Der neue Anunnaki von Asgard
Der neue Anunnaki von Asgard
Asgard, Yggdrasil
„Hat Vater Odin euch auch herbestellt?“, fragte Thor, als er sich den Toren Walhalls näherte, die zum Thronsaal des Patriarchen führten.
Drei Götter warteten bereits dort.
Einer von ihnen war der strahlende, außergewöhnlich schöne Freyr. Er trug lediglich ein lockeres weißes Tuch um die Hüften, während sein gesamter Körper in göttlichem Licht glänzte.
Neben ihm stand eine atemberaubende Göttin mit lockigem blondem Haar, das einen verspielten rosigen Schimmer besaß.
Sie trug ein eng geschnittenes weißes Kleid mit goldenen Verschlüssen. Ein hoher Schlitz ließ ihre wohlgeformten, blassen Beine erkennen, an deren Füßen goldene Sandalen glänzten. Über ihren Schultern lag ein dunkler Umhang aus Federn.
Der dritte war ein einarmiger Gott mit der Haltung eines erfahrenen Heerführers.
Sein Haar war kurz geschnitten, ähnlich dem Stil der Römer. Mehrere Narben zogen sich über sein Gesicht. Er trug eine rote Tunika, wie sie unter den Menschen Norwegens üblich war, dazu schwarze Beinlinge.
An seiner Seite hing ein rötliches Schwert, sichtbar gezeichnet von unzähligen Schlachten.
„Jupp, Thorsilein. Meine Schwester und Tyr wurden auch herbestellt ♬“, antwortete Freyr mit seinem strahlenden Lächeln.
Tyr verschränkte den verbliebenen Arm.
„Na endlich erfahren wir, warum unser Vater so lange verschwunden ist.“
Freyja sah zum Tor.
„Sie meinten, wir müssten sofort kommen. Vielleicht hat’s mit Lokis Aufstand in der Menschenwelt zu tun.“
Bald kann ich endlich selber nach Midgard runter und Loki packen, dachte Thor.
Eine der Walküren am Tor trat vor.
„Ihr vier seid vollständig versammelt. Ihr dürft eintreten.“
Die beiden Walküren senkten ihre Speere.
Die gewaltigen Tore öffneten sich von selbst.
Ein blendender Lichtblitz zwang die Götter, die Augen zu schließen.
Als sie wieder sehen konnten, waren die goldenen Säulen und Decken Walhalls verschwunden.
Stattdessen umgaben sie Äste, dichtes Blattwerk und üppige Vegetation.
Es war, als stünden sie plötzlich mitten in einem verzauberten Wald.
Entlang eines Erdpfades lagen Malakim in weißen Gewändern auf dem Boden.
Sie trugen Masken in Form von Hirschköpfen und hatten sich vollständig niedergeworfen.
Der Pfad führte zu einer erhöhten Plattform, die aus einem gewaltigen umgestürzten Baumstamm herausgeschnitten worden war.
Dort saß ein Mann auf einem Thron.
Neben ihm standen vier Gestalten, die offensichtlich keine Malakim mit Hirschmasken waren.
Hinter dem Thron erhob sich ein riesiger Mistelbaum.
An seinen Ästen hingen abgeschlagene Köpfe.
Leblose Schädel baumelten grotesk zwischen den Blättern wie Teil eines uralten Rituals.
Der Mann auf dem Thron lächelte.
„Willkommen im neuen Reich Asgard, ihr Götter der Æsir.“
Er war ein Mann mit kurzem Bart, kastanienbraunem Haar und grünen Augen.
Seine weißen Gewänder waren mit goldenen Säumen verziert.
In seiner rechten Hand hielt er einen Stab aus Mistelholz, an dem noch Blätter wuchsen.
Er saß mit einer fast provokanten Gelassenheit auf seinem Thron.
Thor ging sofort in Kampfhaltung.
„Wer zum Donner bist du? Und wo ist Vater?“
Auch die anderen nahmen instinktiv Verteidigungspositionen ein.
Die vier Gestalten neben dem Thron brachen in höhnisches Gelächter aus.
Der Mann hob ruhig eine Hand.
„Nu, Freunde, wir wollen doch in solch heiliger Stätte nich gleich mit Gewalt anfangen.“
Seine Stimme klang ländlich, doch jedes Wort war sorgfältig gewählt.
„Auf Befehl Lels bin ich fortan der neue Herrscher Asgards.“
Er neigte leicht den Kopf.
„Mein Name ist Esus.“
Ein kalter Schauer lief den vier Æsir über den Rücken.
Freyja riss die Augen auf.
„Esus? Der keltische Anunnaki? Wat zum Teufel machst du hier?“
Tyr griff nach seinem Schwert.
„Wo ist Vater Odin? Antworte, sonst steck ich deinen Kopf auf meine Klinge!“
Esus lächelte boshaft.
„Tot.“
Stille.
„Und deshalb hab ich beschlossen, Asgard meinem Reich einzuverleiben.“
Die vier keltischen Götter neben ihm lachten weiter.
Thor brüllte:
„Unmöglich! Vater lässt sich doch nich von so ’nem Schwächling wie dir umbringen!“
Esus lachte leise.
„Ach, nu beruhig dich. Ich war’s ja nich.“
Er legte eine Hand gelassen auf die Armlehne.
„Die Arbeit haben die Monster in Lel erledigt. Ich hab lediglich den Thron angenommen, den man mir so freundlich angeboten hat.“
Sein Ton blieb beinahe höflich.
„Die Leute dort hatten wohl endgültig genug davon, dass eure Menschen ihre heiligen Länder überfallen.“
Esus breitete leicht die Arme aus.
„Also haben sie beschlossen, die Sache selbst zu regeln.“
Sein Lächeln wurde breiter.
„Ab heute regiert Lel über die nordischen Gebiete.“
Die Æsir griffen instinktiv nach den in ihren Körpern verborgenen Totemas.
Sofort gingen die vier Gestalten neben Esus in Kampfhaltung.
Esus hob eine Hand.
„Taranis, Belisama, Sucellus, Smertrios … nu mal langsam.“
Er lächelte beinahe väterlich.
„Wir sind schließlich zivilisierte Götter, die wissen, wat das Wort Diplomatie bedeutet.“
Dann fügte er trocken hinzu:
„Zumindest hoff ich das.“
Esus erhob sich nicht.
„Ich hab euch nich hergerufen, um zu kämpfen.“
Er betrachtete die vier Æsir nacheinander.
„Ihr seid die Stärksten, die Asgard zu bieten hat.“
Sein Ton war ruhig und kultiviert.
„Ich möchte, dass ihr euch mir anschließt.“
Er verschränkte die Hände.
„Tut ihr das, verschone ich euer Leben.“
Eine kurze Pause.
„Und das eures Volkes.“
Sein Lächeln wurde dunkler.
„Solltet ihr allerdings ablehnen …“
Er deutete auf den riesigen Mistelbaum hinter sich.
„Dann brenn ich Asgard bis auf den letzten Stein nieder und opfere euch in einem gewaltigen Weidenmann.“
Freyja verzog die Lippen.
„Wat für ’n großzügiges Angebot.“
Tyr nickte.
„Hat nur ein kleines Problem.“
Thor trat einen Schritt vor.
„Wir sind ’n Reich von Kriegsgöttern, nich von Diplomaten.“
Freyr lächelte nicht mehr.
„Das heißt, ganz Asgard wird gegen fremde Eindringlinge kämpfen, bis keiner von uns mehr stehen kann ♬.“
Seine Stimme blieb melodisch, doch sein Blick war hart.
„Egal, wie aussichtslos es aussieht.“
Dann zeigte er auf Esus und dessen Begleiter.
„Und wir hören erst auf, wenn eure Köpfe an unseren Waffen hängen ♬.“
Esus lachte.
„Ach, wie bedauerlich.“
Er legte eine Hand auf seine Brust.
„Dann muss ich euch leider mitteilen, dass ihr in dieser Dimension gefangen seid.“
Thor knurrte.
Esus fuhr fort:
„Nur Heimdall könnte euch hier raushelfen.“
Er lächelte selbstgefällig.
„Aber der wird’s wohl kaum wagen, sich gegen mich zu stellen. Nich nach all dem, wat er getan hat, um dieses Heiligtum so brav zu ‚beschützen‘.“
Eine Stimme erklang aus dem Nebel.
„Ich hab dieses Heiligtum nie beschützt.“
Alle drehten sich um.
„Ich diene nur meinem Vater, dem großen Odin.“
Aus dem Nebel trat Heimdall hervor.
In seiner Hand hielt er sein Horn, das Gjallarhorn.
„Und wenn Vater nich mehr da ist …“
Sein Blick fiel auf Thor.
„Dann gehorch ich Thor. Er ist der Zweite im Befehl.“
Thor strahlte.
„Heimdall! Ich wusste doch, dass du uns nich verrätst!“
Heimdall blieb vollkommen ausdruckslos.
„Keiner in Asgard würd den großen Lord Odin verraten.“
Esus erhob sich langsam von seinem Thron.
Sein Gesicht verlor jede Freundlichkeit.
„Ihr seid doch nichts weiter als ein Haufen wertloser Barbaren.“
Er richtete seine Gewänder.
„Erledigt sie.“
Dann wandte er sich ab.
„Währenddessen werd ich ganz Asgard auf ein großes Opfer vorbereiten.“
Sein Lächeln kehrte zurück.
„Für unseren mächtigen Wohltäter.“
Er hob den Mistelstab.
„Lord El.“
Esus verließ die Plattform.
Die Malakim mit den Hirschmasken folgten ihm.
Thor brüllte hinterher:
„Lauf nich weg, du feiger Hund!“
Eine der Gestalten trat vor Thor.
„Du hast kein Recht, unseren Meister auf diese Weise anzusprechen, Donnergott.“
Der Mann hatte rotbraunes Haar und einen ebenso gefärbten Bart.
Er trug einen braunen Umhang und einen runden Stahlhelm, der mit goldenen Olivenzweigen geschmückt war.
Über seiner Brust lag ein bronzener Brustpanzer mit einem goldenen Rad.
„Ich bin Taranis, der keltische Gott des Donners.“
Elektrische Energie explodierte um seinen Körper.
Hinter seinem Rücken entstand ein strahlendes Rad aus Blitzen.
Taranis grinste.
„Ich wollt schon lang mal die Waffen mit dir kreuzen.“
Thor knirschte mit den Zähnen.
Vor Freyja trat eine Frau.
„Barbaren gehören auf meine Speerspitze.“
Ihr Haar und ihre Augen besaßen einen bläulichen Schimmer.
Sie trug ein langes weißes Gewand.
Unter ihren Füßen bewegte sich Wasser, als würde sie auf der Oberfläche eines Sees stehen.
„Ich bin Belisama.“
Sie richtete ihre Waffe auf Freyja.
„Und mein Gesicht wird das Letzte sein, wat du in deinem Leben siehst.“
Vor Freyr erschien ein weiterer Mann.
Er war blond, fein geschnitten und besaß grün-aquamarinfarbene Augen.
Ein beinahe ätherisches Licht umgab ihn.
Er trug einen roten Umhang, einen goldenen Brustpanzer, einen blauen Rock und khakifarbene Hosen.
In beiden Händen hielt er einen gewaltigen Hammer.
Der Gott strich sich elegant durch die Haare.
„Ich bin Sucellus, der schönste Gott, den diese Welt je gesehen hat.“
Er lächelte verführerisch.
„Freyr, ich werd dein widerliches Gesicht mit diesem Hammer zu Brei schlagen.“
Freyr hob eine Augenbraue.
Die letzte Gestalt griff Tyr ohne Vorwarnung an.
Tyr wich schnell zur Seite.
Der Angreifer war riesig.
Sein Körper war mit Haaren bedeckt. Seine Frisur und sein Bart waren ungepflegt, beinahe wie bei einem Höhlenmenschen.
Er trug lediglich eine einfache karierte Hose.
Auf einer Schulter ruhte eine gewaltige Keule.
Der Mann grinste.
„Nich schlecht, Tyr. Meinen Überraschungsangriff haste kommen sehen.“
Er hob die Keule.
„Aber um Smertrios zu schlagen, brauchste schon ’n bisschen mehr als das.“
Thor wandte sich zu Heimdall.
„Heimdall! Benutz den Bifröst! Hau ab hier!“
Heimdall sah ihn an.
„Warn ganz Asgard! Sag denen, dass wir gegen diese Bastarde kämpfen müssen!“
Thor zeigte in die Richtung, in der Esus verschwunden war.
„Und wenn du kannst, halt Esus auf!“
Er ballte die Fäuste.
„Wir kommen gleich nach!“
Heimdall nickte.
Im nächsten Augenblick wurde sein Körper von regenbogenfarbenem Licht umhüllt.
Hinter ihm öffnete sich ein Portal.
Dann verschwand er.
Thor drehte sich zu Freyr, Freyja und Tyr um.
Ein breites Grinsen erschien auf seinem Gesicht.
„Und ihr drei …“
Blitze begannen um seinen Körper zu knistern.
„Nu zeigen wir diesen verdammten Baumknutschern mal, wat Asgard wirklich draufhat.“
Thor griff nach seinem Totema.
„Verwandeln!“
Auch die übrigen Æsir zogen ihre Totemas hervor.
Ein blendendes Licht verschlang das gesamte Schlachtfeld.