Ein Kauf aus Prinzip
Ein Kauf aus Prinzip
Hallo meine lieben Leser,
hier folgt nun mein sechster Beitrag zur Wochen-Challenge.
Der sechste Prompt lautete wie folgt:
Kalenderwoche 06 von - Leela -
Dein Charakter geht in einem Laden, um etwas bestimmtes einzukaufen. Das gesuchte ist nicht da, aber ohne etwas zu kaufen mag dein Charakter den Laden auch nicht verlassen. Was nimmt er statt dessen mit, bzw. wie gestaltet sich der Einkauf?
Vielen Dank Damien Black für dieses schöne Projekt!
Ich wünsche euch nun viel Spaß beim Lesen! Ich hatte viel Freude beim Schreiben!
Viele Grüße
Hira
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Ein Kauf aus Prinzip
Winfried Jakobus stand vor dem Schaufenster und betrachtete die Auslage mit der gleichen konzentrierten Ernsthaftigkeit, mit der er sonst Schüleraufsätze las.
„Papierwaren & Bürobedarf“, stand in leicht verblassten Buchstaben über der Tür. Ein Geschäft, das sich weder modernisiert noch aufgegeben hatte – etwas, das Winfried grundsätzlich schätzte.
Er öffnete die Tür.
Ein kleines Glöckchen erklang. Klar. Präzise. Erwartbar.
„Guten Tag“, sagte Winfried in den Raum hinein.
„Guten Tag“, kam es aus dem hinteren Teil des Ladens zurück.
Der Innenraum roch nach Papier, Holz und einer Spur von Druckerschwärze. Regale reihten sich ordentlich aneinander, gefüllt mit Notizbüchern, Stiften, Ordnern, Dingen, deren Existenzzweck eindeutig war.
Winfried war konzentriert.
Sein Ziel war klar definiert.
Ein bestimmtes Heft.
A5-Format. Linierung 27. Hellgrauer Umschlag. Unauffällige, aber stabile Bindung. Er hatte es seit Jahren verwendet, für Notizen, Gedanken, gelegentliche Formulierungsübungen.
„Konstanz ist keine Schwäche“, murmelte er.
Er ging direkt zum entsprechenden Regal.
Sein Blick glitt über die Reihen.
A4. Kariert. Spiralbindung.
Nicht korrekt.
Er beugte sich leicht vor.
A5. Liniert. Blaue Umschläge.
Nicht korrekt.
Ein leises Stirnrunzeln.
Er griff nach einem der Hefte, prüfte es.
Zu weich.
Er stellte es zurück.
„Entschuldigen Sie“, sagte er schließlich in Richtung Ladentheke.
Ein Mann mittleren Alters trat hervor, mit der ruhigen Gelassenheit eines Menschen, der es gewohnt war, dass Dinge gefunden oder eben nicht gefunden werden.
„Ja bitte?“
„Ich suche ein Heft“, begann Winfried, „A5, Linierung 27, hellgrauer Umschlag, möglichst ohne Aufdruck.“
Der Mann nickte langsam.
„Hatten wir mal“, sagte er. „Der Hersteller hat das aus dem Sortiment genommen.“
Winfried hielt inne.
„Aus dem Sortiment genommen.“
„Ja. Läuft wohl nicht mehr.“
Stille.
Ein kurzer Moment, in dem sich die Welt leicht verschob.
„Ich verstehe“, sagte Winfried schließlich.
Er verstand es nicht.
Aber er akzeptierte es.
„Vielleicht wäre dieses hier eine Alternative?“ Der Verkäufer griff nach einem ähnlichen Heft.
Blauer Umschlag.
Winfried betrachtete es.
„Die Farbe ist… abweichend.“
„Man gewöhnt sich dran.“
Winfried schwieg.
Gewöhnung war kein überzeugendes Argument.
Er stellte das Heft zurück.
„Ich werde mich umsehen“, sagte er.
„Nur zu.“
Winfried begann, durch den Laden zu gehen.
Langsam.
Systematisch.
Sein ursprüngliches Ziel war nicht mehr erreichbar – aber der Aufenthalt im Laden war noch nicht abgeschlossen.
„Ein Verlassen ohne Erwerb“, murmelte er, „wäre… unangemessen.“
Er blieb vor einem Regal mit Füllern stehen.
Unterschiedliche Modelle, unterschiedliche Gewichte, unterschiedliche Preisklassen.
Er nahm einen in die Hand.
„Ich besitze bereits einen Füller“, stellte er fest.
Er legte ihn zurück.
Ein weiteres Regal.
Notizbücher.
Größer. Kleiner. Farbenfroher.
Zu auffällig.
„Ein Notizbuch muss sich zurücknehmen“, sagte er leise.
Weiter.
Ordner.
Locher.
Heftklammern.
Alles Dinge, die er bereits besaß. In ausreichender Menge.
Sein Blick glitt weiter.
Und blieb schließlich hängen.
Ein kleines Regal.
Fast unscheinbar.
Darin: einzelne Gegenstände, die keiner klaren Kategorie zugeordnet waren.
Ein Brieföffner.
Ein Lineal aus Holz.
Und—
Winfried trat näher.
Ein Bleistift.
Ein einzelner Bleistift, sorgfältig in einer schmalen Halterung platziert.
Er nahm ihn in die Hand.
Er war schwerer, als er erwartet hatte.
Das Holz glatt, die Oberfläche matt, die Spitze unbenutzt.
Keine Marke.
Keine Aufschrift.
„Ungewöhnlich“, murmelte Winfried.
Er drehte ihn zwischen den Fingern.
Ein einfacher Gegenstand.
Und doch.
Etwas daran war… stimmig.
„Wofür benötige ich einen Bleistift?“, fragte er sich leise.
Er dachte nach.
Nicht für den Unterricht. Nicht für Korrekturen.
Und doch.
Ein Bleistift hatte etwas Vorläufiges. Etwas, das sich korrigieren ließ, ohne Spuren zu hinterlassen.
„Eine Möglichkeit“, sagte er.
Er ging zur Kasse.
Der Verkäufer blickte auf.
„Fündig geworden?“
Winfried legte den Bleistift vorsichtig auf den Tresen.
„In gewisser Weise.“
Der Mann hob leicht die Augenbrauen. „Nur der?“
Winfried nickte.
„Er erfüllt nicht den ursprünglichen Zweck meines Besuchs“, erklärte er, „jedoch ermöglicht er eine alternative Form der Nutzung.“
Der Verkäufer lächelte leicht. „Das klingt… durchdacht.“
Winfried schwieg.
Der Mann nannte den Preis.
Winfried bezahlte.
Das kleine Glöckchen erklang erneut, als er den Laden verließ.
Draußen blieb er einen Moment stehen.
Er betrachtete den Bleistift in seiner Hand.
Dann steckte er ihn sorgfältig in die Innentasche seines Mantels.
„Ein Kauf aus Prinzip“, murmelte er.
Und ging weiter.
Langsam.
Aber nicht unzufrieden.