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Laetitia, Ian und die Drachen

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Laetitia, Ian und die Drachen

Nachdem Ryou und Sajian wieder Menschengestalt angenommen hatten saßen sie zusammen in Sajians Paddock – Ian hatte die Verbindung zwischen den Gittern geöffnet, damit sie einander besuchen konnten. »Schon als ich euch beide im Schwimmbad zum ersten Mal getroffen habe hatte ich große Hoffnungen«, erklärte er Sajian, »dass ihr das Band zueinander haben könntet und diese Verbindung einen neuen Faktor in die Gleichung bringt: Drachen lernen am Besten von anderen Drachen, ihre Impulse und Instinkte zu beherrschen. Aber dazu braucht man erst einmal jemanden, der den Anfang macht. Das Verbindungsstück zwischen Mensch und Drache, das ich als Nichtblütiger nur schwerlich sein kann. Ich bin guter Dinge, dass wir nach und nach auch die anderen synchronisieren werden. Dann müssen sie ihr Dasein nicht mehr erzwungenermaßen in der Wildnis fristen und könnten vorallem im Winter in der Siedlung leben, wo sie vor der Witterung geschützt sind.«

»Klingt nach einem guten Plan«, bekräftigte Laetitia. Sie warf Sajian einen Blick zu. Er war freundlich zugewandt wie immer, doch seine Augen verrieten Vorbehalte. »Die Siedler werden da aber wohl nicht mitspielen.«

Ian rieb sich übers Gesicht. »Jared ist nicht der Vorsteher des Reservats, ich bin es«, sagte er mit fester Stimme. »Als solcher werde ich durchsetzen, was ich zum Wohle aller durchsetzen muss.«

Jared ist also sein Name , dachte Laetitia.

Ryou warf ihm einen zweifelnden Blick zu. »Glaubst du es ist gut, sich gegen sie zu stellen? Das wird die Fronten eher verhärten als abbauen. Sie werden sich bevormundet fühlen. Oder bedroht. Oder beides.«

»Wenn die Drachen sich erst einmal beherrschen können bin ich mir sicher, dass auch Jared und die anderen einsehen werden, dass ein Zusammenleben funktioniert.« Er klang, als wolle er es sich selbst glauben machen, fand Laetitia.

»Was ist mit Helen? Sie macht nicht einmal vor anderen Drachen Halt.« Ryou räusperte sich unbehaglich. »In meinen Augen ist sie ein unberechenbares Biest, und es liegt nicht in der Natur des Menschen zu vergeben und zu vergessen.«

»Wir finden auch für sie eine Lösung«, versicherte Ian, widersprach aber seiner Einschätzung nicht. »Ich weiß noch nicht wie sie aussehen wird, aber wir finden sie. Henry hat schließlich ebenfalls Drachen in seinem Reservat, die die dauerhafte Menschengestalt ablehnen und nach ihren Instinkten leben. Ich plane Stück für Stück voraus, statt einen großen Plan zu machen und immer wieder neuen Gegebenheiten anpassen zu müssen. Der erste Schritt umfasst regelmäßiges Wandlertraining mit euch beiden. Wenn ihr eure Drachengestalt sicher beherrscht, beziehen wir Hickory und die anderen mit ein.« Er sah in die Runde. »Ohne euch drei kann ich das nicht tun. Unterstützt ihr mich bei meinem Vorhaben?«

»Natürlich«, sagte Laetitia sofort mit einem Blick auf Sajian, der auffällig zögerte. Sie fragte sich, was gerade in ihm vorging. Die Gefühle, die sie bei seinem Anblick hatte, konnte sie nicht so recht einordnen. Ryou bekundete ebenfalls seine Zustimmung, und Sajian sah schließlich auf. In seinen Augen stand ein kühler Ausdruck, den sie früher immer dann gesehen hatte, wenn er mit dem Klassenlehrer diskutierte – und das tat er stets auf eine ernste, überlegte Art und Weise, die in krassem Gegensatz zu seinem sonst so fröhlichen, unbeschwerten Ausdruck stand.

»Ich unterstütze dein Vorhaben, und ich nenne dich meinetwegen auch Alpha oder Beta oder Gamma-Delta-Epsilon – unter einer Bedingung: Du behältst keine Geheimnisse vor uns.«

Ian wirkte kurz überrumpelt von der Forderung, sagte dann aber: »Einverstanden. Verschlossenheit war es, die Henry beinahe zum Verhängnis geworden wäre. Ich werde diesen Fehler euch gegenüber nicht begehen, auch nicht unter dem Vorwand, euch zu schützen, das versichere ich. Ich werde alles mit euch teilen, was ihr wissen wollt und müsst. Gibt es bereits etwas, das du mich fragen willst?«

»Einiges. Fangen wir mit dem Wichtigsten an: Was war deine Rolle beim Drachenblutskandal?« Seine Augen behielten ihren herausfordernden Ausdruck. »Du warst Mitarbeiter in dem Krankenhaus und ausgerechnet der Abteilung, die die Drachen ausschlachten wollte. Du hast sie alle dorthin geholt. Jetzt sollen wir einfach so glauben, dass du mit uns nicht das gleiche vorhast?«

»Sajian«, mahnte Laetitia. Ryou sah angespannt zwischen ihnen beiden hin und her.

»Ich habe für den Vorstand gearbeitet, der Henrys Drachen ausbeuten wollte, das ist wahr. Ich werde es nicht leugnen. Aber ich wusste zum damaligen Zeitpunkt tatsächlich nichts von den Plänen. Ich war angestellter Arzt, nicht mehr und nicht weniger, unbeteiligt an irgendwelchen schwarzen Geschäften. Ich tat, was man von mir verlangte. Aber ich war es auch, dem das Verhalten unseres Vorstands mehr und mehr suspekt vorkam. Die Anweisungen wurden… seltsam, nicht der ärztlichen Kunst entsprechend. Und widersprüchlich. Ich bin mit Leib und Seele Arzt und würde niemals einen Patienten missbrauchen. Im Nachhinein komme ich mir sehr dumm vor. Ich hätte die Zeichen richtig deuten müssen. Der internationale Handel mit Körperteilen von Drachen und Organen im Allgemeinen ist der wohl lukrativste neben dem Drogengeschäft. Es ist ein offenes Geheimnis, dass man in Asien für viel Geld innerhalb kürzester Zeit jedes Organ erhält und diverse Zauberarzneien aus Drachenkörperteilen zum Kauf angeboten werden. Unser Krankenhaus hat meines Wissens nach nie zuvor solch dubiosen Handel betrieben, wir nahmen nicht einmal Blutkonserven von außerhalb an. Ich dachte wirklich, ich leiste Arbeit für Menschen und Drachen, Forschung. So naiv werde ich kein zweites Mal sein.« Er begegnete seinem Blick ohne jede Scham.

Sajian wurde nachdenklich, sein ernster Blick milder. »Ich kann dir nicht vertrauen. Die Sachlage spricht gegen dich«, sagte er unversöhnlich.

»Das verstehe ich, und ich werde kein Vertrauen von dir einfordern. Es entwickelt sich oder eben nicht, genau wie die Beziehung zwischen Arzt und Patient.«

»Du willst also Drachen helfen, um dich von deinen Schuldgefühlen reinzuwaschen«, setzte er spitz hinterher.

»Ich habe bei diesem Verbrechen unwissentlich geholfen, und ich muss dafür die Verantwortung tragen. Es belastet mich. Desweiteren glaube ich an Henrys Vision einer Gesellschaft für alle Menschen, nicht nur die, die zufälligerweise vom Wandlertum verschont geblieben sind. Ich will weiterhin einen Forschungsbeitrag leisten. Drachen zu verstehen ist sehr wichtig für unsere Sache.«

Die nächste Frage kam sehr zögerlich, und Sajian wich seinem Blick dabei aus, als sei sie ihm unangenehm: »Wirst du… mich meinem Vater ausliefern, wenn er mich einfordert?«

Ian blinzelte. »Sajian, das solltest du doch wissen. Da du ein Drache bist, kann ich dich ihm nicht zurückgeben. Das tut mir sehr Leid, wirklich, aber so lautet das Gesetz. Ich werde im Gegenzug alles tun, um dir einen guten Platz zum Leben zu bieten.« Er erwartete wohl Enttäuschung und Frust von Sajians Seite, aber dieser sah ihn plötzlich sehr hoffnungsvoll an.

»Er kann mich also nicht von hier wegholen? Nicht einmal mit seinem Geld?«

»Nicht einmal ein Senator der Vereinigten Staaten könnte dich hier herausholen – die Drachenbehörde allein entscheidet darüber, und sie hat noch nie einen Wandler zurück in die Gesellschaft gehen lassen, zumindest ist mir kein solcher Fall bekannt.«

Sajian schluckte, aber sein Gesicht erhellte sich, als wäre er aus dem Schatten des Todes getreten. Ian lächelte vorsichtig. »Soll das heißen, es gefällt dir in meinem Reservat und du willst unbedingt bleiben?«

»Nicht so wichtig«, sagte er ausweichend, aber voll mühsam unterdrückter Freude. Laetitia spürte seine Euphorie so deutlich, als wäre es ihre eigene, und lächelte unweigerlich, ehe ihr klar wurde, was das im Endeffekt für sie beide bedeutete: Sie würde zurück in die Gesellschaft gehen und er musste für den Rest seines Lebens hier bleiben, allein. Es gab keine Zukunft, in der sie beide zusammen bleiben konnten.

»Wenn du erwartest, dass ich offen zu dir bin, solltest du auch offen zu mir sein«, erwiderte Ian mit gespielter Strenge.

»Ich stelle mir nur gerade das Gesicht meiner beiden Alten vor, wenn sie mal nicht kriegen, was sie wollen«, sagte Sajian und lachte nun tatsächlich ausgelassen. »Wenn sie merken, dass sie mit Geld nicht alles kaufen können. Das würde ich nur zu gern sehen.«

»Ich verstehe«, sagte Ian leise, und die Stimmung kippte. Laetitia fand es furchtbar traurig, dass Sajian sich darüber freute, von seinen Eltern getrennt zu sein, ohne Aussicht auf Rückkehr. »Es gibt noch etwas anderes, das ich mit euch besprechen muss«, lenkte Ian ihre Aufmerksamkeit wieder zurück. »Im Nationalpark, der die Smokys und unser Reservat einschließt, werden in letzter Zeit immer wieder… nun, Dinosaurier von den Parkrangern und Besuchern gesichtet. Henry und ich wurden als Vorsteher beider Gebiete damit beauftragt, der Sache auf den Grund zu gehen.«

»Dinosaurier?«, fragte Ryou ungläubig. »Hältst du Drachen für die Übeltäter?«

»Drachen sind die naheliegendste Erklärung«, erwiderte er. »Manche Phänotypen können sehr saurierhafte Züge aufweisen.«

»Sollen wir dich bei der Untersuchung begleiten?«, fragte Laetitia hoffnungsvoll. Eine neuerliche Rettungsaktion war ihr deutlich lieber als eine Begegnung mit Helen, wenn sie ehrlich war. Damit hatte sie immerhin schon Felderfahrung, wenn auch nur eine.

»Ich werde nichts von dir verlangen, du bist unser Gast und nur hier, um einen Bericht für die Schule zu verfassen. Aber deine Unterstützung ist ausdrücklich erwünscht«, äußerte er.

»Ich komme ebenfalls mit«, versicherte Sajian diesmal sofort. »Haben wir, nun, Waffen? Für den Fall der Fälle, meine ich.«

»Waffen erlaube ich nicht, abgesehen von denen, die selbst herstellbar sind aus den Materialien des Waldes, weil ich das kaum verbieten kann«, stellte Ian klar. »Wir werden nicht auf flüchtige Drachen schießen oder sie verletzen, das würde unsere Chance auf Vertrauen für immer zunichtemachen. Wir setzen stattdessen auf Schnelligkeit, um uns aus der Gefahrenzone zu begeben, und Kanister mit Schlafmittel.«

»Wann geht es los?«, fragte Laetitia. »Und dürfte ich auch die anderen Drachen kennenlernen? Ich will so viel wie möglich an Erfahrungen sammeln und in meinem Bericht unterbringen.«

Ian lächelte angesichts ihres Enthusiasmus. »Sobald Ryou und Sajian hinsichtlich ihres Synchronisierungsfortschritts bereit dafür sind, bin ich es auch. Du wirst den Rest des Schwarms bald kennenlernen, das kann ich dir versprechen.«

Ryou hob plötzlich den Kopf und knurrte, obwohl er in seiner Menschengestalt war. Er wich vom Gitter zurück, eine Bewegung, während der unvermittelt die Verwandlung einsetzte. Er tänzelte wie ein scheues Pferd auf der Stelle. Laetitia blickte sich alarmiert um, derweil auch Sajian aufstand, sich aber nicht verwandelte. Sie folgte den Blicken der beiden – dort, zwischen Ryous und ihrer Wohneinheit, wo die Gitter beider Paddocks zusammenliefen, stand jemand: Das dunkelhäutige Mädchen, das kurz nach ihrer Ankunft mit den anderen Siedlern oben am Zaun gestanden hatte.

»Spionierst du jetzt schon vor unserer Tür?«, fauchte sie, was ihr Gegenüber sichtlich einschüchterte. Das Mädchen zitterte und blickte ängstlich zu Ryou hinüber, der den Kopf zurückgezogen hatte, als wolle er zustoßen.

»Nicht, Laetitia!«, sagte Ian streng. »Kena hat genauso das Recht zu mir zu kommen wir jeder von euch.«

Laetitia fühlte sich zurechtgewiesen wie ein Grundschüler. Scham brannte sichtbar auf ihren Wangen und milderte ihre Wut auf das Mädchen nicht gerade.

»Was tust du hier? Woher wusstest du, dass die Tür offen ist?«, fragte er behutsam, wohl, um ihr keine zusätzliche Angst zu machen. Sie sah aus, als würde sie jeden Moment in Tränen ausbrechen.

»Ich… hab dich gesucht, und du warst nirgends zu finden. Dann habe ich gesehen, dass du hier unten bist, und habe mein Glück versucht. Ich wollte… eigentlich…« Sie griff sich betreten an den Oberarm und wich ihm aus.

»Sag schon, was ist los?«, fragte er sanft. »Ist etwas in der Siedlung passiert, das ich wissen muss? Ich helfe dir. Dafür bin ich da.«

Sie schüttelte den Kopf. »Ich… habe die Drachen beobachtet und gesehen, dass sie Laetitia nichts tun. Sajian hat sogar gesprochen. Ich habe sowas noch nie zuvor gesehen. Sie sind so anders als die Drachen dort draußen. Ich will mehr über sie erfahren, aber die anderen… wollen nichts davon hören. Ich glaube sie hassen mich, weil ich ihre Abscheu gegenüber Drachen nicht teile. Ich weiß nicht, ob ich wirklich zu ihnen gehöre – oder gehören will. Aber zu den Drachen gehöre ich nun mal auch nicht.« Ihre Stimme klang, als würde sie jeden Moment brechen. »Ich weiß nicht wo ich hin soll.«

»Haben sie dich rausgeworfen? Dich bedroht?«, fragte Ian alarmiert.

Sie schüttelte entschieden den Kopf. »Nein, ich bin heimlich hergekommen. Sie dürfen nicht erfahren, dass ich mit euch gesprochen habe. Ich will einfach nur wissen, ob Drachen wirklich so gefährlich und bösartig sind, wie es heißt. Denn ich habe Zweifel daran.«

»Verstehe. Du kannst in Laetitias freier Hütte wohnen, ich denke, sie hat nichts dagegen. Oder, wenn du aus der Siedlung weg willst, kann ich dir ein leeres Paddock anbieten. Es hat eine Wohneinheit, wie du weißt, und ist wirklich sehr bequem. Die Gitter sind drachensicher. Sajian und Ryou werden dir nichts tun.«

»Nein, ganz sicher nicht«, bekräftigte Sajian zu Laetitias Verblüffen. Irgendwie rührte nicht einmal ihre jetzige Verzweiflung an ihr, obwohl sie so offenkundig war. Was war nur los? Das arme Ding wollte doch nur mehr über Drachen erfahren und suchte ihre Hilfe! Und sie konnten wirklich Verbündete brauchen bei der allgemeinen Stimmung in der Siedlung. »Ryou, hör auf damit, siehst du nicht, dass sie schon genug Angst hat?«

»Ryou«, sagte auch Ian ruhig, woraufhin der kleine Drache den Kopf senkte und angespannt zurückwich. Er schien sich selbst zu fürchten, dann ging er postwendend in sein Paddock zurück und verschwand in der Wohneinheit, aus der man es daraufhin laut klappern hörte.

»Drachen sind sehr leicht zu verschrecken, du darfst dich niemals an sie heranschleichen. Wenn sie merken, dass man sie beobachtet hat, können sie sich bedroht fühlen«, erklärte Ian Kena.

Laetitia horchte auf. War das der Grund für ihre ablehnende Haltung? Aber sie war doch gar kein Drache? Kam es von Sajian, der ihr aber ganz im Gegensatz zu ihr offen gegenübertrat? Er machte sogar einen Schritt auf sie zu. »Du bist uns willkommen, wenn du hierbleiben willst. Uns kennst du schon, und dein Name ist Kena? Freut mich sehr.«

»Ich…« Sie bekam erst kein klares Wort heraus, aber dann sagte sie: »Ich glaube, ich bleibe doch lieber in meiner eigenen Behausung. Ich habe mitgehört, worüber ihr geredet habt. Ich dachte, vielleicht kann ich euch dabei irgendwie helfen?«

»Ganz sicher nicht«, schnaubte Laetitia. »Wer sagt uns, dass du nicht irgendetwas vorhast?«

Sajian warf ihr einen strengen Blick zu, dann zog er sie plötzlich in ihre eigene Wohneinheit, sich kurz bei Ian und Kena entschuldigend. Laetitia leistete widerstrebend Folge, verwundert von seinem Tun. Drinnen angekommen schloss er die Tür.

»Kena ist wie wir gegen ihren Willen hier eingesperrt und muss noch einige Jahre so ausharren, bevor sie hoffentlich in ihr gesellschaftliches Leben zurückkehren darf. Das macht sie angreifbar und zu einer deutlich vertrauenswürdigeren Partie als Ian, der im Hintergrund die Fäden ziehen könnte, um Drachen weiter auszubeuten. Vielleicht ist seine Geschichte nur erfunden, genauso gespielt wie seine Reue. Was soll Kena uns verglichen mit ihm schon für einen Schaden zufügen können? Nur einer hat den Schlüssel zu unseren Paddocks – der, dem du einfach wider aller Vernunft dein ganzes Vertrauen schenkst, während du bei einem hilflosen Mädchen, das allein gegen alle steht, die Zähne fletschst. Was ist dein verdammtes Problem?« Er sah sie streng an.

Sie öffnete den Mund, um ebenso energisch zu antworten, schloss ihn dann aber wieder. Was war ihr verdammtes Problem? Sie wusste es selbst nicht. Er hatte Recht mit dem, was er über Ian und Kena sagte. »Ich… weiß nicht. Ich vertraue diesen Siedlern da oben nicht, keinem einzigen. Du warst bewusstlos und hast es nicht mitbekommen, aber als wir ankamen standen sie alle dort oben aufgereiht, bewaffnet mit Speeren, die sie nach uns hätten werfen können. Sie verweigerten mir meine Behausung dort oben und sagten, ich solle unten bei den Drachen bleiben. Sie hätten im Zweifel zugesehen, wie ich gefressen werde – nicht, dass ich dir das zugetraut hätte, aber das war es, was sie von dir erwarteten. Sie hätten mich bereitwillig geopfert, nur wegen meiner offenen Haltung gegenüber Drachen. Diese Augen waren Augen, deren Träger zum Töten bereit sind.«

Sein Blick wurde noch finsterer. »Und du willst diesem armen Mädchen, das solchen Gestalten ausgeliefert ist, Hilfe verwehren?«

Sie schluckte. »Nein, natürlich nicht.«

»Dann hör jetzt auf, so zu sein. Werd ja nicht wie unsere beschissenen Klassenkameraden.«

Das versetzte ihr nun einen echten Schock. Sie tat gerade wirklich das, was sie bei den anderen immer so kindisch und furchtbar gefunden hatte. »Entschuldige… ich weiß nicht, was in mich gefahren ist.«

»Ich auch nicht, aber du solltest dich eher bei ihr entschuldigen, oder?«

Laetitia trat an ihm vorbei hinaus. Kena unterhielt sich gerade deutlich entspannter mit Ian und sah ihn so erleichtert und dankbar an, dass sie sich nur noch elender für ihr Verhalten fühlte.

»Kena wird mit uns zusammenarbeiten und mit Informationen über die Siedler versorgen. Leider sind sie nicht offen zu mir, es wäre daher ganz gut, jemanden zu haben, der über ihre Tätigkeiten im Bilde ist. Sie soll im Gegenzug mehr über Drachen erfahren und dieses Wissen teilen, auch, wenn es vielleicht nicht auf fruchtbaren Boden fällt.«

»Wenn das rauskommt wirst du mächtig Ärger mit Jared bekommen. Bist du sicher, dass du nicht lieber hierbleiben willst, in der Sicherheit der Paddocks?«, fragte Laetitia und überraschte sie offenkundig damit.

»Jared ist nicht bösartig. Er will uns nur beschützen. Alle haben Angst vor der Schlange, und er hat sogar gegen sie gekämpft. Das hat ihn so feindselig werden lassen.«

»Wenn du uns bei der Suche nach den Pseudodinosauriern helfen willst, wird er sich fragen, warum du weg bist«, gab sie zu bedenken.

»Ich werde mir etwas einfallen lassen. Dass ich die Fährte der Schlange finden will oder Drachen gegenübertreten, um mich zu beweisen, sowas in der Art«, erwiderte sie. »Ich will einfach nur von euch lernen. Und vielleicht könnt ihr auch von mir etwas lernen. Warum wir Angst haben.«

Laetitia wich ihrem hoffnungsvollen Blick aus. Sie hielt viel von Ian, vielleicht, weil sie nicht glauben wollte, dass ihre Vorbilder in der Drachenforschung etwas Schlechtes im Schilde führten. So traf sie seine Schelte noch einmal härter. »Das gerade eben tut mir Leid, Kena. Ich… bin immer noch etwas mitgenommen von all den Dingen, die jetzt auf mich einprasseln. Ich habe mich von den Siedlern bedroht gefühlt und das an dir ausgelassen. Aber ich glaube aufrichtig, dass wir nicht zwei Seiten sind, die einander fürchten sollten, sondern eine Gruppe, die mehr erreicht, wenn sie zusammenarbeitet. Du bist also willkommen. Verzeih mir meine Grobheit.«

Kena wirkte erfreut. »Es ist schon in Ordnung, die anderen können einem echt Angst einjagen. Ich verspreche, dass ich bei allem helfe, was ansteht, auch, wenn ich mich mit Drachen überhaupt nicht auskenne.«

»Wir werden dir alles erklären, was du wissen musst«, sagte Sajian, der ebenfalls wieder zu ihnen getreten war.

Sie lächelte. »Ich sollte jetzt besser gehen, sonst wird Jared sich wirklich noch wundern, wo ich bin. Bis bald, hoffe ich.«