Sajian und Laetitia
Sajian und Laetitia
Sajian blickte Laetitia lange an, nachdem sie zu Bett gegangen waren – er in seiner Koje, sie auf der Klappmatratze am Boden. »Willst du lieber in meinem Bett schlafen?«, fragte er. »Das muss doch auf Dauer unbequem sein. Wir könnten uns abwechseln, oder du gehst in das Paddock nebenan…«
»Ich brauche kein besseres Bett, ich schlafe sehr gut«, gab sie zurück, und er wusste nicht, ob es so schnippisch gemeint war, wie es geklungen hatte.
»Du wirkst verändert, seit du hier bist. In der Schule warst du irgendwie ein anderer Mensch. Einer, den ich lieber mochte.« Den letzten Satz hätte er sich lieber gespart, dachte er im Nachhinein, aber er war schneller herausgekommen, als er ihn zurückhalten konnte. Sie warf ihm einen nachdenklichen Blick zu, in dem etwas schwer zu Deutendes lag.
»Vielleicht dringt jetzt, wo ich keine Rolle mehr spielen muss, der ganze Frust über unsere Klassenkameraden aus mir heraus. Ich konnte sie auch nie leiden, mit ihrem ständigen Smalltalk, der sich nur um Sex und ihre neue Liebe, ihre alte Liebe, die sie jetzt wieder lieben, dann wieder ihre neue Liebe, weil sie ihre alte doch nie geliebt haben, drehte. Ich hatte immer das Gefühl, in einem Gewirr aus Gesprächen von völliger Belanglosigkeit unterzugehen. Wie sehr es mir auf die Nerven ging habe ich gar nicht so richtig realisiert, bis ich hier her kam. Es ist so, als hätte mich dieser Ort von einer jahrelang geschulterten Last befreit. Ich glaube, ich fühle mich zum ersten Mal wirklich wohl, und jetzt braucht der angestaute Frust ein Ventil. Kena hat es wohl abgekriegt – vielleicht, weil sie mich an unsere Klassenkameraden erinnert hat, vielleicht, weil sie sich uneingeladen zwischen uns gedrängt hat, vielleicht, weil ich nicht will, dass es auch hier so wird wie Zuhause. Ich weiß es nicht.« Jetzt klang sie eindeutig resigniert.
»Ist schon gut, ich glaube nicht, dass sie es dir übel genommen hat. Und ich kann es verstehen; alles hier ist so… neu und ungewohnt. So ein Kontrast zu der Welt da draußen. Jeder reagiert darauf wohl anders. Mir ist heute eine unglaubliche Last von meinen Schultern gerutscht, als Ian mir versichert hat, dass mein Vater mich nicht einfach rausholen kann. Auch, wenn ich es erst dann vollends glaube, wenn ich sehe, wie sie ihn ohne mich abtreten lassen.«
»Dein bisheriges Leben muss ja echt furchtbar gewesen sein, wenn du das als Erleichterung empfindest. An dem Tag, als Ian und ich dich ins Reservat gebracht haben, waren wir zuvor noch beim Anwesen deiner Eltern. Wir wollten ein paar Sachen abholen, und nur deine Mutter war Zuhause. Sie hat sehr… merkwürdig auf unsere Ankündigung reagiert. Es schien sie überhaupt nicht zu belasten, dass wir dich mitnehmen, sie beharrte nur immer wieder darauf, dass wir das nicht dürften, ihr Mann müsse das entscheiden. Es wirkte eher so, als würde sie sich von uns gestört fühlen bei was auch immer. Ich kam mir vor wie der nervige Postbote, der ein Paket für den verhassten oder unbekannten Nachbarn abgeben will, obwohl man Wichtigeres zu tun hat.«
Sajians Gesicht verfinsterte sich. »Ja, das ist typisch. Meine Mutter sitzt immer nur über ihrem Fernstudium bei irgendeiner Elite-Uni in Großbritannien, und wenn jemand etwas von ihr will ist sie wie ein Maulwurf, den man ausgegraben hat: Überfordert, aggressiv und genervt von der Welt um sie herum, die unnötigerweise existiert. Sie hat sich noch nie wirklich für mich interessiert und immer nur so viel wie nötig mit mir beschäftigt. Essen bekamen wir geliefert, und als ich ein Kleinkind war kamen immer wechselnde Personen, um mir meine Milch zu geben oder mich zu untersuchen. Mein Vater hat sich zumindest früher tatsächlich mehr mit mir befasst als sie. Er hat mir Spielzeug gekauft und Ausflüge gemacht, mich sogar mit in den Urlaub genommen. Es sind schöne Erinnerungen, aber dieses Interesse schwand auch immer mehr, je älter ich wurde. Ich bekam früh Ganztagsunterricht und wurde in den Ferien ebenfalls von einer Unterrichtseinheit in die nächste geschoben, während er beruflich unterwegs war. Er ist Geschäftsmann, reist durch alle Welt, aber hauptsächlich ist er wohl in Asien tätig. Weit weg von uns. So hat er mich übrigens auch aufgegabelt: Ich wurde ihm von irgendeinem Geschäftspartner in einem asiatischen Waisenhaus vermittelt. Als kinderloses, wohlhabendes Ehepaar ein Kind aus armen Verhältnissen aufzunehmen ist immerhin eine überaus großzügige Tat, und sein Bild in der Öffentlichkeit ist ihm wichtig, ebenso meiner Mutter – ihr vielleicht sogar noch mehr. Ihre Familie ist ebenfalls wohlhabend, aber sie ist ihr einziges Kind und hat nicht viel erreicht von dem, was ihre Eltern sich erhofften. Es stand sogar mal Enterbung im Raum, wenn sie keine Vorzeigetochter wird. Ich glaube, sie hat meinen Vater nur geheiratet, weil er ein wohlhabender Unternehmer ist. Sie tut mir Leid, ehrlicherweise. Aber ich frage mich ebenso ehrlicherweise, ob ich ihr auch Leid tue als Mittel zur Mildestimmung der überambitionierten Eltern und des Scheinwahrens der perfekten Familie.« Er zuckte die Schultern, merkte erst mit einiger Verspätung, dass Laetitia ihn anstarrte. »Tut mir Leid, ich wollte dich nicht mit meiner Lebensgeschichte überfallen. Aber irgendwie musste das mal raus.«
»Ich finde es gut, mehr über dich zu erfahren, auch wenn es schrecklich ist. Man hört so viel über deine Familie, aber das ist alles unterm Strich nur Gerede Außenstehender. Sprich ruhig weiter, wenn du willst.«
»Da gibt es nicht viel mehr zu erzählen. Du kennst jetzt den Großteil meiner Lebensumstände, um die mich alle beneiden. Ich frage mich manchmal, ob es irgendwo da draußen jemanden gibt, der an mich denkt, zumindest ab und an, und sich fragt, was aus mir geworden ist. Mich vermisst, sich vielleicht fragt, was wäre, hätten mich nicht irgendwelche Ausländer adoptiert. Aber wie sich nun zeigt bin ich ein Drache, und wir wissen, was das bedeutet hätte. Ich kann mich also glücklich schätzen, dass zwei Amerikaner dumm genug waren, mich von dort wegzuholen.«
»Am Liebsten würde ich hier bleiben, bei dir. Ian helfen, etwas für alle Drachen in diesem Land zu tun. Aber ich weiß, dass man mich nicht bleiben lassen wird. Ich weiß, dass ich meine Familie nicht einfach verlassen kann und mein Leben vernünftigerweise in der Gesellschaft da draußen führen sollte. Aber… hier gibt es so viel zu tun, und ich wäre bereit dazu. Vielleicht sollte ich Ian fragen, ob ich nicht nach der Schule dauerhaft für ihn arbeiten kann. Ob er mich ausbilden könnte zu irgendetwas?«
»Drachenpfleger? Vielleicht kannst du vorher Tierpfleger lernen, im Zoo«, sagte er und brach in Gelächter aus, woraufhin sie ihn spielerisch mit ihrem Kissen schlug.
»Lass uns schlafen – morgen hat Ian Wandlertraining vorgesehen, und ich bin der Dompteur von gleich zwei Wildfängen.«
»Du hast Unterstützung von Kena. Gib ihr eine Chance. Es kann nur gut für uns sein, wenn sie Positives über Drachen an Jared berichtet und sich ihre eigene Meinung bildet.«
»Ja, da hast du vermutlich Recht«, sagte sie, aber er konnte sehen, wie sich ihr Innerstes gegen die Idee sträubte.