Winfried Jakobus und der Stromschock
Winfried Jakobus und der Stromschock
Hallo meine lieben Leser,
hier folgt nun mein neunter Beitrag zur Wochen-Challenge.
Der neunte Prompt lautete wie folgt:
Kalenderwoche 09 von Damien Black
Dein Charakter bekommt die jährliche Abrechnung seines Stromversorgers und erhält einen Schock. Mehr als 3000 Nachzahlung. Dabei hat er doch rein gar nichts im Vergleich zur vergangenen Abrechnung verändert. Warum hat er dann dieses Jahr so eine hohe Nachzahlung? Das dürft ihr entscheiden.
Vielen Dank Damien Black für dieses schöne Projekt!
Ich wünsche euch nun viel Spaß beim Lesen! Ich hatte viel Freude beim Schreiben!
Viele Grüße
Hira
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Winfried Jakobus und der Stromschock
Winfried Jakobus saß an seinem alten Küchentisch, der an den Ecken leicht abgewetzt war, als hätte er Jahrzehnte der akribischen Postsortierung erlebt. Die Sonne fiel schräg durch das Fenster, traf die Kaffeetasse, die noch leicht dampfte und spiegelte sich auf dem glatten Laminat der Tischoberfläche. Überall lagen sorgfältig gestapelte Dokumente: Rechnungen, Werbesendungen, Prospekte, eine Einladung zu einer Nachbarschaftsveranstaltung – alles nach Datum und Priorität sortiert, nichts ausgelassen. Dieses Ritual gehörte zu Winfrieds Samstag wie die Tasse Kaffee und das leise Summen der Heizung.
Zwischen all den Umschlägen und Papieren fiel ihm ein Briefumschlag ins Auge, der ihn sofort innehalten ließ. Der Absender war ihm vertraut: sein Stromversorger.
„Mal sehen, was mich dieses Jahr erwartet“, murmelte er leise zu sich selbst. Mit ruhiger Hand schob er das Siegel auf, das leise knackte. Ein Moment der Spannung, wie beim Aufschlagen eines besonders kniffligen Aufsatzes seiner Schüler: Die Erwartungen waren klar, das Ergebnis ungewiss.
Er zog das Blatt heraus und glitt mit den Augen über die Zahlen. Alles schien zunächst vertraut: Verbrauch, Grundgebühr, monatliche Abschläge. Winfried nickte leicht, prüfte im Geiste, ob sich Änderungen eingeschlichen hatten. Dann jedoch stieg sein Blick zur Nachzahlung.
3.072,48 €
Winfried ließ den Brief langsam sinken. Die Welt um ihn herum schien für einen Moment stillzustehen. Ein dumpfes Gefühl breitete sich in seinem Magen aus, ein Mix aus Schock, Unglauben und einer seltsamen Art von Panik.
„Das… kann nicht sein“, flüsterte er, kaum hörbar. „Ich habe doch gar nichts verändert.“
Er lehnte sich zurück, legte die Hände in den Schoß und versuchte, rational zu bleiben. Langsam ließ er die vergangenen Monate Revue passieren: keine neuen Geräte, keine außergewöhnlichen Heizphasen, keine nächtlichen Lichterketten. Alles war wie immer. Kein Sonderverbrauch, kein außergewöhnlicher Stromfresser.
Er griff nach dem Taschenrechner, den er stets griffbereit auf dem Küchentisch liegen hatte und begann systematisch zu rechnen. Schritt für Schritt prüfte er die Werte: Grundgebühr, Verbrauch, Abschläge – alles stimmte wie bisher. Aber der Verbrauch für dieses Jahr war deutlich höher. Viel zu hoch. Sein Kopf begann zu rattern: Was, wenn ich einen Fehler übersehen habe? Wenn ich versehentlich ein Gerät monatelang laufen ließ?
Er drückte die Tasten des Taschenrechners mechanisch, fast ritualistisch, während er die Zahlen noch einmal prüfte. Nein. Alles korrekt. Keine plausible Erklärung.
Winfried lehnte sich zurück, strich sich nachdenklich über das Gesicht und runzelte die Stirn. Sein Blick fiel erneut auf die Nachzahlungszeile. 3.072,48 € – eine Summe, die seine innere Vorstellungskraft kurz aus dem Gleichgewicht brachte.
„Vielleicht ein Messfehler?“, murmelte er leise. Die Stimme klang fast fremd in seinen eigenen Ohren, so zweifelnd und klein.
Er griff nach dem Telefon, wählte die Nummer der Kundenhotline und das vertraute Piepen der Warteschleife begann. Minuten verstrichen, in denen er unruhig die Tasse Kaffee anhob, einen Schluck nahm und den Geschmack von leicht verbranntem Zucker auf der Zunge spürte. Endlich meldete sich eine Stimme: freundlich, sachlich, professionell.
„Herr Jakobus, Ihre Abrechnung basiert auf den Zählerständen, die uns vom Netzbetreiber übermittelt wurden“, erklärte die Stimme.
Winfried nickte innerlich, obwohl er niemanden sehen konnte. „Ja, ich verstehe“, sagte er. „Aber es kann nicht sein. Ich habe den Verbrauch nicht erhöht.“
„Lassen Sie mich kurz prüfen…“, antwortete die Stimme, während im Hintergrund leise Tastentöne zu hören waren. Winfried spürte, wie seine Handflächen leicht schwitzig wurden. Es war, als ob ein Richter über seine Stromschuld entschied. Nach einigen Momenten erklang die Stimme erneut: „Ah, jetzt sehe ich es. Ihr Zähler war letzten Herbst defekt. Der Netzbetreiber hat ihn erst kürzlich ausgetauscht. Die Abrechnung beruht auf einer Hochrechnung über das ganze Jahr, nicht auf den tatsächlichen monatlichen Werten.“
Winfried starrte das Telefon an, seine Gedanken wirbelten. Eine Hochrechnung? Kein tatsächlicher Verbrauch? Ein Gefühl von Erleichterung schlich sich in seine Brust, doch gleichzeitig mischte sich ein leichter Rest von Ärger.
„Also… doch kein Wunder“, murmelte er, die Spannung aus den Schultern nehmend. „Nur ein Zähler, der versagt hat.“
Er legte den Hörer zurück, lehnte sich in den Stuhl zurück und betrachtete den Brief erneut. Trotz der Panik, die ihn vor wenigen Minuten gepackt hatte, konnte er sich ein kleines Schmunzeln nicht verkneifen. Die Situation hatte etwas Komisches: Über 3000 Euro – und alles nur ein Missverständnis durch ein defektes Gerät.
„Manchmal“, sagte er leise zu sich selbst, „wird man von Zahlen überrascht, die man gar nicht selbst verändert hat.“
Winfried griff nach seinem Notizbuch, schrieb die neue Zählernummer auf, notierte die Hochrechnung und plante bereits, dem Netzbetreiber die Korrektur vorzuschlagen. Jeder Schritt war bedacht, organisiert – ganz wie bei seiner Arbeit als Lehrer. Kein Detail sollte übersehen werden.
Er nahm einen tiefen Schluck von seinem Kaffee, der inzwischen auf angenehme Trinktemperatur abgekühlt war und lehnte sich zurück. Die Wärme der Tasse beruhigte ihn, während er die Realität langsam akzeptierte: kein tatsächlicher Mehrverbrauch, kein finanzielles Desaster. Nur Bürokratie, ein bisschen Aufregung und ein kleiner Schreck.
Winfried lächelte schließlich, innerlich erleichtert und dachte: „Zahlen sind nicht immer harmlos, aber sie lassen sich korrigieren.“
Er atmete noch einmal tief durch, nahm die Tasse in beiden Händen, fühlte das Gewicht, den dampfenden Duft und die Vertrautheit des Moments. Alles war wieder unter Kontrolle. Ein kleiner Schreck, ein wenig Bürokratie – und am Ende doch lösbar.
Winfried lehnte sich zurück, ließ die Augen zufallen und genoss den Kaffee. Der Stromschock war überwunden.