Der Teppich, der nicht abgenommen werden sollte
Der Teppich, der nicht abgenommen werden sollte
Hallo meine lieben Leser,
hier folgt nun mein fünfter Beitrag zur Wochen-Challenge.
Der fünfte Prompt lautete wie folgt:
Kalenderwoche 05 von Damien Black
In dieser Geschichte soll ein alter Wandteppich eine zentrale Rolle spielen. Dabei ist egal, wie er in Szene gesetzt wird. Soll er vielleicht vererbt werden? Oder nach vielen Jahren gereinigt werden und man hat Angst, ihn von der Wand zu nehmen? Lasst euch etwas einfallen.
Vielen Dank Damien Black für dieses schöne Projekt!
Ich wünsche euch nun viel Spaß beim Lesen! Ich hatte viel Freude beim Schreiben!
Viele Grüße
Hira
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Der Teppich, der nicht abgenommen werden sollte
Der Anruf kam an einem Mittwochabend, gegen halb acht, zu einer Zeit, in der Winfried Jakobus gewöhnlich bereits mit der Korrektur seiner Hefte begann.
Er betrachtete das klingelnde Telefon einen Moment zu lange, als wolle er den Inhalt des Gesprächs vorab erahnen. Der Name auf dem Display war ihm vertraut, wenn auch nicht häufig gesehen.
„Herr Krämer“, murmelte er, bevor er abhob.
„Jakobus?“, krächzte die Stimme am anderen Ende. „Gut. Ich fasse mich kurz. Es geht um Ihre Tante.“
Winfried richtete sich unmerklich auf. „Meine Tante Hildegard?“
„Die“, bestätigte Krämer knapp. „Sie ist letzte Woche verstorben.“
Eine Pause entstand.
Winfried nickte langsam, obwohl ihn niemand sehen konnte.
„Ich verstehe“, sagte er schließlich.
„Sie hat Sie im Testament bedacht. Nichts Großes. Die Wohnung wird aufgelöst, Sie wissen ja. Aber es gibt einen Gegenstand, den sie ausdrücklich Ihnen zugedacht hat.“
Winfried runzelte die Stirn. „Einen Gegenstand?“
„Ein Wandteppich.“
Stille.
„Ein… Wandteppich“, wiederholte Winfried.
„Ja. Großes Ding. Hängt seit Jahrzehnten im Wohnzimmer. Sie hat darauf bestanden, dass Sie ihn bekommen.“
Winfried schwieg einen Moment.
„Ich werde mich darum kümmern“, sagte er schließlich.
Die Wohnung seiner Tante lag in einem älteren Haus, dessen Flur nach vergangenen Jahrzehnten roch – eine Mischung aus Möbelpolitur und Zeit.
Winfried trat ein.
Alles war noch da.
Die Möbel, die Vorhänge, die kleinen, sorgfältig arrangierten Gegenstände, die seine Tante immer mit einer gewissen Ernsthaftigkeit behandelt hatte.
Und dort.
An der Wand gegenüber dem Sofa.
Der Teppich.
Winfried blieb stehen.
Er war groß. Größer, als er ihn in Erinnerung hatte. Schwer wirkend, dicht gewebt, in gedeckten Farben gehalten, die im Laufe der Jahre leicht verblasst waren.
Das Motiv zeigte eine Landschaft. Hügel, Bäume, ein kleiner Weg, der sich durch das Bild zog und irgendwo im Hintergrund verschwand.
„Unauffällig“, murmelte Winfried.
Und doch konnte er den Blick nicht davon lösen.
Er trat näher.
Die Oberfläche war leicht staubig, aber nicht vernachlässigt. Seine Tante hatte immer Wert auf Ordnung gelegt.
„Sie wollten also, dass ich dich bekomme“, sagte er leise.
Der Teppich antwortete nicht.
Natürlich nicht.
Und doch hatte Winfried das Gefühl, als läge in diesem Wunsch eine Absicht, die er noch nicht ganz verstand.
„Der muss runter“, sagte Herr Krämer später sachlich. „Die Wohnung wird leergeräumt. Alles, was Sie behalten wollen, nehmen Sie mit.“
Winfried sah wieder zu dem Teppich.
„Selbstverständlich“, sagte er.
Er trat näher.
Seine Hand hob sich.
Zögerte.
„Er hängt… sehr lange dort“, bemerkte er.
„Seit ich denken kann“, sagte Krämer. „Aber das spielt keine Rolle. Muss ja irgendwann runter.“
Winfried nickte.
„Natürlich.“
Er griff nach dem unteren Rand des Teppichs.
Das Material war schwerer, als er erwartet hatte. Dicht. Fast widerspenstig.
Er zog leicht daran.
Nichts geschah.
„Er ist befestigt“, stellte er fest.
„Nägel“, sagte Krämer. „Oben. Einfach abnehmen.“
Einfach.
Winfried trat einen Schritt zurück.
Sein Blick glitt über das Motiv.
Der Weg.
Er hatte ihn früher nie beachtet. Jetzt wirkte er… anders. Deutlicher. Als würde er eine Richtung vorgeben.
„Vielleicht… später“, sagte Winfried.
Krämer zuckte die Schultern. „Wie Sie meinen. Aber lange haben wir nicht.“
In den folgenden Tagen kehrte Winfried mehrfach in die Wohnung zurück.
Jedes Mal stand er vor dem Teppich.
Jedes Mal hob er die Hand.
Und jedes Mal ließ er sie wieder sinken.
„Es ist irrational“, sagte er einmal laut.
„Ein Gegenstand. Ein textiles Erzeugnis. Ohne Eigenleben.“
Und doch.
Etwas hielt ihn zurück.
Am dritten Tag brachte er einen Stuhl mit.
„Zur Erleichterung des Vorgangs“, erklärte er sich selbst.
Er stellte ihn vor die Wand, stieg hinauf, griff nach der oberen Kante.
Seine Finger berührten das Gewebe.
Ein feiner Staub löste sich, tanzte im Licht.
Winfried hielt inne.
Und sah.
Hinter dem Teppich.
Ein schmaler Spalt wurde sichtbar, dort, wo sich der Stoff leicht von der Wand löste.
„Unregelmäßigkeit“, murmelte er.
Er zog ein wenig stärker.
Der Teppich gab nach.
Ein Stück der Wand kam zum Vorschein.
Und darauf—
Winfried erstarrte.
Hinter dem Teppich war die Tapete anders.
Nicht einfach verblasst.
Sondern… beschrieben.
Feine Linien, kaum sichtbar, zogen sich über die Wand. Worte. Sätze. In einer Handschrift, die ihm bekannt vorkam.
Er ließ den Teppich sofort wieder los.
Er fiel zurück an seinen Platz, verdeckte alles.
Winfried stand regungslos auf dem Stuhl.
Sein Herz schlug schneller.
„Das ist… nicht möglich“, sagte er leise.
Und doch wusste er.
Er hatte es gesehen.
Am nächsten Tag kam er früher.
Mit festerem Schritt.
Mit einer Entscheidung.
Er stellte den Stuhl wieder an seinen Platz, stieg hinauf und griff diesmal ohne Zögern nach dem Teppich.
„Es handelt sich um eine notwendige Handlung“, sagte er.
Dann zog er.
Die Nägel gaben nach, einer nach dem anderen, mit einem leisen, trockenen Geräusch.
Der Teppich löste sich.
Langsam.
Schwer.
Und gab die Wand dahinter frei.
Winfried hielt inne.
Die gesamte Fläche war beschrieben.
Nicht chaotisch.
Sondern geordnet.
Zeile für Zeile.
Seine Tante hatte dort geschrieben.
Gedanken. Erinnerungen. Fragmente eines Lebens.
Winfried stieg langsam vom Stuhl.
Trat näher.
Sein Blick glitt über die Worte.
Und dann blieb er hängen.
Ein Satz.
Etwas größer geschrieben als der Rest.
„Für Winfried – falls du jemals nachsiehst.“
Er schluckte.
Seine Finger berührten die Wand.
„Ich wusste, dass du zögern würdest“, las er leise.
Ein kaum merkliches Lächeln huschte über sein Gesicht.
„Das tust du immer.“
Winfried atmete aus.
Langsam.
Dann sah er zurück zu dem Teppich, der nun auf dem Boden lag.
„Du solltest mich davon abhalten“, sagte er.
„Aber vielleicht“, dachte er, „war genau das nie die Aufgabe gewesen.“
Vielleicht sollte er ihn nur… warten lassen.
Bis er bereit war.