Kena
Kena
Kena traute ihren Augen kaum, nachdem sie sich nun doch wieder zurück auf ihren Beobachtungsposten am Zaun gewagt hatte. Dieses neue Mädchen – wie hieß sie noch gleich? Laetitia? – streichelte die beiden frisch verwandelten Drachen, als wären es Haustiere! Und sie war selbst eingesperrt in diesem Paddock mit dem größeren von beiden, ohne dass er sie auffraß. Aber nicht nur das: Der größere konnte sogar Geräusche machen, die fast wie Worte klangen! Wie war das möglich? Sie hatte sowas noch nie gesehen oder davon gehört, auch wenn ihre Mitschüler davon redeten, dass ein Drache im Fernsehen wohl auch gesprochen hätte. Kena hatte sich vorher nie für das Thema interessiert, und auch ihre Eltern hatten ihr verboten, derartige Übertragungen zu sehen – sie waren zwar nicht richtig gläubig, aber zumindest davon überzeugt, dass Drachen mit der Erbsünde in Verbindung standen. Auf jeden Fall waren sie etwas, mit dem ein anständiger Bürger nichts zu tun haben wollte. Sie fand es gerade deshalb so unfassbar, dass man ausgerechnet ihr unterstellte, drachenblütig zu sein – ihre gesamte Familie war vollkommen frei davon, und sie hatte nie irgendwelche Anzeichen gehabt. Die Erinnerung daran machte sie noch heute unglaublich wütend.
Nun jedoch, beim Anblick der beiden spielenden Drachen und dieses Mädchens in den Paddocks, stellte sie alles in Frage, was sie bisher über Drachen wusste. Eigentlich kannte sie ja nur die Geschichten, die ihre Eltern ihr von Kindesbeinen an erzählten, oder die Eltern ihrer Klassenkameraden, und natürlich ihre Lehrer. Niemand in ihrem Umfeld hatte jemals gut über Drachen gesprochen, aber tatsächlich hatte auch keiner von ihnen je einen lebenden Drachen gesehen. Dass sich jetzt plötzlich eine Social-Media-Bewegung für Drachenrechte aus der Bevölkerung erhob, hatten sie alle als seltsame Modeerscheinung von Protestschreiern abgetan, die grundsätzlich gegen den Mainstream waren, egal, wie dumm es war. Dass aber eben diese Protestschreier irgendwann forderten, Drachen freizulassen, um in den Städten mit Menschen zusammenzuleben, hatte Kena dann doch Angst eingejagt. Wie konnte jemand, der bei klarem Verstand war, denn bitte für soetwas eintreten? Wie konnte jemand in Umfragen dafür stimmen, dass Wesen, die mittelalterliche Dörfer und Städte mit Feuer ausgelöscht und noch bis in die Neuzeit hinein zwischen Menschen gewütet und sie getötet hatten, auf freien Fuß kamen? Es waren doch immer noch dieselben gefährlichen, aggressiven, unberechenbaren Monster wie früher! Sie wünschte sich, dass dieser Albtraum aufhörte und die Gesellschaft endlich wieder zur Vernunft kam.
Sie fürchtete, der Drache würde jeden Moment über Laetitia herfallen. Dann musste sie sofort Jared Bescheid geben, damit er Vorsichtsmaßnahmen ergriff. Sie alle mussten sich bewaffnen mit ihren Speeren, die so schrecklich klein waren im Vergleich zu diesen Bestien. Aber echte Waffen hereinzuschmuggeln war ihnen bislang nicht gelungen. Sie durften das Reservat nicht verlassen, Bestellungen wurden über Ian getätigt und natürlich würde er niemals erlauben, dass sie sich welche besorgten. Dafür hassten ihn die Siedler, völlig zu Recht. Jared versicherte ihnen zwar, dass er an dem Problem arbeitete, aber Kena wusste wirklich nicht, wie er vorhatte, es zu lösen. Sie waren den Drachen wehrlos ausgeliefert, vorallem dieser furchtbaren Schlange, und Ian sah dabei zu, ohne das Problem auch nur anzuerkennen.
Aber zumindest der Drache dort unten machte keinerlei Anstalten, das Mädchen zu fressen. Plötzlich sah sie, wie er einen schwarzen Fetzen an seinem Schwanz bemerkte und einer genaueren Musterung unterzog. Er hatte etwas Majestätisches an sich, mit dem geschwungenen Hals und der Schuppenmähne, die sich über seinen gesamten Rücken zog. Dazu die Farbe von weißem Porzellan und rosa Kirschblüten. Sie schluckte verblüfft, als er plötzlich recht verständlich sagte: »Leeeetzte Baaaadehose kaaaaputt.«
Laetitia brach in schallendes Gelächter aus und versuchte, den Fetzen zu entfernen, doch ohne Erfolg. »Das ist der Nachteil am Drachendasein, man ruiniert alle Klamotten.«
Mit einem plötzlichen Kreischen von Metall betrat auch Ian das Paddock, das von dem kleineren Drachen bewohnt wurde. »Oh mein… das ist ja großartig! Wie habt ihr…?«
»Er hat sich einfach so verwandelt, die größere Herausforderung ist das Sprechen – und seine Badehose«, erklärte Laetitia, während der Drache agil herumhüpfte, sich um die eigene Achse drehte wie ein Hund, der seinen Schwanz jagt, und den Stoff schließlich mit dem Maul zu fassen bekam. Der Fetzen hing triumphierend zwischen seinen Zähnen, und er spuckte ihn auf den Boden.
»Ich besorge dir eine neue«, versprach Ian gut gelaunt.
»Eineeee… schwaaaarze«, sagte der Drache.
»Meinetwegen auch eine in Neonpink. Glaubst du, du kannst dich genauso bewusst zurückverwandeln? Versuche, tief durchzuatmen und dir vorzustellen, wie der Drache mit der entweichenden Luft verschwindet.«
Kena beobachtete die Situation angespannt, doch er verwandelte sich nicht zurück. Stattdessen begann er, unruhig zu werden und wieder herumzuspringen, zurück ins Wasser – erst dort nahm er seine Menschengestalt an. Der Anblick war verstörend und faszinierend zugleich: Die Schuppenhaut zitterte, sein Körper schrumpfte zusammen auf die Größe eines Menschen, wurde regelrecht von der neuen Gestalt absorbiert und hinterließ einen nackten Jugendlichen. Er weigerte sich, aus dem Wasser zu steigen.
»Ich hab nichts an!«, rief er und wurde dabei rot.
»Also bitte, wir sind unter uns«, gab Laetitia zurück, und Kena schluckte – das Mädchen mit den scharfen Augen hatte sie vorhin schon einmal entdeckt, sodass sie sich eilig wieder hinter dem Busch versteckte und den Rückzug antrat. Sie hatte vorerst genug gesehen, das sie verdauen musste. Gerade wollte sie in ihre Unterkunft zurückkehren und nahm eine Abkürzung zwischen zwei Häusern, als sie Jared in die Arme lief.
Erschrocken wich sie zurück und begegnete seinem strengen Blick. Er war erst Ende zwanzig, aber allein aufgrund seines Auftretens und der Dauer seines Aufenthalts im Reservat eine absolute Autoritätsperson. »Da bist du also!«, sagte er mit vorwurfsvoller Mine.
»Es tut mir Leid, ich war nur…!«, begann sie atemlos.
»Du hast dir wieder die Drachen im Paddock unten angeglotzt, wie dieser Lunatic Oda«, vollendete er ihren Satz. »Sei bloß vorsichtig, sonst halten dich die anderen bald ebenfalls für einen von denen.« Zumindest das klang eher nach einer besorgten Warnung – er konnte eine überaus fürsorgliche Person sein. Hinter seiner harten Schale verbarg sich ein Kern, der nicht weich war, aber andere um jeden Preis beschützen wollte. »Hast du wenigstens irgendwas zu berichten, das wir wissen müssten? Sind die beiden Neuen deiner Einschätzung nach gefährlich?«
Es gefiel ihr, dass Jared ihre Meinung interessierte. Sie war immerhin das jüngste Mitglied der Siedlung und damit für alle nur das Küken, das sich beweisen musste, insbesondere, da man ihr nachsagte, sich einmal fast verwandelt zu haben, was überhaupt nicht stimmte. Es war wie eine moderne Hexenjagd, bei der sich jeder aufgrund des dummen Geredes anderer auf dem Richtstuhl wiederfinden konnte. Aber hier draußen galten andere Regeln als auf ihrer Schule. Umso mehr hielt sie sich an Jared – er war wie ein großer Bruder oder Vater für sie alle. Grummelig und harsch, aber bereit, für seine Familie da zu sein. »Laetitia ist immer noch mit dem großen Drachen im Paddock, und obwohl er sich verwandelt hat, hat er ihr nichts getan. Er hat sogar ein paar Worte gesprochen! Und der kleine im Nachbarpaddock war auch nicht aggressiv.« Sie schluckte, als sie zu ihm aufsah und sein Urteil abwartete; Jared weigerte sich, die Drachen mit ihren echten Namen anzusprechen, und so tat sie es auch nicht. Helen war die Schlange, Hickory der Sandteufel und die beiden in den Paddocks hatten noch keine Namen außer klein und groß.
»Hm«, sagte er nur und wandte sich ab, winkte sie dabei mit sich. Die Anspannung fiel von Kena ab, und sie eilte ihm nach. »Ich wusste nicht, dass Drachen sprechen können. Du?«
»Manche können sowas wie Worte nachplappern«, bestätigte er zu ihrer Überraschung. »Ähnlich wie Papageien. Sie verstehen sie jedoch nicht und nutzen diese Fähigkeit zum Anlocken argloser Beute. Ihr Gehirn ist völlig animalisch. Das macht sie so gefährlich für Menschen.«
»Aber Laetitia…«
»Sie ist wie ein Tierpfleger, der zu seinen Löwen ins Gehege steigt, weil er sie zu kennen glaubt. Wenn der Löwe nicht hungrig, gut gelaunt und an ihre Anwesenheit gewöhnt ist, passiert in den allermeisten Fällen nichts. Aber es ist nur eine Frage der Zeit, des Hungers und anderer, weniger gut einschätzbarer Faktoren. Viele Halter exotischer Tiere gingen mit ihren Lieblingen auf Tuchfühlung und wurden dabei getötet. Hast du davon noch nie gehört?« Er warf ihr einen Bestätigung heischenden Blick über die Schulter zu.
Kena hielt inne. War dem so? Waren Drachen wilde Tiere und die Menschen in ihnen verschwunden, sobald sie sich verwandelten? War Laetitias und Ians Nähe zu ihnen eine Dummheit?
»Da ist unser Drachenliebhaber«, hörte sie die höhnische Stimme von Fera, die sie so sehr an ihre verhassten Klassenkameraden erinnerte wie kaum jemand anderes in der Siedlung. »Willst auch bald in einem Paddock leben und mit Drachen kuscheln, oder?«
»Schluss jetzt«, sagte Jared barsch. »Zurück an deine Arbeit!«
»Ist ja gut«, murrte sie mit grimmigem Blick und ging in ihre kleine Hütte, wo sie ein dickes, grünes Stück Rundholz bearbeitete. War das etwa Bambus? Wollten sie ihre Behausung damit verschönern?
»Ich habe eine Aufgabe für dich, Kena«, sagte Jared, als sie bei seiner Hütte angekommen waren. »Die anderen vertrauen dir nicht, und vielleicht kannst du das ändern, wenn du bei unserer Sache hilfst.«
»Heißt das, du vertraust mir?«, fragte sie hoffnungsvoll.
»Jeder verdient es, sich zu beweisen. Du hast weniger Scheu gegenüber Drachen als die anderen, was in ihren Augen ein Makel ist, aber es könnte sich ebenso gut als Vorteil für uns erweisen. Ich will, dass du mit Laetitia sprichst und herausfindest, was in den Paddocks vor sich geht, um mir anschließend Bericht zu erstatten. Vielleicht müssen wir das Mädchen retten und bei uns aufnehmen.«
Kena fiel aus allen Wolken, als sie das hörte. »Was? Ich? Das Mädchen? Aber du… ich dachte… Laetitia…« Sie wusste nicht, wo sie anfangen sollte – die Verwirrung sprach ihr aus dem Gesicht. Was Jared sagte, ergab überhaupt keinen Sinn.
»Du sollst natürlich nicht in die Paddocks gehen, sondern dich von jenseits der Gitterstäbe mit ihr unterhalten und ihr Vertrauen gewinnen.« Sein Blick war ernst – Jared scherzte nicht.
»Aber ich dachte, du willst keine Drachenanbeter hier oben haben? Du sagtest selbst, für sie ist bei uns kein Platz, weil ihre Ansichten gefährlich sind. Die anderen werden Laetitia auch nicht akzeptieren. Du hast gedroht, jeden in die Drachengrube zu werfen, der sich mit Drachen solidarisiert«, hielt sie dagegen.
»Ich muss die Sicherheit und Moral in der Siedlung aufrechterhalten, und das ist eine heikle Angelegenheit, die manchmal unorthodoxe Entscheidungen und Aussagen erfordert, Kena. Menschen, die Angst haben, sind beinahe noch schlimmer als wütende Drachen. Wer sich mit Drachen solidarisiert ist ein Risiko, weil wir nicht wissen, was er tun wird, wenn sie uns angreifen oder ob er sie dabei vielleicht sogar unterstützt, um selbst einen Vorteil daraus zu schlagen. Und nicht zuletzt, weil er die Gruppe demoralisiert. Glaubst du etwa, dieser Dummkopf von einem Vorsteher, der hier plötzlich aufgetaucht ist und sich für allwissend hält, weil er studiert hat, wird irgendetwas gegen die Schlange ausrichten können, wenn sie sich entscheidet, die Siedlung anzugreifen und uns aufzufressen, um unser Territorium zu beanspruchen? Oder unser Fleisch, weil es nicht mehr genug Wild gibt? Der letzte Winter war harsch, Futterlieferungen der Behörden blieben aus, und beinahe wäre es zum Äußersten gekommen. Keiner von uns hätte den Hauch einer Chance gegen den ganzen Schwarm, und das wissen alle hier. Wir wollen leben. Wir müssen stets wachsam sein und jede Gelegenheit beim Schopfe packen, die sich uns bietet. Laetitia ist nah an den Drachen. Du kannst sie also aushorchen über die Dinge, die uns verborgen bleiben, weil Ian uns nicht vertraut und im Dunkeln lässt über die Dinge, die er plant. Sie selbst ist nur ein Schüler, sie könnte von der Drachenrechtsbewegung dort draußen eingelullt sein und bekehrfähig. Das müssen wir herausfinden.«
Kena schluckte. »Wie lautet der Plan?«
»Die Schlange töten«, war seine prompte Antwort. »Neben ihr ist kein Frieden möglich. Du hast sie nicht erlebt, keiner der Neuen hier hat das. Selbst die Drachen fürchten sie, aus gutem Grund. Wenn du uns dabei hilfst versichere ich dir, werden die anderen dich respektieren. Ohne mich wären viele gute Menschen tot, die jetzt dort draußen die Welt verändern können. Andere Drachen sind womöglich tolerierbar, solange sie ausreichend Futter und wir Waffen sowie Verteidigungsanlagen haben. Aber nicht sie.«
Kena stieß der Gedanke ab, jemandes Vertrauen auszunutzen, und sie fürchtete sich vor Laetitia mit ihrem feindseligen Blick, auch wenn sie das nie zugegeben hätte. Aber dass Jared einräumte, vielleicht neben den anderen leben zu können, gab ihr zu denken. Sie hatte geglaubt, er hasse alle Drachen. Diese Schlange war anscheinend wirklich bösartig und der eigentliche Grund für seine harte Haltung. »Was ist damals passiert?«, wagte sie sich vor.
Er zögerte. »Haben es dir die anderen noch nicht erzählt?«
»Sie erwähnten nur, wie unsere Vorgänger von ihr angegriffen wurden. Es waren mehrere Siedler hier, allesamt Nicht-Wandler. Die Schlange gehörte damals noch zu ihnen. Eines Tages verwandelte sie sich mitten in der Siedlung und wütete, wurde aber unter vereinten Kräften in die Drachengrube davongejagt. Seitdem ist sie nur noch selten zu sehen und ausschließlich als Drache unterwegs.«
Er lächelte freudlos. »Das erzählen sie, ja. Und so war es auch. Aber die Einzelheiten kennen sie nicht.« Damit traten sie in seine Behausung. Jared krempelte den Stoff seiner Jeanshose hoch. Dort, wo das rechte Bein hätte sein sollen, steckte nur eine dünne, metallene Prothese im Schuh, und Kena zuckte erschrocken zurück.
»Ihr Angriff hat mich mein Bein gekostet. Ich habe mich ihr entgegengestellt mit nichts als einem spitzen Ast, den ich ihr in die Schulter rammte. Sie bekam mein Bein zu fassen und schleuderte mich daran herum, bis es auf Kniehöhe abriss. Dass der Unterschenkel in ihrem Schlund verschwand war Glück im Unglück, denn es stillte offenbar ihren schlimmsten Hunger. Ich packte Steine, Scherben, Äste, alles, was um mich herumlag, und warf es ihr entgegen, genau wie die anderen, die mir zu Seite standen. Wir trafen damit ihre empfindliche Schnauze, Augen, die Ohröffnungen, machten Krach und stießen Äste nach ihr, bis sie die Flucht ergriff und in der Drachengrube verschwand. Das war der Tag, ab dem nach und nach die Speere und Netze errichtet wurden.«
Kena wäre kreidebleich geworden, wäre sie unter ihrer schwarzen Haut dazu imstande gewesen. »Wie hast du das überlebt?«
»Die anderen Siedler brachten mich sofort in Sicherheit und unser damaliger Chef benachrichtigte die Behörde. Man rief eine mobile Operationseinheit des nächsten militärischen Stützpunkts per Satellitentelefon. Ich war kein gelisteter Wandler, daher gab es keine Probleme damit – zumal ich mich hätte verwandeln und heilen können, wäre ich wirklich ein Drache. Dass ich zu verbluten drohte, war Beweis genug für meine fehlenden Wandlerfähigkeiten, aber in ein Krankenhaus wollte man mich trotzdem nicht bringen. Ich habe mit der Prothese geübt, bis ich wieder laufen konnte. Das geschah vorallem mit der Hilfe von Oda. Er… ist eine Art Freund, so kann ich ihn fast nennen, auch wenn ich das vor den anderen lieber nicht so offen sagen will.«
»Aber Oda ist doch auch ein Drache, du hasst ihn, dachte ich? Deshalb muss er in der abgelegensten Hütte leben und hat kein Mitspracherecht bei Entscheidungen und Treffen«, gab sie verwirrt zurück, begierig darauf, endlich mehr zu erfahren über die Dinge, die sie nach wie vor nicht verstand.
Jared seufzte. »Oda war schon hier, als ich ankam. Er war selbst vor unserem letzten Chef da. Manche sagten, er sei der erste Reservatsbewohner überhaupt gewesen. Ich war das niedrigste Mitglied im Rang, als ich herkam, und Oda nahm mich unter seine Fittiche. Die anderen mochten mich nicht besonders, weil sie älter waren. Sie ließen mich zuletzt essen, an keinen Treffen teilnehmen und meine Stimme verhallte überall ungehört. Ich bekam immer nur unliebsame Aufgaben zugeteilt. Oda… war gut zu mir. Ich erfuhr erst sehr viel später, dass er ein Drache ist, aber sich unter dem Geschirr nicht verwandeln konnte und behauptete, es nie abzunehmen. Dennoch fürchteten und verabscheuten ihn die anderen, weil er natürlich auch in Menschengestalt Dracheninstinkte hat, die mit ihm durchgehen könnten – und wer wusste schon, ob die Ketten und Geschirre auch wirklich hielten, was sie versprachen? Und ob er sie tatsächlich nie abnahm? Er selbst zumindest schwor dem Drachendasein ab, wollte als Mensch unter Menschen leben bis ans Ende seiner Tage, und tatsächlich nahm er Zeit meines Daseins hier nie Drachengestalt an – das lässt ihn nach seiner Logik zum Menschen werden. Ich bin ihm dankbar, und ich bewundere ihn gewissermaßen dafür, seine Natur so erfolgreich zu verdrängen. Das verdient Respekt, und eine Chance. Aber ich war gezwungen, ihn nach außen hin zu hassen wie die anderen. Nur so hatte ich die Möglichkeit, in der Siedlung Fuß zu fassen. Ich habe gefürchtet, die anderen könnten mich in die Wildnis zu den Drachen werfen, wenn ich mich zu sehr an Oda hänge, oder mich vielleicht noch mehr drangsalieren. Tatsächlich weiß ich nicht, ob man Oda trauen sollte. Ich denke, meine Gefühle vernebeln bei diesem Thema meine Urteilsfähigkeit. Und was das Geheimnis mit meinem Bein angeht... ich will in Augen der anderen lieber nicht als Krüppel gelten und von diesen Jungspunden vielleicht als meiner Position unwürdig erachtet werden. Dann hätten wir hier wirklich das Chaos.«
»Da zeigst du dieses Geheimnis ausgerechnet mir?«, fragte sie beklommen.
»Du bist wankelmütig und zögerlich. Du könntest den Drachen verfallen, von ihren Beteuerungen eingewickelt werden. Deshalb musstest du sehen, was passiert, wenn man ihnen zu sehr vertraut und sie als Mitmenschen betrachtet. Ich könnte heute tot sein, wie viele andere Opfer von Drachen. Vergiss das niemals. Das da draußen sind Bestien, von denen seit Anbeginn der Zeit Gruselgeschichten kursieren, die eine Wahrheit beinhalten und keine reine Fiktion sind.« Er beugte sich zu ihr vor. »Wirst du uns helfen, unser Überleben zu sichern?«
Sie sah ihn an, dachte mit einem Kloß im Hals an die Prothese, dann nickte sie. Sie wollte hier drin nicht sterben, und auch keine Körperteile verlieren. Bis sie dreißig wurde und das Reservat verlassen konnte, war noch so viel Zeit, dass ihr der Mut schwand. Etwas musste getan werden, um diese Zeit für sie und alle anderen Nicht-Wandler erträglich zu machen. »Ja. Ich werde alles tun, was in meiner Macht steht, um meinen Beitrag zu leisten.«
Sein zufriedenes Lächeln beflügelte sie.