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Winfried Jakobus und der zerrissene Narr

Ein Leben Zwischen Den Zeilen – Sammlung Zur Wochen-Challenge — www.fanfiktion.de · All chapters

Winfried Jakobus und der zerrissene Narr

Hallo meine lieben Leser,

hier folgt nun mein siebter  Beitrag zur Wochen-Challenge.

Der siebte Prompt lautete wie folgt:

Kalenderwoche 07 von Damien Black

Dein Charakter darf das erste Mal auf einem Karnevalswagen beim großen Umzug mitfahren, worüber er sich auch sehr freut. Doch kurz bevor er sich auf dem Weg zum Treffpunkt machen will, stellt er mit Schrecken fest, dass sein Kostüm kaputt ist. Es bleibt keine Zeit mehr, um die Nähmaschine hervor zu holen und es zu reparieren. Was macht dein Charakter in dieser Situation? Und wird er dennoch am Umzug teilnehmen? Das entscheidet ihr.

Vielen Dank Damien Black für dieses schöne Projekt!

Ich wünsche euch nun  viel Spaß beim Lesen! Ich hatte viel Freude beim Schreiben!

Viele Grüße

Hira

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Winfried Jakobus und der zerrissene Narr

Winfried Jakobus stand vor dem Spiegel, das lila Hemd heute unter einem Kostüm aus leuchtendem Grün, Gold und einem Hauch Rot. Die Stoffe fühlten sich fremd an, ungewohnt schwer auf den Schultern, aber Winfried hatte sich seit Wochen auf diesen Tag gefreut. Heute würde er das erste Mal auf einem Karnevalswagen mitfahren. Ein Erlebnis, das er sich seit Jahren vorgenommen, aber aus Gewohnheit und Zurückhaltung stets verschoben hatte.

Er drehte sich, um die Rückseite des Kostüms zu begutachten.

Und erstarrte.

Ein langer Riss zog sich vom rechten Schulterblatt diagonal nach unten, das goldene Band war zerrissen, Stofffäden hingen lose. Wie ein schiefes Lächeln auf dem Rücken des Kostüms wirkte der Schaden grotesk.

Winfried trat einen Schritt zurück, die Hände wie automatisch leicht erhoben, als könnte er das Kleidungsstück mit bloßer Geste wieder in Ordnung bringen.

„Oh nein“, murmelte er. „Oh nein, oh nein…“

Die Uhr an der Wand tickte unerbittlich. In zwanzig Minuten würde er sich mit den anderen am Treffpunkt einfinden müssen. Zwanzig Minuten. Genug, um den Zug zu verpassen. Zu wenig, um die Nähmaschine hervorzuholen und den Riss fachgerecht zu reparieren.

Er griff nach dem Handy. Vielleicht… jemand anderes… Aber nein. Alle, die auch Kostüme hatten, waren längst unterwegs. Die letzte Nachricht im Gruppenchat hatte bereits bestätigt: „Treffpunkt nicht verpassen! Wagen startet um 14:30 Uhr!“

Winfried sank auf einen Stuhl, die Hände in den Schoß gelegt. Sein Blick glitt zum Spiegel, auf den zerrissenen Stoff.

„Du hast dich darauf gefreut. Du willst mitfahren. Und jetzt?“, murmelte er leise.

Er stand auf, ging langsam zum Schreibtisch und holte eine Schachtel aus dem Regal. Darin befanden sich Klebstoffe, Sicherheitsnadeln, alles, was man vielleicht kurzfristig verwenden konnte. Keine Nähmaschine. Kein Ersatzkostüm. Nur improvisierte Mittel.

Winfried begann, den Riss vorsichtig zusammenzuhalten. Sicherheitsnadeln, sorgfältig versteckt zwischen den Stofflagen, etwas Tesafilm an Stellen, die nicht sichtbar waren und kleine Stofffetzen, die er aus einem alten Schal schnitt. Jede Bewegung war präzise, überlegt, fast wie beim Korrigieren eines fehlerhaften Aufsatzes – nur dass der „Fehler“ jetzt sein Kostüm selbst war.

Nach fünf Minuten hielt er inne. Das Ergebnis war provisorisch, aber tragbar. Nicht perfekt. Nicht makellos. Aber stabil genug, um den Tag zu überstehen.

Er trat vor den Spiegel, betrachtete sich. Die grüne Jacke stand noch immer etwas schief auf den Schultern, das goldene Band war nicht mehr ganz geschlossen, aber: er konnte es tragen.

„Es wird reichen“, sagte er schließlich zu sich selbst. Und zum ersten Mal seit der Entdeckung des Risses fühlte er wieder Vorfreude.

Die Straßen waren voll, als er zum Treffpunkt eilte. Kinder in bunten Kostümen liefen voraus, Musik dröhnte aus Lautsprechern, die Menge jubelte und klatschte. Winfried spürte ein Kribbeln in den Fingerspitzen – Aufregung, Nervosität, Freude zugleich.

Am Wagen angekommen, half ihm ein anderer Teilnehmer, das Kostüm auf dem Wagen richtig zu positionieren. Winfried setzte sich, fest angeschnallt und sah sich um. Menschen winkten von den Bürgersteigen, Musik erfüllte die Luft.

Er nahm die Sicherheitsnadeln zwischen den Stofflagen kaum wahr. Sie waren ein kleiner Preis für das Erlebnis, das jetzt begann.

Als der Wagen sich in Bewegung setzte, winkte er, lachte ein wenig, fühlte das Rütteln des Wagens unter seinen Füßen. Die Sonne fiel auf sein Kostüm, die Farben leuchteten, die Musik trug ihn.

„Ich habe es geschafft“, dachte er. „Trotz allem. Ich bin dabei.“

Und während der Umzug weiterzog, merkte Winfried, dass es nicht das makellose Kostüm war, das diesen Tag besonders machte. Es war das Gefühl, trotz aller Widrigkeiten den Moment zu erleben – mit Herz, Freude und einem kleinen improvisierten Triumph über die Unvollkommenheit.

Er lachte laut, streckte die Arme in die Luft und war plötzlich völlig zufrieden.

„Ja“, dachte er, „er würde diesen Tag nie vergessen.“

Er war auf dem Karnevalswagen – und nichts, kein Riss, keine fehlende Nähmaschine, konnte ihm das nehmen.