Der Fund am Straßenrand
Der Fund am Straßenrand
Hallo meine lieben Leser,
hier folgt nun mein achter Beitrag zur Wochen-Challenge.
Der achte Prompt lautete wie folgt:
Kalenderwoche 08 von - Leela -
Dein Charakter findet auf dem Sperrmüll an der Straße ein Möbelstück, das er unbedingt haben will. Was unternimmt er, um es zu bekommen?
Vielen Dank Damien Black für dieses schöne Projekt!
Ich wünsche euch nun viel Spaß beim Lesen! Ich hatte viel Freude beim Schreiben!
Viele Grüße
Hira
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Der Fund am Straßenrand
Winfried Jakobus schlenderte an einem frühen Samstagnachmittag durch die Straßen von Lebach. Die Sonne stand tief und warf lange, schräg stehende Lichtstreifen über den Asphalt, die Gebäude und die kahlen Winterbäume, deren Äste wie feine Silhouetten gegen den blassblauen Himmel zeichneten. Die Luft war klar, kalt und frisch, durchdringend genug, dass sie seine Lungen füllte und ihn sofort wacher machte. Jeder Atemzug schmeckte nach Winter, nach gefrorenem Laub, nach den leisen Geräuschen einer Stadt, die zwischen Ruhe und leiser Geschäftigkeit pendelte.
Winfried hatte keinen festen Plan. Kein Ziel, kein Termin – nur die Sehnsucht nach ein wenig Bewegung, frischer Luft und dem kleinen Luxus, die vergangene Woche hinter sich zu lassen. Seine Gedanken schweiften: Unterrichtsvorbereitungen, Korrekturen, ein paar E-Mails, die noch unbeantwortet waren. Doch jetzt genoss er einfach das Spazierengehen, die Geräusche von fernen Autos, das Rascheln von Papierkörben im Wind, das ferne Lachen spielender Kinder.
An der Ecke einer ruhigen Wohnstraße blieb er abrupt stehen. Etwas hatte seine Aufmerksamkeit gefesselt.
Zwischen alten Kartons, zerbeulten Kisten, kaputten Regalen und verstaubten Gegenständen, die achtlos auf den Bürgersteig gestellt worden waren, stand ein Möbelstück.
Winfrieds Blick blieb daran haften. Es war ein alter Sekretär, aus dunklem, glänzendem Holz, mit kleinen Messinggriffen und fein geschnitzten Kanten. Staub bedeckte die Oberfläche und die Ecken waren leicht angekratzt. Doch trotz der Abnutzung wirkte das Möbelstück robust, elegant und überraschend gut erhalten. Jemand hatte es offenbar achtlos auf den Gehweg gestellt – als sei es nur Müll, unbrauchbar, wertlos.
Winfrieds Herz machte einen kleinen Sprung. Ein warmes, prickelndes Gefühl der Entdeckung durchfuhr ihn.
„Das… muss ich haben“, murmelte er, seine Stimme kaum mehr als ein Flüstern.
Er trat vorsichtig näher, strich mit der Hand über das Holz, spürte die Maserung, die Vertiefungen der Schnitzereien, die glatte Politur, die unter dem Staub noch erkennbar war. Für einen Moment schloss er die Augen und stellte sich vor, wie viele Geschichten dieses Möbelstück wohl kannte, wie viele Hände es berührt hatten, wie viele Gedanken auf ihm niedergeschrieben worden waren. Es war, als könnte der Sekretär selbst atmen, als erzähle er ihm stumm von längst vergangenen Tagen.
Doch dann fiel sein Blick auf einen kleinen, zerknitterten Zettel, der neben dem Möbelstück lag. Handschriftlich stand darauf: „Abholung bis 16 Uhr – sonst weg!“
Winfried überprüfte die Uhr an seinem Handgelenk: 15:10 Uhr. Nur noch fünfzig Minuten und die Besitzer würden vielleicht zurückkommen – oder ein anderer Entdecker könnte den Schatz beanspruchen. Ein Funken Dringlichkeit durchfuhr ihn, doch sein Kopf blieb ruhig, analytisch, wie immer, wenn er eine Herausforderung sah.
Er zögerte keine Sekunde. Zuerst ging er zu den nächsten Häusern, klopfte an die Türen. Keine Antwort. Dann ein weiteres Klingeln. Wieder nichts. Winfried seufzte leise, ein bisschen frustriert, aber gleichzeitig entschlossen.
„Sie wollen das wohl loswerden“, murmelte er. „Aber ich werde es nicht einfach stehen lassen.“
Er ging zum Auto, das ein paar Meter entfernt geparkt war. Ein alter Kombi, geräumig genug, um Möbelstücke aufzunehmen, aber nicht überdimensioniert. Er öffnete die Heckklappe, inspizierte den Innenraum, maß den Platz ab und rechnete im Kopf: Mit etwas Geschick und Geduld könnte er den Sekretär hineinbekommen. Er rief sich selbst zur Ruhe auf: „Vorsichtig, aber bestimmt.“
Doch die Realität holte ihn schnell ein. Allein war das Möbelstück zu schwer, zu unhandlich. Winfried versuchte zunächst, es anzuheben, spürte sofort das Gewicht, das seine Arme und Schultern forderte. Ein falscher Griff – und die Kante könnte den Lack beschädigen, oder er würde sich selbst verletzen.
Er überlegte kurz. Dann griff er zum Telefon. Ein schneller Anruf bei einem alten Bekannten aus der Schule, der handwerklich geschickt war, brachte die Lösung. „Kannst du in zehn Minuten hier sein? Ich brauche ein zusätzliches Paar Hände für eine kleine Bergung von Möbeln.“
Zehn Minuten später erschien der Bekannte, skeptisch lächelnd. Zusammen begutachteten sie den Sekretär. Winfried holte den kleinen Handwagen aus dem Keller – er hatte ihn noch aufbewahrt, ohne zu wissen, wann er ihn einmal brauchen würde. Sie schoben den Sekretär vorsichtig darauf. Die Rollen knirschten über den Bürgersteig, die Räder rutschten leicht über unebene Pflastersteine, aber das Möbelstück blieb stabil.
Mit viel Vorsicht, einigen Korrekturen der Griffe und ständiger Kommunikation – „Noch ein Stück nach links! Vorsicht mit der Ecke!“ – gelang es ihnen schließlich, den Sekretär ins Auto zu hieven. Winfried atmete tief durch, spürte die Anspannung aus seinen Schultern weichen.
„Geschafft“, sagte er, wischte sich die Stirn ab, ein Gefühl von triumphaler Zufriedenheit durchströmte ihn.
Auf der Heimfahrt stellte er sich immer wieder vor, wie der Sekretär in seiner Wohnung stehen würde. Das Licht würde sanft auf die geschnitzten Kanten fallen, Bücher, Briefe und Notizen würden darin Platz finden. Der Gedanke, dass dieses Möbelstück sonst vielleicht auf einem Sperrmüllplatz gelandet wäre, erzeugte ein warmes Gefühl von Stolz und Glück.
Zuhause angekommen, trug er den Sekretär mit größter Vorsicht ins Wohnzimmer. Das Gewicht war beeindruckend, die Maserung des Holzes unter seinen Fingern fühlte sich fast lebendig an. Endlich, an seinem Platz neben dem Fenster, schien der Sekretär den Raum zu beherrschen, als gehöre er schon immer dorthin. Das Licht fiel genau richtig auf die geschnitzten Kanten, die feinen Linien der Messinggriffe glänzten im Nachmittagslicht.
Winfried setzte sich auf den Boden davor, betrachtete jedes Detail: die leicht abgenutzten Kanten, die kleinen Macken, die Geschichte erzählten, den warmen Duft des alten Holzes. Ein kleiner Triumph, ein Fund, den niemand sonst entdeckt hatte.
„Manchmal“, murmelte er leise, „muss man einfach schnell sein – und ein bisschen erfinderisch.“
Er lehnte sich zurück, atmete tief durch und ließ die Zufriedenheit auf sich wirken. Der Sekretär war jetzt sein. Nicht nur ein Möbelstück, sondern ein kleiner Schatz, ein Stück Geschichte, das er bewahren würde. In den kommenden Jahren würde er seine Bücher, Briefe und Notizen darin aufbewahren – und immer, wenn er ihn betrachtete, würde er sich daran erinnern, wie er nicht gezögert hatte, zu handeln, als sich die Gelegenheit bot.
Winfried lächelte, zufrieden, ruhig, erfüllt von einem kleinen, aber tiefen Glück. Der Fund am Straßenrand war mehr als nur ein Möbelstück – es war ein Abenteuer, ein Moment der Entdeckung, ein Beweis dafür, dass manchmal Mut, Schnelligkeit und ein wachsames Auge belohnt werden.