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Ian

Fire And Ashes Ii — www.fanfiktion.de · All chapters

Ian

Sajian war wach, als sie beide in den Wohnbereich traten. Er wirkte unsicher und wich tatsächlich vor Ian zurück. Dieser beschloss daher, in einiger Entfernung stehenzubleiben. »Hallo, Sajian. Lernen wir uns also auch einmal in deiner anderen Gestalt kennen. Ich bin Ian McCord und habe dich in Obhut genommen, du befindest dich im Sheanandoah-Drachenreservat. Keine Sorge, du bist hier in Sicherheit, und ich bin immer da, wenn du Fragen hast. Laetitia kennst du bestimmt noch – sie wird zeitweise mit dir zusammenwohnen, um ihr Schulprojekt fertigzustellen. Ich hoffe, du hast damit keine Probleme.« Er lächelte ihm beruhigend zu, doch Sajian entspannte sich nicht.

»Ich bin also echt ein Drache? Das alles war kein merkwürdiger Traum?«, fragte er bestürzt.

»In der Tat. Erinnerst du dich daran, was gestern geschehen ist?«

»Es… kommt in Bruchstücken zurück, glaube ich. Da war dieser enge Raum mit dem Wasser, und ich wollte nur noch weg, aber überall waren Wände. Das Wasser hat mich angezogen und mir Schutz gegeben, also bin ich untergetaucht. Aber trotzdem habe ich mich bedroht gefühlt von einer dunklen Gestalt. Sie… hat noch jemanden bedroht, der mit mir dort war. Ich wusste, dass ich ihn verteidigen muss, denn er hat mir Essen gebracht, als ich furchtbar hungrig war.«

Ian weitete kurz die Augen vor Begeisterung. »Du erinnerst dich also wirklich! Das ist gut, unglaublich gut! Dein Drachenhirn synchronisiert sich wie von selbst bereits mit deinem menschlichen. Alles, was du geträumt zu haben glaubst, ist wirklich passiert. Die beiden Personen waren Laetitia und ich – du hast versucht, sie zu beschützen, und sie hat dich gefüttert, um dich zu beruhigen und die Situation zu deeskalieren.«

Sajian warf ihr einen kurzen Blick zu.

»Hattest du im Vorfeld Anzeichen? War es deine erste Verwandlung?«, fragte Ian.

»Ich hatte im Vorfeld immer wieder diese weißen Stellen auf der Haut. Vorallem, wenn ich im Wasser war, schienen sie zu sprießen. Ich habe sie immer verstecken müssen vor den anderen«, gestand er.

»Verstehe, verstehe. Das Wasser hat deine Verwandlung wohl getriggert«, dachte Ian laut. »Nur verständlich angesichts dessen, dass du ein wasserliebender Drache bist. Dein Phänotyp lässt zumindest darauf schließen. Deshalb habe ich dir dieses Paddock zugewiesen – es enthält einen Wasserbereich. Das wird hoffentlich dafür sorgen, dass du dich schnell heimisch fühlst. Darauf lege ich großen Wert. Fürs erste bleibst du hier drin, in Sicherheit.«

»Apropos Sicherheit – was war das für ein Krach, den ich vorhin gehört habe?«, wollte Sajian misstrauisch wissen.

»Zwei andere Drachen, sie… raufen zuweilen miteinander«, sagte Ian wenig überzeugend.

»Alles klar, ich werde diesen Bereich ganz sicher nicht verlassen«, erwiderte Sajian prompt.

»Das Paddock ist eingezäunt, es besteht also kein Grund zur Sorge. Du solltest dem Drachen in dir Raum geben, das ist wichtig. Er muss sich entfalten, denn er ist nicht einfach der andere in dir, sondern ein Teil deiner Selbst. Sei gut zu dir. Wie fühlst du dich jetzt gerade?«

»Schwach, so, als hätte ich eine Woche lang durchgearbeitet.«

»Das ist nur verständlich, die Verwandlung hat dich viel Kraft gekostet. Vermutlich brauchst du ein paar Tage, um dich vollständig zu erholen. Ich werde dir daher etwas Ruhe gönnen, bevor wir miteinander arbeiten.« Er erhob sich, denn es wurde Zeit für andere Dinge. »Pass gut auf ihn auf, Laetitia. Und geht ein bisschen nach draußen, es ist angenehmes Wetter.«

Ian verließ den Wohnbereich und hielt auf seine Unterkunft zu. Er wollte vorallem bei Sajian nichts falsch machen – vielleicht waren Laetitia und er die Chance, auf die er gewartet hatte, und die einzige, die er bekäme. Der Vorfall mit Helen steckte ihm noch immer in den Knochen, aber er hatte heute zumindest auch Erfolgserlebnisse zu vermelden: Ryou und Hickory zeigten beide keinerlei Aggressionen ihm gegenüber und tolerierten seine Berührung. Darauf würde er weiter aufbauen.

Die meisten E-Mails, die er erhalten hatte, waren uninteressant – aber zwei rot unterlegte kamen von den Park-Rangern des umliegenden Shenandoah-Nationalparks, in welchen das Reservat eingebettet lag, und der Drachenbehörde selbst. Er zog die Augenbrauen zusammen, während er las – anscheinend hatten mehrere Besucher in den letzten Wochen und Monaten vermehrt ein dinosaurierähnliches Wesen auf den Wanderwegen gesichtet. Der Beschreibung nach war es zwei- bis vierbeinig mit purpurgrauem Körper und einem auffälligen azurblauen Streifen auf den Flanken. Man ging davon aus, dass es sich um einen flüchtigen Drachen handelte, und natürlich war er als Reservatsvorsteher der erste Ansprechpartner. Der Park war allerdings groß, selbst wenn man sich auf die Wanderwege beschränkte. Der Drache, insofern es denn einer war, hatte sich nur an aus den Augen gelassenen Rucksäcken zu schaffen gemacht und Lebensmittel gestohlen, bevor er wieder im dichten Wald verschwand – die Besucher in Angst und Schrecken zurücklassend. Er musste sich um das Problem kümmern, aber er hatte keine Ahnung, wo er anfangen sollte.

Er schrieb Henry eine Nachricht über die jüngsten Vorkommnisse und erbat seine Meinung, verblüfft darüber, bereits kurz nach dem Abschicken eine Antwort zu erhalten – Henry war wohl gerade online. Das ließ einen seltsamen Knoten in seinem Magen entstehen, aufgebaut aus Schuldgefühlen und Hoffnung. Er fühlte sich noch immer verantwortlich für die Dinge, die seinen Drachen zugestoßen waren, und wusste nicht, ob das, was er hier tat, jemals genug an Wiedergutmachung sein würde. Aber das war kein Grund, nicht sein Möglichstes zu versuchen.

Hallo Ian,

dein Neuzugang hat offenbar eine angeborene Zuneigung zu Wasser, das kannst du für die Arbeit mit ihm nutzen. Ich unterstütze deine These, dass es die Verwandlung getriggert haben könnte. Dann ist allerdings zu erwarten, dass er nun mit Argwohn darauf reagiert: Er verbindet den Kontakt mit Wasser womöglich mit Kontrollverlust durch den Gestaltwandel. Bedränge ihn nicht, aber ermutige ihn, sich seinen Bedürfnisse hinzugeben. Was Helen angeht: Vielleicht steckt mehr als nur der Alpha-Rang dahinter. Viele Drachen haben Traumata oder zumindest Erinnerungen, die sie belasten. Weißt du etwas über ihre Vergangenheit?

Übrigens, hast du schon von unserem Dinosaurierproblem gehört? Die Ranger im Great Smoky Mountains Reservat berichten von Sichtungen kleiner dinosaurierähnlicher Wesen. Die Drachenbehörde hat uns beide beauftragt, dem auf den Grund zu gehen. Ich überlege mir was uns melde mich später noch einmal.

Ian lehnte sich kurz zurück, nachdem er die Mail zu Ende gelesen hatte. War von demselben Dinosaurier die Rede? Möglicherweise ein Jugendlicher, der mit Eltern oder Freunden Urlaub im Erholungsort gemacht und sich verwandelt hatte? Aber es gab keine Meldung vonseiten der Behörde über verschwundene Besucher. Kam er also von außerhalb? Woher? Der Nationalpark war zu abgelegen, um ein Zufluchtsort für Stadtkinder zu sein. Seine Gedanken kehrten vorerst zur eigenen Haustür zurück.

Er dachte darüber nach, was er über Helen wusste. Sie war als Blütige zu ihnen gekommen, bevor er den Posten übernommen hatte. Angeblich hatte sie sich inmitten der Siedlung plötzlich verwandelt und angefangen zu wüten. Das war der eigentliche Grund für die Errichtung des Netzes und der Pfähle gewesen – man wollte sich vor neuerlichen Angriffen vorallem ihrerseits schützen. Es gab einen Aussichtsturm am Rand des Plateaus, der früher Tierbeobachtungen gedient und zu dem die Siedler Helen mit Stöcken und Steinwürfen zurückgedrängt hatten. Dieser Vorfall hatte das Klima zwischen den Nicht-Wandlern nachhaltig belastet. Jeder einzelne von ihnen konnte die nächste Helen sein, die sich urplötzlich verwandelte und um sich schlug, dabei vielleicht sogar Tote forderte. Die Siedler hatten daraufhin auch nach internen Schutzvorrichtungen verlangt, wie den Geschirren, die jeder Blütige innerhalb der Siedlung tragen musste, um eine Verwandlung zu verhindern – oder zumindest hinauszuzögern. Es waren spezielle Vorrichtungen, die bei der Verwandlung im Weg waren und die Ausprägung lebenswichtiger Strukturen verhinderten. Solange niemand die Drachen unter Kontrolle bekam, würde sich auch nichts an den vorbehalten ihnen gegenüber ändern. Die Paddocks wiederum lagen in Wurfreichweite der selbstgebauten Speere, was Ian zusätzlich beunruhigte. Zwar würden selbst mehrere Speere aus Holz einen Drachen nur schwerlich töten können, denn ihre Regenerationsfähigkeit war immens, solange genug funktionierendes Material vorhanden war, aber es würde ohne Zweifel zu neuerlichen Traumata führen und vielleicht im Endeffekt Angriffe der Drachen triggern. Er konnte keinem der Blütigen Ausgang erlauben – womöglich würden sie mit Schusswaffen aus der Stadt zurückkehren und dann keine halben Sachen mehr machen. Sie alle standen unter Jareds Kommando, ihrem selbsterwählten Chef, der den letzten, gemäßigteren Chef der Siedlung abgelöst hatte, nachdem dieser ebenfalls zurück in die Gesellschaft entlassen wurde. Jared hatte die anderen Blütigen bereits vor Ians Auftauchen gegen Drachen aufgestachelt, und in seine eingeschworene Gemeinschaft war kein Hereinkommen für ihn. Sie alle sprachen stets mit einer Stimme, nämlich Jareds, vielleicht mit Ausnahme der neu hinzugekommenen Kena, einem dunkelhäutigen Mädchen, das gerade einmal siebzehn war und nur aufgrund des Hasses einer Mitschülerin ins Reservat kam, die ihr übel nachredete. Tatsächlich zeigte Kena nicht die geringsten Anzeichen für Drachenveranlagung. Sogar Jared stand auf blutiges Steak, während sie Vegetarier war und immer einen unglücklichen Ausdruck im Gesicht trug. Sie fürchtete sich vor Drachen, aber ab und zu sah er sie nachdenklich und neugierig in die Paddocks hinunterschauen, genau wie Oda. In den Papieren stand, dass er tatsächlich ein Drache sei, aber er wechselte nie in seine andere Gestalt und trug wie sie alle dauerhaft Halsband und Geschirr. Warum Jared ausgerechnet ihn in der Siedlung duldete war Ian ein völliges Rätsel, aber Oda interagierte kaum mit den restlichen Bewohnern und wohnte in dem Haus, das am Weitesten von den anderen entfernt lag, verließ es nur in den Abendstunden oder nachts.

Jared hatte sich tatsächlich einmal zu einem Gespräch mit Ian herabgelassen, nämlich bei seinem Antritt als Vorsteher, um ihm einzuschärfen, dass in Wirklichkeit er hier das Sagen hatte und Ian nur die offizielle Behördenmarionette war. Aber die Geschichte über den Vorfall mit Helen war allein schon deshalb nicht völlig glaubhaft, da seine bodenlose Verachtung Drachen gegenüber in sein Urteil hineinspielte. Die einzige Gegenaussage wäre jene von Helen – und sie würde Ian keinerlei Auskunft geben. Die ganze Situation war eine verdammte Tretmühle. »Sie ist ein Monster«, hallten Jareds damalige Worte in Ians Ohren wider. »Zumindest sie gehört umgebracht, und zwar besser früher als später, bevor sie wirklich noch Tote fordert. Wäre ich nicht gewesen, hätte sie das längst.«

Er antwortete er auf Henrys Mail und war erfreut, dass sich ein kurzer Austausch zwischen ihnen ergab. Zumindest Ian würde Unterstützung bei dem Dinosaurier-Vorfall brauchen; er wünschte sich Henry an seiner Seite, nicht nur bei dieser Sache, und klappte nach der Verabschiedung seufzend den Laptop zu.