dem Flur entgegenkam und wechselte mit ihm ein paar freundliche Worte. Dann betrat er sein Klassenzimmer, legte seine Unterlagen auf das Pult und schrieb das Datum an die Tafel.

Kurz darauf trudelten die ersten Schüler ein.

„Guten Morgen, Herr Jakobus“, rief einer von ihnen.

„Guten Morgen“, antwortete Winfried lächelnd. „Ich hoffe, Sie haben alle einen angenehmen Start in den Tag gehabt.“

Ein Schüler ließ sich auf seinen Stuhl fallen.

„Wenn man den Bus verpasst, ist der Start nicht ganz so angenehm, Herr Jakobus.“

„Dann haben Sie heute immerhin schon eine Lektion in Zeitmanagement erhalten“, erwiderte Winfried trocken.

Die Klasse lachte.

Für einen Augenblick fühlte sich alles wieder normal an.

Winfried begann den Unterricht, erklärte die Aufgaben und beantwortete Fragen. Er hörte aufmerksam zu, half einem Schüler bei einer schwierigen Formulierung und lobte eine Schülerin, die sich trotz ihrer Unsicherheit an einer längeren Antwort versuchte.

Doch während er sprach, bemerkte er immer wieder, wie seine Gedanken abschweiften.

Ein Brief, der verschwand, wenn man ihn nicht ansah.

Ein Fremder, der mehr über ihn wusste, als ihm lieb war.

Eine Karte mit einer Adresse, die er noch nie zuvor gesehen hatte.

Und eine Einladung, die sich eher wie eine Warnung anfühlte.

Als die erste Unterrichtsstunde zu Ende ging, blieb Winfried einen Moment allein im Klassenzimmer zurück.

Er öffnete seine Jacke und zog die Karte aus der Tasche.

Die Adresse lag am Rand der Stadt, in einem alten Viertel, das er nur vom Vorbeifahren kannte. Er hatte dort noch nie einen Grund gehabt auszusteigen. Soweit er wusste, befanden sich in der Gegend einige ältere Wohnhäuser, eine stillgelegte Werkstatt und ein kleines Lagergebäude.

Was sollte ihn dort erwarten?

Winfried drehte die Karte zwischen seinen Fingern.

Vielleicht war alles ein Scherz.

Vielleicht würde er am Abend vor einer verschlossenen Tür stehen und sich darüber ärgern, dass er einen Teil seiner kostbaren Freizeit verschwendet hatte.

Doch wenn es ein Scherz war, dann war es ein bemerkenswert gut vorbereiteter.

Und wenn es keiner war, musste er herausfinden, was dahintersteckte.

Er steckte die Karte zurück in die Tasche.

Den restlichen Schultag über bemühte er sich, seinen gewohnten Aufgaben nachzugehen. Er unterrichtete, korrigierte Texte, führte ein Gespräch mit einer Schülerin, die Schwierigkeiten mit einer bevorstehenden Prüfung hatte und half einem Kollegen bei der Vorbereitung einer Unterrichtseinheit.

Als er am Nachmittag das Schulgebäude verließ, war der Himmel aufgeklart. Zwischen den Wolken zeigten sich erste blaue Stellen und die Sonne tauchte die Dächer in ein warmes Licht.

Winfried ging nach Hause.

Unterwegs blieb er kurz bei einem älteren Herrn stehen, der Schwierigkeiten hatte, eine schwere Einkaufstasche über eine Bordsteinkante zu heben. Ohne lange zu überlegen, half Winfried ihm dabei.

„Vielen Dank, junger Mann“, sagte der Herr lächelnd.

„Sehr gern“, erwiderte Winfried. „Man hilft doch, wo man kann.“

Er ging weiter und dachte dabei unwillkürlich daran, wie der Fremde ihn am Morgen beschrieben hatte.

Ein Mann, der anderen half.

Ein Mann, der freundlich blieb.

Ein Mann, der nicht einfach wegsehen konnte, wenn jemand Unterstützung benötigte.

Vielleicht war es genau das, was der Fremde gemeint hatte.

Als Winfried schließlich sein Haus erreichte, verlangsamte er seine Schritte.

Der Briefkasten stand an derselben Stelle wie am Morgen.

Er sah ihn schon von Weitem.

Der Brief lag nicht mehr unter ihm.

Winfried blieb stehen.

Er hatte damit gerechnet, den Umschlag erneut zu sehen. Ein Teil von ihm hatte sogar gehofft, dass sich das ganze Rätsel am Nachmittag von selbst erledigen würde. Doch der Boden war leer.

Er ging näher heran und untersuchte die Stelle, an der der Brief gelegen hatte.

Nichts.

Kein Umschlag.

Kein violetter Fleck.

Keine geheimnisvolle Folie.

Der Briefkasten sah aus wie immer.

Winfried holte die Karte aus seiner Tasche und betrachtete sie ein letztes Mal.

Es war kurz nach halb sechs.

Bis zum vereinbarten Treffen blieben ihm noch dreißig Minuten.

Er hätte die Karte zerreißen und den Abend zu Hause verbringen können. Er hätte sich ein Abendessen zubereiten, ein Buch lesen und versuchen können, den seltsamen Morgen als ungewöhnliches Erlebnis abzuhaken.

Doch das entsprach nicht seiner Art.

Wenn ein Problem ungelöst blieb, wollte er zumindest versuchen, es zu verstehen.

Also zog er seine Jacke an, kontrollierte, ob er seinen Schlüssel dabeihatte und machte sich auf den Weg zur angegebenen Adresse.

Das alte Viertel lag still im Abendlicht. Die Häuser standen dicht nebeneinander, ihre Fassaden waren von Jahrzehnten des Wetters gezeichnet und zwischen den Gebäuden verliefen schmale Straßen, die nur selten von Autos befahren wurden.

Winfried ging an einer geschlossenen Bäckerei vorbei, überquerte eine Kreuzung und bog schließlich in eine kleine Seitenstraße ein.

Am Ende der Straße stand ein Gebäude, das er noch nie zuvor bewusst wahrgenommen hatte.

Es war ein schmales, dreistöckiges Haus mit dunklen Fenstern und einer schweren Holztür. Über dem Eingang hing ein verwittertes Schild, auf dem kein Name mehr zu erkennen war. Das Mauerwerk war an einigen Stellen brüchig und Efeu rankte sich an der linken Seite bis zum zweiten Stock hinauf.

Winfried sah auf seine Karte.

Die Adresse stimmte.

Er blieb vor der Tür stehen und überlegte, ob er wirklich hineingehen sollte.

Dann atmete er tief durch und klopfte.

Es dauerte einige Sekunden.

Schließlich öffnete sich die Tür einen Spalt.

Dahinter stand der Mann mit dem grauen Mantel.

„Sie sind gekommen“, sagte er.

Winfried nickte. „Ich hoffe, Sie haben eine Erklärung, die etwas verständlicher ist als Ihre Ausführungen von heute Morgen.“

Der Fremde lächelte schwach. „Ich werde mein Bestes tun.“

Er trat zur Seite und ließ Winfried eintreten.

Hinter der Tür lag ein schmaler Flur, der von einer einzelnen Lampe erhellt wurde. Die Luft roch nach altem Holz, Staub und etwas, das Winfried nicht genau einordnen konnte. Vielleicht war es Ozon, vielleicht der Geruch elektrischer Geräte, die lange nicht benutzt worden waren.

Der Fremde führte ihn in einen Raum im hinteren Teil des Hauses.

Dort stand ein großer Holztisch, auf dem mehrere Papiere, kleine Metallgegenstände und alte Bücher lagen. An der Wand hing eine Uhr, deren Zeiger sich nicht bewegten. Daneben befand sich ein schmaler Spiegel mit einem dunklen Rahmen.

Winfried blieb in der Tür stehen. „Was ist das hier?“

„Ein Ort, an dem wir Dinge untersuchen, die sich nicht ohne Weiteres erklären lassen“, antwortete der Fremde.

„Und Sie beschäftigen sich beruflich mit solchen Dingen?“

„So könnte man es ausdrücken.“

Winfried setzte sich auf einen der Stühle.

„Dann erzählen Sie mir bitte endlich, was es mit dem Brief auf sich hat.“

Der Mann nahm gegenüber Platz und faltete die Hände auf dem Tisch. „Der Brief ist eine Prüfung.“

Winfried sah ihn verständnislos an. „Eine Prüfung?“

„Ja. Allerdings keine Prüfung, wie Sie sie aus der Schule kennen. Es geht nicht darum, ob Sie eine Frage richtig beantworten oder eine bestimmte Aufgabe lösen können. Es geht darum, wie Sie mit etwas umgehen, das Sie nicht verstehen.“

Winfried lehnte sich zurück. „Das klingt ausgesprochen philosophisch.“

„Vielleicht. Aber es ist notwendig.“

Der Fremde erklärte, dass der Brief zu einer Reihe von Nachrichten gehörte, die in unregelmäßigen Abständen an Menschen gelangten, die sich durch eine besondere Eigenschaft auszeichneten. Diese Menschen mussten weder berühmt noch außergewöhnlich klug sein. Sie mussten auch keine besonderen Fähigkeiten besitzen.

Entscheidend war vielmehr, dass sie nicht sofort aufgaben, wenn etwas keinen Sinn ergab. Sie mussten bereit sein, Fragen zu stellen, ihre eigenen Annahmen zu überprüfen und anderen Menschen zuzuhören.

Vor allem aber durften sie sich nicht von Angst oder Ungeduld dazu verleiten lassen, eine vorschnelle Entscheidung zu treffen.

Winfried hörte aufmerksam zu. „Und weshalb wurde ausgerechnet ich ausgewählt?“

„Weil Sie jemand sind, der sich um andere kümmert, selbst wenn er dadurch Umstände auf sich nimmt. Weil Sie versuchen, Menschen zu verstehen, anstatt sie vorschnell zu beurteilen. Und weil Sie selbst dann nach einer Erklärung suchen, wenn es einfacher wäre, das Problem zu ignorieren.“

Winfried schwieg einen Moment.

Er war nicht sicher, ob er diese Beschreibung als Kompliment oder als Warnung verstehen sollte.

„Und was passiert, wenn ich den Brief nicht annehme?“

Der Fremde sah ihn ernst an. „Dann passiert zunächst gar nichts. Sie können nach Hause gehen und Ihr Leben weiterführen. Niemand wird Sie dazu zwingen, sich mit dieser Sache zu beschäftigen.“

„Aber der Brief verschwindet?“

„Ja.“

„Für immer?“

„Für immer.“

Winfried blickte auf den Tisch.

„Dann verstehe ich allerdings noch immer nicht, weshalb er sich auf diese Weise verhält. Warum kann ich ihn nur sehen, wenn ich ihn direkt ansehe?“

Der Fremde stand auf und ging zu dem Spiegel an der Wand. „Weil der Brief nicht für jeden sichtbar ist. Er wird nur für seinen vorgesehenen Empfänger erkennbar. Die Besonderheit, die Sie heute Morgen erlebt haben, ist eine Art Schutzmechanismus. Solange Sie versuchen, den Brief einfach nur zu erreichen, entzieht er sich Ihnen. Erst wenn Sie beginnen, die Bedingungen zu hinterfragen, unter denen Sie ihn wahrnehmen können, kommen Sie der Sache näher.“

Winfried dachte an seine Versuche am Morgen.

Er hatte den Umschlag beobachtet, sich genähert, sich entfernt und die Blickrichtung verändert. Erst als er systematisch vorgegangen war, hatte er einen Zusammenhang erkannt.

„Sie meinen also, dass ich den Brief nicht mit Gewalt oder durch bloßes Zugreifen erreichen konnte, sondern erst verstehen musste, wie er funktioniert.“

„Genau.“

Winfried lächelte leicht. „Das hätte man auch einfacher erklären können.“

„Sicher“, sagte der Fremde. „Aber dann hätten Sie vermutlich nicht so gründlich darüber nachgedacht.“

Zum ersten Mal musste Winfried wirklich lachen.

Die Erklärung war noch immer ungewöhnlich, doch zumindest begann er zu verstehen, worauf der Mann hinauswollte.

„Und was steht in dem Brief?“

Der Fremde ging zurück zum Tisch und legte einen neuen Umschlag darauf.

Er war cremefarben, sauber verschlossen und mit Winfrieds vollständigem Namen beschriftet.

Winfried betrachtete ihn. „Ist das der Brief von heute Morgen?“

„Es ist eine Kopie.“

„Eine Kopie?“

„Der ursprüngliche Brief ist nicht mehr hier. Doch seine Botschaft kann Ihnen auf diese Weise zugänglich gemacht werden.“

Winfried nahm den Umschlag vorsichtig in die Hand.

Diesmal verschwand er nicht.

Er fühlte sich vollkommen gewöhnlich an.

Das Papier war leicht rau, die Kanten waren sauber gefaltet und auf der Rückseite befand sich ein kleines Siegel in dunklem Violett.

Winfried brach das Siegel auf und zog ein einzelnes Blatt heraus.

Darauf stand nur ein kurzer Text.

Er las ihn zunächst still für sich.

Dann las er ihn ein zweites Mal.

Die Nachricht lautete:

„Es gibt Menschen, die glauben, die Welt sei nur das, was sie sehen können. Andere erkennen, dass selbst das Unsichtbare Folgen haben kann. Wer eine Wahrheit finden möchte, muss bereit sein, genauer hinzusehen, Fragen zu stellen und auch dann freundlich zu bleiben, wenn die Antwort unbequem ist. Nicht jeder Brief muss geöffnet werden, um seine Botschaft zu verstehen. Doch manche müssen gefunden werden, damit wir erkennen, wer wir selbst sind.“

Winfried ließ das Blatt langsam sinken.

Er wusste nicht, was er sagen sollte.

Der Text war schlicht, beinahe unscheinbar. Und doch berührte er etwas in ihm. Vielleicht lag es daran, dass er sich in den vergangenen Stunden selbst dabei beobachtet hatte, wie er zwischen Neugier, Zweifel und Ungeduld schwankte. Vielleicht erinnerte ihn die Botschaft auch an seine Arbeit mit den Schülern, denen er immer wieder erklärte, dass man einen Text nicht nur lesen, sondern auch verstehen müsse.

„Und das war alles?“, fragte er schließlich.

„Für heute“, antwortete der Fremde.

Winfried sah ihn an. „Sie haben mich den ganzen Tag mit einem verschwundenen Brief beschäftigt, mich hierherbestellt und mir eine geheimnisvolle Botschaft überreicht, nur um mir zu sagen, dass ich genauer hinsehen soll?“

Der Fremde lächelte. „Wenn Sie es so ausdrücken möchten.“

Winfried schüttelte den Kopf, doch inzwischen lag ein amüsiertes Lächeln auf seinem Gesicht. „Ich muss zugeben, dass ich mir einen etwas anderen Ausgang vorgestellt hatte.“

„Das verstehe ich.“

„Keine weiteren Erklärungen? Keine verborgene Organisation, keine geheime Mission und keine außergewöhnlichen Fähigkeiten, von denen ich bisher nichts wusste?“

Der Fremde schwieg.

Winfried hob überrascht den Kopf. „Moment. Das war ein Scherz.“

„Natürlich“, sagte der Mann.

Doch sein Gesicht verriet nicht, ob er die Wahrheit sagte.

Winfried steckte den Brief in seine Jackentasche und stand auf. „Nun gut. Ich danke Ihnen für die Einladung, auch wenn ich noch nicht sicher bin, was ich von alldem halten soll.“

„Das müssen Sie auch nicht sofort entscheiden.“

Der Fremde begleitete ihn zur Tür.

Draußen war es inzwischen dunkel geworden. Die Straßenlaternen warfen gelbliche Lichtkegel auf den Gehweg und am Himmel waren zwischen den Wolken einige Sterne zu erkennen.

Winfried verabschiedete sich höflich und machte sich auf den Heimweg.

Während er durch die stillen Straßen ging, dachte er über den Tag nach. Er wusste nicht, ob er tatsächlich etwas Übernatürliches erlebt hatte oder ob sich irgendwann eine vernünftige Erklärung für den verschwundenen Brief finden würde. Vielleicht hatte der Fremde ihn getäuscht. Vielleicht gab es einen technischen Trick, den er noch nicht durchschaut hatte. Vielleicht war die ganze Angelegenheit Teil eines ausgeklügelten Experiments.

Doch eines wusste er sicher: Er hatte etwas erlebt, das ihn dazu gebracht hatte, seine gewohnten Vorstellungen zu hinterfragen.

Als er schließlich sein Haus erreichte, war es bereits spät.

Er blieb vor dem Briefkasten stehen.

Der Boden darunter war leer.

Winfried lächelte.

„Na, mein Freund“, murmelte er. „Für heute hast du mir genug Rätsel aufgegeben.“

Er wollte sich gerade abwenden, als ihm etwas auffiel.

Auf der silbernen Klappe des Briefkastens lag ein kleiner, violetter Punkt.

Winfried beugte sich näher.

Es war derselbe Farbton, den er am Morgen auf dem Pflaster gesehen hatte.

Er berührte den Punkt vorsichtig mit der Fingerspitze.

Ein leises Klicken ertönte.

Dann erschien auf der Klappe eine einzelne Zeile, als würde unsichtbare Tinte unter seinen Augen sichtbar werden.

„Bis zum nächsten Brief, Herr Jakobus.“

Winfried starrte auf die Worte.

Einen Moment lang war er versucht, den Briefkasten kräftig zu schütteln, die Klappe abzunehmen oder nach dem geheimnisvollen Mechanismus zu suchen, der hinter diesen Vorgängen stecken musste.

Doch dann hielt er inne.

Er dachte an den Text, den er am Abend gelesen hatte.

Wer eine Wahrheit finden möchte, muss bereit sein, genauer hinzusehen, Fragen zu stellen und auch dann freundlich zu bleiben, wenn die Antwort unbequem ist.

Langsam richtete er sich auf.

„Na schön“, sagte er mit einem schiefen Lächeln. „Dann werde ich wohl künftig etwas genauer nach meiner Post sehen müssen.“

Er schloss das Gartentor auf, ging zum Haus und verschwand hinter der Haustür.

Auf dem Gehweg blieb alles still.

Der Briefkasten stand unbewegt an seinem Platz.

Und direkt unter ihm, auf dem feuchten Pflaster, erschien für einen kurzen Augenblick ein cremefarbener Briefumschlag.

Dann war er wieder verschwunden.