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Laetitia

Fire And Ashes Ii — www.fanfiktion.de · All chapters

Laetitia

Sie erwachte, ohne sicher zu sein, dass sie geschlafen hatte. Ihrem Gefühl nach hatte sie nur kurz die Augen geschlossen, um dann festzustellen, dass plötzlich Tag war und draußen die Vögel zwitscherten. Sie setzte sich auf. Sajian schlief noch in seiner Bettnische, und Laetitia streckte sich, ehe sie aufstand und zum gut gefüllten Vorrats- und Kühlschrank ging. Sie hatte einen unglaublichen Hunger, aß das zur Verfügung gestellte Brot mit mehr Fleischaufschnitt als üblich, gönnte sich anschließend noch ein paar Weintrauben und Käsewürfel, ehe sie sich die Zähne putzte und duschte. So lebendig und hungrig hatte sie sich schon lange nicht mehr gefühlt. Es war, als hätte der Tag sie neu geboren – trotz der gestrigen Vorfälle, die sie beunruhigten, als sie ihr wieder ins Gedächtnis zurückfielen. Die Siedler hatten sich ihr nicht einmal vorgestellt, fiel ihr plötzlich auf, und sie hatte Ian auch nicht nach ihren Namen gefragt. Sie stellte fest, dass es sie auch kaum interessierte. Das waren Personen, zu denen sie auf Abstand gehen wollte – vorallem aber wollte sie Sajian vor ihnen beschützen.

Sie trat hinaus in den Käfig. Im Paddock nebenan bemerkte sie trotz der frühen Stunde Ian und Ryou in dessen menschlicher Gestalt, obwohl es gestern noch so angeklungen hatte, als würde Ian sich Drachen nur nähern, wenn Gitterstäbe zwischen ihnen lagen. Noch jemand war bei ihnen, allerdings außerhalb des Gitters: Ein Mann schwer bestimmbaren Alters, der ebenso gut Ende zwanzig wie Mitte vierzig sein konnte. Er war großgewachsen, hatte wilde blonde Haare, die nach allen Seiten abstanden, und eine breitschultrige Statur. Am Körper trug er einen ganz ähnlichen Poncho wie den, den sie gestern bei Ryou gesehen hatte. War das etwa ein verwandelter Drache aus dem Reservat? Vielleicht der Alpha, von dem Ian gesprochen hatte? Er käme manchmal zu den Paddocks, hieß es.

»Es wird auch Zeit, dass du endlich aus diesem Käfig rauskommst. Nur keine Sorge, wir beißen nicht. Die meisten von uns jedenfalls.« Er lachte auf eine so einladende Weise, dass er Laetitia sofort sympathisch war. »Du willst doch nicht für den Rest deiner Zeit da drin versauern. Drachen brauchen Wälder und Seen, und vor allem freie Flächen zum Fliegen.«

»Versuchen wir es mal«, sagte Ian. Ryou wirkte aufgeregt; kaum dass die Tür nach draußen geöffnet wurde, setzte seine Verwandlung ein. Die Haut begann damit, ihre Struktur zu verändern, riss an verschiedenen Stellen auf und gab darunterliegende Schuppen frei. Binnen weniger Augenblicke war Ryou wieder der kleine Drache mit dem zweifarbigen Geweih, den sie am Vortag gesehen hatte, und der Poncho, der sich an seitlichen Druckknöpfen öffnen ließ, fiel unversehrt zu Boden. Er rannte durch die Öffnung, um seine Flügel auszubreiten und wild herumzuflattern, wobei er eher knapp über dem Boden durch die Luft taumelte als tatsächlich flog. Er schrie wie ein Raubvogel, und es klang ganz ohne Zweifel vergnügt. Wenige Augenblicke später setzte er wieder zur Landung an, wobei er schwer atmete und seine Flügel hängen ließ, weil er offenbar keine Kraft mehr hatte, sie nah am Körper zu halten.

»Das machst du gut für deine ersten Versuche, gib deinen Flügeln Luft. Dafür sind sie gemacht. Schon bald kannst du zu deiner ersten Jagd aufbrechen, da bin ich mir sicher.« Der Fremde lächelte. Er hatte etwas Väterliches an sich, oder vielleicht etwas von einem großen Bruder.

Ian bemerkte ihr Auftauchen und begrüßte sie: »Guten Morgen, Laetitia! Darf ich dir Hickory vorstellen? Er ist der Drachen-Alpha im Reservat. Hickory, das ist Laetitia, einer unserer Neuzugänge. Sie ist allerdings nur zeitweilig hier aufgrund eines Schulprojekts. Ihre Aufgabe ist es, eine Arbeit über Drachen zu schreiben.«

»Freut mich sehr, dich kennenzulernen, Laetitia«, sagte der Mann namens Hickory freundlich und zugewandt. »Ich hoffe, du hattest eine gute erste Nacht im Reservat. Keine Sorge, man gewöhnt sich an die Drachen.« Er lachte erneut, während Ryou ausgelassen um ihn herumsprang wie ein Fohlen, das zum ersten Mal eine Weide betreten hatte. Er flatterte, versuchte sich erneut in die Luft zu erheben, doch ohne Erfolg. »He, immer langsam! Fliegen lernt sich nicht von heute auf morgen, und du musst sparsam mit deinen Kräften umgehen, sonst bist du ganz schnell wieder ein Mensch. Und das willst du doch nicht. Es gibt viel zu erleben in deiner anderen Gestalt.«

Wie aufs Stichwort hin stand er erneut mit hängenden Flügeln und keuchender Atmung da, bevor seine Gestalt zurückschrumpfte auf die eines Menschen, der nackt und geschwächt ins Gras sank. Hickory kniete sich vor ihn. »Willkommen zurück. Hast du irgendwelche Erinnerungen an deine Zeit als Drache?«

Ian trat tatsächlich aus dem Paddock heraus und reichte Ryou den Poncho, den dieser sich sogleich überzog. Er schien keine Angst vor diesem Schritt zu haben. »Ich… bin geflogen, oder? Es war so toll, ich wollte noch höher steigen, aber dann… dann wurde ich wieder ein Mensch. Ich erinnere mich! Ich erinnere mich!«, rief er begeistert.

»Du erinnerst dich, weil es emotional bedeutsam für dich war und du dich gut dabei gefühlt hast. Mit etwas Übung wird das alles schon«, sagte Hickory zuversichtlich.

»Bist du heute zum ersten Mal draußen?«, fragte Laetitia Ryou neugierig, wobei sie näher ans Gitter herantrat, sich aber tatsächlich nicht traute, ebenfalls hinauszutreten. Das waren gerade überaus wichtige Beobachtungen für ihren Bericht.

»Ja! Ian meinte bisher, es sei zu früh für eine Vergesellschaftung, aber ich wollte es unbedingt versuchen. Bis jetzt ist alles gut gelaufen. Darf ich heute draußen bleiben?«, fragte er ihn beinahe flehend. »Ich war so lange im Paddock und will die anderen kennenlernen! Ich komme zurück, wenn ich Probleme habe, versprochen!«

Ian lächelte und sagte dann, an Hickory gewandt: »Bitte pass gut auf ihn auf – er ist so ein kleiner Drache. Aber er gehört einfach nicht in ein kleines Paddock. Das wird ihn auf Dauer krank machen.« An Ryou gewandt sagte er: »Ich würde mich dennoch wohler fühlen, wenn du zumindest nachts im Paddock schlafen würdest.«

»Keine Sorge Ian, ich hüte ihn wie den Rest meines Schwarms und die anderen werden ihn…« Er brach ab und wandte sich ruckartig um, wobei seine Gesichtszüge entglitten. Sein Blick war gebannt auf den Wald in einiger Entfernung gerichtet. Ryou wurde plötzlich ganz blass und still. Sogar Laetitia spürte es – eine Änderung in der Luft, die sie niemandem hätte beschreiben können. Vögel flogen aus den Baumkronen auf, dann hörte sie ein lautes Zischen wie von einer sehr großen Schlange.

Plötzlich brach eine große Gestalt zwischen den Bäumen hervor und raste direkt auf sie zu: Es war ein Drache, langgezogen wie eine Schlange, aber mit Flügeln und vier dicken Beinen. Der muskulöse Hals allein war so lang wie der ganze Körper, ebenso der Schwanz, der wild herumpeitschte. Die Rückenhaut war so tiefgrün, dass sie fast schwarz aussah, der Bauch dagegen cremefarben und an den Flanken orange gefärbt. Der Schädel ähnelte dem einer Kobra mit dicken, groben Panzerplatten, die ihn vollständig bedeckten. Um den Hals herum standen längliche Schuppen wie ein doppeltes, geripptes Segel ab und erzeugten dabei ein bedrohliches Rasseln.

Ryou rappelte sich stolpernd auf und rannte mit Ian zurück ins Paddock, dessen Gittertür sie rasch schlossen. Der fremde Drache beachtete sie allerdings gar nicht; seine ganze Aufmerksamkeit war auf Hickory gerichtet. Dieser nahm mit der Beiläufigkeit vieler vorangegangener Verwandlungen nun ebenfalls Drachengestalt an: Er wurde zu einem bulligen Geschöpf in der Farbe von sandigem Ocker mit schwarzen und weißen Streifen an den Flanken sowie einer blutroten Maske um beide Augen. Am hinteren Teil des Schädels saßen vier schmale Hörner. Beide Drachen waren von etwa gleicher Größe, die dem eines Zugabteils entsprach, und gingen aufeinander los wie zwei Titane.

Donnerndes Gebrüll von Hickory und das schlangenhafte Zischen des anderen Drachen erfüllte die Luft, als sie nacheinander hieben und sich blutige Wunden rissen. Laetitia wich völlig fassungslos zurück, stolperte und fiel ins Gras. Sie hörte Ians Rufe, der an das Trenngitter zwischen ihrem und Ryous Paddock herangetreten war, und eilte zu ihm. Ian legte einen Arm durch das Gitter und um sie, den anderen um Ryou. Alle blickten wie gebannt nach draußen. Die kämpfenden Drachen hatten sich inzwischen voneinander gelöst, fauchend und zischend mit blutigen Zähnen, dann richtete sich Hickory drohend vor seinem Kontrahenten auf. Dieser wich nicht zurück. Er zeigte nicht die geringste Furcht. Schließlich erstarrten beide Drachen, sahen einander an ohne zu blinzeln, um dann mit zuckenden Schwanzspitzen auseinanderzugehen. Der Schlangendrache verschwand wieder im Wald und verschmolz mit den dortigen Farben, während Hickory wieder zurück auf seine Vorderbeine fiel. Blut tropfte von seinen Schuppen ins Gras.

Ian atmete hörbar auf, ein Laut, in dem sein ganzes Elend mitschwang. »Das war die Schlange, richtig?«, fragte Laetitia mit zitternder Stimme.

»Ihr richtiger Name ist Helen«, bestätigte Ian. »Aber kein Grund zur Sorge, die Gitter halten allen Angriffen stand. Ihr schwebt in keiner Gefahr, solange ihr hier drin seid.«

»Ich glaube, ich bleibe doch lieber noch etwas länger im Paddock«, erwiderte Ryou kleinlaut.

Ian biss deutlich sichtbar die Kiefer aufeinander. Dieses Schauspiel hatte ihnen allen nicht nur Angst eingejagt, es hatte auch sein Vergesellschaftungsvorhaben auf einen Schlag zunichte gemacht. Laetitia konnte sich gut vorstellen, wir er sich gerade fühlte.

Hickory kehrte mit schwingendem Schwanz und angelegten Flügeln zu den Paddocks zurück. Trotz der blutigen Krallen und Zähne strahlte er keinerlei Feindseligkeit aus, fand Laetitia; auch diesen Eindruck hätte sie niemandem glaubhaft erklären können. Er schaffte es vielleicht nicht, sich zurückzuverwandeln, oder wollte es nicht. Sie tippte so unmittelbar nach dem Kampf auf Letzteres.

Zu ihrer Überraschung stand Ian auf und trat näher an das Gitter heran, streckte seine Hand hindurch und legte sie auf die Schnauze des großen Drachen. Hickory ließ die Berührung zu, und mit einem letzten Blick auf Ryou wandte er sich ab, um davonzufliegen.

»Das war ein absoluter Reinfall«, knurrte Ian. »Ich hatte gehofft, sie bleibt den Paddocks fern, denn bislang ließ sie nicht nur selten so nah bei der Siedlung blicken. Aber bedauerlicherweise macht sie immer dann Ärger, wenn man ihn am Wenigsten gebrauchen kann und er den schlimmstmöglichen Schaden hinterlässt.«

»Kein Drache tut Dinge aus Böswilligkeit«, sah sich Laetitia genötigt hinzuzufügen. »Wir müssen herausfinden, warum sie angreift.«

Ian seufzte und rieb sich die Stirn. »Ich vermute, es geht schlicht um den Rang des Alphas, den sie Hickory streitig macht. Allerdings weiß ich nicht warum. Sie ist ein Einzelgänger, und meines Wissens nach gar nicht mehr in Menschengestalt anzutreffen. Ich… setze in der Tat gewisse Hoffnungen darauf, dass du das Rätsel lösen könntest, Laetitia. Du bist eine Außenstehende, interessiert an Drachenverhalten und hast vermutlich viel Zeit investiert, um Henrys Buch zu lesen. Vielleicht erkennst du, was mir verborgen bleibt.«

Sie schlug nachdenklich die Augen nieder. Konnte sie das? Sollte sie sich nicht lieber auf ihr Schulprojekt – Sajian – konzentrieren und sich aus diesen Angelegenheiten heraushalten? Sie wusste, dass das vernünftiger wäre – aber genau wie im Bad mit Sajian entschied sich ihre innere Stimme, auch diesem Drachen zu helfen.

Wie aufs Stichwort hörten sie aus dem Innern des Wohnbereichs plötzlich leises Poltern. »Er scheint aufgewacht zu sein, kein Wunder bei dem Krach«, sagte Ian, und Laetitia rannte bereits zu ihm.